Französische Vorkriegsautos sind auf diesem Oldtimerblog eher seltene Gäste.
Das liegt aber nicht daran, dass der Verfasser sich nicht für die einstige Automobilbaukunst unserer westlichen Nachbarn erwärmen könnte. Vielmehr besitzt er selbst zwei französische Klassiker der 1930er Jahre.
Der Grund ist der, dass hier Autos anhand von Originalfotos vorgestellt werden, die überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Der Import französischer Wagen bzw. deren Produktion auf deutschem Boden hielt sich aber in Grenzen, sodass Bilder französischer Autos eher selten sind.
Lediglich Citroen fertigte ab 1927 im Kölner Stadtteil Poll in größerer Zahl seine Modelle. Den Anfang machte der Typ B14, den wir hier vor längerer Zeit anhand einer schönen Aufnahme bereits präsentiert haben (Bildbericht).
Auch vom Nachfolgemodell C4 wurden ab 1929 in Köln annähernd 5.000 Exemplare montiert. Eines davon versteckt sich auf folgender Aufnahme:
Citroen C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Viel sieht man zwar nicht von dem Wagen, aber genug, um ihn als Citroen C4 aus deutscher Produktion anzusprechen.
Neben dem Haarschopf des etwas schüchtern dreinschauenden Herrn ist gerade noch das Markenemblem und ein Kennzeichen mit weißem Grund erkennen, also ein Citroen mit deutscher Zulassung.
Vom Vorgängermodell B14 unterscheidet sich das Auto durch seinen deutlich stämmigeren Auftritt, die weiter ausladenden Vorderschutzbleche und die leicht geschwungene Haltestange für die Scheinwerfer.
So unscheinbar das Modell hier wirkt, so solide waren seine inneren Werte. Der Vierzylinder mit 1,6 Liter leistete 32 PS, was für eine Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h ausreichte.
Zum Vergleich: Der ähnlich dimensionierte und etwas stärker motorisierte Adler Favorit kam lediglich auf 80 km/h Spitze und war deutlich teurer. Allerdings verfügte er bereits über hydraulische Bremsen.
Während Adler von 1929-33 keine 15.000 Wagen des Typs Favorit an den Mann brachte, entstanden vom Citroen C4 im gleichen Zeitraum weit über 100.000 Stück. Dazu muss man anmerken, dass der französische Automobilmarkt damals wesentlich weiter entwickelt war als der lange Zeit rückständige deutsche.
Mehr wollen wir an dieser Stelle gar nicht vom Citroen C4 erzählen. Der Typ dient uns lediglich als Aufhänger für die Präsentation des daraus abgeleiteten Citroen C6, den wir auf folgender Aufnahme sehen:
Citroen C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Ja, meine Herren, da weiß man gar nicht was man zuerst loben soll – den perfekt getroffenen großzügigen Wagen oder die dekorativ daneben platzierte junge Dame im strengen Kostüm mit hochgeschlossener Blümchenbluse…
Dieses Foto hätte sich auch in einem Werbeprospekt von Citroen gut gemacht, denn mit diesem Modell sprach man eine Klientel an, die Wert auf stilvollen Auftritt und ein gewisses Prestige legte, ohne dabei angeberisch zu wirken.
Dazu hatte Citroen das Konzept des C4 auf eine höhere Stufe gehoben. Der Typ C6 war größer und eleganter proportioniert und verfügte über eine reichere Ausstattung – außen wie innen.
Den Motor hatte man bei vergleichbarer Konstruktion um zwei Zylinder erweitert. 45 PS leistete das 2,4 Liter große Aggregat nun, was für ein Höchsttempo von rund 100 km/h reichte (die Angaben dazu variieren).
Ziehen wir wieder den Vergleich zum entsprechenden Modell von Adler, dem Standard 6. Bei identischer Leistung, ähnlichen Abmessungen und deutlich höherem Preis waren auch hier die Hydraulikbremsen der Hauptvorteil.
Der Citroen C6 mit „Sechs“-Appeal scheint aber zumindest in Frankreich weit mehr Kunden (über 60.000) überzeugt zu haben als der Adler Standard 6 in Deutschland (ca. 20.000).
Dass der elegante Citroen C6 aus französischer Sicht dennoch als Misserfolg galt, unterstreicht erneut den Entwicklungsstand des dortigen Markts.
Nach fast 90 Jahren sehen wir die Dinge ein wenig anders und erfreuen uns an diesem höchst ansehnlichen „Miss-Erfolg“…
Ein Oldtimerblog für Vorkriegsautos und das auch noch auf deutsch – ist das nicht eine arg enge Nische? Nun, wer auf viele „Klicks“ und „Follower“ aus ist, sucht sich in der Tat besser ein anderes Betätigungsfeld.
Doch das Nischenthema Vorkriegswagen auf historischen Fotografien ist mit Bedacht gewählt. Damit erreicht man eine kenntnisreiche Zielgruppe, die Qualität zu schätzen weiß und oft spannende Details beizutragen vermag.
Das bislang großartigste Ergebnis gezielter Vorkriegsoldtimer-Bloggerei stellen wir heute vor. Dazu blenden wir erst einmal zurück und zeigen ein Foto, das regelmäßige Leser bereits kennen:
BMW 327 Coupé; Originalfoto aus Besitz von Gerd Bühler (zuvor: Sammlung Michael Schlenger)
Diese charmante Aufnahme war Anlass, sich ein wenig mit dem BMW 327Coupé zu befassen, das zu den schönsten deutschen Vorkriegswagen zählt.
Aufgefallen waren uns damals neben der flotten jungen Dame auf der Haube die alles andere als originalen Hupen. Dass es eine Aufnahme aus der Zeit des 2. Weltkriegs war, verrieten die Tarnüberzüge auf den Scheinwerfern.
Wer auch immer zum Aufnahmezeitpunkt diesen BMW besaß, hatte das Privileg, im Krieg einen privaten PKW fahren zu dürfen, erkennbar am Winkel auf dem Nummernschild, das auf eine Zulassung im Bezirk Quedlinburg (Provinz Sachsen) verweist.
Kurz nach Veröffentlichung dieser Aufnahme erhielt der Verfasser Post von Jochen Thoma von der Klassik-Interessenvertretung des ADAC: Der BMW habe ausweislich des Nummernschilds einem prominenten Erstbesitzer gehört, nämlich Fritz Huschke von Hanstein!
Bei diesem Namen leuchten nicht nur die Augen der Liebhaber früher Porsche der 1950er Jahre. Von Hanstein war schon in den 1930er Jahren eine bekannte Größe im deutschen Automobilsport.
Die Begeisterung des jungen Barons für rasante Fortbewegung scheint während eines Studienaufenthalts in England Anfang der 1930er Jahre entscheidende Impulse erhalten zu haben – dort zunächst noch im Motorradsegment.
Zurück in Deutschland wechselte von Hanstein zur Vierradfraktion und betätigte sich als Privatfahrer auf Adler, Hanomag und zuletzt BMW.
Für den Wechsel zur Marke BMW steht sinnbildlich folgende Aufnahme, die uns BMW-Vorkriegsspezialist Rainer Simons zur Verfügung gestellt hat:
Hanomag Rekord und BMW 327; Originalaufnahme aus Sammlung Rainer Simons
Hier sieht man Huschke von Hanstein im langen zweireihigen Mantel neben seinem Mechanikus und man meint folgenden (fiktiven) Dialog zu hören:
„Pass‘ mal auf, Ernst. Mit dem ollen Hanomag ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen auf der Autobahn. Wenn die Leute den BMW im Rückspiegel sehen, machen die dagegen freiwillig Platz. Nur ein bisschen was Persönliches kann er noch vertragen.“
„Schon klar, Chef. Aber das ganze Blech-Lametta hängen wir jetzt nicht dem schicken BMW um, oder? Das Zeug nageln wir besser in der Werkstatt an die Wand, wenn Sie mich fragen. Bloß zwei von den Tröten würde ich dem 327 verpassen.“
„Genauso machen wir das, mein Bester. Und häng‘ das Nummernschild vom Hanomag gleich mit auf, gibt sonst nur Ärger…“
Tja, das ist schon ein tolles Foto – zwei Autos mit demselben Nummernschild – und ein prominenter Besitzer im Gespräch mit seinem Schrauber dazwischen.
Wann der BMW 327 später in neue Hände kam,wissen wir nicht. Jedenfalls scheint er auf der Aufnahme ganz oben noch zwei der Hupen zu tragen, die einst Huschke von Hanstein montieren ließ.
Auch was aus dem Wagen direkt nach dem Krieg wurde, ist nicht bekannt. Bei tausenden von Autos aus jener Zeit ist ungewiss, durch wieviele Hände sie gingen, bevor sie irgendwann nach 1945 eine neue Identität bekamen.
Nicht zu vergessen: Unzählige Deutsche – nicht nur die ab 1933 entrechteten jüdischen Mitbürger – mussten nach Kriegsbeginn ihre PKW dem Staat überlassen, wenn sie nicht nachweisen konnten, dass sie darauf angewiesen waren.
Die meisten in Deutschland und den besetzten Gebieten zur Wehrmacht eingezogenen Autos kehrten nicht mehr zu ihren rechtmäßigen Besitzern zurück – ein gigantischer staatlicher Raubzug, der selten thematisiert wird.
Nach dem Krieg bedienten sich dann die Besatzungsmächte am verbliebenen Fahrzeugbestand – ein weiterer Aderlass, speziell bei Prestigewagen.
Dass wir heute in Deutschland überhaupt überlebende Fahrzeuge aus der Vorkriegzeit haben, ist dem Enthusiasmus weniger Kenner zu verdanken, die diese Autos in den Wirtschaftswunderjahren vor der Schrottpresse bewahrt haben.
Oft war gar nicht bekannt, woher diese Veteranen ursprünglich stammten. Direkt nach dem Krieg wurde alles, was noch fuhr, dringend benötigt. Selbst für herrenlose Fahrzeuge ließen sich da irgendwie neue Papiere beschaffen.
Ab den 1950er Jahren wollte die Masse dann etwas Neues, Fortschrittliches haben. Vorkriegsautos galten mit einem Mal als wertlos.
Freuen wir uns daher über die Zeitgenossen, die damals den immateriellen Wert dieser historischen Fahrzeuge begriffen und ihn unter persönlichen und finanziellen Opfern bewahrten.
Zum Glück hat auch der BMW 327 auf unserem Foto, der ursprünglich auf Fritz Huschke von Hanstein zugelassen war, bis heute überlebt!
Er gehört nun einem Enthusiasten aus München, der ihn nach aufwendiger Überarbeitung intensiv auf Klassikerausfahrten weltweit einsetzt:
BMW 327 Coupé (ex von Hanstein); mit freundlicher Genehmigung von Gerd Bühler
Mit dieser herrlichen Aufnahme aus der Gegenwart schließt sich der Kreis.
