Der „Bauern-Buick“ von Opel und sein Vorbild

Wir hatten das Thema auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos schon des öfteren: In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand die deutsche Autoindustrie mit dem Rücken zur Wand.

Viele einheimische Hersteller hatten zu lang an veralteten Modellen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg festgehalten oder verschwendeten ihre Energie in der Entwicklung nicht massenmarktfähiger Nischenkonstruktionen.

Die sich auftuende Lücke füllten leistungsfähige, formal moderne, gut ausgestattete und dank Großserienproduktion relativ billige US-Wagen.

Ende der 1920er Jahre hatten Marken wie Buick, Chevrolet, Chrysler, Essex, Ford und Hudson einen heute unvorstellbaren Marktanteil in Deutschland. Selbst Hersteller der zweiten Reihe wie Graham oder Overland waren verbreitet.

Die Frankfurter Marke Adler reagierte mit US-Wagen nachempfundenen Konstruktionen wie dem „Standard 6“; der Chemnitzer Hersteller Presto versuchte sein Glück mit den 6-Zylindertypen F und G, die wir demnächst vorstellen werden.

Brennabor aus Brandenburg bemühte sich mit mäßigem Erfolg in derselben Klasse mit den A-Modellen, die ebenfalls über Sechszylinder verfügten. Auch sie kommen noch zu ihrem Recht.

Einen ähnlichen Versuch unternahm Opel mit dem folgenden Typ:

Opel_12-50_oder 15-60_PS_Pullman_Galerie

Opel 12/50 PS oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich an diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine mit sieben Sitzen erinnern, die wir anhand einer anderen Aufnahme vor einiger Zeit präsentiert haben.

Es handelt sich um einen Opel der Modelle 90 (12/50 PS) bzw. 100 (15/60 PS), die nur 1927/28 in wenigen tausend Exemplaren entstanden.

Der Volksmund fand für diese den US-Vorbildern technisch unterlegenen Opel-Typen die spöttische Bezeichnung „Bauern-Buick“.

Dass so ein „Bauern-Buick“ tatsächlich nicht immer in den besten Kreisen landete, zeigt die folgende Aufnahme aus Thüringen (Raum Bad Berka):

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Für diese Herrschaften scheint ein Opel Sechszylindertyp Ende der 1920er Jahre zwar erreichbar gewesen zu sein. Nur für die Instandhaltung des bäuerlichen Anwesens im Hintergrund reichten Mittel oder Wille offenbar nicht aus.

Beim Anbringen der zeitgenössischen Werbeschilder für diverse Lieferanten von Automobilzubehör- bzw. Betriebsstoffen hätte man sicher dem Holz des Fachwerks und der Tore etwas Farbe gönnen können.

Zurück zum Thema. Wie sah eigentlich ein echter Buick zu jener Zeit aus? Nun, da findet sich zum Beispiel diese Aufnahme eines Wagens mit Berliner Zulassung im Fundus des Verfassers:

Buick Series 121 oder 129; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist einer der Buick-Sechszylinderwagen in der ab 1929 gebauten Version, die mit zwei unterschiedlichen Radständen verfügbar war (Serie 121 und 129).

Identisch war die Leistung von etwas über 90 PS aus 5,1 Liter Hubraum. Bereits der parallel zu den Opel-Sechszylindern gebaute Vorgänger „Master Six“ leistete 80 PS aus 4,5 Litern.

Nebenbei besaßen die Buick-Aggregate schon strömungsgünstig im Zylinderkopf hängende Ventile, während die Opel-Modelle schlichte Seitenventiler waren.

Die Rüsselsheimer haben sich mit diesem Versuch, es den Amerikaner-Wagen nachzutun, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die enttäuschenden Absatzzahlen deuten darauf hin, dass nicht einmal der sprichwörtliche Bauer einen solchen Möchtegern-Ami fahren wollte.

Auch auf dem Land scheint man dem Vorbild den Vorzug gegeben zu haben. Zumindest deutet darauf die rustikale Umgebung hin, in der 1935 dieser Sechszylinder-Buick des Typs 121 bzw. 129 abgelichtet wurde:

Buick Series 121 oder 129, Baujahr: 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob der Wagen mit Zulassung im Großraum Berlin tatsächlich auf dem Land zuhause war oder aber einem Besucher aus der Hauptstadt gehörte, ist ungewiss.

Jedenfalls handelte sich um eine Sechsfenster-Cabriolimousine, die vermutlich speziell für den deutschen Markt angefertigt worden war. Eventuell haben wir es auch mit einem Sedan-Cabriolet zu tun.

Die wie die Orgelpfeifen nach Größe davor angeordneten Kinder machen von der Kleidung her eher den Eindruck, dass sie aus der Stadt stammen, vielleicht wurden sie aber anlässlich eines Verwandtenbesuchs auch besonders herausgeputzt.

Auf jeden Fall ist dies eine schöne und ungewöhnliche Aufnahme, die einen echten Buick in bäuerischer Umgebung in Deutschland zeigt.

Welcher von den „Bauern-Buicks“ nun besser gefällt, das leistungsstarke US-Vorbild oder der brave Opel-Sechszylinder, ist Geschmackssache. Reizvolle Dokumente aus einer Zeit, in der US-Wagen das Maß aller Dinge waren, sind es beide.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

Eine rätselhafte Hansa 1100 Cabriolimousine

Die eleganten Wagen, die der Bremer Borgward-Konzern ab 1934 unter der traditionsreichen Marke Hansa als Typ 1100 (Vierzylinder) und Typ 1700 (Sechszylinder) baute, sind uns hier schon öfters begegnet.

Zunächst ein kurzer Überblick über die ab Werk verfügbaren Aufbauten. Hier haben wir die zweitürige Limousine mit dem coupéartigen Dach:

Hansa 1100 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

 

Typisch für die bis 1939 gefertigten Hansa 1100 und 1700 waren die trapezförmigen Luftklappen in der Haube, deren Neigung derjenigen von Kühler und A-Säule folgt. Das 6-Zylindermodell besaß fünf statt vier dieser Klappen.

Markant ist auch die im geöffneten Zustand vorne herunterhängende Tür. Dies war der Preis für die elegant geneigte B-Säule, an der sie angeschlagen war.

Die folgende seltene Aufnahme von hinten rechts lässt dieses Detail gut erkennen:

Hansa 1100 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die geschlossene Variante, die übrigens nur mit zwei Türen verfügbar war, ist nach Ansicht des Verfassers die formal überzeugendste.

Das deutlich teurere Cabriolet wirkt mit Verdeck zwar auch recht harmonisch, doch vermisst man den elegant gerundeten hinteren Dachabschluss der Limousine, ebenso wirkt der farbliche Kontrast von Verdeck und Karosserie unvorteilhaft:

Hansa 1700 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Besitzer des Wagens hatte dennoch allen Grund, sich glücklich zu schätzen, hatte er doch den 40 PS starken Hansa 1700 über den Krieg gerettet, wie das Besatzungskennzeichen der späten 1940er bzw. frühen 1950er Jahre verrät.

Wie es der Zufall wollte, fand sich eine weitere Aufnahme aus der frühen Nachkriegszeit, die ebenfalls ein überlebendes Hansa-Cabriolet zeigt, wenn auch in der Version als Typ 1100 mit bescheidenen 28 PS.

Auf dem bislang unveröffentlichten Foto sehen wir den Wagen mit geöffnetem Verdeck:

Hansa 1100 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So reizvoll diese Aufnahme auch ist – woran die charmanten Insassinnen erheblichen Anteil haben – so wenig glücklich wirkt doch der massive Frontscheibenrahmen, der wie nachträglich abgetrennt wirkt.

Vergleiche mit anderen Wagen in der Literatur belegen aber, dass diese Ausführung serienmäßig war. Sicher wäre eine filigranere Ausführung des oberen Scheibenabschlusses möglich gewesen, wie sie bei damals Cabriolets typisch war.

Vielleicht ließ sich durch die optisch nicht ideale Lösung eine weitere Verstärkung des Aufbaus vermeiden, was fertigungstechnisch von Vorteil war.

Dasselbe Detail findet sich an der Ausführung als Cabrioletlimousine wieder, wobei eine kräftige Ausführung des Frontscheibenrahmens bei diesem Aufbau üblich war:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese etwas unscharfe, aber formal gelungene Aufnahme ist noch vor dem 2. Weltkrieg entstanden, auch dieses Foto war bislang unveröffentlicht.

Das Kennzeichen mit dem Kürzel „I P“ verweist auf eine Zulassung irgendwo in Schleswig-Holstein. Die Landschaft im Hintergrund spricht aber für eine Entstehung in südlicheren Gefilden.

Zu beachten ist auf dieser Aufnahme, dass bei der Cabriolimousine der hintere Türabschluss genauso verlief wie bei Limousine und Cabriolet. Demnach befand sich hinter der B-Säule ein weiteres Fenster.

Wer sich bislang fragt, weshalb wir so ausführlich auf die Details dieser nicht sonderlich exotischen Hansa-Typen der 1930er Jahre eingehen, wird bei der folgenden Aufnahme verstehen warum:

Hansa 1100 2-sitzige Cabrioletlimousine

Viel erkennt man auf den ersten Blick nicht, leider ist die Aufnahme technisch wie formal von schlechter Qualität. Dennoch ist sie eine nähere Betrachtung wert.

Zunächst sei festgehalten, dass auch dieses Auto ein Hansa 1100 ist, Form und Anordnung der Luftklappen in der Haube lassen in Verbindung mit den gelochten Stahrädern und den Radkappen keinen anderen Schluss zu.

Schaut man durch die Windschutzscheibe der Cabriolimousine, registriert man das Fehlen der B-Säule und des dahinterliegenden kleinen Fensters. Offenbar haben wir es hier mit einer kürzeren Version zu tun, wohl einer 2-sitzigen Ausführung.

Dumm nur, dass die dem Verfasser zugängliche Literatur zwar eine 2-sitzige Ausführung des Cabriolets kennt, nicht aber eine der Cabriolimousine.

Sollten wir es hier mit einer Sonderkarosserie zu tun haben?

Zum Glück besitzen wir eine zweite Aufnahme desselben Wagens, die zwar ebenso missglückt ist, aber trotzdem mehr Aufschluss gibt:

Hansa 1100 Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Offensichtlich ist der Dachaufbau kürzer als bei der serienmäßigen Cabriolimousine ist. Das hintere Ende der Tür ist zugleich der Dachabschluss.

Bei allen anderen Karosserieversionen des Hansa 1100 bzw. 1700 endet das Dach hinter der Hinterachse, hier deutlich davor.

Auffallend ist auch die Zierleiste, die der Linie der Motorhaube folgt und hinter der Tür steil nach unten abfällt. Die serienmäßigen Hansa-Wagen besaßen solchen Zierrat nicht.

Man fühlt sich an die Front Luxus Cabrios von DKW erinnert, bei denen die Zierleiste aber raffinierter ausfiel und in Form eines Kometenschweifs auslief.

Eines ist jedenfalls klar: Dieser Hansa 1100 war eine Sonderanfertigung und der Verfasser wagt die These, dass sich eine weniger bekannte Firma daran versucht hat. Möglicherweise war der Wagen sogar ein Einzelstück.

Wie immer sind Kenner der Marke aufgerufen, ergänzende oder korrigierende Informationen beizusteuern, die dann in den Blogeintrag einfließen.

Wäre die Qualität der Aufnahmen besser, wären diese fast ein Kandidat für den „Fund des Monats“ gewesen, doch dafür ist bereits die Aufnahme eines anderen Hansa reserviert – und die wird in jeder Hinsicht beeindrucken…

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Zauber des Originalen: Ein Packard „Eight“ mit Patina

Die elften Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein liegen hinter uns. Besucher und Teilnehmer aus ganz Europa sind wieder heimgekehrt, hoffentlich wohlbehalten.

Drei Tage lang konnte man Eindrücke sammeln, Gespräche unter Gleichgesinnten führen und glückliche Momente erleben, die noch lange nachhallen.

Hier einige Impressionen für die Daheimgebliebenen:

Bevor wir uns auf diesem Oldtimerblog wieder Vorkriegsautos auf historischen Fotos widmen, soll ein besonderes Fahrzeug gewürdigt werden, das für den Verfasser zu den Höhepunkten der Classic Days 2017 gehörte.

Die Rede ist von einem Packard der späten 1920er Jahre. Die bereits 1899 im US-Bundesstaat Ohio gegründete Firma blieb auch in der Zwischenkriegszeit unabhängig und erarbeitete sich international einen Ruf als Luxushersteller.

Packards waren stets technisch auf der Höhe der Zeit, souverän motorisiert und von erlesener Linienführung. So ist es kein Wunder, dass Packards selbst im krisengeschüttelten Deutschland der Endzwanziger Käufer fanden.

Hier haben wir ein Sechszylindermodell von 1927/28, das einst auf Gut Schrevenborn an der Ostsee abgelichtet wurde:

Packard „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst ohne den Markenschriftzug wäre der Wagen anhand des typischen oberen Abschlusses der Kühlermaske und den sich in der Haube fortsetzenden Sicken als Packard erkennbar.

Die Packard-Modelle waren damals mit 6- und 8-Zylindermotoren, unterschiedlichen Radständen und Aufbauten verfügbar. Dennoch ist es nicht leicht, die Fahrzeuge zu datieren, da sich von Jahr zu Jahr nur Details änderten.

Im vorliegenden Fall legen die trommelförmigen Scheinwerfer und die vorn gerundeten Schutzbleche eine Entstehung 1927/28 nahe (ausführlicher Bericht).

Wie wir sehen werden, knüpft der Packard, der auf Schloss Dyck zu bewundern war und um den es heute gehen soll, nahtlos daran an.

Hier haben wir das gute Stück – bewusst in Schwarz-Weiß, da das Auge sonst zu stark vom Hintergrund abgelenkt würde:

Packard „Eight“; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Situation ist natürlich nicht ideal – das Foto ist ein Schnappschuss, der beim Eintreffen des Wagens am Freitagnachmittag entstand.

Das Auto hatte gerade die Sichtprüfung durch den TÜV Rheinland absolviert, der für als Teilnehmer an den Classic Days gemeldete Fahrzeuge obligatorisch ist. Die Wagen sind das Wochenende über immer wieder zwischen tausenden von Besuchern unterwegs und müssen daher verkehrssicher sein.

Beim Vorbeifahren war dem Verfasser nicht nur der weiche Lauf des Motors aufgefallen, von dem noch zu sprechen sein wird, sondern auch, dass der mächtige Packard von zwei jungen Damen gefahren wurde.

Offenbar haben sich die beiden nicht von den Schauermärchen beeindrucken lassen, die man hierzulande über die angeblich unfahrbaren Vorkriegsautos immer wieder zu hören bekommt.

Natürlich verlangen Wagen dieses Kalibers mehr Aufmerksamkeit und Einsatz, aber gerade darin liegt doch in unserer bequemlichkeitsbesessenen Zeit der Reiz!

Zurück zur Ausgangssituation, nun aber in Farbe:

Packard „Eight“; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier fallen trotz des etwas störenden Hintergrunds mehrere Dinge auf:

Der Wagen verfügt über schüsselförmige Scheinwerfer und Klappen statt Schlitze in der Motorhaube. Damit ist klar: Dies ist ein großer Packard „Eight“, wie er ab 1929 gebaut wurde.

Sechszylinder waren damals bei Packard nicht mehr verfügbar, die Abkehr von Trommelscheinwerfern markiert den Beginn dieser Ära. Gleichzeitig verraten die Luftklappen, dass es kein „Standard Eight“ mit 5,2 Liter Hubraum und 90 PS war, der an Luftschlitzen in der Haube erkennbar war.

Nein, bei „unserem“ Packard arbeitet ein 6,3 Liter großer Reihenachtzylinder unter der Haube, der beachtliche 105 PS auf die Antriebswelle schickte. Damit ließ sich der je nach Aufbau sehr schwere Wagen souverän und schaltfaul bewegen.

Apropos Aufbau: Wie so oft wirkt die Tourenwagenkarosserie mit montiertem Verdeck hier weit sportlicher als offen. Dabei unterstützt die sehr niedrige Frontscheibe den rassigen Eindruck – in natura kommt das noch besser zur Geltung.

Bei aller formalen Vollendung werden aufmerksame Betrachter sicher einen „Makel“ an dem Packard bemerkt haben:

Speziell hinter der Kühlermaske, aber auch an anderen Stellen weist der Lack Risse und Fehlstellen auf, zudem scheint der ursprüngliche Glanz verlorengegangen zu sein.

Tja, liebe Leser, so sieht ein 90 Jahre altes Auto aus, das das Glück hatte, sein Leben lang wohlbehütet untergebracht zu sein, und nie „restauriert“ wurde.

Hier sehen wir nicht nur den originalen Lack, mit dem das Auto das Werk verließ. Auch das empfindliche Verdeck mitsamt Gestänge ist erhalten.

Nur die Technik des bis 2016 in den USA beheimateten Wagens wurde überholt. So hat der Packard ein neues Leben als „Fahr“zeug, nicht als Museumsobjekt vor sich.

Natürlich gibt es Fälle, in denen an einer Aufarbeitung kein Weg vorbeiführt, etwa weil ein historisch bedeutendes Auto seine Karosserie verloren hat, es durch Unfall beschädigt wurde oder aus Teilen mehrerer Fahrzeuge zusammengesetzt ist.

Doch wenn ein Wagen in den wesentlichen Teilen komplett ist und ein stimmiges Gesamtbild abgibt, an dem sich die Spuren eines abwechslungsreichen Daseins verewigt haben, ist eine behutsame Konservierung vorzuziehen.

So haben das offenbar auch die heutigen Besitzer des Packard gesehen, denen an dieser Stelle zu ihrem herrlichen Automobil gratuliert sei.