Die einst von Huschke von Hanstein montierten Hupen sind verschwunden – sie schmücken heute vielleicht einen anderen Wagen oder eine Oldtimer-Garage, wer weiß…
Doch das prächtige Coupé mit den Zusatzscheinwerfern kündet auch heute – nach 80 Jahren – noch von sportlicher Ambition und Stil – ganz im Sinne des Erstbesitzers.
So war es nur konsequent, dass der Verfasser seinen Schnappschuss des BMW 327 aus Kriegszeiten dem heutigen Besitzer des Wagens übereignete, denn diese Aufnahme ist Teil seiner Geschichte…
Heutzutage kommt man sich schon kühn vor, wenn man beim Überqueren der Alpen nicht den Tunnel, sondern die Paßstraße nimmt.
Nebenbei: Wenn man kein völliger Sklave des Effizienzdenkens ist, ist der „Umweg“ durch die Bergwelt zumindest bei schönem Wetter eindeutig vorzuziehen.
Das geht auch mit einem eher schwach motorisierten Oldtimer. Der Verfasser kann sich noch gut daran erinnern, wie er vor einem knappen Vierteljahrhundert den Gotthardpass bezwang – im 1200er Volkswagen mit 34 PS.
In einer ähnlichen Leistungsklasse bewegte sich das Fahrzeug auf folgender historischen Aufnahme:
Fiat 505; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Hier sehen wir die typische Szenerie einer Reifenpanne: Einer arbeitet und drei andere stehen herum oder tun anderweitig beschäftigt.
Nun, dank des hydraulischen Stempelwagenhebers und geeigneten Werkzeugs war die Sache wohl schnell und komplikationslos erledigt. Vorausschauende Fahrer hatten auf schlechten Pisten oft gleich zwei Reservereifen dabei.
Unsere Reisenden wird der kleine Zwischenfall kaum gestört haben – immerhin hatten sie sich bewusst für das Abenteuer eines Ausflugs ins Hochgebirge entschieden. Woher wir das wissen? Dazu gleich mehr.
Erst wollen wir uns noch ein wenig mit dem Auto beschäftigen:
Das großflächige Emblem auf der Kühlermaske ist zwar nicht lesbar, doch die leicht birnenförmige Form des Kühlerausschnitts sagt alles: Das ist einer der Fiat-Typen, die nach dem 1. Weltkrieg auf den Markt kamen.
Neben dem äußerst erfolgreichen Fiat 501 – von dem ab 1919 rund 80.000 Exemplare gebaut wurden – gab es ein etwas größeres Modell: den Typ 505.
Dieser unterschied sich äußerlich nur wenig von seinem kleinen Bruder. Nur an der Größe und den vorne fast gerade abgeschnittenen Schutzblechen – wie beim Wagen auf unserem Foto – konnte man ihn erkennen (siehe auch Fiat-Galerie).
Dass wir es mit einem Fiat 505 zu tun haben, lässt auch die Aufnahmesitutation vermuten: Mit den 23 PS des Fiat 501 hätte man im Gebirge seine liebe Mühe gehabt.
Der 505 dagegen schöpfte aus seinem 2,3 Liter großen Vierzylinder 33 PS. Einen deutschen Großserienwagen mit vergleichbarer standfester Literleistung suchte man in dieser Klasse Anfang der 1920er Jahre vergeblich.
Kein Wunder, dass sich auch der Fiat 505 gut verkaufte: über 17.000 Stück setzten die Turiner davon international ab.
Jetzt aber zur Aufnahmesituation. Zum Glück haben wir zwei weitere Fotos von demselben Ausflug. Dieses hier sagt wohl alles über die Örtlichkeit:
Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Selbst Absolventen hessischer Erziehungsanstalten, in denen man seit den 1970er Jahren auch mit scheunentorgroßen Wissenslücken brilliante Schulabschlüsse erwerben kann, werden hier wohl auf die Dolomiten tippen.
Ob es nun die berühmten drei Zinnen oder deren Nachbarn sind – das zu klären, sei den Hochgebirgsspezialisten überlassen. Wir Altautofreunde interessieren uns auch eher für die drei Wagen auf dem großartigen Bild.
Wer hier nur zwei sieht, möge sich folgenden Bildaussschnitt genauer ansehen:
Ganz links am Bildrand lugt vor der unscharf abgebildeten Person im hellen Mantel ein Schutzblech hervor – der Form nach würde es zum Fiat passen.
Das Nummernschild des Wagens rechts verweist ebenso wie das des oben gezeigten Fiat auf eine Zulassung in Bozen, der Hauptstadt von Südtirol, das sich Italien nach dem 1. Weltkrieg einverleibt hatte.
Wer übrigens eine Idee hat, was die Herren auf obiger Aufnahme treiben, darf dies gern über die Kommentarfunktion mitteilen.
Unterdessen werfen wir noch einen Blick auf das dritte Foto dieser Serie:
Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger
Trotz der verwackelten Aufnahme, die vom Rücksitz des vorausfahrenden Wagens aus entstand, bekommt man einen Eindruck davon, auf was für Schotterpisten und in welch grandioser Landschaft die Autos unterwegs waren.
Man wünscht sich, dass es dort heute nicht anders aussieht – der Fortschritt darf ruhig an ein paar Orten unseres bereits arg zugebauten Kontinents innehalten.
Wagen wir trotz der mäßigen Qualität des Abzugs auch hier einen näheren Blick:
Der vordere Wagen ist wahrscheinlich ein Steyr, dafür spricht der Spitzkühler mit dem mittig angebrachten Emblem und das markant geknickte Blech zwischen den beiden Rahmenauslegern.
Auch dieser Wagen würde gut in die Region passen, da österreichische Wagen in Südtirol auch nach dem 1. Weltkrieg gern gefahren wurden.
Hand auf’s Herz: Wer bekäme angesichts dieser um 1925 entstandenen Bilder keine Lust, ebenfalls auf solchen Pisten mit Wagen jener Zeit unterwegs zu sein?
Wer nun sagt, dass ihm sein restauriertes Schätzchen dafür zu schade ist, bringt sich nicht nur um das Vergnügen, sondern vergisst auch, dass die Autos vor 90 Jahren auch einmal neu waren – aber nur für kurze Zeit…
Dieser Oldtimerblog ist den Vorkriegsautomobilen gewidmet – dabei gilt den vernachlässigten deutschen Marken der zweiten Reihe besondere Aufmerksamkeit.
Doch werden hier auch gern Ausflüge in die Nachkriegszeit unternommen, nämlich dann, wenn sich Originalfotos überlebender Veteranen finden.
Heute haben wir wieder so einen Fall – mit dem besonderen Charme, dass wir in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurückreisen, als es irgendwo in Bayern zu diesem reizvollen Veteranentreffen kam:
Vorkriegs-Tourenwagen um 1920; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Wann und wo genau diese außergewöhnliche Aufnahme entstand, wissen wir nicht. Die Kennzeichen mit den Kürzeln „II A“ für München, „II B“ für Oberbayern und „II C“ für Niederbayern erlauben aber zumindest eine regionale Eingrenzung.
Bei allen vier Wagen handelt es sich um Typen, die kurz vor dem 1. Weltkrieg auf den Markt kamen. Sie alle tragen noch gasbetriebene Hauptscheinwerfer.
Mindestens einer davon wurde aber auch nach dem Krieg gebaut und dieses Modell haben wir vor einiger Zeit bereits anhand eines anderen Fotos vorgestellt. Auf folgendem Bildausschnitt sehen wir ihn rechts stehen:
Auch ohne Vergrößerung lässt sich der Name des Herstellers auf der Kühlermaske lesen: „Presto„, die für ihre Fahr- und Motorräder bekannte Marke aus Chemnitz.
Der Wagentyp ist anhand der typischen Kühlerform als Typ P 8 8/25 PS zu identifizieren. Das größere Modell P 10 10/35 PS unterscheidet sich in formalen Details wie etwa der Form der Vorderschutzbleche.
Da wir den Presto P8 8/25 PS bereits anhand eines schönen Fotos der Nachkriegszeit (Bildbericht) besprochen haben, wenden wir uns nun seinem Nachbarn zu.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich um ein Fahrzeug eines anderen Herstellers handelt. Das ist aber nicht der Fall. Tatsächlich haben wir es hier mit dem direkten Vorgänger zu tun, dem Presto Typ 8/22 PS:
Bei gleichen Proportionen und ähnlicher Formgebung unterscheidet sich dieses Auto vor allem in der Kühlerpartie vom Nachfolger.
Hier wurde noch das alte Markenemblem montiert, auf dem oben „Prestowerke AG“ und unten „Chemnitz i. Sa.“ steht. Des weiteren ist der Ausschnitt des Kühlers oben waagerecht und nicht bogenförmig wie beim Presto P8 8/25 PS.
Die Schutzbleche sind einfacher gehalten und weisen eine der Stabilisierung dienende Sicke auf. Auf eine frühe Entstehung verweist zudem der noch nicht so harmonisch die Motorhaube fortsetzende Windlauf vor der Frontscheibe.
Dieses Fahrzeug war der erste serienmäßig gebaute Presto-Wagen überhaupt, der von 1910 bis 1912 in kleinen Stückzahlen auf den Markt kam.
Er verfügte über einen 2,3 Liter großen Vierzylinder-Motor, dessen Nockenwelle über Stirnräder angetrieben wurde. Eine Besonderheit war die äußere Lagerung der Kurbelwelle in Kugellagern.
Interessanterweise wird in der äußerst spärlichen Literatur zu Presto für das Modell 8/22 PS eine Höchstleistung von 28 PS angegeben.
Entweder hat hier Halwart Schrader in seinem Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ einen Fehler von Altmeister Hans-Heinrich von Fersen („Autos in Deutschland 1885-1920“) übernommen, oder es gibt eine andere Erklärung.
Der als Nachfolger von 1913-1919 gebaute Presto P8 8/25 PS besaß jedenfalls einen kleineren Motor (2,1 Liter Hubraum), der sich auch konstruktiv unterschied. So wurde die Nockenwelle nunmehr über eine Kette angetrieben und die Kurbelwelle komplett in Gleitlagern geführt.
Das Vorgängermodell neben dem Nachfolger zu sehen, das allein ist schon ein Glücksfall. Es kommt aber noch besser: Ein Originalfoto dieses Typs ist dem Verfasser bislang noch nirgends begegnet.
Tatsächlich können wir nur anhand des stilistischen Vergleichs und weniger Informationen aus der Literatur auf das Modell schließen. Möglicherweise ist dies das erste in der jüngeren Zeit publizierte Bild eines Presto 8/22 PS überhaupt.
Kenner der einstigen Chemnitzer Marke sind daher aufgerufen, mögliche ergänzende oder auch korrigierende Informationen beizutragen.
Treue Leser dieses Oldtimerblogs wissen es zu schätzen, dass hier immer wieder Vorkriegsautos vorgestellt werden, die es in der auf Prestigemarken bzw. populäre Modelle festgelegten Presse schwer haben.
Klar, man muss in einem deutschsprachigen Altautomagazin nicht jedem französischen Nischenhersteller nachgehen, obwohl das eine Garantie für nie versiegenden Nachschub wäre.
Aber warum es selbst die großartigen Wagen der österreichischen Spitzenmarken Austro-Daimler, Gräf & Stift und Steyr selten in die hiesigen Oldtimer-Gazetten schaffen, ist unverständlich.
Solche sträflichen Lücken beim Nachzeichnen der einstigen automobiler Vielfalt auf unseren Straßen zu schließen, das ist eine der Motivationen dieses Projekts.
Und so befassen wir uns heute mit einem Bilderbuchklassiker aus der Alpenrepublik, der um 1930 auf folgender Aufnahme verewigt wurde:
Steyr Typ XII und Stoewer G14; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Regelmäßigen Besuchern dieses Blogs wird der rechte Wagen bekannt vorkommen. Es ist einer der äußerst raren Stoewer-Achtzylinder des Typs G14 (Bildbericht).
Aus dieser Perspektive wirkt das mächtige Fahrzeug auf einmal gedrungen und nicht sonderlich attraktiv – keine Glanzleistung der sonst so stilsicheren Stettiner Marke. Der Wagen davor stiehlt ihm ganz klar die Schau.
Das ist aber nun auch ein Automobil, das formal wie technisch einen völlig anderen Charakter aufweist:
Neben dem spröde wirkenden Stoewer kommt diese Limousine trotz ihrer beeindruckenden Größe leicht und elegant daher.
Überhaupt fällt auf, dass die österreichischen Wagen der Vorkriegszeit die Erdenschwere deutscher Autos meiden, leichtfüßiger und freundlicher wirken.
Man könnte jetzt abdriften und über ähnliche Unterschiede zwischen deutscher und österreichischer Küche oder auch Beethoven und Mozart sinnieren…
Doch bleiben wir beim Thema und schauen wir uns den Wagen näher an:
Die zwei übereinanderliegenden Reihen Luftschlitze in der Haube und die Scheibenräder mit sechs Radbolzen und großer Chromkappe verweisen auf den 1926 vorgestellten Typ XII der österreichischen Manufaktur Steyr.
Die geriffelte Stoßstange dürfte nachgerüstet sein. Gegenüber dem Stoewer fällt der harmonische Schwung der Vorderschutzbleche auf.
Die glattflächigen Räder tragen ebenfalls zum eleganten Erscheinungsbild dieses Wagens bei. Steyr bot damit eines der attraktivsten Modelle der oberen Mittelklasse im deutschsprachigen Raum an.
Formal hätte dieser Wagen auch einem großen 8-Zylinder Ehre gemacht, doch beschränkte man sich anfänglich auf ein 1,6-Liter-Aggregat mit 6-Zylindern. Immerhin bot man mit obenliegender Nockenwelle und hängender Ventilen eine hochmoderne Konstruktion zur optimalen Steuerung des Gaswechsels.
Die Motorleistung von 30 PS mutet bescheiden an – wenn man amerikanische Autos jener Zeit als Maßstab nimmt. Doch wandte sich dieser Wagen nicht an eine Kundschaft, die sportlich unterwegs sein wollte.
Gepflegtes Reisen in einem großzügigen und repräsentativen Automobil, das war in Europa Ende der 1920er Jahre noch dermaßen exklusiv, dass man die moderate Leistung verkraften konnte.
Auf den damaligen Landstraßen war ein Tempo von über 80 km/h ohnehin halsbrecherisch – und seien wir ehrlich: heute sind die meisten Leute abseits der Autobahn auch nicht schneller unterwegs.
Die stolzen Besitzer des Steyr Typ XII auf unserem Foto machen auch nicht den Eindruck, dass sie wie Bonny & Clyde auf einen besonders potenten Wagen Wert legten, um nach erfolgreichem Bankraub das Weite zu suchen:
Das scheinen gutsituierte, solide Leute gewesen sein, die keinen extravaganten Wagen brauchten, um die Nachbarn zu beeindrucken.
Man darf vermuten, dass die beiden auf sympathische Weise konservativ waren. Denn sie entschieden sich für eine Ende der 1920er Jahre eigentlich schon überholte Karosserieform – das „Faux Cabriolet“.
Der französische Begriff beschreibt einen Limousinen- oder Coupé-Aufbau, der mittels eines Kunstlederdachs mit fester Sturmstange den Eindruck eines Cabriolets erweckt – übersetzt bedeutet er also „vorgetäuschtes Cabriolet“.
Auf unserem Foto ist dieser traditionelle Aufbau sehr stimmig mittels einer „Weymann“-Karosserie realisiert worden, einer leichten Konstruktion aus Holzelementen, die statt eines Blechkleids einen Kunstlederbezug trug.
Man erkennt Weymann-Karosserien am Kontrast aus glänzend lackierten Blechteilen (Motorhaube und Kotflügel) und matt eingefärbten übrigen Partien.
In der einschlägigen Literatur (Hubert Schier; Die Steyrer Automobil-Geschichte, 2015) findet sich auf Seite 97 ein Steyr Typ XII mit präzise der hier abgebildeten Weymann-Karosserie.
Sollte genau ein solcher Wagen noch existieren, wäre das eine Rarität. Vom Steyr Typ XII sind insgesamt nur rund 11.000 Exemplare gefertigt worden.
1929 stellte Steyr einen optisch sehr ähnlichen Nachfolger vor, den Typ XX. Danke an dieser Stelle an Leser Thomas Billicsich für den Hinweis, dass die beiden Modelle am Kühler zu unterscheiden sind (XII: offenes Netz, XX: senkrechte Lamellen davor).
Der Steyr Typ XX basierte technisch auf dem Typ XII, verfügte aber über einen etwas stärkeren Motor (40 PS aus 2 Litern). Aufgrund des Nachfrageeinbruchs infolge der Weltwirtschaftskrise konnte ein Großteil der Produktion dieses weiterentwickelten Steyr nicht mehr verkauft werden.
Steyr musste damals die Autofertigung aussetzen, bekam aber im Gegensatz zu vielen damals untergegangenen Herstellern noch die Kurve. Von dem wirtschaftlich wie politisch kritischen Umfeld jener Zeit ist auf unserem Foto nichts zu ahnen.
Was aus den beiden Autos und ihren Besitzern in den anschließenden 10-15 Jahren wurde, wissen wir nicht. Diese Momentaufnahme erinnert uns jedenfalls daran, wie rasch eine vermeintlich heile Welt untergehen kann…
Das Stichwort „Oldtimer“ bringt bei vielen die Augen zum leuchten. Doch denken tun Oldtimer-Liebhaber dabei an ganz unterschiedliche Vehikel.
Die Motorradfraktion kennt bloß zweirädrige Veteranen, für Nutzfahrzeugfans zählen nur alte Laster und Busse, und dann gibt es Zeitgenossen, bei denen sich alles um historische Fahrräder oder Flugzeuge dreht.
Wo soll man da die Grenze ziehen, wenn man einen Oldtimerblog betreibt? Nun, zum Beispiel, indem man sich auf PKW beschränkt – auf dem Sektor gibt es bereits mehr als genug fesselnde Objekte.
Aber was ist mit Nutzfahrzeugumbauten, wie sie nach den beiden Weltkriegen oft zu finden waren? Tja, diese Autos sind so faszinierend, dass man sie ungern außen vor lassen möchte. Darum ebenfalls hinein ins Beuteschema!
Dasselbe gilt für Behördenfahrzeuge, die auf Serien-PKWs basierten, also Mannschafts- und Kübelwagen für Polizei und Militär. Die Kübelwagenfreunde finden auf diesem Blog bereits reichlich Anschauungsmaterial (Bildergalerie).
Polizeiautos konnten wir bislang nur wenige dingfest machen. Zuletzt ging uns ein Audi 22/55 PS der sächsischen Polizei ins Netz. Heute stellen wir ein weiteres Beispiel vor – wie immer als Originalfoto aus der Sammlung des Verfassers:
Hier haben wir mal wieder ein schönes Beispiel für den besonderen Reiz historischer Autoaufnahmen.
Das sind keine sterilen Fotos aus Museen oder Schnappschüsse von Feld-, Wald-, Wiesentreffen, wo meist irgendein Dreiviertelhosenträger mit bleichem Gebein und Bierbauch den Hintergrund ruiniert.
Das sind quicklebendige und zugleich würdevolle Zeugnisse, die etwas vom Rang der Fahrzeuge in ihrem einstigen Umfeld erkennen lassen.
Doch was für ein Wagen ist das, mit dem sich sechs Männer in Uniform und fünf in Zivil haben ablichten lassen? Wie so oft wird man beim näheren Blick auf die Frontpartie schlauer:
Auf der Kühlermaske sitzt das sechseckige Emblem der Berliner Marke NAG, die nach der Übernahme von Protos 1926 als NAG-Protos firmierte.
Unterhalb der drei dunklen Sechsecke im oberen Teil des Emblems, die die Buchstaben „NAG“ tragen, zeichnet sich schwach der Schriftzug „Protos“ ab.
Markant sind ansonsten nur die trommelförmigen Scheinwerfer und die auffallend hohe zweigeteilte Frontscheibe mit Fanfare am oberen Rahmen.
Wer nun aufgrund der Dimensionen des Wagens an ein LKW-Modell von NAG denkt, liegt falsch. Die Lastwagen der traditionsreichen AEG-Tochter trugen andere Kühler und waren deutlich größer.
Nein, diese Frontpartie entspricht – bis auf die Windschutzscheibe – genau derjenigen der 6-Zylinder-PKW von NAG-Protos, die 1927/28 gebaut wurden.
Diese eindrucksvollen Fahrzeuge, die mit 60 PS aus 3,0 Litern bzw. 70 PS aus 3,6 Litern Hubraum verfügbar waren, haben wir vor längerer Zeit bereits vorgestellt. Hier ein Vergleichsfoto einer Limousine (Bildbericht):
NAG-Protos 12/60 oder 14/70 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Nach der Lage der Dinge gibt es keinen Zweifel: NAG baute Ende der 1920er Jahre auf Basis seiner zivilen 6-Zylinder-PKW auch Mannschaftswagen für die öffentliche Hand.
Mag das Erscheinungsbild der uniformierten Männer auf unserem Foto eher militärisch erscheinen, handelt es sich doch eindeutig um ein Polizeifahrzeug.
Das verrät das sternförmige Abzeichen auf der halb geöffneten Tür des NAG-Protos, auf die der Offizier ganz rechts seinen rechten Arm stützt:
Wie es scheint, wendet er sich gerade an den mit Krawatte und Knickerbockern zivil gekleideten Herrn, der hier wie bei einem Treffen alter Kameraden posiert.
Gut möglich, dass es sich um ein Treffen Ehemaliger und noch Aktiver handelt. Ein Kenner von Polizeiuniformen der Weimarer Republik tippte bei dieser Aufnahme auf Polizisten des damaligen Freistaats Preußen.