Ein solcher Wagen ist nicht nur Ausweis hervorragenden Geschmacks, sondern auch ein Statement gegen die Unkultur des Wegwerfens und die „Alles besser als neu“-Mentalität, die hierzulande ausgeprägter ist als etwa in England.

Die Meinungen darüber, was original ist, mögen bisweilen auseinandergehen, doch eines dürfte unbestritten sein:

Originaler (im Sinne von authentisch) geht es kaum als bei solchen natürlichen Spuren des Gebrauchs in einem langen Autoleben.

So etwas kann man nicht einfach nachbauen und auch mit der dicksten Brieftasche nicht herbeikonstruieren – so etwas entsteht nur über Jahrzehnte und erst das macht ein historisches Automobil unverwechselbar – und das ist gut so.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

Ford „Model A“ gestern und heute in Deutschland

Bei den diesjährigen „Classic Days“ auf Schloss Dyck unweit von Düsseldorf waren vor perfekter Kulisse wieder Vorkriegsschätze zu bewundern, die einen mitunter sprachlos machen:

Horch 853; Bildrechte Michael Schlenger

Wer ein Problem mit der „Kunst“ des 20. Jahrhunderts (und der unserer Zeit) hat – weil mangels Maßstäben alles als Kunst durchgeht, was dazu erklärt wird – mag in der ergreifenden Präsenz solcher Schöpfungen, die die Ebene des Technischen weit hinter sich lassen, seinen Ausgleich finden.

Wem das zu hoch gegriffen erscheint, wird zumindest zugeben, dass selbst automobile Massenfabrikate der 1920/30er Jahre aufgrund ihrer vollkommen anderen Gestaltungslogik eine ausgesprochen exotische Wirkung entfalten.

Der Zugang zu Vorkriegsautos ist für viele nicht leicht. Denn ihre formalen Prinzipien sind mit der Gesellschaft jener Zeit untergegangen, und die Wagen wirken auf Betrachter rückständig, die die Moderne für das Maß aller Dinge halten.

Doch lässt man sich auf sie ein wie auf die würdevollen Hinterlassenschaften einer uns fremden Zivilisation – dann beginnt man zu begreifen…

Nehmen wir als Beispiel diese historische Aufnahme einer Ausfahrt mit zwei Automobilen, entstanden im Deutschland der späten 1920er Jahre:

Ford Model A und Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der Situation trennen uns je nach Lebensalter gerade einmal zwei, drei Generationen. Und doch wirkt alles, was wir hier sehen, fremd – nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch Kleidung und Haltung der Insassen.

Könnten wir einem Gespräch dieser Automobilisten lauschen, käme uns vieles merkwürdig vor: Vornamen, Höflichkeitsfloskeln, Wortschatz, Ausdruck. Wir wären vermutlich überrascht, wie zusammenhängend gesprochen wurde, wie anders Sprachbilder und Anspielungen waren.

Beim Eintauchen in solche alten Bilder entdeckt man vieles, was den Wunsch weckt, mehr zu erfahren: Wer waren die Leute, die in dem Auto unterwegs waren, was bewegte sie, was wurde aus ihnen in wahrhaft stürmischen Zeiten?

Meist können wir dazu kaum etwas sagen, allenfalls Vermutungen anstellen, die Phantasie für uns arbeiten lassen. Greifbar sind dagegen die Automobile als zuverlässigste Zeugen und so halten wir uns auch heute an sie.

Den vorderen Wagen auf dem Foto – einen Fiat 520 mit einer typisch italienischen, scharf geschnittenen Karosserie – nehmen wir uns bei einer anderen Gelegenheit vor.

Stattdessen konzentrieren wir uns auf das unscheinbar wirkende Auto dahinter:

Was hier auf den ersten Blick aufgrund der Perspektive ein wenig pummelig daherkommt, ist in natura ein gefälliges und je nach Aufbau durchaus eindrucksvolles Automobil.

Aber erst einmal das Wichtigste zur Identifikation: Die Kühlermaske mit dem markanten Schwung nach unten und dem ovalen Emblem darauf, die breite Spur und die große Bodenfreiheit – zusammengenommen sind das alles Merkmale eines Ford Model A.

Der ab 1928 gebaute Nachfolger des legendären Model T ist – gemessen an der Kürze der Bauzeit – wohl das am häufigsten in kaum veränderter Form gebaute Auto überhaupt.

In der weniger als vier Jahre währenden Produktionszeit liefen unglaubliche 4,3 Millionen Exemplare davon vom Band. Entscheidend für diesen gigantischen Erfolg war nicht etwa eine besonders fortschrittliche Konstruktion.

Technisch bot das Model A soliden Standard, der Experimente am Kunden vermied, gleichzeitig ermöglichte der immerhin 40 PS starke Vierzylinder in Verbindung mit Allradbremsen souveräne Fahrleistungen.

Heute ist das Model A ein erwachsenes und erschwingliches Vorkriegsauto, dessen Ersatzteilversorgung die vieler „Youngtimer“ in den Schatten stellt.

Man bekommt praktisch alles für dieses 90 Jahre alte Modell, selbst eine den eigenen Geschmack treffende Karosserie kann man sich unter den vielen Angeboten am internationalen Markt aussuchen.

Übrigens zeigt das obige Foto die besonders attraktive, aber eher seltene Tourenwagenversion. Die meisten überlebenden Fahrzeuge besitzen einen Aufbau als Limousine oder 2-sitziges Cabriolet (Rumble-Seat Roadster).

Wie reizvoll ein Ford Model A als viersitziger Tourenwagen daherkommen kann, war auf den Classic Days 2017 anhand dieses schönen Exemplars zu besichtigen:

Ford Model A; Bildrechte: Michael Schlenger

Wir haben hier den gleichen Wagen vor uns wie auf der Schwarzweißaufnahme, doch die Wirkung ist eine völlig andere.

Das hat zum einen mit dem abwechslungsreichen Farbschema zu tun, das die einzelnen Bauteile des Wagens betont, zum anderen mit dem montierten Verdeck mitsamt Seitenscheiben.

So wirkt ein Tourenwagen großzügiger und wertiger als mit niedergelegtem Verdeck. Auf einmal hat selbst ein Massenfabrikat richtig Charakter, auch aus spitzem Aufnahmewinkel wie hier:

Ford Model A; Bildrechte Michael Schlenger

Die Aufnahme eignet sich gut dazu, sich die besonderen Gestaltungsprinzipien früher Vorkriegsautos vor Augen zu führen.

In den 1930er Jahren begann die Formgebung ein Eigenleben zu entwickeln, das zu atemberaubenden Schöpfungen wie dem eingangs gezeigten Horch 853 führte.

Doch in den 1920er Jahren waren Automobile Verkörperungen des aus der Architektur stammenden Mottos „Form follows function“.

Unser Model A ist ein Beispiel dafür. Funktionell eigenständige Elemente wie der Kühler und die Schutzbleche sind klar erkennbar und voneinander abgegrenzt.

Heute sind die Kühler nur noch Attrappen und die immer noch als „Kotflügel“ bezeichneten Teile sind seit den 1950er Jahren mit der Karosserie verschmolzen.

Die Motor“haube“ erinnert im Namen noch an das dreidimensionale Gehäuse, das beim Ford den Motor umgibt, doch eigentlich ist sie heute nur noch ein flacher Deckel, unter dem sich ein kaum erkennbares Aggregat verbirgt.

Ebenso der „Schweller“, die verkleidete Rahmenpartie, die sich beim Ford deutlich unter dem Aufbau abzeichnet und auch farblich klar von diesem abgegrenzt ist. Heute ist dies ein formal und funktionell unbedeutendes Karosserieelement.

Von längst verschwundenen Besonderheiten wie dem Trittbrett zum „Einsteigen“ und am Heck separat angesetzten Gepäckkoffer wollen wir gar nicht erst reden.

Betrachtet man Wagen der 1920er Jahre auf diese Weise, erscheinen sie nicht verspielt, sondern klar aus funktionellen Elementen zusammengesetzt. Nur wenige dem Auge schmeichelnde Details findet man, etwa dieses:

Der ohne erkennbaren Grund nach vorn weisende Schwung der A-Säule ist ein letzter Widerhall der Kutschenära, in der man gerade Linien und rechte Winkel zu vermeiden bemüht war.

Solcher Zierrat, der der simplen Form der Passagierkabine die Härte nimmt, sie weniger kastig wirken lässt, war bis etwa 1910 Standard bei Automobilen.

Ähnliche Elemente finden sich am folgenden, bislang nicht identifizierten Wagen aus der Zeit von etwa 1906-08:

Unbekannter Veteranenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das von der Kutsche des späten 19. Jahrhunderts übernommene schmückende Beiwerk am Passagierabteil taucht am Ford Model A noch einmal auf. Es ist damit eine Erinnerung an den Ursprung des Autos als „horseless carriage“.

Die der Kutsche vorgespannten Pferde durch ein an ihrer Stelle angebrachtes technisches Aggregat zu ersetzen – das ist bis heute der größte Entwicklungssprung in der Automobilgeschichte.

Der zweitgrößte Schritt dürfte die Überführung eines Luxusgefährts in ein echtes Volksautomobil gewesen sein. Dieser Evolutionssprung ist untrennbar mit Ford verbunden, weshalb dieser Marke in der Historie ein einzigartiger Rang gebührt.

Speziell das so unscheinbar wirkende Model A von Ford markiert ist ein Meilenstein in der Geschichte des Automobils, da es die befreiende Wirkung der „horseless carriage“ wirklich jedermann zugänglich machte – auf einem technischen Niveau und in einer Form, die bis heute überzeugen und begeistern.

Am Ende steht das an alle Zaudernden gerichtete Plädoyer des Verfassers, sich solch ein historisches Vehikel zuzulegen, um die Essenz des Automobils zu erfahren. Die hierzulande bisweilen geäußerten Bedenken stammen meist von Leuten, die selbst nie ein Vorkriegsauto gesteuert haben.

Ganz einfach: Wer den Mumm hat, mit reiner Muskelkraft ein Rennrad im öffentlichen Verkehr auf der Landstraße zu bewegen, kann nicht ernsthaft argumentieren, dass er ein Vorkriegsauto für zu „lahm“ oder „unsicher“ hält…

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Skoda 645 bei den Classic Days auf Schloss Dyck

An diesem Wochenende findet wieder „die“ Pflichtveranstaltung für Freunde klassischer Automobile in Deutschland statt – die Classic Days auf dem ehrwürdigen Schloss Dyck am Niederrhein.

Über den Rang der Veranstaltung muss man nicht viele Worte verlieren:

Herrliches historisches Ambiente, alle Epochen und Stilrichtungen abedeckende Fahrzeugvielfalt, abwechslungsreiche Vorführungen auf der Rundstrecke und höchster Qualitätsanspruch – das ist auf dem Kontinent einzigartig.

Der Veranstalter schafft es Jahr für Jahr, auch Automobilgourmets immer wieder aufs Neue zu überraschen. Speziell in der gut bestückten Vorkriegsklasse bekommt man Preziosen zu sehen, die man andernorts vermisst.

So hatte auch der Verfasser des öfteren beklagt, dass von den Qualitätswagen aus tschechischer Fertigung der 1920/30er Jahre im deutschen Sprachraum kaum etwas zu sehen ist.

Sicher, einem Tatra begegnet man mitunter, doch wann hat man zuletzt irgendwo eine großzügige Limousine von Praga oder Skoda zu Gesicht bekommen?

Leser dieses Blogs werden sich an das eine oder andere Exemplar erinnern, das zumindest auf historischen Originalfotos erhalten geblieben ist. Das sieht dann beispielsweise aus wie dieses hier:

Skoda 430; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So reizvoll diese 1931 bei Tynec (Tschechoslowakei) entstandene Aufnahme eines Skoda 430 auch ist – nicht zuletzt wegen des ansehnlichen Paars daneben – so gern würde man einen solchen Wagen einmal in natura erleben.

Gelegenheit dazu ergab sich erfreulicherweise bei den Classic Days 2017, wo der Verfasser auf dieses Prachtexemplar stieß:

Skoda 645; Bildrechte: Michael Schlenger

Dem aufmerksamen Beobachter wird hier auffallen, dass die Vorderkotflügel ein einheitliches, harmonisch gerundetes Element darstellen.

Das eingangs gezeigte historische Foto zeigt eine frühere Version, bei der die Schutzbleche zumindest optisch wie aus zwei Bauteilen zusammengesetzt erscheinen. Gemeinsam sind beiden aber Kühlerausführung und Scheibenräder.

Nicht viel zu bedeuten haben die unterschiedlichen Kühlerfiguren – diesbezüglich waren die Fahrzeuge einst oft individueller, als es heutige restaurierte Exemplare vermuten lassen.

Hier sieht man das typische Skoda-Emblem, das dem Grundsatz nach bis heute in Verwendung ist, nur keine Dreidimensionalität mehr besitzt. Auch das geschmackvolle Farbschema ist in der modernen Aufnahme auf einmal zu erkennen, Schwarz-Weiß-Photos lassen diesbezüglich nur Vermutungen zu:

Skoda 645; Bildrechte: Michael Schlenger

Die im wahrsten Sinne „größte“ Überraschung stellen aber die Proportionen des Wagens in der Seitenansicht dar.

Auf der historischen Aufnahme haben wir es mit einer Vierfenster-Limousine zu tun, und auch die aus ähnlich spitzem Winkel gemachte moderne Aufnahme lässt den Wagen nicht sonderlich groß erscheinen.

Ganz anders sieht das Bild jedoch aus, wenn man den Skoda bei den Classic Days von der Seite betrachtet – nun wieder in Schwarz-Weiß:

Skoda 645; Bildrechte Michael Schlenger

Dieses eindrucksvolle Automobil verdankt seine mächtige Erscheinung der Tatsache, dass es sich um eine Sechsfenster-Limousine handelt. Sie hat einen gegenüber der Normalausführung verlängerten Radstand.

Die Motorleistung des Skoda 430 (rund 30 PS aus 1,8 Liter Hubraum) wäre dafür etwas dürftig gewesen. Tatsächlich handelt es sich um die parallel verfügbare, größere Sechszylinderversion 645 mit 2,5 Liter Hubraum und – natürlich – 45 PS.

Was aber mehr zählte, waren der Komfort und das enorme Prestige, das der Besitz eines solchen ausgewachsenen Wagens im perfekten US-Stil der späten 1920er Jahre bedeutete.

Noch mehr als in Deutschland waren Automobile bei den tschechischen Nachbarn damals eine Rarität und wurden überwiegend in Manufaktur gefertigt.

Vom Skoda 645 entstanden zwischen 1929 und 1934 nur rund 750 Exemplare, im Vergleich zu amerikanischen Wagen oder auch den Großserienfahrzeugen von Opel oder Fiat verschwindend wenige.

Und so erhält eine Rarität wie dieser Skoda bei den Classic Days auf Schloss Dyck endlich auch hierzulande das angemessene Ambiente…

Lesetipp: http://www.skoda-oldtimerclub.de/kategorie/dokumente/presse/autozeitung_oktavia_645/Skoda645.pdf

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Adler „Favorit“ oder „Standard 6“ – das ist die Frage…

Die einst international hochangesehene Frankfurter Marke Adler nimmt auf diesem Oldtimerblog eine prominente Rolle ein. Dies hat sich durch die gute Verfügbarkeit entsprechender alter Aufnahmen ergeben.

So ist hier eine umfangreiche Galerie mit historischen Originalfotos von Adler-Automobilen entstanden, die vor allem im Hinblick auf die wenig dokumentierten Modelle der Frühzeit interessant ist.

Dort bestehen zwar noch Lücken und manche Zuschreibung ist vorläufig, doch mit Hilfe von Adler-Kennern sollte sich das Bild vervollständigen lassen.

Heute beschäftigen wir uns aber mit gängigeren Adler-Typen der 1920er Jahre, bei denen kaum Fragen offen sein sollten. Die Rede ist von den nach US-Vorbild neukonstruierten Modellen „Standard 6“ (ab 1927) und „Favorit“ (ab 1928).

Der „Standard 6“, dessen Bezeichnung von den damals enorm erfolgreichen amerikanischen 6-Zylinder-Wagen übernommen wurde, besaß gegenüber dem Vierzylindermodell „Favorit“ eine deutlich überlegene Motorisierung.

Begnügte sich der 1,9 Liter „Favorit“ mit rund 35 PS, brachte es der „Standard 6“ auf 45 PS (später 50 PS), die dank größeren Hubraums (2,5 bzw. 2,9 Liter) bei niedrigerer Drehzahl anfielen.

Die Karosserie war aber zumindest bei der Limousine einheitlich und wurde von Ambi-Budd in Berlin geliefert. Nur wenige Details erlauben eine Unterscheidung von Adler „Favorit“ und „Standard 6“, ohne die Haube zu öffnen.

Das macht im Einzelfall die Identifikation des genauen Typs auf historischen Fotos schwierig bis unmöglich. Einen solchen Fall haben wir hier:

Adler „Favorit“ oder „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme stand der Adler erkennbar nicht im Vordergrund. Ob er den beiden Herren – es könnten Vater und Sohn sein – gehörte, wissen wir nicht.

Vielleicht haben sie sich bloß vor dem zufällig dastehenden Wagen fotografieren lassen. Denn ein Auto war hierzulande noch eine Rarität. 

Ende der 1920er Jahre gab es in Deutschland weit weniger als 500.000 PKW. Bei einer Bevölkerung von 60 Millionen entfiel somit nicht einmal ein Auto auf 100 Einwohner (Quelle: „Die deutsche Automobilindustrie“, von Seherr-Thoss, S. 637).

Ob absichtlich oder zufällig haben die beiden Herren die entscheidende Partie des hinter ihnen stehenden Wagens freigelassen:

Das ist ein Adler, wie er ab 1930/31 gebaut wurde. Zu erkennen ist das daran, dass das dreieckige Markenemblem nicht mehr in das Kühlernetz hineinragt, sondern vollständig auf der Kühlermaske angebracht ist.