Viel mehr lässt sich zu dieser bemerkenswerten Aufnahme, die ausgesprochen lässig und natürlich wirkt, vorerst nicht sagen.
Denkbar, dass ein NAG-Protos 6-Zylinder mit Aufbau speziell für die Polizei bislang nirgends dokumentiert ist. Die dürftige Literatur zu dieser einst so bedeutenden Berliner Marke gibt dazu jedenfalls nichts her.
Auch hier sind Hinweise sachkundiger Leser willkommen, die ein kleines Puzzlestück deutscher Automobilgeschichte richtig einzuordnen helfen.
Zu den meistgelesenen Einträgen in diesem Oldtimerblog für Vorkriegswagen gehören die Bildberichte zur einstigen sächsischen Luxusmarke Horch.
Kein Wunder – mit der Vorstellung des ersten deutschen 8-Zylinderwagens Ende 1926 setzte die Traditionsmarke aus Zwickau am hiesigen Markt neue Standards in der Luxusklasse.
Ungeachtet der sich verschlechternden Wirtschaftslage verkaufte Horch bis Ende der 1920er Jahre einige tausend seiner Achtzylinder.
Eine weit größere Rarität von vergleichbarem Kaliber wurde einst auf folgender Aufnahme festgehalten:
Stoewer S8 oder G14; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Wie bei den frühen 8-Zylindermodellen von Horch überrascht hier die wenig eigenständige – um nicht zu sagen: einfallslose – Linienführung.
Allerdings ist die unscheinbare Seitenansicht ein Merkmal vieler Oberklassewagen jener Zeit – damit folgte man den US-Marken, die in technischer wie formaler Hinsicht führend waren.
Was man auf diesen alten Fotos nur ahnen kann, ist die schiere Größe solcher Luxusautomobile, die in der Realität eine kolossale Präsenz hatten. Gelegentlich wird hier eine Aufnahme vorgestellt, die diesen Effekt anschaulich macht.
Zurück zu unserem Anschauungsexemplar. Gibt es überhaupt einen Hinweis darauf, mit was für einem Wagen wir es zu tun haben? Ja, und zwar hier:
Die Verteilung der Luftschlitze in der Motorhaube auf sechs Felder mag kein gestalterischer Geniestreich sein – genügt uns aber zur Identifikation.
Um anhand solcher Details Hersteller und Typ zu ermitteln, braucht man etwas, das auch im Internetzeitalter von unerreichter Effizienz ist – das gedruckte Buch.
Es hilft ja nicht, irgendeine Suchmaschine mit einer Beschreibung dieses Wagens zu füttern. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer die Details, die wir hier sehen, irgendwo in Worte gefasst hat – und das auch noch auf deutsch – geht gegen Null.
Es gibt aber trotz des Geredes von künstlicher Intelligenz eine Suchmaschine, die in puncto Mustererkennung unerreicht ist, das menschliche Gehirn. Das merkt sich Dinge, die wir bewusst gar nicht registrieren, und präsentiert sie bei Bedarf.
So war das auch hier. Dem Verfasser kam die Anordnung der Luftschlitze in der Motorhaube bekannt vor. Also einmal ziellos Werner Oswalds „Deutsche Autos 1920-45“ durchgeblättert und schon findet sich auf Seite 366 die Lösung.
Nun wäre es langweilig (und urheberrechtlich unzulässig), einfach den dort abgebildeten Wagen zu zeigen. Stattdessen nehmen wir einen kleinen Umweg und präsentieren erst einmal diese Originalaufnahme desselben Wagentyps:
Stoewer 8-Zylinder von 1928; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
So unscharf dieser Ausschnitt aus einem weit größeren Foto ist, so klar erkennen wir die sechs Felder wieder, in denen die Luftschlitze angeordnet sind.
Mehr noch: Der Kühlergrill mit der Mittelstrebe, die Verdickung am oberen Ende und der Schriftzug in der einen Hälfte bestätigen den Verdacht: Das muss einer der ab 1928 gebauten 8-Zylinder aus der Stettiner Manufaktur Stoewer sein!
Diese deutsche Nischenmarke, die so oft am Rande des Zusammenbruchs stand und bis 1945 immer neue Wege des Überlebens fand, präsentierte 1928 Deutschlands zweiten Achtzylinderwagen.
Im Unterschied zu Horch bot Stoewer seinen Reihenachter in zwei Varianten an: Neben einem 3,6 Liter messenden 70-PS-Aggregat gab es eine kompakte 2 Liter-Version, die 45 PS leistete, möglicherweise der kleinste 8-Zylinder überhaupt.
Nur etwas mehr als 500 Exemplare der beiden Motorvarianten entstanden 1928. Anschließend legten die Stettiner nach und boten ihren 8-Zylinder mit 50 und 80 PS an. Die Konkurrenz – zum Beispiel bei Adler in Frankfurt – schlief nämlich nicht.
An Fotos der ersten 8-Zylinder-Stoewer von 1928 zu kommen, ist ein Glücksfall. Zwei davon haben wir schon gezeigt. Doch erst das dritte macht richtig glücklich:
Stoewer 8-Zylinder von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
An diesem 1934 aufgenommenen Foto sehen wir nun wirklich alles, was einen Stoewer 8-Zylinderwagen von 1928 ausmacht:
Die Anordnung der Luftschlitze in der Haube, die markante Kühlermaske mit dem Wappentier Pommerns – einem Greif – der Schriftzug auf dem Grill und die schiere Präsenz dieses kolossalen Wagens.
Nur zur Erinnerung: Stoewer baute einst bloß einige hundert dieser Wagen. Dass wir uns nach fast 90 Jahren immer noch an solchen Raritäten erfreuen können, verdanken wir ein paar alten Fotos, die die Zeiten überdauert haben…
Wenn man einen Oldtimerblog für Vorkriegsautos betreibt, der sich auf alte Originalfotos stützt, kann man sich Wiederholungen eigentlich sparen.
Schier unerschöpflich ist die Vielfalt an Automarken und -typen, die einst auf unseren Straßen – und mitunter auch abseits davon – unterwegs waren.
Auch der Nachschub an interessanten Bildern ist gesichert. Gerade heute sandte ein Leser eine phänomenale, wohl einzigartige Aufnahme ein – die hier gelegentlich vorgestellt wird.
Heute soll aber erst einmal ein Versprechen eingelöst werden, das hier im letzten Winter abgegeben wurde. Damit ist allerdings verbunden, dass wir uns dasselbe Auto anschauen, einen Austro-Daimler ADM.
Dass die Sache dennoch ihren Reiz hat, liegt an den ganz anderen Umständen, unter denen die folgenden Bilder entstanden sind. Im Winter hatten wir den offenen Wagen bei einer Tour durch eine verschneite Berglandschaft gezeigt.
Die Frostperiode ist nun aber vorbei, Wagen und Insassen sind inzwischen aufgetaut und schon wieder lustig im Gebirge unterwegs:
Austro-Daimler ADM; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Auf den Winter-Bildern wirkte der Wagen größer und massiger als hier. Das wird am Licht und der anderen Perspektive gelegen haben.
Das Nummernschild mit „II B“ für Oberbayern ist jedenfalls identisch. Genauer lässt sich die Herkunft des Wagens leider nicht eingrenzen; damals wurden Kraftfahrzeuge auch in großen Zulassungsbezirken einfach durchnummeriert.
Das dafür in Oberbayern fünf Stellen ausreichten, sagt viel über die damalige Fahrzeugdichte. Entsprechend selten dürfte der Anblick eines solchen Wagens in dieser Umgebung gewesen sein:
Man versuche einmal, ein solches Foto auf einem heutigen Alpenpass zu schießen. 1928, als dieses Bild entstand, konnte man als Automobilist dagegen die Bergwelt noch für sich genießen.
Die schmale Straße sagt alles über den damaligen Erschließungsgrad – und sie gehört noch zur besseren Kategorie. Wie kriminell die Verhältnisse in den Alpen sein konnten, das schauen wir uns bei anderer Gelegenheit ausgiebig an.
Der von 1923-28 gebaute Austro-Daimler ADM mit seinem von Ferdinand Porsche konstruierten modernen 6-Zylindermotor bot dank 2,6 Liter Hubraum und 45 PS ausreichend Leistung für bergige Partien.
Die damals keineswegs selbstverständlichen Vierradbremsen des Wagens erleichterten solche Ausflüge ebenfalls. Mangels Verkehr konnte man es ruhig angehen lassen – so eine Tour wollte ja auch genossen sein.
Man ahnt auf diesen Fotos etwas von der Atmosphäre, in der sie einst entstanden. Weit entfernt vom geschäftigen Treiben in den Städten ungestört im Auto die Bergwelt zu erkunden, das war Luxus pur.
Unsere Austro-Daimler-Insassen waren sich dessen wohl bewusst und legten – wie schon auf ihrer Wintertour – immer wieder Pausen an malerischen Stellen ein, von denen diese schönen Fotos künden:
Austro-Daimler ADM; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Wer auch immer diese Bilder gemacht hat, verfügte nicht nur über eine gute Kamera und Erfahrung, sondern hatte auch einen Sinn für gelungenen Bildaufbau.
Hier sehen wir den Austro-Daimler in einer ähnlichen Perspektive wie auf der Bilderstrecke aus dem letzten Winter. Dimensionen und Gestaltung des Wagens kommen nun eindrucksvoll zur Geltung.
Auf eine Länge von 4,60 Meter verteilten sich bei der Tourenwagenausführung 1,7 Tonnen Gewicht. Dennoch wirkt dieser große Wagen keineswegs wuchtig:
Zu dem fast filigranen Erscheinungsbild tragen mehrere Details bei: Der sich nach oben stark verjüngende Kühler, die schlicht gehaltenen Vorderschutzbleche, die recht flache Frontscheibe, die niedrige Gürtellinie und: die Speichenräder.
An den österreichischen Wagen der 1920er Jahre – ob von Austro-Daimler, Gräf & Stift oder Steyr – finden sich fast immer Räder mit Drahtspeichen und Zentralverschluss.
Bei deutschen Autos jener Zeit überwiegen dagegen schwerfällig wirkende Gussfelgen oder Scheibenräder, was die oft wuchtige Erscheinung verstärkt.
Heute sind die Wagen der feinen österreichischen Marken der Vorkriegszeit nur noch Gourmets bekannt. Allzuviele davon haben leider nicht überlebt, was auch mit den geringen Stückzahlen zu tun hat.
Vom hier gezeigten Austro-Daimler ADM wurden schätzungsweise 500 Exemplare gefertigt. Wenn davon auch nur ein Dutzend die Zeiten überdauert hat, wäre das eine erfreuliche Nachricht, vielleicht ist ja auch unser Fotomodell dabei…
BMW 315 – war das nicht ein trauriges Vierzylinder-Sparmodell der Bayern aus dem Jahr 1980? Fängt der Bursche jetzt etwa auch mit „Youngtimern“ an?
Keine Sorge, diese Kategorie, die es ohnehin nur in deutschen „Oldtimer“-Magazinen zu geben scheint, bleibt tabu – hier dreht sich alles um Vorkriegsautos.
Treue Leser dieses Blogs erinnern sich an die frühen Dreier-BMW, die anhand von Originalfotos vorgestellt wurden. Speziell die leichtfüßigen Sechszylinder der Typen 303, 315 und 319 darf man als Vorläufer der Nachkriegs-3er ansehen.
Vom 1934 vorgestellten BMW 315 hatten wir bislang nur eine Nachkriegsaufnahme und dort war die Zuschreibung nicht sicher, es könnte auch ein 319 gewesen sein.
Heute stellen wir einen BMW 315 vor, bei dem die Identität unzweifelhaft ist:
BMW 315 Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Ein Vorkriegs-Cabrio wie aus dem Bilderbuch. Vermutlich könnte der größte Autoignorant den Wagen als BMW identifizieren und in die 1930er Jahre datieren.
Kein Wunder – nach dem Erstling BMW Dixi der späten 1920er, der noch eine Kopie des britischen Austin Seven war, entwickelten die Bayern in kürzester Zeit ein Fahrzeugkonzept, das in Deutschland seinesgleichen suchte:
Kompakte, leichte und dank Doppelniere im Kühlergrill unverwechselbare Wagen mit sportlicher Charakteristik – das waren die ersten Dreier. Im Wesentlichen beschreibt das ihr Wesen bis heute.
Zurück zu unserem Foto: Woran lässt sich erkennen, dass es sich um einen BMW 315 handelt? Dazu ein näherer Blick auf die Frontpartie:
So ähnlich sich die 3er-BMWs der Vorkriegszeit auch sind – ein Detail auf diesem Bild verrät, dass wir es mit einem Cabrio des Typs 315 zu tun haben: Die waagerecht verlaufenden Luftschlitze in der Motorhaube.
Der stärkere BMW 319 sah sonst fast identisch aus, trug aber an dieser Stelle zur Abgrenzung drei aufgesetzte Zierleisten – nicht sonderlich einfallsreich…
Für einen deutschen Mittelklassewagen der 1930er Jahre stellte der BMW 315 etwas dar: Niemand sonst bot einen so kleinen 6-Zylindermotor mit einer solchen Literleistung. Weder Mercedes noch Opel oder Wanderer konnten hier mithalten.
Das Spitzentempo von 100 km/h galt Mitte der 1930er Jahre in dieser Klasse als autobahntauglich. Wer so einen 6-Zylinder Dreier-BMW fuhr, hob sich auch in der noch kleinen Gemeinde der Autobesitzer hierzulande erkennbar ab.
Das illustriert unser Foto sehr schön, denn die Besitzer dieses BMW 315 betrieben einen einst als exklusiv und elegant angesehenen Sport: Tennis.
Die umseitige Beschriftung des Fotos verrät, dass dies Vater und Sohn sind.
Mag auch die Haarpracht des Junior die seines alten Herrn in den Schatten stellen, so unverkennbar die Ähnlichkeit – bis hin zur Leidenschaft für den Tennissport.
Von der stilsicheren Lässigkeit der beiden kann man sich heute, wo alles nur noch „praktisch“ sein muss, einiges abschauen. Man beachte etwa, dass der Junior nur den untersten Knopf seines Jacketts geschlossen hat.
Sind solche kleinen Vergehen gegen das, was sich gehört, nicht weit raffinierter als die brachialen Piercings und Tätowierungen unserer Tage?
Nun, so wie das Erscheinungsbild der BMW-Fahrer seit Vorkriegszeiten zweifellos gelitten hat, so ist es auch dem Tennissport ergangen.
Seit Boris Becker und Martina Navratilova in den 1980er Jahren Tennis zum Kampfsport gemacht haben, ist es vorbei mit Leichtfüßigkeit und anstrengungsloser Eleganz – und nicht nur dort.
Man vergleiche Aufnahmen von Sebastian Vettel und Bernd Rosemeyer nach einem Grand-Prix-Rennen und man erkennt, was durch totalen Krieg und radikale Modernisierung verlorengegangen ist – stilsichere, zeitlose, lässige Eleganz…
Leser dieses Oldtimerblogs für Vorkriegsautos wissen: Hier werden neben den üblichen Verdächtigen von Adler, Benz, Horch und Mercedes immer wieder auch deutsche Marken der zweiten Reihe vorgestellt.
Wagen von NAG, Presto, Protos und Stoewer sind regelmäßige Gäste – und zwar stets in Form zeitgenössischer Originalfotos. Doch um einen Hersteller haben wir bislang einen Bogen gemacht: Brennabor.
Unter den hunderten hier präsentierten Vorkriegswagen stammte bisher nur ein Fahrzeug von der seit 1908 im Automobilbau tätigen Firma aus Brandenburg.
Das ist bemerkenswert, denn bis in die zweite Hälfte der 1920 Jahre war Brennabor nach Opel der zweitgrößte Autohersteller Deutschlands. Bis 1925 war die im Besitz der Gründerfamilie Reichstein befindliche Firma sogar die Nummer 1.
Auch international war man erfolgreich, wie diese selbstbewusste Reklame von 1914 unterstreicht:
Brennabor-Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger
Trotz der einst großen Verbreitung ist es schwierig, an zeitgenössische Fotos von Brennabor-Wagen zu kommen, obwohl diese noch vor Opel am Fließband gefertigt wurden. Mitte der 1920er Jahre baute die Firma an der Havel rund 100 Autos am Tag – für deutsche Verhältnisse ein enormer Wert.
Inzwischen liegt dem Verfasser genug zeitgenössisches Material vor, um ein weiteres Brennabor-Modell aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen. Dabei nähern wir uns dem Fahrzeug in reizvollen Schritten:
Nun ja, viel sieht man hier noch nicht, aber das Paar mit Dackel auf obigem Foto scheint schon einmal recht stolz auf sein Automobil zu sein.
Die breiten, aber kurzen Luftschlitze in der Motorhaube, die ausgeprägte Sicke an deren Unterseite und die Blechverkleidung der Rahmenausleger sind außergewöhnlich.
Markant ist auch die Form der Rahmenspitzen selbst, die aufallend steil nach unten gebogen sind. Diese Details behalten wir im Hinterkopf.
Mit welchem Hersteller wir es zu tun haben, verrät das zweite Foto desselben Wagens:
Die Decke und der Dackel auf der Motorhaube sowie das Nummernschildder Hansestadt Bremen – alles identisch.
Dank einer verborgenen Kühlerfigur oder eines Kühlwasserthermometers gibt die Decke den Blick frei auf ein rundes Emblem mit einem „B“ – eindeutig ein Brennabor.
Gut erfassen lässt sich hier auch die Form des Kühlers mit dem bogenförmigen Ausschnitt oben und den abgerundeten Ecken unten. Auffällig ist, wie klein die Lampen wirken – Zufall?
Schauen wir, ob sich eine Aufnahme findet, auf der sich diese Details wiederfinden. Auf folgendem Dokument einer Ausfahrt der 1920er Jahre werden wir fündig:
Brennabor und Benz; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Neben beiden Spitzkühlerwagen von Benz steht links ein kleiner, aber moderner wirkender Tourenwagen – auf den ersten Blick könnte das alles mögliche sein.
Wir schauen genauer hin und erkennen vertraute Elemente wieder:
Nur schemenhaft zeichnet sich das Kühleremblem ab, doch in Verbindung mit der Kühlerform und dem unteren Abschlussblech können wir sicher sein – das ist ebenfalls ein Brennabor.
Hier begegnen uns auch die kleinen Scheinwerfer wieder – ein Merkmal dieses Typs. Kurios, dass das Kennzeichen ebenfalls auf eine Hansestadt verweist – Hamburg in diesem Fall.
Statt „HH“ wäre zwar auch „IH“ für Pommern denkbar, doch die beiden Benz mit Kennzeichen für Hamburg bzw. Schleswig-Holstein sprechen dagegen. Das scheint eine regionale Ausfahrt im hohen Norden gewesen zu sein.
Nach so viel Detektivarbeit haben wir uns eine Belohnung verdient und schauen uns endlich einen solchen Brennabor in voller Pracht an:
Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Viel besser kann ein historisches Automobilfoto kaum sein: Aufnahmewinkel, Belichtung, Kontrast, Schärfe – alles perfekt.
Wer Zweifel an der Zuschreibung der bisher gezeigten Fotos hatte, kann hier alle Details nachvollziehen. Nicht nur die Kühlerpartie und der vordere Rahmenabschluss sind identisch, auch Form, Größe und Zahl der Luftschlitze in der Haube stimmen überein.
Die hintere Partie des Wagens dagegen bietet nichts Eigenständiges – hier finden sich nur allgemeine Tourenwagenelemente.
Wir sehen aber genug, um diesen Brennabor als Typ S 6/20 PS zu identifizieren, der von 1922-25 gebaut wurde. Der daneben verfügbare Typ P 8/24 PS hatte einen deutlich größeren Radstand (3,20 m ggü. 2,60 m).
Technisch wies der Brennabor Typ S keine Auffälligkeiten auf:
Der seitengesteuerte Vierzylindermotor mit 1,6 Litern Hubraum genügte für ein Höchsttempo von 70 km/h. Das war solider Standard für einen deutschen Wagen der unteren Mittelklasse, ebenso die Hinterradbremse.
Im Unterschied zum größeren Brennabor Typ P, der seit 1919 in rund 10.000 Exemplaren entstand, blieb der Typ S relativ selten. Die Literatur nennt hier eine Stückzahl von lediglich 3.000 Autos.
Auch der Nachfolger Typ R 6/25 PS war mit rund 20.000 Wagen ein weit größerer Erfolg. Vielleicht war der kleine Typ S am deutschen Markt noch zu teuer.
Erst Opel gelang ab 1924 mit dem preisgünstigeren, aber anfänglich auch weit schwächeren 4 PS „Laubfrosch“ ein breiter Publikumserfolg.
Ungeachtet der geringen Stückzahlen dürfte aber das eine oder andere Exemplar des Brennabor Typ S 6/20 S die Zeiten überdauert haben.
Ein Indiz dafür ist die folgende Aufnahme der 1960er Jahre:
Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Das Foto entstand einst bei einem Oldtimertreffen im Ostberliner Stadteil Pankow. Vor dem Kühler sieht man das in der DDR übliche Sonderkennzeichen für historische Fahrzeuge.
Auffallend sind an diesem Wagen die deutlich größeren Scheinwerfer, doch das will nicht viel heißen. Schwer einzuschätzen ist die Länge des Wagens. Könnte es auch ein Brennabor des Typs P 8/24 PS sein?
Vielleicht weiß das ein Kenner dieser heute weitgehend vergessenen, doch einst so erfolgreichen Marke, die 1933 die Autoproduktion aufgeben musste.