Dazu passen auch die senkrechten Luftschlitze in der Motorhaube, zuvor waren sie bei den Adler-Modellen der späten 1920er Jahre waagerecht.

Bleibt die Frage: Adler „Favorit“ oder „Standard 6“? Leider müssen wir hier passen, denn es fehlen uns die entscheidenden Details, die eine Unterscheidung ermöglichen.

An dieser Stelle kommt eine Aufnahme ins Spiel, die zumindest zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Blogeintrags noch kein historisches Original war:

Adler „Favorit“, frühe und späte Ausführung; Bildrechte: Michael Schlenger

Trotz der „Vintage“-Anmutung ist diese Aufnahme am 2. August 2017 entstanden, beim Halt eines Rudels von Adler-Fahrzeugen in der „Central Garage“ in Bad Homburg, einem ganz besonderen Automobilmuseum in der hessischen Region.

Der Verfasser hatte das Vergnügen, anlässlich der vom rührigen Adler-Motor-Veteranen-Club ausgerichteten „Clärenore-Stinnes-Gedächtnisfahrt“ die Wagen am Start in Bad Homburg bewundern zu können.

Der Zufall wollte es, dass die beiden oben abgebildeten Wagen nebeneinander standen – daran kann man mustergültig Adler-Typologie betreiben.

Auf den ersten Blick wirken die Autos recht unterschiedlich, speziell Kühler- und Haubenpartie weichen deutlich voneinander ab. Sollten wir hier einen Adler „Favorit“ und einen „Standard 6“ nebeneinander stehen sehen?

Leider nicht, aber interessant ist die Situation allemal. Beide Wagen verfügen trotz aller sonstigen Unterschiede über fünf Radmuttern – das sicherste Erkennungsmerkmal eines Adler „Favorit“, hier nochmals in Großaufnahme:

Es lässt sich sogar der „Adler“-Schriftzug auf der Nabenkappe lesen, was auf historischen Fotos selten der Fall ist.

Der Adler „Standard 6“ und sein heute noch seltenerer großer Bruder „Standard 8“ besaß dagegen stets sieben Radbolzen. 

Demnach hatte der Verfasser tatsächlich zwei Versionen des Adler „Favorit“ vor dem Objektiv:

Der hintere Wagen trägt noch die frühe, ab Einführung des Typs 1928 verbaute Kühlermaske, bei der das Adler-Emblem in den Kühlergrill hineinragt. Gut zu erkennen ist aus diesem Winkel die leichte Wölbung des oberen Kühlerausschnitts.

Auf das frühe Modell verweisen zudem die in zwei Reihen angebrachten waagerechten Luftschlitze.

Beim vorderen „Favorit“, wie er ab 1930 gebaut wurde, wirkt der Kühler sachlicher, das Adler-Emblem ist nach oben gewandert. In dekorativer Absicht versah man den Unterteil der Kühlermaske mit senkrechte Sicken.

Die Karosserie mit den stark profilierten Vorderschutzblechen blieb ansonsten nahezu unverändert. Wie es scheint, finden sich an beiden Modellgenerationen die schönen „HASAG“-Frontscheinwerfer mit „Adler“-Prägung in der Streuscheibe:

HASAG-Scheinwerfer; Bildrechte: Michael Schlenger

Viel mehr wollen wir an dieser Stelle gar nicht zu den beiden Versionen des Adler „Favorit“ erzählen, obwohl speziell der jüngere eine spannende Geschichte aufweist.

Wir kehren zurück zur Frage, ob man stets einen „Favorit“ äußerlich von einem „Standard 6“ unterscheiden kann und wollen sie nach den Erfahrungen mit dem eingangs gezeigten Foto salomonisch beantworten: Es kommt drauf an.

Nehmen wir beispielsweise diese Aufnahme aus der Sammlung des Verfassers:

Adler „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier dürfte der Fall klar sein: Sieben Radbolzen und eine Kühlermaske in der frühen Ausführung, das wird ein „Standard 6“ sein. Die für diese Generation typischen waagerechten Luftschlitze sind durch die Perspektive bedingt verdeckt.

Praktisch unmöglich dürfte die Frage dagegen im folgenden Fall zu beantworten sein –  den Wagen haben wir vor längerer Zeit bereits vorgestellt:

Adler „Favorit“ oder „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für die Adler-Freunde dürfte diese hochwertige und von der Perspektive ungewöhnliche Aufnahme dennoch ein Augenschmaus sein.

Sehr ansehnlich ist auch ein weiteres Foto, das wir hier schon einmal präsentiert haben und bei dem uns die Sache ausnahmsweise sehr leicht gemacht wird:

Adler „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die späten Ausführungen des Adler „Standard 6“ trugen den Hinweis auf die Zylinderzahl auf einer Mittelstrebe zwischen den Scheinwerfern.

Weiß jemand, ab wann genau dies der Fall war bzw. ob dies ein optionales Zubehör war? Eine entsprechende Information würde die Identifikation der Adler-Wagen dieser Modellreihe weiter erleichtern.

Bei der Gelegenheit sei den Teilnehmern der „Clärenore-Stinnes-Gedächtnisfahrt“ für ihren Einsatz für den Erhalt dieser selten gewordenen Zeitzeugen und die geduldigen Auskünfte zu ihren Schätzen gedankt.

Für Anmerkungen und etwaige Ergänzungen bitte die Kommentarfunktion nutzen.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

 

1914: Pfingstausfahrt im Benz 8/20 PS mit Chauffeur

Beim Sichten seines Fundus an historischen Originalfotos von Vorkriegsautos musste der Verfasser feststellen, dass sich einiges angestaut hat, was speziell die Freunde der Marke „Benz“ erfreuen dürfte.

Ein Blick in die Schlagwortwolke dieses Blogs spricht ebenfalls dafür, dass es einigen Nachholbedarf in Sachen „Benz-Automobile“ gibt – selbst vom Spätstarter BMW haben wir hier bereits mehr Aufnahmen besprochen.

Den Auftakt zu einer kleinen Zeitreise durch die enorme Typenvielfalt des Pionierherstellers aus Mannheim stellt das folgende Foto dar:

Benz 8/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns mit dieser technisch wie gestalterisch hevorragenden Aufnahme im Detail befassen, sei angemerkt, dass auch das Entstehungsdatum auf der Rückseite überliefert ist: 1914.

Der beschriftete Streifen auf dem Abzug grenzt Ort und Zeitpunkt näher ein: „Harth Pfingsten“ ist dort vermerkt. Leider ist die Ortsangabe Harth nicht eindeutig, die Bezeichnung ist im deutschsprachtigen Raum recht verbreitet.

Schauen wir nun genauer hin – wie immer ist zuerst die Frontpartie an der Reihe:

Auf den ersten Blick lässt sich nur folgendes sagen: Das muss ein Auto sein, das um 1912 entstanden ist. 

Bei der Eingrenzung hilft uns die Gestaltung der ansteigenden Haubenpartie und des anschließenden, steileren Windlaufs. Dieses Element, das den Übergang von der Motorhaube zum Innenraum schafft, tauchte bereits früh bei Rennwagen auf.

Bei Serienfahrzeugen setzte es sich erst 1909/10 durch – wobei einzelne Modelle weiterhin eine rechtwinklig auf die vordere Schottwand treffende Haube besaßen. Eine Weile lang existierten also alte und neue Form nebeneinander.

Noch vor Beginn des 1. Weltkriegs beginnen bei vielen Autos die Haube und der Windlauf ein harmonisches Ganzes mit fast identischem Anstiegswinkel zu bilden.

Der Wagen auf unserem Foto liegt evolutorisch zwischen diesen beiden Schritten – daher dürften wir mit ca. 1912 als Baujahr nicht verkehrt liegen. Dummerweise ist vom Kühler fast nichts zu erkennen, er ist von Zweigen verdeckt.

Doch dank der Auflösung des originalen Abzugs lässt sich auf der Nabenkappe des rechten Vorderrads „BENZ“ lesen (auf dem Kopf stehend). Hier zum Vergleich eine moderne Aufnahme von einem Benz des Baujahrs 1906:

Benz-Nabenkappe; Bildrechte: Michael Schlenger

Das hilft uns enorm weiter, den nun können wir sogar den Typ recht gut bestimmen.

Um 1912 bot Benz Automobile in mehr als einem halben Dutzend unterschiedlichen Motorisierungen an – vom 20 PS-Typ mit 2 Litern Hubraum bis zum 100 PS-Giganten mit über 10 Litern, auch er ein Vierzylinder. Außer Protos baute kurz vor dem 1. Weltkrieg kaum ein deutscher Hersteller Sechszylinder.

Wie bei anderen Marken jener Zeit auch unterschieden sich parallel gebaute Motorenvarianten meist nur durch die Proportionen – die Grundform war gleich.

Dennoch liefert unsere Aufnahme genügend Indizien, um eine genaue Ansprache des Typs zu wagen, also nochmals genau hingesehen:

Neben fünf Luftschlitzen in der Haube fallen vor allem die ungewöhnlich dünnen Schutzbleche auf.

Bei den mittleren bis starken Benz-Wagen hätten solche Bleche früher oder später Vibrationsrisse bekommen, daher sieht man dort durchgehend weit stärkere oder umgebördelte Vorderkotflügel.

Neben dem Benz 12/30 PS, der 1913/14 gebaut wurde, kommt nur noch das Einsteigermodell 8/20 in Frage, das von 1912-20 im Programm war.

Für diesen „Baby-Benz“, der nur einen Radstand von 2,85 m hatte, sprechen die Proportionen des Wagens auf dem Foto. Die fünf Luftschlitze finden sich auch beim 12/30 PS, die noch stärkeren Modelle wiesen mehr Schlitze auf.

Somit sprechen die Indizien am ehesten für den 8/20 PS, der wie der Baby Benz der 1980er Jahre nach denselben Qualitätsstandards wie „die Großen“ gebaut wurde.

Nach der Pflicht folgt nun die Kür – schauen wir uns die Herrschaften an, die einst an Pfingsten 1914 mit ihrem Benz 8/20 PS unterwegs waren, und sich dabei chauffieren ließ, wie das vor dem 1. Weltkrieg noch üblich war:

Dieser Ausschnitt wäre für sich genommen schon preisverdächtig – besser in Szene gesetzt und zugleich so natürlich könnte ein Doppelportät kaum sein.

Vergessen wir nicht: Die beiden, die dort so ungezwungen vor ihrem Benz auf einer Decke lagern, schauen uns über eine Distanz von mehr als 100 Jahren an. Wenn sie gleich aufstünden, würde es einen kaum überraschen.

Man geht wohl auch nicht fehl in der Annahme, dass wir es mit einem Dokument einer wirklich glücklichen Beziehung zu tun haben, in der beide auf Augenhöhe miteinander standen.

Dem aufmerksamen Betrachter entgeht nicht der Ring, den der zufrieden in die Kamera schauende Herr „im besten Alter“ trägt.

Könnte das ein Regimentsring oder ein anderes Andenken an den Militärdienst sein, der damals obligatorisch im Deutschen Reich war? Auffallend ist auch das Emblem an der Schirmmütze – wer weiß mehr dazu?

Nun aber zu der dritten, nicht minder sympathischen Person auf dieser Aufnahme:

Es spricht sehr für unsere beiden Benz-Besitzer, dass sie ihren Chauffeur mit auf dem Bild haben wollten – und er scheint zu wissen, dass er es gut getroffen hat.

Selten lässt sich eine Chauffeurs-Montur der Zeit vor dem 1. Weltkrieg so detailgenau studieren.

Neben der obligatorischen Schirmmütze, die an Dimension noch die des Brötchengebers übertrifft, fällt der „Vatermörder“-Kragen auf, der aus der zweireihigen (und damit besonders winddichten) Jacke hervorlugt.

Natürlich trägt man als Chauffeur kräftige Lederhandschuhe – die Lenkarbeit war damals noch eine körperliche Herausforderung, die viele Autobesitzer scheuten. Sehr schön zu erkennen sind auch die Ledergamaschen über den Schnürschuhen. 

Sie sehen nicht nur eindrucksvoll aus – auf den ersten Blick wirken sie wie Reitstiefel – sie bieten auch zusätzlichen Schutz vor Luftzug und Verschmutzung.

Damit sind wir noch nicht am Ende – am selben Tag entstand eine weitere Aufnahme, auf der nun der Benz allein mit dem Chauffeur abgelichtet wurde:

Benz 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir auf den ersten Blick dieselbe Situation, nur ohne die Besitzer. Sie waren großzügig genug, um ein weiteres Foto aufnehmen zu lassen, das wohl für den Chauffeur selbst bestimmt war.

Man könnte aus der Existenz der beiden Fotos in einer Hand schließen, dass wir es eher mit dem Nachlass des Fahrers als dem des Paars zu tun haben, dem der Benz gehörte. Leider wissen wir nichts Genaueres darüber.

Zumindest hilft uns diese zweite Aufnahme bei der Bestätigung der Marke, da hier die Kühlerpartie mit dem runden Benz-Emblem etwas besser sichtbar ist:

Hier ist auch der pilzförmige Deckel des Kühlwassereinfüllstutzens klarer zu sehen, der typisch für Benz-Automobile war.

Deutlicher hervor treten nicht zuletzt die Frontscheinwerfer aus Messing, die mit einem Kunstlederüberzug vor Schmutz und zu schnellem Anlaufen geschützt sind.

Ihre beeindruckende Größe im Vergleich zum Wagen ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es mit einem kleinen Benz-Modell zu tun haben.

Werfen wir bei der Gelegenheit noch einen letzten Blick auf den Fahrer, der hier neben seinem „Arbeitsplatz“ abgelichtet wurde:

Sein ruhiger konzentrierter Blick vereint sich mit einer selbstbewussten Pose, ein weiteres schönes Dokument aus längst vergangenen Zeiten.

Wenige Monate, nachdem diese Fotos aufgenommen wurden, begann der 1. Weltkrieg. „Unser“ Chauffeur dürfte es vergleichsweise glücklich getroffen haben – er wurde vermutlich als Fahrer eines Offiziers eingesetzt.

Mag ihm auch das Elend des Grabenkriegs erspart geblieben sein, war auch seine Welt nach Kriegsende nicht mehr dieselbe. Konnte er in seine alte Stellung zurückkehren? Musste er sich eine neue Arbeit suchen?

Sollte er noch einmal so sichere, glückliche Tage verbringen wie einst an Pfingsten 1914? Wir wissen es nicht.

In solchen Fotos weht einen eine untergegangene Welt an und man fragt sich 100 Jahre später unwillkürlich: wie wird es mit der unseren weitergehen?

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1925: Ein Bugatti im Renneinsatz im Taunus

Die Sportwagenschmiede Bugatti aus dem elsässischen Molsheim ist bislang auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos nur am Rande behandelt worden.

Zwar ist die Marke in der Schlagwortwolke vertreten, doch die dahinterstehenden Blogeinträge zeigen überwiegend moderne Aufnahme und Filmdokumente von Bugattis.

Diese sind natürlich ebenfalls sehenswert und tatsächlich werden die Leser auch am Ende des heutigen Eintrags wieder ein bemerkenswertes Video eines Bugatti im Einsatz finden. Doch im Mittelpunkt stehen hier historische Originalfotos.

Die sind aber von Bugattis nicht ohne weiteres zu bekommen, wenn man für ein altes Stück belichtetes Papier nicht abwegige Summen bezahlen will. Doch immerhin eine interessante Bugatti-Aufnahme können wir hier zeigen:

Bugatti Rennwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Aha, wird jetzt mancher denken, viel Auto zu sehen ist da ja nicht gerade – und ist das überhaupt ein Bugatti?

Zugegeben, es gibt bestechendere Fotos der agilen Sportgeräte, die bis heute zum Begehrenswertesten gehören, was die Autoindustrie hervorgebracht hat – nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch ästhetisch.

Kein Sportwagen der Vorkriegszeit bietet eine derartige Durchgestaltung funktioneller Elemente wie der Vorderachse oder des Motors. So viel betörende Form kombiniert mit heute noch beeindruckender Agilität ist sonst nirgends zu bekommen.

Nun aber zur Frage, woher wir überhaupt wissen, dass wir einen Bugatti vor uns haben, der 1925 einen Renneinsatz im Taunus absolvierte.

Darauf war nur zu kommen, weil diese Aufnahme eine von mehreren ist, die sich in der Gesamtheit als Dokumente des Großen Preises von Deutschland entpuppten, den der AvD 1925 auf einem über 30 km langen Kurs im Taunus abhielt.

Bereits vorgestellt haben wir aus dieser Reihe den nachfolgend abgebildeten NSU 5/25 PS Kompressor (Bildbericht):

NSU 5/25 PS Kompressor; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den Wagen konnten wir anhand von Form und Startnummer eindeutig der genannten Rennveranstaltung zuordnen.

Möglich war dies dank des Buchs von Holger Rühl „Die Automobilrennen im Taunus“, hrsg. 2004 (vergriffen). Darin sind auch die meisten anderen der 20 Teilnehmerfahrzeuge mit Startnummer abgebildet. Und dort findet sich auch „unser“ Bugatti mit der Startnummer 10!

Die Bugatti-Freunde werden es nicht gern hören, dass die drei eingesetzten Wagen „ihrer“ Marke sich dem kleinen NSU-Kompressorwagen 1925 im Taunus geschlagen geben mussten – damals ein ungeheurer Erfolg für die Neckarsulmer Fabrik.

Vom Ruhm der NSU-Rennwagen der Vorkriegszeit ist nichts geblieben als ein paar Fotos in den Händen von Automobilhistorikern.

Dasselbe gilt für die einst enorm erfolgreichen Sportversionen des NAG Typ C4 – ein Exemplar bringen wir gelegentlich. Aufrechterhalten wird immerhin die Erinnerung an die rassigen Steiger-Wagen – die als „deutsche Bugattis“ galten.