Jedenfalls ist anzunehmen, dass der Brennabor auf dieser Nachkriegsaufnahme noch existiert, wenn er in den 1960er Jahren so hervorragend dastand…
Literatur zu Brennabor-Automobilen:
Werner Oswald; Deutsche Autos 1920-45, 1. Auflage 2001
Mario Steinbrink: Übergang zur Fließbandproduktion in den Brennabor-Werken, Beitrag im Clubmagazin des Veteranen-Fahrzeug-Verbands VFV, Heft 2/2016, S. 24-27
Wenn man der Statistik dieses Oldtimerblogs trauen darf, schätzen Adler-Freunde im In- und Ausland die Fotogalerie mit historischen Originalfotos von Wagen der einst so angesehenen Frankfurter Marke besonders.
Bei der Gelegenheit darf ganz unbescheiden festgestellt werden, dass es nach Kenntnis des Verfassers im Netz keine vergleichbare chronologische Sammlung originaler Adler-Autofotos gibt.
Vielleicht schafft es der sonst so rührige Adler Motor Veteranen Club irgendwann einmal, für Adler-Interessenten eine mit aussagefähigen Bildern versehene lückenlose Typenhistorie aufzubauen – Material muss ja vorhanden sein.
Bis dahin betrachten wir das Defizit als Aufforderung, selbst dazu beizutragen, Lücken in der Dokumentation früher Adler-Automobile zu schließen. Und das tun wir mit folgender Aufnahme:
Adler Doppel-Phaeton; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Das ist ein Wagen nach dem Geschmack der Freunde richtig alter deutscher Autos. Denn hier haben wir es mit einem Typ aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zu tun.
Aufgenommen wurde das Bild wohl Anfang der 1920er Jahre, dafür spricht jedenfalls das Erscheinungsbild der vier jungen Männer in dem Auto.
Hat man sich die insgesamt nicht vielen, aber zumindest halbwegs aussagefähigen Abbildungen früher Adler-Wagen in der Literatur schon öfters zu Gemüte geführt, so ist die Ansprache der Marke ein Kinderspiel.
Versetzen wir aber uns in die Lage eines Adler-Novizen, wie der Verfasser vor kurzem auch noch einer war, und tasten wir uns schrittweise heran:
Der auf den ersten Blick rechteckige Kühler weist bei genauem Hinsehen überall geschwungene Linien auf. Aus dem spitzen Winkel auf der Aufnahme sieht man gut, wie die obere Einfassung des Kühlernetzes leicht nach unten durchhängt.
Auch der obere Abschluss der Kühlermaske ist weich und lebendig geformt, so etwas fiel nicht aus einer Stanze, sondern wurde von kundiger Hand gefertigt.
Aus der nach vorn abfallenden Oberseite ragt der Kühlwasserstutzen empor, der einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen trägt.
Zu einem Adler aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg passen die zylinderförmigen Nabenkappen mit sechs Befestigungsmuttern und das aus einem gedoppelten Blech aufgebaute Vorderschutzblech, das hinter dem Rad nach unten abknickt.
Für sich genommen wäre keines der Elemente ein ausreichendes Indiz, doch in der Summe ergibt sich so das stimmige Bild eines Adler der Baujahre 1912-14.
Ein identisches Fahrzeug ist auf Seite 26 des Standardwerks „Adler Automobile“ von Werner Oswald abgebildet. Dort ist das Auto als Typ 12/30 PS bezeichnet.
Denkbar sind auch stärkere Motorisierungen, die zeitgleich verfügbar waren, beispielsweise das 15/40 PS-Modell. Äußerlich unterschieden sich diese Mittelklassetypen allenfalls durch den Radstand.
Gemeinsam waren ihnen Vierzylindermotoren mit seitlich angebrachten Ventilen, die direkt von der Nockenwelle gesteuert wurden – was zwar präzise war, aber einen strömungsungünstigen Einlasstrakt mit sich brachte.
Die Höchstleistung war eine Funktion des Hubraums, der bei den größeren Adler-Modellen vor dem 1. Weltkrieg von gut 3 bis über 9 Liter reichte. Ansonsten gab es ein 4-Gang-Getriebe, auf das auch die Außenbackenbremse wirkte.
Nach dem 1. Weltkrieg baute Adler erst einmal die alten Modelle weiter, jedoch mit dem noch 1914 eingeführten modischen Spitzkühler. Daher können wir hier sicher sein, dass wir es mit einem Vorkriegsmodell zu tun haben.
Doch die lässige Attitüde, mit der der junge Mann neben dem Chauffeur seine Zigarette im Mund hält, verweist auf die Nachkriegszeit. Wer vier Jahre Materialkrieg überstanden hatte, gab auf die alten Umgangsformen nichts mehr.
Uns interessiert aber an dieser Stelle etwas anderes: der Kunstlederüberzug des Reserverrads mit der Aufschrift „Peters Union“. Wenn jemand da mit den Achseln zuckt – das ist keine Bildungslücke.
Die Firma Peters ist eine längst vergessene Reifenfabrik aus Frankfurt/Main, die sich selbst als „Älteste Pneumatikfabrik Deutschlands“ bezeichnete. Vollständig lautete der Firmenname „Mitteldeutsche Gummiwarenfabrik Louis Peter„.
Der Gründer des Unternehmens hieß Friedrich Ludwig Peter und stammte aus Nordhessen. Seine Reifenfirma gehörte eine Weile zu den führenden deutschen Herstellern, wurde aber Ende der 1920er Jahre von Continental geschluckt.
Übrigens fertigt Continental noch heute im alten Korbacher Werk der Peters Union AG Autoreifen – ein schönes Beispiel für industrielle Kontinuität.
Der Vollständigkeit halber ein abschließender Blick auf die Heckpartie unseres sechssitzigen Adler-Tourenwagens:
Nur selten kann man die Details der Hinterachspartie eines über 100 Jahre alten Wagens so gut erkennen wie hier: Adler-typisch sind in jener Zeit die zwölf Befestigungsbolzen des Hinterrads und dessen recht kleine Nabenkappe.
Ungewöhnlich klar ist die hintere Blattfederaufnahme wiedergegeben, die bei Nachkriegsmodellen von einem Blechgehäuse verdeckt wurde. Typisch für die Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist zudem der flotte Schwung des Schutzblechs nach hinten.
Eine derartig detailreiche Aufnahme eines frühen Adler-Modells ist bereits eine Rarität. Ob es überhaupt ein überlebendes Fahrzeug dieses Typs gibt, ist zweifhaft.
Doch in der Hinsicht ist alles möglich – Adler-Automobile wurden einst weltweit verkauft – vielleicht schlummert noch irgendwo eines…
Dieser Oldtimerblog soll ein einigermaßen stimmiges Bild der Automobillandschaft im deutschsprachigen Raum in der Vorkriegszeit zeichnen.
Dazu werden hauptsächlich Originalabzügeaus der Sammlung des Verfassers gezeigt – also nicht irgendwelche im Netz kopierten Fotos. Präsentiert werden hin und wieder auch außergewöhnliche Bilder, die Leser zur Verfügung stellen.
Es ist eine faszinierend-fremde Welt, die sich einem so eröffnet. Was war da einst für eine Vielfalt an Marken und Modellen auf unseren Straßen unterwegs! Und wie anrührend sind oft die Momente, die auf den Fotos festgehalten sind…
Bei aller Begeisterung muss man aufpassen, dass man neben Raritäten von Horch, Mercedes & Co. den gängigeren Modellen gebührenden Platz einräumt, auch wenn dort außergewöhnliche Aufnahmen selten sind.
So zeigen wir heute einige Fotos, die speziell den Altopel-Freunden gefallen werden, aber auch so Freude machen, weil sie eine Ausstrahlung haben, die man auf modernen Abbildungen vergeblich sucht:
Opel 10/45 oder 10/50 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Solche Charaktertypen beherbergte ein Opel in der 2. Hälfte der 1920er Jahre – kein Vergleich mit dem oft unsensiblen Auftreten der Insassen bei heutigen Oldtimerveranstaltungen – kurze Hosen, Baseballkappe, reden wir nicht drüber.
Der in die Kamera schauende weißhaarige Herr ist noch im 19. Jahrhundert geboren. Er hat sich Schnauzbart und „Vatermörder“ in die Weimarer Republik hinübergerettet, der er wohl ebenso skeptisch gegenübersteht wie den in Straßenkämpfen um die Vorherrschaft buhlenden braunen und roten Sozialisten.
Der bullige Typ, der sich aufs Trittbrett stützt, wirkt weniger distinguiert. Schwer zu sagen, welcher politischen Richtung er anhängt. Man traut ihm jedenfalls eine gewisse Gewaltbereitschaft zu…
Im Wagen scheint eine Dame am Steuer zu sitzen, leider ist der Abzug in diesem Bereich beschädigt, sodass sie nicht zur Geltung kommt.
Jetzt aber zum Auto – ein Opel, das ist klar. Das Markenemblem am Kühler sagt alles, auch wenn es unscharf ist. Man denkt spontan an einen weiteren Abkömmling des Opel 4 PS-Typs, der einst als „Laubfrosch“ Furore machte.
Stilistisch scheint alles zu passen – hier zum Vergleich ein Foto eines Opel 4/16 PS Tourenwagens, das ungefähr zur selben Zeit aufgenommen wurde:
Opel 4/16 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Das, liebe Leser, ist eine Aufnahme, wie sie sich nicht alle Tage findet: Belichtung, Kontrast, Schärfe – einwandfrei, auch Aufnahmewinkel und Ausschnitt sind perfekt.
Man merke sich an dieser Stelle folgende Details: vier Radbolzen, relativ kurzer Radstand mit einer Tür, ein Schutzblech am Schweller.
Dort erkennt man übrigens ebenfalls das Opel-Auge, das auf eine Anregung des kunstsinnigen und auch der Technik gegenüber aufgeschlossenen Großherzogs Ernst-Ludwig von Hessen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückgeht.
Das langgezogene Vorderschutzblech und die ununterbrochene Reihe an Luftschlitzen in der Motorhaube sprechen für eine Entstehung dieses 4/16 PS-Opels zwischen Herbst 1926 und Herbst 1927.
Kommen wir zur Auflösung der Frage, ob der eingangs gezeigte, sehr ähnlich wirkende Opel derselbe Typ ist. Dazu schauen wir uns ein drittes Fahrzeug an:
Opel 10/40 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Dieser Opel weist eine entscheidende Gemeinsamkeit mit dem Wagen auf dem ersten Foto auf: Er hat vier Türen und sechs Seitenfenster – das gab es beim 4 PS-Modell serienmäßig nicht.
Neben dem langen Radstand mit den zwei Schutzblechen am Schweller verraten auch die sechs Radbolzen, dass wir es mit dem großen Bruder des Opel 4 PS „Laubfrosch“ zu tun haben, dem ab 1925 gebauten 10/40 PS (zunächst 10/45 PS).
Das war eine größere, konstruktiv fast identische Variante des 4 PS-Modells. Neben dem doppelt so starken 4-Zylindermotor und dem größeren Platzangebot waren die Vierradbremsen ein Vorteil, die der Laubfrosch erst 1927 bot.
Ab 1926 wurde das Modell zeitweise als 10/50 Modell angeboten, danach wieder als 10/40 PS – der Grund dafür geht aus der Literatur nicht hervor. Kann ein Leser etwas Erhellendes dazu beitragen?
Jedenfalls war der große Bruder des Laubfroschs diesem in fast jeder Hinsicht überlegen, allerdings war er weit teurer. So wurden davon bis 1929 bloß gut 13.000 Exemplare gebaut – bei US-Großserienherstellern entsprach das dem Ausstoß einiger Wochen.
Entsprechend selten sind zeitgenössische Fotos des Opel 10/40 PS-Modells wie das erste und dritte hier gezeigte. Überlebende Fahrzeuge dürften ebenfalls eine Rarität sein, während es vom Laubfrosch noch etliche einsatzfähige Wagen gibt.
So sind wir nun ungewollt wieder bei etwas Außergewöhnlichem gelandet, obwohl es sich einst um den „meistgefahrenen deutschen Mittelklassewagen“ handelte, wie Altautoguru Werner Oswald einst konstatierte…
Beschäftigt man sich mit Vorkriegsautos anhand historischer Originalaufnahmen, wie das dieser Oldtimerblog tut, kommt man am Einsatz von Automobilen im Krieg nicht vorbei.
Fotos eingezogener oder erbeuteter PKW aus dem 2. Weltkrieg gibt es massenhaft, daneben gab es in großer Zahl für das Militär gefertigte Kübelwagen auf Basis ziviler Modelle.
Weniger bekannt ist, dass Autos bereits im 1. Weltkrieg eingesetzt wurden. Sie dienten als Stabswagen für Offizier, wurden aber auch für Aufklärungszwecke und als Kurierfahrzeuge genutzt.
Fotos vom Einsatz solcher Autos im 1. Weltkrieg sind vergleichsweise selten. Das lag nicht nur an ihrer geringeren Verbreitung, sondern auch daran, dass Fotoapparate noch nicht für jedermann erschwinglich waren.
Während wir aus dem 2. Weltkrieg reichlich Aufnahmen von PKW haben, die das Kriegsgeschehen zumindest ansatzweise erkennen lassen, wirken Aufnahmen von Automobilen aus dem 1. Weltkrieg meist friedlich.
Hier haben wir ein Beispiel dafür:
Mercedes 28/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Man mag beanstanden, dass diese Aufnahme etwas unscharf ist – doch wir Freunde richtig alter Autos freuen uns über das prächtige Gefährt, das jemand im Juni 1915 mitsamt Fahrer abgelichtet hat.
Der Aufnahmeort ist unbekannt, doch neben dem Datum hat jemand vor über 100 Jahren auf dem Abzug vermerkt: „Ich in meinem Mercedes 60 PS“.
Perfekt – das ist einer der seltenen Fälle, wo man die genaue Motorisierung eines Wagens aus der Frühzeit der Mobilität mitgeliefert bekommt. Oft waren sich nämlich die einzelnen Motorenvarianten äußerlich ganz ähnlich.
60 PS – das klingt erst einmal wenig eindrucksvoll. Dieser Wert relativiert sich allerdings, wenn man sich die übrigen Leistungsdaten zu Gemüte führt:
Beim Mercedes 28/60 PS-Modell, das 1912 den seit 1910 gebauten Vorgänger 28/50 PS ablöste, fiel die Höchstleistung schon bei 1.300 Umdrehungen pro Minute an, also nicht weit oberhalb der Leerlaufdrehzahl.
Möglich war das dank des Hubraums von 7,2 Litern, der sich auf nur 4 Zylinder verteilte. Die daraus resultierende Leistungscharakteristik ist völlig anders als das, was wir heute gewohnt sind.
Die Spitzengeschwindigkeit von 80 km/h war natürlich nicht außergewöhnlich. Solch ein Hubraumkoloss war nicht auf Tempo abgestimmt, sondern auf jederzeitige souveräne Kraftentfaltung, die schaltarmes Fahren erlaubte.
1912 war aber nicht nur das Jahr der Einführung des 28/60 PS Mercedes. Es wurden auch erstmals in Serie Spitzkühler verbaut, die bis in die Nachkriegszeit das Erscheinungsbild der Marke bestimmten:
Auf diesem Ausschnitt erkennt man am Kühler den dreizackigen Stern, der bei Mercedes-Wagen seit 1909 auf beiden Seiten eingeprägt war.
Interessanter ist aber die niedrige Frontscheibe, deren Oberteil nicht lediglich nach vorn umgelegt, sondern komplett entfernt worden zu sein scheint.
Hinter den beiden auf Wechselfelgen montierten Reservereifen sieht man einen Dreieckskanister auf dem Trittbrett, der der Größe nach mindestens 10 Liter fasste. Bei einem Benzinverbrauch von über 20 Liter ein sinnvolles Zubehör…
Übrigens lieferte die Recherche keine Fotos von Mercedes 28/60 PS mit identischer Tourenwagenkarosserie. Auch im Daimler-Archiv findet sich im Netz keine Entsprechung. Sicher können Kenner der Marke mehr zu dieser Ausführung sagen.
Die Aufnahme selbst ist ein merkwürdig berührendes Zeugnis. Da hat jemand mitten im 1. Weltkrieg irgendwo fernab der Front dieses grandiose Auto mit seinem Fahrer aufgenommen.
Der darin festgehaltene friedliche Moment steht in denkbar großem Kontrast zu dem, was die Frontsoldaten aller Kriegsparteien gleichzeitig durchlitten. Dazu sei der annähernd zeitgleiche deutsche Heeresbericht vom 11. Juni 1915 zitiert:
Westlicher Kriegsschauplatz: …wiederholte Angriffe gegen unsere Stellungen nördlich und südlich von Neuville … Nahkampf in den Gräben nördlich von Ecurie dauert noch an … bei Beaumont feindliche Angriffe abgewiesen … in der Champagne am 9. Juni eroberte Gräben versuchten die Franzosen uns wieder zu entreißen … Angriff brach unter schwersten Verlusten für den Feind zusammen…
Zusammengefasst: Im Westen nichts Neues.
Als Nachgeborene, die gern über die Zumutungen der Gegenwart jammern, haben wir keine Vorstellung davon, was sich hinter diesen trockenen Worten verbirgt.
Wenn wir solche Fotos aus Kriegszeiten heute aus sicherer Warte studieren, dürfen wir auch einmal derer gedenken, denen kein so bequemes Dasein vergönnt war wie vermutlich den Insassen des Mercedes 28/60 PS.
Auf fast jedem europäischen Dorffriedhof gibt es Mahnmale aus jener Zeit. Vielleicht hält man beim nächsten Besuch dort einmal inne…
Wer sich fragt, woher all‘ die Originalfotos von Vorkriegsautos kommen, die auf diesem Oldtimerblog präsentiert werden, dem sei gesagt: aus den Fotoalben der Generation, die gerade abtritt.
Wenn sich in der Familie niemand findet, der Omas und Opas alte Fotos aufbewahren will, die oft ein Spiegelbild ihres Lebens sind, landen die Alben meist auf Flohmärkten oder bei Spezialisten, die die Bilder nach Themen sortiert im Internet anbieten.
So werden die auf Fotopapier festgehaltenen Momente eines Daseins in alle Winde zerstreut. Doch wir Freunde alter Autos freuen uns darüber, dass auf diese Weise reizvolle und rare Zeugnisse früher Mobilität dem Vergessen entrissen werden.
Heute haben wir ein schönes Beispiel dafür. Da hat jemand im Jahr 1938 in Afrika das folgende Foto gemacht, nach der Heimkehr nach Deutschland einen Abzug in sein Album geklebt und wohl irgendwann den Anlass vergessen:
Skoda Rapid; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Wo diese Aufnahme entstanden ist, darauf hätten wir keinen Hinweis, hätte sich nicht der Negerjunge ins Bild gemogelt, der sich das Lachen zu verkneifen scheint.
Als nächstes fällt auf, dass sich der Wagen offenbar auf einer längeren Reise befindet. Dafür spricht vor allem der Dachgepäckträger. Auch die stark abgefahrenen Reifen und die vielen Embleme am Kühler künden von intensiver Kilometerfresserei.
Dass dieses Foto nicht in den Vereinigten Staaten gemacht wurde, können wir aus der Marke des Wagens erschließen:
Auf der Kühlermaske thront oben ein geflügelter Pfeil, das Markenemblem der tschechischen Traditionsmarke Skoda. In der Mitte des Kühlergrills sind unscharf fünf Großbuchstaben zu sehen: RAPID steht dort (naja, wenn man’s weiß).
Der Skoda Rapid war ein technisch unspektakulärer, aber modern gestalteter Mittelklassewagen, der ab 1935 gefertigt wurde. Mit seinem 1,4 Liter-Vierzylinder und etwas über 30 PS war das leichte Fahrzeug für europäische Verhältnisse ausreichend motorisiert.
In Übersee hätte man dafür jedoch keine Käufer gefunden – und der Bedarf nach einem kompakten Zweitwagen entstand erst nach dem Krieg. So können wir eine Entstehung der Aufnahme in den USA ausschließen.
Was waren das nun für Leute, die mit so einem Gefährt auf Fernreise waren? Nun, so wie es hierzulande in einigen Regionen typische Gesichter gibt – in Bayern etwa – so ist das auch in den Nachbarländern. Bei dem gut gebräunten und gutgelaunten Herrn würde man eine tschechische Herkunft vermuten.
Slawische Gesichtszüge hat auch seine Partnerin, der man nichts von den Strapazen einer langen Reise ansieht und deren Wellenfrisur makellos sitzt.
Von diesen Indizien – tschechisches Auto, tschechisches Paar und exotische Umgebung – bis zur Lösung ist der Weg nicht weit. Das sind Stanislav und Maria Skulina, die von 1936-38 mit einem Skoda Rapid durch Afrika fuhren.
Stanislav Skulina war Entomologe – also Insektenkundler – und sollte auf dieser Tour für das Nationalmuseum in Prag Käfer sammeln. Dazu hatte Skoda ein technisch serienmäßiges Exemplar des „Rapid“ zur Verfügung gestellt.
Mit diesem Wagen sammelte das Ehepaar Skulina nicht nur über 40.000 Käfer ein, sondern legte auch 52.000 km ohne nennenswerte Defekte zurück.
Begonnen hatte der Afrikatrip in Dakar, wohin man von Bordeaux aus mit dem Schiff gefahren war. Anschließend ging es quer durch das Herz des Schwarzen Kontinents nach Ostafrika und dann nach Süden bis ans Kap der Guten Hoffnung.
Nach einem Wartungsaufenthalt in Südafrika kehrte man über Kenia und Ägypten in die Heimat zurück. Was aus dem Wagen wurde, der sich größtenteils abseits befestigter Straßen hervorragend bewährt hatte, ist dem Verfasser nicht bekannt.