Steiger Sportwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ansonsten ist in Teilen der deutschen Klassikerszene eine Geringschätzung echter und eigener Tradition zu beobachten. So tauchen neben fragwürdigen Bentley Specials immer mehr dubiose Bugattis auf hiesigen Veranstaltungen auf.

Damit wir uns recht verstehen: Bugattis wurden vor dem Krieg auch von Kennern in Deutschland geschätzt und gefahren. Und wer sich heute eines der verbliebenen Originale hierzulande leisten kann, dem sei dazu gratuliert.

Ein Problem stellt die zunehmende Zahl der „Bugattis“ dar, die schlicht moderne Nachbauten sind und von prestigeversessenen Zeitgenossen auf Oldtimerveranstaltungen eingesetzt werden.

Natürlich kann sich jeder einen detailgenauen Nachbau eines Bugatti Typ 35 bei einer einschlägig bekannten Firma in Argentinien bestellen.

Man darf auch davon ausgehen, dass diese Repliken ähnlich eindrucksvolle Fahrerlebnisse vermitteln wie die Originale. Auch das sei den Besitzern gegönnt.

Nur: Solche Nachbauten gehören nicht auf eine Oldtimerveranstaltung.

Wer über ein Mindestmaß an historischem Bewusstsein verfügt, wird begreifen, dass auch die akribischste moderne Rekonstruktion ein seelenloses Abbild eines Originals ohne jeden immateriellen Wert bleibt.

Ein Porträt von Dürer beispielsweise bezieht seine Einzigartigkeit und seine Magie daraus, dass der Künstler genau vor diesem Original gesessen hat und es von seiner Hand ist. Näher können wir ihm nach 500 Jahren nicht kommen.

Einer im Detail davon nicht unterscheidbaren Kopie fehlt genau das: Dürer hat sie nie gesehen und nicht selbst geschaffen. Damit ist sie jenseits der Kosten von Leinwand und Farbe ohne jeden Wert und gehört nicht in eine Kunstgalerie.

So wie es Leute gibt, die ihre Häuser mit Kopien großer Meisterwerke schmücken müssen, deren Originale sie sich nicht leisten können, scheinen auch die Käufer von Bugatti-Klonen nicht akzeptieren zu können, dass gewisse Schöpfungen von höchstem Prestige nicht vermehrbar sind.

Anstatt aber auf die Jagd nach echten Raritäten zu gehen – beispielsweise den Resten eines NSU 5/25 PS Kompressor-Rennwagen oder eines NAG C4 „Monza“ –  muss es unbedingt eine weitere Kopie eines unerreichbaren Originals sein.

Dem Verfasser ist es gleichgültig, ob sich Besitzer von Bugatti-Nachbauten hierdurch angegriffen fühlen und wird sich diesbezüglich auf keine Diskussion einlassen.

Solche Fahrzeuge sind indiskutabel, weil sie keine Geschichte und keine Persönlichkeit haben – sie haben nichts zu erzählen außer von der peinlichen Eitelkeit ihrer Besitzer.

Was einen originalen Bugatti ausmacht, das erzählt der folgende kleine Film:

© Videoquelle: Youtube; Urheberrecht: Chateau Impney Hill Climb

Diese Sequenz entstand 2015 beim Chateau Impney Hillclimb in England und zeigt einen der ganz seltenen original erhaltenen Bugatti des Typs 35.

Wie der Besitzer erzählt, handelt es sich um einen Werksrennwagen, der Einsätze bei der Targa Florio in Sizilien und auf dem Steilkurvenkurs in Monthléry bei Paris bestritt.

Später wurde er an eine Amateur-Rennfahrerin in Südfrankreich verkauft, die ihn wiederum an einen italienischen Käufer weiterreichte, der den Bugatti rot lackierte.

In den frühen 1930er Jahren wurde der Wagen in einem Schuppen abgestellt und verbrachte dort rund 50 Jahre. Dann kaufte ihn ein Jura-Student, der sich zwar den Wagen, nicht aber seine „Restaurierung“ leisten konnte.

Wie der heutige Besitzer feststellt, verhinderte dies, dass der Wagen „ruiniert wurde“ – sprich in ein weiteres chromglänzendes Gefährt verwandelt wurde, das faktisch in weiten Teilen ein Neuwagen gewesen wäre.

So einen Zeitzeugen wieder zum Laufen zu bringen, ihm aber die Spuren seines langen Lebens zu lassen und ihn bestimmungsgemäß einzusetzen – das ist wahre Oldtimer-Leidenschaft und zeugt von Respekt vor dem Original.

In nachgebauten Kisten so tun, als gehöre man dazu, kann natürlich jeder mit dicker Brieftasche – nur ist das keine Leistung und schädigt zudem das Ansehen derer, die sich aufopferungsvoll um die Originale kümmern.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Endlich auch optisch Luxusklasse: Horch 350

Die Wagen der legendären sächsischen Marke Horch werden auf diesem Oldtimerblog besonders genüsslich zelebriert. Nicht, weil es daneben nichts Vergleichbares gegeben hätte – ganz im Gegenteil.

Doch nach dem 1. Weltkrieg den schrittweisen Aufstieg des Premiumherstellers in die Luxusklasse nachzuvollziehen, bereitet einfach Freude. Wie wohl kein anderer deutscher Autobauer sind die Zwickauer dabei äußerst planvoll gegangen.

Während andere Marken in den 1920er Jahre meinten, nebenher natürlich auch Achtzylinder entwickeln zu können, war man sich bei Horch der Komplexität der Aufgabe bewusst und investierte erst einmal drei Jahre Entwicklungsarbeit.

Denn ein Achtzylinder ist nicht einfach ein doppelter Vierzylinder. Um seine Stärken, souveräne Kraftentfaltung und im Idealfall vollkommen ruhigen Lauf, voll zum Tragen kommen zu lassen, bedarf es sorgfältiger Abstimmung.

Nach Vorstellung des ersten Achtzylindermodells Ende 1926 war man bei Horch von der Qualität des Geleisteten so überzeugt, dass man sich ganz darauf beschränkte – unternehmerisch mutig, aber letztlich genau der richtige Weg.

Schon mit den ersten ab 1927 gebauten Achtzylindern hatte Horch einen Erfolg, der anderen Anbietern verwehrt blieb. Dies war weder eine Frage des Preises noch des formalen Erscheinungsbilds:

Horch 305; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die frühen Horch Achtzylinder waren mächtige Automobile, doch sahen sie nicht annähernd so teuer aus, wie sie waren.

Wäre da nicht das gekrönte „H“ auf der Kühlermaske, könnte man den Wagen auf obigen Foto für einen Sechszylinderwagen aus US-Massenproduktion halten. Wir haben uns mit diesen frühen Horch-Achtzylindern übrigens bereits hier befasst.

1928 war dann das Jahr, in dem Horch nicht nur bei der Motorisierung eine Schippe drauflegte, sondern nun auch in formaler Hinsicht alle Register zog.

Der Hubraum wurde von 3,4 auf 4 Liter gesteigert, die Höchstleistung erhöhte sich von 65 auf 80 PS. Dabei hielt man an der präzisen Ventilsteuerung über zwei obenliegende Nockenwellen fest, die über eine Königswelle angetrieben wurde.

Die Frontpartie dieses neuen Typs Horch 350 wurde deutlich aufgewertet, wie wir auf dieser Aufnahme sehen können, die im April 1931 in Bamberg entstand:

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass der Wagen mit Berliner Zulassung (Kennung: „I A“) hier auf den ersten Blick nicht sonderlich groß wirkt, liegt weniger an der eindrucksvollen Kulisse der historischen Bauten im Hintergrund, die Bamberg sehenswert machen.

Nein, es ist die schiere Größe des stattlichen Herrn, der hier neben dem 1,90m hohen Horch posiert. Für ihn hätte der Wagen kaum kleiner ausfallen dürfen…

Für sich betrachtet, stellt sich die Sache ganz anders dar – hier haben wir klar ein Fahrzeug der Luxusklasse vor uns:

Bei unveränderter Grundform hatte man dem Horch 350 größere Scheinwerfer und an der Motorhaube angebrachte Positionsleuchten spendiert. Doch vor allem die verchromten Lamellen im Kühler lassen den Wagen weit wertiger erscheinen.

Zum eleganten Auftritt tragen außerdem die harmonisch gerundeten Vorderschutzbleche bei, die im Unterschied zu den Vorgängertypen nun wie „aus einem Guss“ wirken und ohne rustikale Sicken auskommen.

Zu verdanken war das überzeugende neue Erscheinungsbild dem zuvor nur als Werbegrafiker bekannten Gestalter Oskar Hadank, der mit der Frontpartie des Horch 350 sein Können auch auf einem ungewohnten Feld bewies.

Kein Wunder, dass der neugestaltete und noch souveräner motorisierte Horch 350 der bis dahin größte Erfolg der Zwickauer Manufaktur wurde.

Von 1928 bis 1932 – in einer für den Absatz von Luxuswagen in Deutschland denkbar ungünstigen Zeit – fanden fast 3.000 dieser Automobile einen Käufer. Kein anderer deutscher Hersteller von 8-Zylinderwagen konnte da mithalten.

Wer den Horch 350 noch gern aus einer anderen Perspektive sehen würde, dürfte an der folgenden Aufnahme desselben Fahrzeugs Freude haben:

Horch 350;  Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir „unseren“ Berliner Horch irgendwo im Alpenraum, vermutlich ebenfalls Anfang der 1930er Jahre.

Es ist nicht ganz eindeutig, ob der Herr, der sich auf’s Ersatzrad stützt, identisch ist mit der voluminöser wirkenden Person auf der Aufnahme aus Bamberg.

Jedenfalls steht sein (mutmaßlicher) Sprößling auf der anderen Seite dem Horch in punkto kolossaler Erscheinung nicht nach. Wie gesagt, dieses Modell war 1,90 m hoch, doch offenbar waren diese Horch-Besitzer „gut genährt“.

Der Abzug lässt im übrigen einige Details besser erkennen als die erste Aufnahme:

Hier ist das gekrönte „H“ auf der Kühlermaske und die „8“ auf der Strebe zwischen den Scheinwerfern klar zu sehen, ebenso das mit einem Bären dekorierte Emblem des „Berliner Automobil Clubs“ (BAC).

Die Kühlerfigur – eine geflügelte Weltkugel – verweist auf eine Entstehung ab 1929, zuvor trug der Horch 350 kurzzeitig einen geflügelten Pfeil als Markenzeichen.

Doch dieses Detail behalten wir uns für ein anderes Originalfoto eines Horch 350 mit einer ganz besonderen Karosserie vor…

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Zeitlos aktuell: Adler Standard 6 „Allwetter-Limousine“

Der Juli des Jahres 2017 neigt sich seinem Ende zu. Cabriolet-Fahrer, die auf hochsommerliches Wetter hofften, hatten in den letzten Wochen wenig Spaß.

Selbst schuld, möchte man sagen, wenn man das falsche Auto fährt…

Denn solche Wetterkapriolen gab es schon immer – erinnert sei an Rudi Carells Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ aus den 1970er Jahren und die damaligen Warnungen von Klima“experten“ vor einer neuen Eiszeit.

Unsere Altvorderen gingen gelassener mit den unvermeidlichen Schwankungen des Wettergeschehens um und passten sich an.

Wer Ende der 1920er Jahre hierzulande beispielsweise einen der brandneuen 6-Zylindertypen der Frankfurter Marke Adler erstehen wollte, stand vor der Frage: „Welchen Aufbau hätten’s denn gern?“

Für viele Automobilisten, die lange genug mit offenen Tourenwagen im meist feuchtkalten Germanien umhergefahren waren, war die Sache klar:

Adler 6/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Otto, ich hab‘ die Nase voll. Noch ein Jahr mit dem zugigen 6/25 PS tu‘ ich mir nicht an. Die haben bei Adler in Frankfurt endlich einen komfortablen neuen Typ aufgelegt, der es mit den Amerikanerwagen aufnehmen kann.“

So stieg ab 1927 wohl so mancher Adler-Fahrer von den Modellen der Nachkriegszeit auf die modernen Typen „Standard 6“ und „Standard 8“ sowie die äußerlich ähnliche Vierzylinderversion „Favorit“ um.

Wer es sich leisten konnte, entschied sich natürlich für die geräumige 6-Fenster-Limousine mit großer Motorisierung (45-50 PS bzw. 70-80 PS):

Adler „Standard 6“ oder „Standard 8“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nie wieder sahen Adler-Automobile so perfekt amerikanisch aus, was durchaus als Kompliment gemeint ist, da die US-Hersteller Ende der 1920er Jahre in fast jeder Hinsicht tonangebend waren.

Zwar hatte man die Vorbilder aus der Neuen Welt im Detail genau studiert und einiges abgekupfert, doch war man bei Adler zumindest nicht so dreist, auch noch die Kühlerpartie einer bestimmten US-Marke zu kopieren – das überließ man Opel…

Was für Karosserien außer der Limousine waren noch für diese modernen Adler-Modelle verfügbar?

Nun, die mächtigen 6- und 8-Zylindermodelle gab es nach wie vor auch als Tourenwagen – der Verfasser hat aber bisher bloß ein Originalfoto von solch einem Exemplar ergattern können:

Adler „Standard 6“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Ausführung haben wir bereits vor längerer Zeit auf diesem Blog vorgestellt.

Auch wenn die Aufnahme wenig zu wünschen übrig lässt, wäre ein weiteres Foto des Standard 6 in der Tourenwagenversion durchaus ein Kandidat für einen neuen Blogeintrag.

Der Verfasser hat seither in dieser Hinsicht kein Glück gehabt – vielleicht kann ein Leser eine ähnlich hochwertige Originalaufnahme dieses Typs beisteuern?

Größere Verbreitung hatten offenbar die zweitürigen Cabriolets des Adler „Standard 6“, von denen wir vor längerer Zeit ein besonders schönes Exemplar vorgestellt haben:

Adler „Standard 6“, 2-Sitzer-Cabriolet: Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Wem diese in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme bekannt vorkommt, hat sie entweder auf diesem Blog oder in der Clubzeitschrift des Adler Motor-Veteranen-Clubs schon einmal gesehen.

Ein Originalfoto des Cabriolets von vergleichbarer technischer Qualität und Ausdruckskraft findet sich nicht so leicht wieder. Und wenn doch, bringen wir es hier eines Tages – gern auch aus dem Fundus eines Lesers.

Bleibt noch eine Version – nämlich die, die den Titel dieses Blogeintrags motivierte:

Adler „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer auch immer in den späten 1930er oder frühen 1930er Jahren diese Aufnahme machte, verstand etwas von klassischem Bildaufbau und  dramatischer Wirkung  – ganz abgesehen von der kaum zu verbessernden Belichtung.

Den auf der Straße so eindrucksvollen Adler vor der gigantischen Naturkulisse beinahe wie ein Spielzeug zu positionieren, grenzt schon ans Philosophische.

Da besaß einst jemand im Raum Stuttgart (das Kennzeichen verrät es) einen Wagen, der nur für ein Promille der deutschen Bevölkerung erschwinglich war, fuhr damit in die Alpen und platzierte das Gefährt dort so, dass es vor den grandiosen Hervorbringungen der Natur praktisch verschwand.

In dem Bewusstsein der Nichtigkeit menschlichen Tuns schwang aber wohl auch ein wenig Stolz mit, und so wurde das letzte Licht des Tages für den Adler reserviert:

Wir sind dem unbekannten Fotografen für die kleine Eitelkeit dankbar, denn so können wir aus ungewöhnlicher Perspektive einen Spezialaufbau des Adler „Standard 6“ genießen – die sogenannte Allwetter-Limousine.

Im Grunde handelt es sich um eine Limousine mit feststehenden Tür- und Fensterrahmen, aber über den gesamten Fahrgastraum zu öffnendem Dach.

Bei einem Viersitzer würde man von einer Cabrio-Limousine sprechen – einer in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg verbreiteten Karosserieform, die die Dichtigkeit und Stabilität einer Limousine mit der Offenheit eines Cabriolets vereinte.

Doch eine Sechsfenster-Limousine mit offenem Verdeck ist schon etwas Besonderes. Und eine kluge Lösung war solch eine „Allwetter-Limousine“ obendrein angesichts schon damals ewig unbeständigen Wetters in unseren Gefilden.

Gibt es das heute noch, eine Limousine aus Frankfurt mit drei Sitzreihen, über die volle Länge zu öffnendem Verdeck und einem 6- oder 8-Zylinder? Leider nicht, und das ist nur einer von vielen Verlusten, die in automobiler Hinsicht zu beklagen sind…

Die Pendler, die aus dem Taunus oder der Wetterau kommend täglich nach Frankfurt mit der Bahn hineinfahren und die als Gebäude immer noch existierenden Adler-Werke passieren, wissen vermutlich gar nicht, was dort einst an Qualität entstand.

So wechselhaft und unberechenbar wie das Wetter sind die Zeiten…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats: Ein Cyclecar von BAJA aus Wien

Für Freunde von Vorkriegsautos gibt es eine einzigartige Vielfalt an Objekten, an denen sich ganz unterschiedliche Leidenschaften entzünden können.

Ob Veteranen der Frühzeit, eigenwillige Modelle der 1920er Jahre, US-Massenfabrikate, reinrassige Rennfahrzeuge oder luxuriöse Manufakturkarosserien – ihren eigenen Reiz haben sie alle.

Eine Kategorie aber ist besonders sympathisch: die Cyclecars. Wer jetzt kein Bild vor Augen hat, dem kann geholfen werden –  mit einer sehr außergewöhnlichen Aufnahme:

BAJA Cyclecar; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was wohl am ehesten ins Auge springt, sind die dünnen Reifen auf Felgen im Motorradformat – ein erstes Merkmal der Gattung Cyclecar.

In vielen Fällen kamen noch freistehende Schutzbleche an den Vorderrädern hinzu, hier aber nicht. Dieses Modell ist auch sonst in einiger Hinsicht speziell.

Eines muss man dem Fotografen lassen: Er hat es verstanden, das Vehikel so abzulichten, dass es wie ein vollwertiges Auto mit zwei Sitzreihen aussieht.

Der Eindruck täuscht. Was hier wie ein erwachsener Spitzkühlertyp daherkommt, besaß bloß eine Sperrholzkarosserie, auch der gewaltige Federweg, den die Schutzbleche vermuten lassen, ist reine Aufschneiderei:

Die tropfenförmigen Positionsleuchten suggerieren ebenfalls eine Dynamik, die die das Vehikel kaum einlösen konnte.

Was ist das für ein merkwürdiges Geschöpf auf vier dürrren Speichenrädern? Nun, zum Glück kannte der Verkäufer der Aufnahme die Marke.

Hier haben wir es mit einem BAJA zu tun, einem Cyclecar, das von 1921 bis 1925 in Wien gebaut wurde. BAJA steht für die Schöpfer und Produzenten des Mobils – Max Bartsch & Nikolaus von Jakabffy.

Wie viele Cyclecars verfügten die BAJA-Wagen über einen Antrieb, der eher einem Motorrad Ehre gemacht hätte.

Angeboten wurden zugekaufte Ein- und Zweizylinderaggregate mit Hubräumen zwischen 460 und 790 ccm, teils luftgekühlt, teils wassergekühlt. Gemeinsam war ihnen die Montage im Heck und der Kettenantrieb auf die Hinterachse.  

Bei einer Leistung von 3,5 bis etwas über 10 PS kann man sich ausmalen, welche Spitzengeschwindigkeit das BAJA-Cyclecar erreichen konnte – wesentlich mehr als 50-60 km/h dürften es kaum gewesen sein.

Doch dem Insassen „unseres“ BAJA-Boliden scheint die bescheidene Leistung keineswegs peinlich gewesen zu sein:

Immerhin sitzt er am Steuer der zweisitzigen Ausführung – das Ursprungsmodell bot nur Platz für den Fahrer. Daraus kann man ableiten, dass wir hier eine der etwas stärkeren Zweizylinderversionen vor uns haben.

Wer sich fragt, wo denn die Bremsen bei diesem Vehikel sind, ist nicht allein. Vermutlich wirkten sie auf die Antriebswelle. Auch die krummen Speichen am Reserverad und der platte Hinterreifen wirken nicht gerade vertraueneinflößend.

Doch muss man sehen: Cyclecars hatten eine zeitlang ihren Markt, boten sie doch mehr als ein Motorrad und waren zugleich erschwinglicher und sparsamer als ein vollwertiges Auto.

Mitte der 1920er Jahre gab BAJA den Autobau auf, zu einer Zeit, als sich Hanomag anschickte, mit einem weiteren Minimalmobil der Volksmotorisierung zum Durchbruch zu verhelfen – dem 10 PS leistenden „Kommissbrot“ – und scheiterte.

Immerhin setzte Hanomag einige tausend seiner „rasenden Kohlenkästen“ ab – doch vom BAJA-Cyclecar dürften bloß einige hundert entstanden sein.

Genaues dazu konnte der Verfasser dazu bislang nicht in Erfahrung bringen. Zu den Wagen von BAJA sind in der einschlägigen Literatur nur wenige Zeilen zu finden und in technischer Hinsicht findet sich wenig Konkretes.

Beispielsweise fragt man sich, welche Einbaumotoren zum Einsatz kamen und ob es auf Wunsch Versionen mit leistungsfähigen Aggregaten gab, wie dies bei britischen Herstellern beispielsweise üblich war.

Doch möglicherweise wären die rahmenlosen BAJA-Mobile bärenstarken Motorradmotoren, wie sie von JAP in England oder Columbus in Deutschland erhältlich waren, gar nicht gewachsen gewesen.

Nach der Lage der Dinge dürfte kaum eines dieser eigenwilligen Cyclecars aus Wiener Produktion überlebt haben.

Und was die Dokumentation angeht: Das hier gezeigte Originalfoto scheint derzeit das einzige zu sein, das in der Literatur sowie im Netz verfügbar ist – andere Abbildungen sind Prospekten oder Reklamen entnommen.

Wer dies ein wenig dürftig findet – immerhin war die Zahl der Autohersteller im deutschsprachigen Raum deutlich überschaubarer als in Frankreich etwa –  versteht möglicherweise eine der Motivationen für dieses Blog-Projekt.

Dass übrigens viele Zeitgenossen heute noch Freude an den Überlebenden der Cyclecar-Ära haben, beweisen diese Impressionen vom „Festival of Slowth“ im französischen Lantilly:

© Videoquelle YouTube; Urheberrecht: pickprod

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Dem Zenit ganz nahe: Ein Oldsmobile von 1935

Dass alles Menschenwerk vergänglich ist und das große Rad der Zeit alles unter sich zermalmt, ist kein schöner Gedanke – aber einer, der dem Einzelnen dabei hilft, von ihm nicht beeinflussbares Geschehen mit Fassung zu tragen.

So wie die Errungenschaften einer Hochkultur wieder verlorengehen, wenn die sie tragenden Kräfte nachlassen oder verdrängt werden, so ist auch auf der Ebene der technischen Zivilisation keine Führungsposition von Dauer.

Über kurz oder lang erlahmt auf dem Zenit des Erfolgs der Leistungswille, Bequemlichkeit und Nachlässigkeit halten Einzug – machen Platz für junge, hungrige und rücksichtslos Schwächen ausnutzende Konkurrenten.

Das Bild trifft auch auf die US-Automobilindustrie zu, die in den 1930er Jahren einen uneinholbar erscheinenden Vorsprung hatte. Niemand sonst baute so großzügige, leistungsfähige und modern gestaltete Wagen für den Massenmarkt.

Wer damals in Europa ein souverän motorisiertes, prestigeträchtiges Auto suchte, aber nicht die Mittel für die teuren Manufakturwagen hatte, die viele lokale Anbieter im Programm hatten, kam an den „Amerikaner“-Wagen kaum vorbei.

Das galt erst recht für Länder, die über keine nennenswerte heimische Automobilindustrie verfügten. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser eindrucksvolle Oldsmobile von 1934, den es einst in die Bergwelt der Schweiz verschlagen hatte:

Oldsmobile von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Vorkriegsauto-Blogs werden sich an den Wagen erinnern – wir haben ihn erst kürzlich ausführlich vorgestellt (Bildbericht).

Man präge sich bei dieser Gelegenheit die Linienführung des Wagens ein: den schrägstehenden Kühlergrill und die damit in Kontrast stehende, fast vertikale Frontscheibe. Auch auf die tropfenförmigen Positionsleuchten und die kantigen Formen des hinteren Kotflügels sei verwiesen.

So sah – wie gesagt – der Oldsmobile des Modelljahres 1934 aus. Wie es der Zufall will, verdanken wir einer Leserin ein zauberhaftes zeitgenössisches Foto aus Familienbesitz, das den Nachfolger aus dem Jahr 1935 zeigt:

Oldsmobile von 1935; Originalfoto aus Privatbesitz

Natürlich ist das Auto hier nur Staffage, der Fotograf hatte es auf die beiden jungen Damen abgesehen und sie perfekt im Schärfebereich des Objektivs platziert. Ob die beiden Verwandte oder Freundinnen waren, wissen wir nicht.

So sehr sich ihre Kleidung ähnelt, so unterschiedlich sind sie vom Typ her – die eine freundlich-verhalten, beinahe schüchtern und auf sich selbst bezogen, die andere gewinnend, selbstbewusst und raumgreifend.

Zurück zum Auto im Hintergrund. Wie bei der eingangs gezeigten Aufnahme des Oldsmobile von 1934 aus der Schweiz bedurfte es einiger Recherchen, um den Hersteller dieses Wagens und das Modelljahr zu identifizieren.

Am Ende stellte sich das Gefährt als Oldsmobile aus dem Jahr 1935 heraus. Der Vergleich mit dem nur ein Jahr älteren Modell zeigt, was sich alles getan hatte:

Zwar steht der Kühlergrill nicht mehr ganz so schräg im Wind und hat einige der Zierstreben verloren. Doch ist er deutlich gerundeter und besser an die Karosserie angepasst.

Damit korrespondiert die nun stärker geneigte und pfeilförmig geteilte Frontscheibe, die man am Vorgänger vermisst. Die Kotflügel sind rundlicher und voluminöser  – sie lassen die Radhäuser der späteren 1930er Jahre ahnen, die mit der Karosserie zu verschmelzen begannen.

Wenig getan hatte sich bei den tropfenförmigen Scheinwerfern und der windschnittigen Gestaltung der seitlichen Öffnung in der Motorhaube.

Doch die Positionslampen auf den Vorderschutzblechen künden vom Einfluss eines Entwurfs, der viele Elemente vorwegnahm, die man später am Chrysler Airflow und den Stromlinienwagen von Tatra und Volkswagen wiederfindet.

Die Rede ist vom Briggs-Prototyp von 1933, den wir hier vor längerem anhand eines originalen Pressefotos vorgestellt haben:

Briggs Prototype; Pressefoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie gesagt – hier geht es nur um den Einfluss, den die Gestaltung der Scheinwerfer bei diesem in Europa kaum bekannten, doch für die Entwicklung der Stromlinienautos hochbedeutenden Wagen ausübte.

Bei Oldsmobile beließ man es zwar 1935 bei freistehenden Tropfenscheinwerfern, aber die Positionsleuchten auf den Kotflügeln wurden im selben Stil wie beim Briggs Prototype ausgeführt:

Auf zwei Dinge sei bei dieser Ausschnittsvergrößerung noch hingewiesen:

Das eine ist das eigentümliche Emblem auf dem Kühlergrill, auf dem die Buchstabenfolge „…ACAR“ sicher zu lesen ist. Hier kann vielleicht ein sachkundiger Leser weiterhelfen.

Keine Probleme dagegen bereitet die Interpretation des Schattenwurfs der Stoßstange des Oldsmobile. Demnach muss diese Aufnahme zur Mittagszeit entstanden sein, als die Sonne ihren sommerlichen Höchststand erreichte.

So hoch im Zenit steht die Sonne jedoch in unseren Gefilden nie. Tatsächlich entstand dieses Foto weiter südlich – in Siebenbürgen, das mehrheitlich von Deutschen bewohnt wurde, aber nach dem 1. Weltkrieg von den Siegermächten Rumänien zugesprochen wurde.

Unsere adretten Fotomodelle konnten sich damals glücklich schätzen, dort in offensichtlich wohlhabenden Verhältnissen aufzuwachsen. Denn so ein Oldsmobile verfügte je nach Austattung über kraftvolle 6- oder 8-Zylindermotoren mit über 80 PS und eine luxuriöse Ausstattung.

Das wird die beiden Blondinen nicht im Detail interessiert haben, doch Haushalte mit Automobilen waren dermaßen selten, dass sie wussten, wie gut es ihnen ging:

Womöglich hält diese Aufnahme aber auch den Zenit ihres Daseins fest, denn wenige Jahre später begann der 2. Weltkrieg, in dem Rumänien anfangs mit Deutschland verbündet war, doch später die Seiten wechselte.

Das Kriegsende und die Jahre unter rumänischer Herrschaft bedeutete für die Deutschen in Siebenbürgen bittere Zeiten, über die hierzulande Aufgewachsene kaum etwas erfahren haben, wenn nicht die eigene Familie betroffen war.

So erinnert das alte Foto eines Oldsmobile daran, wie vergänglich das Glück und vermeintlich gesicherte Positionen sein können.

Auch die US-Autoindustrie war damals ihrem Zenit nahe. Nach dem dank überlegener Industriekapazität und Logistik gewonnenen Krieg sollte der unaufhaltsame Abstieg beginnen…

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Wegbereiter des 6-Zylinders in der Mittelklasse: Stoewer D5

Befasst man sich mit den deutschen Autoherstellern in den späten 1920er Jahren, kann man den Eindruck gewinnen, dass diese erst angesichts der Konkurrenz von US-Importwagen ebenfalls darauf kamen, 6-Zylindermotoren zu verbauen.

Direkt nach dem 1. Weltkrieg produzierten die meisten Autobauer hierzulande erst einmal die Vierzylindermodelle der Vorkriegszeit weiter.

In der Oberklasse gab es vereinzelt deutsche 6-Zylinder wie den Opel Typ 21/55 PS oder den Mercedes 28/95 PS, den wir hier gelegentlich ebenfalls zeigen werden.

Doch diese Hubraumriesen waren Vorkriegskonstruktionen und wurden für eine verschwindend kleine Klientel gebaut, die sich so etwas noch leisten konnte.

Andere deutsche Hersteller wie Brennabor, die vor dem 1. Weltkrieg bereits 6-Zylindermodelle anboten, verlegten sich erst einmal auf Vierzylinder.

Doch es gab eine Firma, die schon immer einiges gern anders machte als die Konkurrrenz und die nach dem 1. Weltkrieg einen neu entwickelten 6-Zylinderwagen in der Mittelklasse anbot – Stoewer aus Stettin.

Die einst hochangesehene, 1945 untergegangene Marke fertigte wie viele andere Hersteller der Zwischenkriegszeit selten Autos, die sich wirtschaftlich rechneten. Doch was sie baute, war fast immer von besonderer Qualität.

Das mit Abstand erfolgreichste Stoewer-Modell der frühen 1920er Jahre war der Typ D3, dem wir schon auf einigen Originalfotos begegnet sind.

Hier eine weitere, bisher unpublizierte Aufnahme des Volumenmodells mit 24 PS leistendem Vierzylinder:

Stoewer Typ D3; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit einer derartig exaltierten Karosserie kamen nur wenige Stoewer D3 daher.

Der ungewöhnlich starke Anstieg der Gürtellinie mit glattflächig integriertem Verdeckkasten und der kesse Schwung des Heckkotflügels verleihen dem Wagen eine äußerliche Dynamik, der nur moderate Fahrleistungen gegenüberstanden.

Doch für unsere Vorfahren, die an den Folgen des 1. Weltkriegs schwer zu tragen hatten, war solch ein Automobil eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt.

Allein der tiefe Glanz des damals verarbeiteten Nitrolacks ließ solch einen Tourenwagen als prächtiges Luxusprodukt erscheinen – ganz gleich, was für ein Motor unter der Haube arbeitete.

Zudem war ein solches Manufakturfahrzeug von Hand modelliert und besaß die plastische Wirkung einer Skulptur – die vielen Brechungen und Reflektionen auf dem Blech künden von einer lebendig gestalteten Oberfläche:

Sehr schön sieht man hier, wie vom vorderen Ende der Motorhaube eine Linie schräg nach oben über den Windlauf auf die gepfeilte Frontscheibe zuläuft, die diese fortzusetzen scheint.

Selbst im Stillstand sieht man förmlich den Wind den Wagen entlangströmen – so früh war das Bewusstsein für Aerodynamik im Entstehen begriffen.

Auf diesem Ausschnitt erkennt man übrigens auch, dass die Vorderkante des Spitzkühlers nicht ganz senkrecht, sondern leicht schräg verläuft. Daran kann man einen Stoewer D-Typen von den recht ähnlichen NAG C4 und D4-Modellen unterscheiden, wenn man nur eine Seitenaufnahme vor sich hat.

Sollte hier nicht die Rede von den Stoewer-Sechszylindermodellen sein? Gewiss, doch dazu gehört, sich die Proportionen und Linien des zeitgleich gebauten 4-Zylindertyps einzuprägen – einschließlich der Lage des Ersatzrads.

Das folgende Originalfoto zeigt nun einen der eindrucksvollen 6-Zylinder-Tourenwagen des pommerschen Herstellers:

Stoewer Typ D5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch kann diese Aufnahme zwar nicht mit der vorherigen des Stoewer D3-Typs mithalten – vermutlich hat das Negativ bei der Aufnahme aufgrund einer Undichtigkeit in der Kamera Seitenlicht bekommen. 

Doch klar ist: Dieser Stoewer war eine ganze Nummer größer als der Typ D3. Man vergleiche nur das Verhältnis von Motorhaube zum Windlauf. Zudem ist das Reserverrad nach vorn ins Schutzblech gewandert.

Hier ist übrigens gut zu sehen, dass die Vorderkante des Kühlers leicht von der Vertikalen abweicht. Als Maßstab dafür darf man freilich nicht die Kanneluren in den Pilastern des Gebäudes dahinter nehmen, sondern muss die Gürtellinie des bewusst „schräg“ aufgenommenen Wagens als Referenz heranziehen:

Zugegeben, so dynamisch wie der zuvor gezeigte Stoewer D3 wirkt dieses Fahrzeug nicht. Man hatte für die Montage des 3,1 Liter großen und 36 PS leistenden 6-Zylindermotors offenbar nicht nur das Chassis um fast 40 cm verlängert.

Bei diesem Aufbau scheint man auch sonst einem möglichst voluminösen Erscheinungsbild den Vorzug gegeben zu haben. Andere Wagen desselben Typs wirken eleganter und besaßen dieselbe schrägstehende Frontscheibe wie der D3.

Doch die einstigen Besitzer müssen mit ihrem 6-Zylinder-Stoewer sehr zufrieden gewesen sein. Noch im Jahr 1925 – das ist das Aufnahmedatum – war ein Tourenwagen mit 90 km/h Spitzentempo eine echte Ansage.

Ausfahren ließ sich das auf den damaligen Straßen kaum, doch verfügte man damit über reichlich Reserven gerade für Reisen in bergigen Gegenden. Mit so einem Wagen war endlich eine Alpenüberquerung drin – damals wie heute ein Traum.

Hier wusste einst jemand, was für ein außergewöhnliches Automobil so ein Stoewer 6-Zylinderwagen darstellte, und so entstand bei der Gelegenheit eine weitere Aufnahme desselben Autos am gleichen Ort:

Stoewer Typ D5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ohne die erste Aufnahme dürfte die Identifikation des Wagens aus diesem Blickwinkel nahezu unmöglich sein. Ein Foto eines Stoewer D5 aus dieser Perspektive ist damit eine veritable Rarität.

Hier bekommt man einen noch besseren Eindruck von den Ausmaßen des Fahrzeugs. Leider ist der am Heck angebrachte Koffer abgeschnitten. Dafür sieht man Details wie die hinteren Blattfederaufnahmen und den Tank – so funktionell war das Erscheinungsbild vieler Fahrzeuge bis etwa 1930.

Interessant und möglicherweise aufschlussreich ist bei dieser Aufnahme auch das Umfeld:

„Unser“ Stoewer steht vor einer Kneipe, die den Namen „Zum Spiess“ trug und sich in der „Bessemer Straße“ befand. Die Örtlichkeit sollte sich doch identifizieren lassen, auch wenn der Verfasser bislang daran gescheitert ist.

Möglicherweise sieht es dort heute infolge von Bombenkrieg und Wiederaufbau ganz anders aus – in Berlin und Frankfurt war jedenfalls eine Google-Earth-Suche erfolglos – doch möglicherweise gibt es andere alte Aufnahmen oder Postkarten.

Wer mehr weiß, möge dies bitte über die Kommentarfunktion kundtun. Bei überzeugenden Vorschlägen wird der Blogeintrag entsprechend ergänzt.

Eine letzte Anmerkung zu den 6-Zylindermodellen von Stoewer aus den frühen 1920er Jahren. Neben dem hier abgebildeten Typ D5 wurde 1921 eine stärkere Version gebaut, die 55 PS aus knapp 5 Liter Hubraum leistete – der D6.

Es ist nicht auszuschließen, dass unser Foto ein Exemplar davon zeigt – bloß ist das sehr unwahrscheinlich, da weniger als 100 davon entstanden…

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Ein DKW mit 6 Zylindern: der Audi „Front“

Die sächsische Marke DKW – speziell ihre Frontantriebswagen – gehören zu den häufigsten „Gästen“ auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautomobile.

Dabei sind wir schon einigen Spezialausführungen begegnet wie dem schicken F5 Front Luxus Roadster oder dem rassigen Tornax Rex. Doch selbst die besaßen nie mehr als zwei Zylinder und arbeiteten nach dem Zweitaktprinzip.

Da mutet ein 6-Zylinder-DKW doch arg unglaubwürdig an – auch die eher seltenen Hecktriebler aus Zwickau mussten sich mit vier Töpfen begnügen.

Dennoch lässt sich die These vertreten, dass DKW einst auch Sechszylinderwagen vom Stapel ließ – die bloß als Audi verkauft wurden.

Das zu erklären, ist nicht ganz einfach. Am besten beginnen wir mit dem Audi, den wir hier zuletzt anhand eines Fotos eines Lesers vorstellen konnten:

Audi Typ M 18/70 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das ist der mächtige Audi Typ M 18/70 PS mit 4,7 Liter großem 6-Zylindermotor, der bis 1928 in rund 230 Exemplaren gebaut wurde. Die Stückzahl verrät bereits, dass Audi damals Manufakturwagen produzierte.

Daneben meinte man mit einem 8-Zylinderwagen glänzen zu müssen, dem nur 145mal gebauten „Imperator“.

Die Leserschaft wird es verzeihen, dass der Verfasser in diesem Fall auf eine Werksaufnahme aus seinem Archiv zurückgreifen muss – private Fotos dieses Dinosauriers sind nun einmal äußerst rar:

Audi Typ R 19/100 PS Imperator; Werksaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diesen 100 PS starken Koloss im „Amerikaner“-Stil wollen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen.

Das Fahrzeug illustriert aber, in welcher Nische sich Audi Ende der 1920er Jahre bewegte. Versuche, die Produktionskapazität auszuweiten, scheiterten an Kapitalmangel und fehlenden Typen, die dafür geeignet gewesen wären.

Am Ende waren die hochverschuldeten Audi-Werke nur noch Verfügungsmasse der Banken, die diesen Ballast geschickt bei DKW platzierten, deren Chef Rasmussen damals eine kühne Expansionsstrategie verfolgte.

Nach der Übernahme durch DKW im Jahr 1928 wurden im Audi-Werk noch eine Weile Achtzylinderwagen produziert, doch der Absatz ging immer weiter zurück.

Daran war DKW nicht ganz unschuldig. Denn auch dort hatte man sich in Sachen 8-Zylinderwagen verkalkuliert. DKW hatte in den USA das „Rickenbacker“-Motorenwerk gekauft und dessen Maschinen nach Deutschland verschifft.

Die auf Weisung von DKW mit Rickenbacker-Motoren gebauten 8-Zylinder-Audis erwiesen sich als Desaster.

Unterdessen hatte DKW-Chef Rasmussen jedoch erkannt, dass sich das Zwickauer Audi-Werk viel besser zur Massenproduktion des neu entwickelten DKW-Front-Typs eignete, der ein Riesenerfolg werden sollte.

Hier haben wir die Ausbaustufe DKW F4, wie sie 1934/35 gebaut wurde:

DKW F4 Front; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Schon bei den DKW-Kleinwagen hatten die Zwickauer gezeigt, wie attraktiv man Fronttriebler verpacken konnte und wie gut sie sich verkaufen ließen, wenn man über ausreichende Produktionskapazität verfügte.

Die hatte DKW in Zwickau in Form des Audi-Werks. Dennoch plante man für die einverleibte Marke eine neue Karriere als Hersteller frontgetriebener Wagen, die oberhalb der DKWs angesiedelt waren.

1933 war es soweit – der erste Audi Front wurde präsentiert:

Das soll ein Fronttriebler sein? Tja, so ändern sich die Zeiten.

Heute geht der Vorderradantrieb mit banalster Gestaltung einher, und die Käufer scheinen in dieser Hinsicht entsprechend abgestumpft zu sein. Doch in den frühen 1930er Jahren waren frontgetriebene Autos in Europa die Speerspitze des Fortschritts und entsprechend selbstbewusst kamen diese Wagen daher.

Zudem war in den 1930er Jahren noch die Kunst stilsicherer Formgebung lebendig und man nutzte plastische Gestaltungstechniken statt Computer-Design – ein Grund für die skulpturenhafte Anmutung vieler Autos jener Zeit.

Übrigens war in der Zwischenzeit auf Betreiben der Gläubigerbanken DKW nebst Tochter Audi mit Horch in der Auto Union zusammengefasst worden, zu der sich noch Wanderer aus Chemnitz gesellte, was Anlass zum legendären Emblem aus vier ineinandergreifenden Ringen gab.

So kam im ersten Audi Front kurzerhand ein Wanderer-Sechszylindermotor mit 40 PS zum Einsatz. Für den Frontantrieb waren einige Anpassungen erforderlich, doch das zunächst knapp 2 Liter messende Aggregat fügte sich gut ein.

Man erkennt die ganz frühen Exemplare des Audi Front vor allem am Fehlen seitlicher „Schürzen“ an den vorderen Schutzblechen:

Audi Front 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer hier spontan an einen Horch denkt, hat vermutlich die „1“ auf dem Kühler übersehen – das Erkennungszeichen der Audis seit 1923. Ansonsten ist die stilistische Ähnlichkeit durchaus gegeben.

Die Form der seitlichen Luftklappen in der Motorhaube entspricht zwar nicht dem Erscheinungsbild der frühen Limousinen, doch hier haben wir ein Cabriolet, das in der Regel von Gläser in Dresden gebaut wurde und solche Details aufwies.

Leider ist die Qualität der Aufnahme zu schlecht, um die markante „Gläser“-Plakette erkennen zu können, die meist unten vor der A-Säule angebracht wurde.

Nicht viel besser ist das folgende Foto, doch private Aufnahmen von Audis der Vorkriegszeit sind so selten, dass man nehmen muss, was man kriegen kann:

Audi Front 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der Unschärfe lässt sich dieser Audi Front sehr genau datieren. Er weist noch die seitlichen Luftklappen auf, die im Frühjahr 1934 Schlitzen wichen. Gleichzeitig verfügt er über Kotflügelschürzen, die erst ab Herbst 1933 auftauchten.

Man mag kaum glauben, dass sich ein so edles Auto nur schleppend verkaufte. Einer der Gründe war die geringe Leistung – selbst die eher biederen Hanomag-Sechszylinder des Typs „Sturm“ leisteten 50 PS.

Daher verbaute man ab 1934 beim Audi Front einen ebenfalls 50 PS leistenden Motor, dessen Hubraum (2,25 Liter) nun Einzug in die offizielle Bezeichnung hielt: Audi Front Typ 225.

Der neue Motor wurde wieder von Wanderer übernommen, galt aber als sehr durstig. Auch andere Mängel lasteten auf dem Image des überarbeiteten Modells.

Erst die 1936 vorgestellte, optisch und technisch weiter verfeinerte Version Audi Typ 225 Luxus wusste vollends zu überzeugen. Dazu trug auch die nochmals gesteigerte Motorleistung von 55 PS bei:

Audi-Reklame ab 1936; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Außer der gestiegenen Motorleistung sind dieser historischen Reklame weitere Details zu entnehmen:

Auf der Mittelstrebe des Kühlers prangt das Auto-Union-Emblem, das bei den ganz frühen Exemplaren des Audi Front noch fehlte.

Außerdem sieht man zwei übereinanderliegende Reihen Kühlluftschlitze, die bis Produktionsende 1938 beibehalten wurden. Rund 4.400 Exemplare des auf DKW-Initiative entstandenen Audi „Front“ entstanden bis dahin.

Zwar liest man bisweilen wie im Fall von DKW oder Adler, dass die frontgetriebenen Audis nach Kriegsbeginn 1939 von der Requirierung für die Wehrmacht verschont blieben, weil sie als untauglich galten.

Doch Fotos von Frontantriebswagen aller drei genannten Marken finden sich zahlreich in den Fotoalben deutscher Soldaten und das nicht nur bei Versorgungseinheiten hinter der Front.

Es wäre ja auch merkwürdig, dass ausgerechnet der frontgetriebene Citroen 11 CV eines der verbreitetsten und beliebtesten Beutefahrzeuge bei der Truppe war und die Fronttriebler aus eigener Produktion verschmäht worden sein sollen.

Einen einst im Dienst der Wehrmacht gelaufenen Audi Typ 225 Luxus zeigt wahrscheinlich auch diese Aufnahme:

Audi Typ 225 Luxus, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der durchgehend matte Lack und das verlorengegangene Auto-Union-Emblem auf dem Kühler machen einen Einsatz im Krieg wahrscheinlich.

Auch die nicht originale Stoßstange spricht dafür, dass wir es mit einem Veteranen zu tun haben, der nach dem Krieg in neue Hände kam, die auf Originalität wenig Wert legten.

Vielleicht kann ein Leser sagen, auf welche Nationalität das merkwürdige Kennzeichen verweist. Mangels Kombinationsmöglichkeiten kann es nur zu einem kleinen Staat oder einer Organisation mit begrenzter Fahrzeugzahl gehört haben.

Der Verfasser ist für alle Hinweise in dieser Richtung dankbar!

Literatur: Audi-Automobile 1909-40, von Peter Kirchberg und Ralf Hornung, Verlag Delius Klasing, 2. Auflage 2015

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Felix Austria: Fahrgenuss mit dem Steyr Typ V 12/40 PS

Wer sich im Geschichtsunterricht nicht gerade anderweitig beschäftigte, erinnert sich gewiss an den Wahlspruch des Hauses Habsburg, der einstigen österreichischen Herrscherdynastie:

„Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ – „Andere (Herrscher) mögen Kriege führen (um ihren Machtbereich auszudehnen), Du (aber), glückliches Österreich, heirate!“

In der Tat ist man mit diesem Motto lange Zeit gut gefahren und hat es weitgehend friedlich bis zum Riesenreich Österreich-Ungarn gebracht.

Doch mit dem Glück war es 1914 vorbei: Mit dem Serbienkrieg ignorierten Österreich und das verbündete Deutsche Reich die gezielt eingegangenen Allianzen der sie umgebenden Großmächte Russland, England und Frankreich – so wurde aus einem lokalen Konflikt der 1. Weltkrieg.

Am Ende hatte Österreich nicht nur den Krieg verloren, sondern die meisten der über Jahrhunderte hinzugewonnenen Besitzungen. Dennoch scheint sich Österreich nach dem 1. Weltkrieg rasch mit der neuen Rolle als ein kleiner Staat unter vielen abgefunden zu haben.

Politisch und ökonomisch war dagegen Deutschland der große Verlierer, was tiefe Spuren im Selbstbewusstsein hinterließ – mit bekannten Folgen.

Aus Frankreich zurückkehrende deutsche Truppen auf der Rheinbrücke bei Worms Ende November 1918; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach 1918 lassen sich auch in der Entwicklung der Automobilindustrie der beiden Länder unterschiedliche Wege erkennen.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen hielten die deutschen Hersteller lange an überholten Konzepten fest – technisch wie gestalterisch. Daran änderte auch die Sonderkonjunktur der Inflationszeit nichts, als Automobile eine der besten Anlagen darstellten, die man mit Papiergeld tätigen konnte

Verschlafen wurde vor allem der Trend zur Massenfabrikation einfacher, zugleich leistungsfähiger und zuverlässiger Fahrzeuge.

Bei einer Bevölkerung von über 60 Millionen Menschen blieb die Fahrzeugdichte weit niedriger als in Frankreich und England, von Amerika ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass die auf diesem Oldtimerblog ausgiebig gewürdigten US-Fabrikate bis Ende der 1920er Jahre auch hierzulande enorm erfolgreich waren.

Was machten unterdessen die kleinen österreichischen Hersteller? Nun, sie behielten ebenfalls die Manufakturfertigung bei, boten aber oft modernere und leistungsfähigere Technologie.

Anhand dieses Steyr Typ V 10/40 PS wollen wir uns näher mit dem Ansatz  der österreichischen Nachbarn beschäftigen:

Steyr Typ V 10/40 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Erstaunlich ist: Die in Steyr ansässige „Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft“ begann überhaupt erst 1919/20, Steyr-Automobile zu bauen.

Zum Glück hatte man den richtigen Mann an Bord geholt, Hans Ledwinka, der später bei Tatra noch zu großer Form auflaufen sollte. Ledwinka blieb Steyr zwar nur bis 1921 erhalten. Doch hinterließ er eine Konstruktion, die den Ruf der Marke als Hersteller feiner, sportlicher Automobile begründete:

Ein 6-Zylindermotor mit 3,3 Liter Hubraum mit obenliegender Nockenwelle und V-förmig angebrachten Ventilen ermöglichte in Verbindung mit einer kugelgelagerten (!) Kurbelwelle eine besonders drehfreudige Charakteristik.

Diese fortschrittliche Konstruktion kennzeichnete etliche Steyr-Typen der 1920er Jahre. Auf den ab 1920 in Serie gebauten Typ II (der Typ I war nur ein Prototyp) folgte 1924 in derselben Klasse das 40 PS starke Modell V auf unserem Foto.

Die Identifikation fällt bei dieser Aufnahmequalität nicht schwer:

Auf der Nabenkappe steht (auf dem Kopf) STEYR, auch auf dem Kühleremblem ist die zweite Hälfte des Namens ansatzweise zu lesen – umgeben von einem Fadenkreuz, das an das Hauptgeschäft der Firma erinnert.

Die Kühlermaske erinnert an Benz- und Mercedes-Modelle jener Zeit, doch treffen sich bei den Steyr-Wagen die vertikale und die horizontale Linie des Kühlerausschnitts fast rechtwinklig.

Bei Benz und Mercedes – sowie Puch und anderen Herstellern – stellt dagegen eine Diagonale die Verbindung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen her. Das sieht dann so aus wie auf dieser Aufnahme:

Benz 10/30 PS, 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den Benz-Freunden sei an dieser Stelle versprochen, dass „ihre“ Marke demnächst ebenfalls wieder anhand historischer Fotos aus der Sammlung des Verfassers gewürdigt wird.

Unterdessen mag ein Steyr-Kenner einwenden, dass der eingangs präsentierte Wagen doch ebenso ein ab 1925 gebauter Typ VII sein könnte, denn der sah trotz auf 50 PS erhöhter Leistung fast genau so aus.

Doch das Fehlen von Bremstrommeln am Vorderrad sagt uns, dass wir eher einen Steyr Typ V vor uns haben. Zwar waren die Vorderradbremsen beim stärkeren Typ VII aufpreispflichtig, doch auf Bildern des Modells in der Literatur sieht man sie praktisch durchgängig.

Der Fahrer des Wagens könnte uns das vermutlich bestätigen, doch scheint er nicht für ein Gespräch aufgelegt zu sein…

Ihn nervt sicher der Koffer auf dem Fahrersitz, der sich in flott gefahrenen Linkskurven selbstständig macht – einen Kofferraum hatte so ein Tourenwagen ja nicht.

Vermutlich bevorzugten die Herrschaften im Fond eine beschauliche Fahrweise und wussten womöglich gar nicht, welche technischen Leckerbissen sich unter der Haube ihres Wagens verbargen.

Ihnen dürfte das exklusive Vergnügen wichtiger gewesen zu sein, einen der schnittigen und ausgezeichnet verarbeiteten Steyr Typ V zu besitzen, von dem keine 2.000 Exemplare gebaut wurden.

Übrigens hatten wir vor einem Jahr schon einmal mit solch einem Prachtstück zu tun, sprachen dieses damals aber noch als Steyr Typ VII an:

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto mit kühner Perspektive sowie perfekter Belichtung und Tiefenschärfe zeigt aber eher ebenfalls einen Steyr des Typs V. Das legt zumindest das Fehlen der vorderen Bremstrommeln nahe.

Die Kühlerfigur zeigt übrigens einen Hund, der „Männchen“ macht. Mit kleinen Accessoires wie diesem individualisierte man einst sein Automobil.

Wer sich so einen Wagen leisten konnte, hatte auch das Geld für einen handwerklich geschaffenen Kühlerschmuck. Solche nach Kundenwunsch angefertigten Kühlerfiguren waren oft kleine Kunstwerke und sind ein Sammelgebiet für sich.

Und das waren die Leute, die sich so etwas gönnten:

In welcher Beziehung die fünf aufmerksam in die Kamera schauenden Personen zueinanderstanden, bleibt offen.

Besonders würdevoll schaut der ältere Herr hinter dem fröhlichen Fahrer drein – sicher ist er noch im 19. Jahrhundert großgeworden.

Zusammen mit dem Fotografen müssen hier sechs Personen an einem sonnigen Tag unterwegs gewesen. Der beachtliche Radstand des Steyr wird drei Sitzreihen ermöglicht haben, sodass unsere kleine Gesellschaft bequem darin Platz fand.

Man kann sich anhand der Höhe des Trittbretts vorstellen, dass man in einen solchen großzügigen Wagen noch hinein“stieg“. Heute ist speziell für die Passagiere im Fond eher „bücken“ angesagt und an die einstige Aussicht der rückwärtigen Insassen ist selbst in modernen Cabrios nicht zu denken…

Wer vom rundherum sinnlichen Erlebnis der Welt im Automobil träumt, muss sich eben einen der Tourenwagen der Zwischenkriegszeit zulegen!

Glückliches Österreich, das nach dem 1. Weltkrieg solche herrlichen Automobile bauen konnte – doch wo sind sie geblieben?

Literatur: Die Steyrer Automobil-Geschichte, von Hubert Schier, Verlag Ennsthaler, 2015, ISBN: 978-3850689267

Internet: http://www.steyrer-automobilgeschichte.at/

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Offenes Geheimnis: Wanderer 10/50 PS Cabriolet (W11)

Der gestrige Blogeintrag befasste sich mit der Herausforderung, die die preisgünstigen 6-Zylinderwagen aus US-Großserienproduktion ab Mitte der 1920er Jahre für die rückständige deutsche Autoindustrie darstellten.

Eine der frühesten Antworten darauf gab die Frankfurter Marke Adler im Jahr 1927 mit dem Typ „Standard 6“, den wir (nebst Verwandten wie dem „Favorit“)  schon besprochen haben – in zeitgenössischen Originalfotos, versteht sich.

1928 folgte im sächsischen Chemnitz die bis dahin ebenfalls im Tiefschlaf liegende Marke Wanderer. Aus dem Motor des grundsoliden, aber der Konkurrenz aus Übersee unterlegenen Vierzylindertyps 10/30 PS (W10) leitete man einen Sechszylinder ab, der aus 2,5 Liter Hubraum beachtliche 50 PS leistete.

Damit sicherte man sich zugleich produktionstechnische Vorteile, denn das neue Aggregat hatte viele Teile mit dem parallel weitergebauten Vierzylinder gemeinsam.

Mit dem weich laufenden, kraftvollen Antrieb und einer nach US-Vorbildern überarbeiteten Frontpartie rückte Wanderer eine ganze Klasse nach oben.

Wie eindrucksvoll die neuen 10/50 PS-Wagen daherkamen, das konnten wir bereits vor längerem an dieser schönen Aufnahme sehen:

Wanderer 10/50 PS (W11); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hatten die Techniker und Gestalter von Wanderer endlich ganze Arbeit geleistet. Damit konnte man sich blicken lassen!

Neben dem 6-Zylindermotor, der schaltfaules Fahren erlaubte, hatte man dem neuen Spitzenmodell hydraulische Vierradbremsen spendiert. Die Kühlermaske war nun voll verchromt und besaß von innen verstellbare Lamellen.

Neu war auch das geflügelte „W“, das Vertriebsvorstand von Oertzen ersonnen hatte – er war auch bei der Imagekampagne federführend, die Wanderer damals erfolgreich in die Reihe der gehobenen Adressen rückte.

Die Scheibenräder, die profilierten Schutzbleche, die Fahrtrichtungsanzeiger auf denselben, die Positionsleuchten sowie die Doppelstoßstange behalten wir an dieser Stelle im Hinterkopf – darauf kommen wir zurück.

Hier nun die eigentliche Aufnahme, um die es heute gehen soll – sie wurde uns von Leser Marcus Bengsch zur Verfügung gestellt, der aus seiner Sammlung bereits zwei hochkarätige Fotos von Röhr-Automobilen beigesteuert hat (hier und hier):

Wanderer 10/50 PS (W11); Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Auf den ersten Blick glaubt man kaum, dass dieser kompakt erscheinende Wagen ebenfalls ein Sechszylindertyp von Wanderer ist – noch dazu aus derselben Zeit.

Die andersartige Wirkung hat zum einen mit der hellen Lackierung zu tun, zum anderen mit dem Aufbau als zweitüriges Cabriolet.

Kein Wunder, dass der Verfasser das Auto erst einmal in die Vierzylinderschublade steckte – die zeitgleich mit dem Wanderer W11 gebauten kleineren W10/III-Modelle waren optisch entsprechend aufgewertet worden.

Der hohe Schweller mit den beiden horizontalen Sicken ist aber ein untrügliches Zeichen, dass wir hier tatsächlich ein 6-Zylindermodell vor uns haben. Auch die Größe der Insassen in Relation zum Aufbau verrät: das ist ein erwachsenes Auto!

Nun aber zu den Details – hier die Frontpartie in der Vergrößerung:

Wir sehen wieder: schüsselförmige Scheibenräder, verchromte Doppelstoßstange, Chromkühler mit lackierten Lamellen, Wanderer-Emblem und -Kühlerfigur sowie die ausgeprägten Sicken in den Schutzblechen.

Auch die vollverchromten Scheinwerfer entsprechen dem Erscheinungsbild der Limousine. Die Scheibenräder wurden im Frühjahr 1929 eingeführt. Kühler und Schutzbleche in dieser Ausführung gab es nur bis Ende 1930.

Anhand dieser Beobachtugen können wir die Bauzeit beider Autos recht genau eingrenzen: 1929/30 – das ist nicht immer so einfach. Doch aufmerksame Leser werden sich fragen: Was ist mit den Fahrtrichtungsanzeigern passiert?

Ein interessanter Punkt, denn sie wichen erst Ende 1930/Anfang 1931 Winkern – am Frontscheibenrahmen. Die Erklärung hat mit dem „offenen Geheimnis“ zu tun, das im Titel dieses Blogeintrags anklang.

Denn wer sich näher mit der Marke Wanderer befasst, stellt fest, dass es bei den offenen Varianten eine enorme Vielfalt an Karosserien und Detaillösungen gab. Das gilt besonders für das hier gezeigte zweitürige Cabriolet:

Ganz offensichtlich ist dies ein viersitziges Fahrzeug, doch die Ausführung mit nur zwei Türen und zwei Fenstern lässt den Wagen beinahe sportlich wirken.

Es ist wohl kein Zufall, dass die reizvollsten Karosserien auf Basis des Wanderer 10/50 PS (W11) eine Variation über dieses Thema darstellten.

Die Literatur („Wanderer Automobile“ von Thomas Erdmann/Gerd G. Westermann, Verlag Delius Klasing) führt als Hersteller solcher zweitüriger Cabrios auf Basis des Wanderer W11 einige der angesehensten deutschen Karosseriebauer auf:

  • Gläser aus Dresden, Baur und Reutter aus Stuttgart, Drauz aus Heilbronn, Hebmüller aus Wülfrath, Neuss aus Berlin und Zschau aus Leipzig.

Im Unterschied zu Mercedes-Benz etwa gab es bei Wanderer keine Werkskarosserien. Allenfalls bei der Limousine darf man annehmen, dass viele davon einen konventionellen Aufbau von Ambi-Budd erhielten.

Die offenen Karosserien dagegen waren individuell und das könnte das Fehlen der Blinker auf den Kotflügeln erklären. Vielleicht sind sie auch später ersetzt wurden, als Winker auf Türhöhe statt am Fensterrahmen angebracht wurden.

Wie auch immer: An der Identifikation des Wagens als Wanderer 10/50 PS (W11) von 1929/30 kann kaum ein Zweifel herrschen. Nur das „offene Geheimnis“ hätte der Verfasser gern noch geklärt: Wer war der Lieferant dieses Aufbaus?

Vermutlich nicht dabei helfen wird folgende Information, die der Rückseite des Abzugs zu entnehmen ist: Demnach entstand dieses Foto an Pfingsten 1932 in Bad Harzburg (Niedersachsen), das Kennzeichen passt dazu.

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Zufälle gibt’s – ein Essex von 1930 in Sachsen!

Bei der Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf historischen Privatfotos – dem Schwerpunkt dieses Oldtimerblogs – stößt man immer wieder auf (vermutlich) hoffnungslose Fälle wie den folgenden:

Unbekannte Limousine bei Lindau; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

 

Vor einer in sanftes Abendlicht getauchten Landschaft in der Bodenseeregion stand im Jahr 1928 einst diese großzügige Sechsfensterlimousine mit Zulassung im Raum Berlin (Kennung I A).

Leider hat der Fotograf nicht nur die Kamera schief gehalten – der Kirchturm links neigt sich bedenklich – er hat auch die Entfernung am Objektiv falsch eingestellt, sodass nur der Hintergrund scharf abgebildet ist.

Doch selbst bei einer technisch besseren Aufnahme stünden die Chancen aus diesem Blickwinkel schlecht, Marke und Typ des Wagens herauszufinden.

Schräg von hinten sahen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ziemlich alle Limousinen so aus – ganz gleich ob aus europäischer Produktion oder aus Übersee.

Wegen der gleichförmigen Gestaltung der Heckpartie – hier lebte immer noch die Kutschenform fort – sind Aufnahmen aus dieser Perspektive eher selten und auch wegen der schönen Situation wäre es schade, dieses Bild nicht zu zeigen.

Wer meint zu wissen, mit was für einem Auto diese Herrschaften einst unterwegs waren, ist natürlich eingeladen, dies über die Kommentarfunktion kundzutun.

Wir wenden uns nun einem anderen, auf den ersten Blick ebenfalls aussichtslosen Fall zu:

Essex Super Six von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Daran dass hier noch Schnee liegt, erkennt man, dass diese Aufnahme schon eine ganze Weile in der Sammlung des Verfassers schlummert.

Spaß beiseite – hier schien es erst einmal ratsam, das Foto „auf Eis“ zulegen und auf den Zufall zu hoffen. Denn auch hier haben wir wieder eine typische Sechsfenster-Limousine, die formal noch in die Endzwanziger gehört.

Nur eine Sache fällt auf – die eigenwillige Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube:

Zwei Reihen von Luftschlitzen übereinander findet man nicht oft, eines der wenigen Beispiele ist der Steyr Typ XII von 1930. Und die zur Mitte ansteigende Höhe der Schlitze könnte sogar einzigartig sein – doch was nützt einem das?

An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Suchmöglichkeiten im Internet und erst recht die Auskunftsfähigkeit künstlicher angeblicher Intelligenz rasch an ihre Grenzen stoßen. Wonach soll man denn in so einem Fall suchen oder fragen?

Genau. Deshalb sind der biologische Computer namens Gehirn und eine seiner uralten Erfindungen – das gedruckte Buch – längst nicht überholt. Denn die beiden erlauben eine einzigartige freie und dennoch zielgerichtete Recherche.

Das geht wie folgt: Wir wissen, dass der Abzug auf der Rückseite den Stempel eines Fotostudios in Dresden trägt. Da wir glauben, deutsche Automobile der Zwischenkriegszeit recht gut zu kennen, schließen wir solche kurzerhand aus.

Welche Fahrzeuge haben dann am ehesten eine Chance, auf einer solchen Aufnahme aus Deutschland abgebildet zu sein?

Nun, da stützen wir uns auf eine Statistik, die wir aus Werner Oswalds Schinken „Deutsche Autos 1920-45“ kennen (S. 401). Dort ist vermerkt, dass 1929 satte 40 % aller PKW-Neuzulassungen hierzulande auf ausländische Fabrikate entfielen.

Die einzigen Hersteller, die damals entsprechende Stückzahlen exportieren konnten, waren neben Fiat die großen US-Firmen.

Zum Glück gibt es Druckwerke, die eine entsprechende Vorauswahl beinhalten, im vorliegenden Fall „American Cars in Europe 1900-1940“ und „American Cars in Prewar England“, beide von Bryan Goodman (erschienen 2004 bzw. 2006).

Also einmal beide Bücher rasch durchgeblättert in der Hoffnung, auf eine Abbildung zu stoßen, die die eigentümlichen Luftschlitze auf unserem Foto zeigt.

Und tatsächlich, auf Seite 64 des zweiten Werks wird man fündig!

Demnach haben wir hier einen Essex Super Six aus dem Baujahr 1930 vor uns, damals eines der günstigsten und erfolgreichsten Sechszylindermodelle.

Dem Verfasser war es ebenfalls lange nicht bewusst, doch die Marke aus dem Hudson-Verbund war Ende der 1920er Jahre kurze Zeit die Nr. 3 hinter Chevrolet und Ford am amerikanischen Markt.

Mehr zur Historie dieser 1933 aufgegebenen Marke findet sich in einem älteren Blogeintrag zum Essex Super Six von 1928.

Der Zufall will es außerdem, dass der nach der uralten angelsächsischen Grafschaft „Essex“ benannte Wagen einst ebenfalls in Sachsen einen Käufer fand.

Der hoffnungsfroh in die Ferne schauende junge Mann auf dem Foto dürfte aber wohl eher der Fahrer als der Besitzer gewesen sein:

Wer sich um 1930 in Deutschland einen Fahrer leistete, musste schon gut betucht gewesen sein. Doch der Essex war trotz Importzöllen günstig zu haben und mit knapp 60, später 70 PS ordentlich motorisiert.

In dieser Klasse bot außer NAG mit dem Typ 12/60 PS kein deutscher Hersteller einen vergleichbaren 6-Zylinderwagen an – seit Ende der 1920er Jahre war der hiesige Markt für solche Fahrzeuge zu klein. Da konnten die US-Hersteller punkten.

Doch im weiteren Verlauf der 1930er Jahre endete die Blüte der „Amerikanerwagen“ in Deutschland, da die inländischen Hersteller endlich aufwachten und für den heimischen Markt besser geeignete, moderne und zunehmend erschwingliche Wagen entwickelten.

So werden wir kaum noch einem Essex auf einem in Deutschland aufgenommenen Foto aus späterer Zeit begegnen. Der Stil dieses Wagens veraltete in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg zusehends und viele solcher US-Autos dürften bereits damals recht bald auf dem Schrott gelandet sein.

Gemessen an der einstigen Verbreitung amerikanischer Autos im deutschen Sprachraum sind solche US-Vorkriegsmodelle heute bei uns äußerst rar. Das macht diese technische wie formal anspruchslosen Wagen schon wieder interessant.

Ein ganz eigenes Kapitel sind US-Automobile mit Spezialaufbauten deutscher Manufakturen. So etwas Feines bringen wir hier gelegentlich auch…

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Anschauungsunterricht mit Opel-Taxi von 1911

Wer als Oldtimerfreund seine Interessen auf Nachkriegsfahrzeuge beschränkt, ist selbst schuld, wenn ihm irgendwann langweilig wird.

Ein paar Dutzend Marken, die meisten Typen zigtausendfach gebaut, abgesehen von einem grandiosen Abgesang der Karosseriebaukunst im Italien der 1950/60er Jahre überwiegend Konfektionsware.

Der Verfasser besitzt zwar selbst einige Autos der 1960 bis 80er Jahre. Aber: Das Gefühl, dass man es mit einem geheimnisvollen Boten aus einer untergegangenen Welt zu tun hat, das stellt sich nur bei Vorkriegsautos ein.

Dabei gilt die Devise „je älter, desto besser“. Hier zählen nicht Pferdestärken, Höchstgeschwindigkeit oder prominente Vorbesitzer.

Die Beschäftigung mit den frühen Automobilen lässt einen an der Entwicklung einer Innovation teilhaben, die unser Leben so stark verändert hat wie zuvor nur die Dampfmaschine. Das gilt besonders für Autos aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Die Fahrzeuge aus der Pionierzeit sind jedoch leider in der einschlägigen Literatur häufig nur mäßig bis gar nicht dokumentiert.

Über 100 Jahre alten Automobilen muss man sich daher mit der Sorgfalt eines Archäologen nähern, der es gewohnt ist, einen Fund anhand von Münzen, formalen Details und Fertigungstechniken zu datieren.

Heute geben wir etwas Anschauungsunterricht in dieser Hinsicht, und zwar anhand dieses Taxis:

Opel Taxi um 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese prachtvolle Aufnahme liefert perfektes Ausgangsmaterial. Der Wagen wirkt auf das ungeschulte Auge beliebig, doch das Foto ist detailliert genug, um eine präzise Ansprache zu ermöglichen.

Vergessen kann man in solchen Fällen allerdings, dass man in der Literatur genau dieses Fahrzeug abgebildet findet.

Zum einen sind – wenn überhaupt – nur wenige der prinzipiell unzähligen Karosserievarianten dokumentiert. Denn meist lieferten unabhängige Stellmacherfirmen den Aufbau in individueller Manier.

Zum anderen handelt es sich bei historischen Abbildungen oft um Darstellungen aus Prospekten, die nicht den Anspruch fotografischer Genauigkeit hatten.

Häufig hilft nur das detektivische Verfahren der Eingrenzung bzw. des Ausschlusses anhand bekannter Merkmale. Und genau das wenden wir jetzt an:

Der erste Blick bei sehr frühen Automobilen gilt immer der Frontpartie. Wenn man einen Ausschnitt des Kühlers zu sehen bekommt, ist das oft die halbe Miete.

Hier haben wir Glück, denn oben auf der Kühlermaske – dem Bauteil, das das eigentliche Kühlernetz einrahmt – sehen wir klar das augenförmige Opel-Emblem.

Bei Wagen aus der Pionierzeit ist dies oft der einzige Hinweis auf die Marke, weil zu Beginn die meisten Wagen auch formal bewährten Vorbildern von Benz, DeDion oder Panhard folgten bzw. Lizenznachbauten von deren Konstruktionen waren.

Der birnenförmige Kühlerausschnitt ist typisch für Opel-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Nach 1918 baute Opel dagegen vor allem Spitzkühlermodelle, wenngleich es erste Vorläufer bereits 1914 gab.

In die Zeit vor dem Krieg verweisen auch die prachtvollen Scheinwerfer, die mit Karbidgas betrieben wurden, also ihre Energie noch nicht von einer Lichtmaschine erhielten. Typisch für die Zeit sind zudem die spitz zulaufenden Schutzkappen.

Ein Illustrator von Jules-Verne-Romanen oder ein Ausstatter früher futuristischer Filme hätte sich dies nicht schöner ausdenken können. Selbst bei Benzinkanistern findet man diese Ästhetik bisweilen.

Zwar gab es schon 1914 elektrische Scheinwerfer als Sonderausstattung, doch sind Gaslampen am Auto nach dem Krieg kaum zu finden.

Auch die Häufigkeitsverteilung des Zwirbelbartes bei den sieben Herren auf dem Foto spricht klar für eine Vorkriegsaufnahme:

Nach dem 1. Weltkrieg überwiegen auf solchen Fotos einfache Schnauzbärte oder man ist ganz glattrasiert wie der blasiert dreinschauende junge Mann auf der Rückbank. Den „Kaiser-Wilhelm“-Bart trugen später nur noch ältere Herren, auch dies ein wichtiges Leitfossil bei solchen Aufnahmen.

Wer die Kleidung der Männer betrachtet, wird außerdem feststellen, dass jeder im Detail seinen eigenen Stil pflegt. „Boss“-Anzüge von der Stange oder uniforme „Jack-Wolfskin“-Freizeitjacken gab es damals noch nicht.

Die Kopfbedeckungen sind Varianten der Prinz-Heinrich-Mütze und der Schieberkappe – auch heute perfekte Accessoires bei einer Veteranenausfahrt.

Auto und Aufnahme sind nach der Lage der Dinge klar vor dem 1. Weltkrieg entstanden.

Wie können wir nun den Wagen weiter eingrenzen? Dabei hilft ein Blick auf die Partie zwischen der Motorhaube und der Schottwand zum Innenraum:

Bei ganz frühen Automobilen stieß die waagerecht verlaufende Motorhaube auf die vertikale Schottwand mit Frontscheibe (so vorhanden).

Im Rennsport bemühte man sich jedoch früh um die Reduzierung des Luftwiderstands. So verfiel man auf Luftleitbleche, die für einen fließenden Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe und dem eigentlichen Aufbau sorgten – der „Windlauf“ war geboren.

1909/10 setzte sich dieses Element auf breiter Front bei Serienwagen durch. Es gibt auch hier Ausnahmen, doch grundsätzlich kann man Autos mit Windlauf auf die Zeit ab 1909 datieren.

Anfänglich stieg der Windlauf steil von der fast flachen Motorhaube nach oben an, ab 1912 begannen die beiden Linien miteinander zu verschmelzen.

Auf unserem Foto sehen wir ein Zwischenstadium: Die Motorhaube steigt leicht an, stößt dann abrupt auf den Windlauf, der wiederum in etwas steilerem Winkel nach oben reicht. Der Übergang scheint bewusst akzentuiert, auch wenn dies unter dem aerodynamischen Aspekt nicht ideal war.

Doch für Serienautos war die Windschnittigkeit kein relevantes Kriterium, dafür waren die auf den damaligen Straßen erzielbaren Geschwindigkeiten zu niedrig. Zunächst war der Windlauf ein sportlich wirkendes Accessoire – vergleichbar manchem Spoiler an braven Familienautos der 1970/80er Jahre.

Damit hätten wir für unseren Opel als Arbeitshypothese ein Entstehungsdatum um 1911. Lässt sich dies weiter untermauern? Ja, und zwar anhand dieses Ausschnitts:

So prosaisch dies auch wirken mag – hier können wir der Geburt des „Schwellers“ beiwohnen.

Die waagerecht verlaufende hellgraue Partie mit der vorderen Aufhängung der hinteren Blattfedern ist der Rahmen des Wagens. Das Trittbrett war dort ursprünglich an vertikalen Auslegern befestigt, wie wir hier auch einen sehen – nur, dass man anfänglich zwischen Rahmen und Trittbrett hindurchsehen konnte.

Diesen Zwischenraum kaschiert hier zwar bereits ein Blech. Dennoch sieht man hier noch die Blattfederaufnahme und einen Spalt zwischen dem hinteren Kotflügel und der Rahmen- bzw. Schwellerpartie.

Ab 1913/14 wird der Blick auf die Federaufnahme und die Trittbretthalterung durch das Schwellerblech bzw. eine kastenförmige Ausbuchtung kaschiert. Das gilt näherungsweise auch für andere deutsche Marken.

Im Grunde folgten die frühen Automobile dem Gestaltungsgrundsatz „form follows function“, bevor dieser formuliert wurde.

Nur auf den ersten Blick wirken Veteranenautos fremdartig, bisweilen verspielt. Betrachtet man sie genauer, kann man sie präzise in ihre funktionalen Elemente zerlegen. Das versuche man heute einmal bei einem Renault „Koleos“…

Bevor wir es vergessen: So eindrucksvoll der Opel auf dieser Aufnahme auch wirkt – die dünnen Vorderschutzbleche und der kurze Radstand verweisen auf ein eher kleines Modell wie den Typ 6/16 PS, wie er ab 1911 gebaut wurde.

Die größeren Opel-Modelle wiesen durchweg Radstände von rund 3 Meter und mehr auf. Selbst wenn der Herr, der am Heck steht, nur 1,65m groß gewesen sein sollte, kann der Radstand kaum mehr als 2,80 m betragen haben.

Und da kommen nur sehr wenige Opel-Modelle in Frage, denn vor über 100 Jahren bauten die Rüsselsheimer überwiegend Oberklassefahrzeuge – tempi passati…

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Glück – das war einst ein großer Fiat Tourenwagen…

1927 – vor 90 Jahren also – kam in Deutschland ein Auto auf 170 Einwohner. Das ist dem Monumentalwerk „Die deutsche Automobilindustrie“ von Hans C. von Seher-Thoss (1. Auflage 1974) zu entnehmen.

Anders gesagt besaßen damals rund 0,5 % der Deutschen ein Automobil. Im selben Jahr baute in den USA allein Chevrolet über eine Million Fahrzeuge…

Während sich in den Staaten praktisch jeder ein Auto leisten konnte, blieb dies in Deutschland ein exklusives Vergnügen. 

Man kann das im Wesentlichen mit dem verlorenen 1. Weltkrieg – oder besser gesagt – den erdrosselnden Auflagen der Siegermächte erklären:

  • Elsass und Lothringen wurden von Frankreich annektiert, Saarland und Ruhrgebiet besetzt bzw. wirtschaftlich durch Frankreich genutzt; das Industriezentrum Oberschlesiens ging an Polen,
  • alle überseeische Gebiete mussten abgetreten und der Großteil der Handelsflotte den Alliierten übergeben werden,
  • 1921 wurden Deutschland im Nachgang zum Versailler Vertrag Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark auferlegt, abzustottern bis 1987,
  • mehr als ein Viertel der Exporteinnahmen waren an die Alliierten abzuliefern.

Das waren die Rahmenbedingungen (Quelle), die erklären helfen, weshalb Deutschland in den 1920er Jahren in Sachen individueller Mobilität hoffnungslos in Rückstand geriet – von den politischen Folgen ganz abgesehen.

So entschieden sich viele derer, die sich hierzulande überhaupt ein Automobil leisten konnten, für ausländische Fahrzeuge.

Neben US-Produkten waren in den 1920er Jahren vor allem die Modelle von Fiat erfolgreich im deutschsprachigen Raum, so auch dieses hier:

Fiat 507 oder 512 Tourenwagen; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Mal ehrlich: Wer verbindet heute mit einem so großzügigen Wagen die Marke Fiat? So ändern sich die Zeiten und nicht in jeder Hinsicht nur zum Besseren…

In der Zwischenkriegszeit gehörten die Turiner Automobile zu den weltweit populärsten Fahrzeugen aus europäischer Produktion. Die Typen 501, 509 und 503, die wir hier bereits mehrfach besprochen haben, wurden ein Welterfolg.

Weniger bekannt sind die darüber angesiedelten Modelle 507 bzw. 512. Dabei handelte sich um ab 1926 gebaute Vier- und Sechszylindermodelle mit 2,3 bzw. 3,5 Liter Hubraum, die 35 bzw. 46 PS leisteten.

Mit insgesamt nur etwas mehr als 6.000 Exemplaren gehören sie zu den raren Fiat-Modellen jener Zeit. Zum Vergleich: Etliche deutsche Marken erzielten während ihres gesamten Bestehens nicht solche Stückzahlen.

Woran erkennt man aber diese gehobenen Fiat-Typen? Dazu schauen wir uns die Frontpartie des Wagens auf unserem Foto genauer an:

Über das Fiat-Emblem auf der mit klassisch geformtem Dreiecksgiebel versehenen Kühlermaske muss man keine Worte verlieren.

Interessanter wird es weiter unten: Die seitliche Verkleidung der Partie unterhalb des Rahmens und das ebenso weit hinunterreichende Abdeckblech unter dem Kühler sind typisch für die „großen“ Fiat-Modelle 507 und 512.

Das Tückische ist, dass sich die Versionen sonst äußerlich kaum unterschieden. Der Sechszylindertyp 512 wies gegenüber dem Vierzylindermodell 507 einen längeren Radstand auf, der dem längeren Motorblock geschuldet war.

Auf einer Aufnahme wie der hier vorgestellten lassen sich solche Unterschiede in den Proportionen kaum nachvollziehen.

Letztlich blieben beide Modelle gegenüber den kleinen Fiats jener Zeit sehr exklusiv. Umso erfreulicher, so einer Rarität und ihren erkennbar glücklichen Insassen auf einer historischen Aufnahme zu begegnen:

Mit so einem sechssitzigen Tourenwagen aus dem Hause Fiat konnte man sich Ende der 1920er Jahre wahrhaft glücklich schätzen. Wir können heute kaum ermessen, wie bescheiden es bei 99 % der Deutschen damals zuging.

Die Insassen dieses Wagens wussten sicher, dass sie zu den „happy few“ gehörten, die in ihrer Freizeit eine solche Ausfahrt unternehmen konnten.

Dem Kennzeichen nach zu urteilen, scheinen unser glücklichen Fiat-Insassen einst in Südtirol gelebt zu haben, das 1918 an Italien fiel – ein Thema für sich…

Wir freuen uns mit ihnen an dem Fiat-Tourenwagen, der damals ein Prestige bot, von dem nichts geblieben ist außer dieser Aufnahme. Doch Oldtimer-Liebhaber können sich auch an längst vergangenem Glück erfreuen…

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ein auto

Achtender in den Schweizer Bergen: Oldsmobile von 1934

Zu den Ländern, die schon immer fast vollständig auf den Import von Automobilen angewiesen waren, gehört die Schweiz.

Das erstaunt, haben doch gerade die Schweizer etliche führende Adressen in den Bereichen Mechanik und Maschinenbau geschaffen. Dass sie auch hervorragende Automobile bauen konnten, zeigte bereits früh die Firma Martini.

Die Waffenfabrik aus Neuchatel begann noch vor 1900 mit eigenständigen Konstruktionen und machte bald mit Sporterfolgen von sich reden. Dazu passt diese Aufnahme aus einer Zeitung von 1908:

Martini-Voiturettes von 1908; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Abbildung zeigt die Rennsportwagen, mit der Martini 1908 beim Grand Prix de Voiturettes in Dieppe antrat, vor der Abfahrt nach Frankreich.

Zu großer Form liefen die Martini-Wagen erst in der Zwischenkriegszeit auf, doch das ist sehr relativ – die Firma baute insgesamt nur 3.500 Wagen.

Da Martini als erfolgreichste Automarke der Schweiz gilt, kann man sich vorstellen, welche winzigen Stückzahlen die anderen Fabriken herstellten…

Zu erklären ist dies wohl damit, dass die Schweiz für einen nennenswerten Autoabsatzmarkt lange Zeit viel zu arm war.

Wenn die Schweiz heute zu den reichsten Ländern der Welt gehört, hat sie das zum einen klassischen Tugenden zu verdanken: Anstrengungsbereitschaft, Wissbegier, Erfindungsreichtum, Fleiß, Disziplin und Können.

Zum anderen hat die Volksherrschaft verhindert, dass das Land seine Energie in Kriegen, Revolutionen und anderen gegen die Interessen der Bürger gerichteten  Aktivitäten verpulvert.

Die wirtschaftlichen Früchte des Schweizer Modells begannen erst in den 1930er Jahren allmählich sichtbar zu werden.

Eindrucksvoll illustriert wird dies durch die folgende Aufnahme:

Oldsmobile L-Series von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn für uns das Fahrzeug im Mittelpunkt steht, kann man sich der dramatischen Wirkung dieses Fotos nicht entziehen.

Wie hier die das Gebäude nebenan, der Telegrafenmast und die Berglandschaft einbezogen wurden, alle Achtung. Ein Mehr an Kontrast und Tonwertreichtum ist kaum vorstellbar – hier wurde auch in der Dunkelkammer beste Arbeit abgeliefert.

Die vier Personen an dem Wagen waren es gewohnt, fotografiert zu werden – nur der kleine Hund schien keine Lust zu haben und musste festgehalten werden.

Die gelungene Inszenierung ist des Wagens würdig, den wir hier vor uns haben:

Dass das Auto aus amerikanischer Produktion der 1930er Jahre stammt, ist klar.

Der schrägstehende Kühlergrill mit den gedoppelten Zierleisten und die bis auf die Stoßstange hinuntergezogenen Vorderschutzbleche erlauben eine zeitliche Einengung auf die erste Hälfte der 1930er Jahre.

Die US-Autos jener Zeit wurden jedes Jahr stilistisch überarbeitet und alle Hersteller waren darauf bedacht, in gestalterischer Hinsicht nicht den Anschluss zu verlieren. Hier war bereits voll ausgeprägt, was in der Nachkriegszeit noch bizarre Blüten am US-Automarkt treiben sollte.

Ein eigenes Gesicht hatten damals von den großen Produzenten noch am ehesten die Fahrzeuge von Ford und Chrysler. Bei den Marken aus dem General Motors-Konzern fällt es mitunter schwer, die Typen auseinanderzuhalten.

Im vorliegenden Fall probierte der Verfasser erst einmal die üblichen Verdächtigen aus: Buick, Chevrolet und Cadillac. Dann kamen die unabhängigen Marken Hudson und Studebaker an die Reihe – ebenfalls Fehlanzeige.

Erst die Suche nach vergleichbaren Wagen von Oldsmobile lieferte einen Treffer: Das ist eindeutig ein Achtzylinder der L-Serie von 1934. Äußerlich sehr ähnlich, aber kürzer war die F-Serie mit Sechszylindermotor.

Leistungsmäßig nahmen sich die beiden Versionen nicht viel: ein Oldsmobile der F-Serie verfügte über 84 PS, beim Achtender der L-Serie waren es 90 PS.

Die in einem Oval eingefasste „8“ unten am Kühler verrät, dass sich der Käufer des Oldsmobile auf dem Foto einst für das Spitzenmodell entschieden hatte.

Das konnte sich in der Schweiz in den 1930er Jahren nur jemand leisten, der in Industrie, Handel oder Finanzen zu Geld gekommen war. Dazu will das Kennzeichen mit „ZG“ für den kleinen Kanton Zug nicht recht passen.

Möglicherweise ging der Besitzer aber im Nachbarkanton Zürich einer lukrativen Tätigkeit nach. Leider wissen wir nichts über Ort und Datum der Aufnahme.

Übrigens: Die bereits 1897 von R.E. Olds im US-Bundesstaat Michigan gegründete und 1908 vom General Motors-Verbund übernommene Marke verbaute schon seit 1916 eigene V8-Motoren in ihren Wagen.

Dies unterstreicht einmal mehr, wie weit ihrer Zeit voraus die amerikanische Automobilindustrie einst war.

Auch 1934 musste sich ein Oldsmobile mit seiner Einzelradaufhängung vorne noch nicht vor der inzwischen aufholenden europäischen Konkurrenz verstecken.

Bezieht man Ausstattung, Leistungsfähigkeit und Preis ein, waren die „Amerikaner“-Wagen dank industrieller Massenproduktion immer noch kaum zu schlagen. Erst nach dem Krieg gewannen die europäischen Hersteller die Oberhand.

Das Ergebnis ist bekannt – außerhalb der USA spielen amerikanische Autos schon lange keine wesentliche Rolle mehr.

Auch die Zeiten, in denen man in der Schweiz in den Großstädten noch jede Menge Ami-Straßenkreuzer sehen konnte, sind seit den 1970er Jahren vorbei.

Die ehrwürdige Marke Oldsmobile ging aber erst 2004 unter – nach 107 Jahren! Damit überlebte sie die erwähnte Schweizer Marke Martini um mehr als 80 Jahre.

Die Ironie der Geschichte will es, dass bei Martini im Jahr 1934 die Lichter ausgingen – just in dem Jahr, in dem in Michigan „unser“ Oldsmobile gefertigt wurde, der anschließend auf die lange Reise in die ferne Schweiz gehen sollte…

Mit etwas Glück gibt es den Wagen vielleicht noch – wer weiß?

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