Vielleicht kann ein Leser Wissenswertes zu dieser abenteuerlichen Fahrt der Skulinas mit ihrem treuen Skoda beitragen. Im deutschsprachigen Teil des Netzes ist kaum etwas zu finden, was über die Angaben in diesem Blogeintrag hinausgeht.
Übrigens wurden vom Skoda Rapid keine 4.000 Exemplare gefertigt, obwohl das Modell nach dem 2. Weltkrieg noch bis 1947 gebaut wurde. Dabei handelte es sich um Wagen mit dem 1938 eingeführten 1,6 Liter-Motor, der über 40 PS leistete.
Leider bekommt man hierzulande von den feinen Vorkriegsmodellen tschechischer Hersteller viel zu selten etwas zu sehen, wenn man einmal Tatra außen vor lässt.
Um das Ansehen von Mannheim steht es nicht sonderlich gut. Eine Abkunft aus der einstigen Residenzstadt des Kurfürstentums Pfalz und späteren Industriemetropole gilt heute nicht als sonderlich erstrebenswert.
Doch aus automobilhistorischer Sicht ist Mannheim ein glanzvoller Ruf sicher. Ein gutes Vorzeichen waren die Fahrmaschinen, mit denen dort Karl Freiherr von Drais im frühen 19. Jahrhundert experimentierte.
1885 war das bis heute wohl bedeutendste Datum in der Stadtgeschichte, denn damals unternahm der Benz-Patent-Motorwagen Nr. 1 seine erste Fahrt. Es dauerte aber bis 1888, bis Carl Benz‘ bahnbrechende Erfindung als solche wahrgenommen wurde.
In jenem Jahr unternahm seine patente Frau Bertha mit den beiden Söhnen ihre legendäre Fahrt ins über 100 km entfernte Pforzheim.
Ein Jahr später war der Benz-Wagen auf der Weltausstellung in Paris die Sensation – und es begann der unaufhaltsame Siegeszug der Erfindung aus Mannheim.
Um 1900 war die Automobilproduktion von Benz mit Abstand die bedeutendste im Deutschen Reich, wenngleich international die französischen Hersteller führend waren.
Carl Benz vermochte dem Innovationstempo der Konkurrenz nicht standzuhalten und schied 1903 aus seiner Firma aus – aus heutiger Sicht hatte er seine Mission erfüllt.
Keine zehn Jahre später stand die Firma Benz & Cie. blendend da. Mit der eindrucksvollen Mannheimer Modelloffensive des Jahres 1912 beschäftigt sich der heutige Blogeintrag.
Ausgangspunkt ist folgende Originalaufnahmeaus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg:
Benz Landaulet, 1912-14; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
Ist das nicht eine majestätische Erscheinung? Würde man heute noch Hut tragen, so würde man selbigen vor den privilegierten Insassen ziehen.
Der Kenner sieht auf einen Blick, dass es sich um ein Landaulet handelt. Aber nicht alle Leser dieses Blogs sind auch Veteranenspezialisten, daher eine kurze Erklärung:
Beim der Kutschentradition entstammenden Landaulet-Aufbau saßen die Passagiere in einem vom Fahrer separierten Abteil und konnten bei schönem Wetter dort (und nur dort) das Verdeck niederlegen (lassen), um Licht, Luft und Landschaft zu genießen.
Das Verschwinden dieser verbreiteten Karosserieform im Automobilbau ist ein Beispiel für den gesellschaftlichen Wandel der letzten 100 Jahre. Der Exklusivität eines Landaulets vor über 100 Jahren entspricht heute der Besitz eines eigenen Düsenjets.
Mit diesem Vergleich wären wir auch beim Thema Leistung. „Was hat der denn für einen Hubraum, wieviel PS hat der denn, was schluckt der denn?“, das sind die von Oldtimer-Besitzern bekanntlich besonders geschätzten Fragen.
Im vorliegenden Fall ist das gar nicht so leicht zu beantworten.
Wir müssen uns anhand formaler Details erst einmal an mögliche Modellvarianten herantasten. Dabei gibt uns die Frontpartie einige Hinweise:
Beginnen wir mit dem Naheliegenden: Die Plakette oben auf dem Kühlerkasten erweist sich unter der Vergrößerung eindeutig als „Benz“-Emblem. Auf den Nabenkappen der Räder zeichnet sich der Schriftzug ebenfalls ab.
Der schräge Windlauf zwischen Motorhaube und Frontscheibe spricht für eine Entstehung ab 1910, vorher stieß die Haube (nicht nur bei Benz) rechtwinklig auf die Schottwand.
Dass wir es nicht mit einem der kleinen Benz der Jahre 1910/11 zu tun haben, verraten folgende Details:
Der Kühlergrill ist deutlich höher als breit. Beim bereits vorgestellten Benz 8/18 bzw. 8/20 PS sind die Proportionen gedrungener – das kompakte Aggregat brauchte nicht so viel Kühlung. Zudem verfügt unser Fotomodell über Räder mit zwölf Speichen, die kleineren Typen kamen mit zehn aus.
Drei Benz-Modelle kommen für diese Landaulet-Version in Betracht. Warnung: Wer eine Aversion gegen große Hubräume hat, sollte jetzt nicht weiterlesen!
Gut, man liest offenbar weiter. Neu ins Angebot nahm Benz 1912 folgende Typen auf:
Ein 25/45 PS-Modell (später: 25/55 PS) mit über 6 Liter Hubraum, ein 29/60 PS-Modell mit über 7 Liter Hubraum und ein 33/75 PS-Modell mit exakt 8,4 Liter Hubraum – wohlgemerkt alle mit Vierzylindermotoren.
Auch an diesen technischen Relationen lässt sich ablesen, was sich in den letzten 100 Jahren im Automobilsektor geändert hat.
Dabei gefällt zumindest dem Verfasser die Möglichkeit, dank solcher Hubräume aus Schrittempo im 4. Gang bis zur Höchstgeschwindigkeit von 90-110 km/h zu beschleunigen…
Nach so vielen Zahlen und Fakten zum Abschluss ein genüsslicher Blick auf die opulente Unterbringung der Passagiere– und des Fahrers:
Der Chauffeur genoss zwar nicht das Privileg eines zu öffnenden Dachs, doch wird er es geschätzt haben, dass er nicht mehr bei Regen im Freien sitzen musste, wie das einige Jahre zuvor noch üblich war.
Außerdem konnte er in der warmen Jahreszeit die Frontscheibe ausstellen, um sich vom Fahrtwind kühlen zu lassen – das gewaltige Aggregat im Motorraum wird ihm nämlich ordentlich eingeheizt haben – im Winter natürlich ein klarer Vorteil.
Wer genau hinschaut, erkennt auch, warum es bei diesen Wagen keine Seitenscheibe für den Fahrer gab. Die Betätigungshebel für Gangschaltung und Handbremse lagen noch außerhalb des Karosseriekörpers.
In Griffweite rechts des Lenkrads sieht man außerdem den Hupenball. Wer sich schon immer gefragt hat, warum die Autos auch außerhalb Englands so lange Rechtslenkung hatten, findet hier die Erklärung: Die meisten Menschen sind nun einmal Rechtshänder…
Damit wollen wir es für heute bewenden lassen. Die Firma Benz wird uns künftig noch öfters beschäftigen – etliche spannende Originalfotos im Fundus warten auf die Veröffentlichung.
„Es geht ungerecht zu in Deutschland“, diese bedeutende Feststellung machte kürzlich ein zu Höherem berufener Politiker, dessen Name dem Verfasser gerade entfallen ist.
Aus Sicht der Freunde von Vorkriegsautos, um die es auf diesem Oldtimerblog geht, sind ebenfalls schwerwiegende Ungerechtigkeiten zu beklagen.
Beispielsweise kann nicht jeder eines der grandiosen 8-Zylinder-Cabriolets haben, die die sächsische Manufaktur Horch einst in den 1930er Jahren baute:
Horch 930 V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Immerhin kann man auf einschlägigen Veranstaltungen eine beachtliche Zahl an Überlebenden dieser durch den 2. Weltkrieg dezimierten Gattung bestaunen.
Vom oben gezeigten Typ 930 V wurden von 1937 bis 1940 über 2.000 Stück gefertigt. Damit gehört das Modell zu den meistgebauten Horchs überhaupt.
Doch ein anderes Zwickauer Erzeugnis, das noch etwas öfter produziert wurde – in über 2.300 Exemplaren – bekommt man heute praktisch nie zu sehen. Das liegt vor allem daran, dass es sich nicht um einen der prestigeträchtigen 8-Zylinder handelte.
Hinzu kam die für ein Luxusauto bemerkenswert einfallslose Gestaltung. Bei anderen Hervorbringungen derselben Ära – den Bauhaus-Produkten – würde dies heute als grandiose Schlichtheit gepriesen.
Gemeint ist also ein Horch aus den 1920er Jahren, als Walter Gropius mit seiner funktionalistischen Bauhaus-Ideologie die Zerstörung unserer Großstädte durch gesichtslose Einheitsarchitektur vorbereitete.
Vorgestellt haben wir das Fahrzeug, um das es heute geht, schon vor längerer Zeit. Allerdings fand sich damals kein besseres Foto als dieses hier:
Zwar ließ sich dieser Tourenwagen als Horch 10/50 PS identifizieren, doch dass die Kühlerpartie verdeckt ist, war unbefriedigend. Heute können wir diesem Mangel ein Ende bereiten.
Zuvor sei noch einmal an die technischen Qualitäten des von 1924-26 gebauten Wagens erinnert: Der Horch 10/50 PS hatte nur einen 2,6 Liter messenden Vierzylindermotor, aber einen von der feinsten Sorte.
Die im Zylinderkopf hängenden Ventile wurden von einer obenliegenden Nockenwelle betätigt, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde – damals die präziseste und zugleich aufwendigste Ventilsteuerung.
Der Motorblock bestand aus einer Aluminiumlegierung, auch die Kolben waren aus Leichtmetall gefertigt. Hochbelastete mechanische Elemente wurden nitridiert, also mit Stickstoff oberflächengehärtet.
Der Antrieb genügte trotz des Gewichts von bis zu 2 Tonnen (je nach Aufbau) für 100 km/h Spitze – aber das war ein theoretischer Wert. Durchzugsvermögen und Steigfähigkeit waren wichtiger, dazu passend besaß der Horch 10/50 PS serienmäßige Vierradbremsen.
Mit diesem technischen Glanzstück machte Horch seinem hervorragenden Ruf alle Ehre und so wurde das 10/50 PS-Modell zum ersten größeren Absatzerfolg der Zwickauer, obwohl die Banalität des Serienaufbaus schwer zu übertreffen war:
Horch 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Fast könnte man meinen, Bauhaus-Diktator Gropius habe sich bereits hier einmal an einem Automobil versucht und nicht erst 1930 am Adler Standard 6 bzw. 8.
Ähnlich schlichte Kühlerformen fanden sich damals auch bei anderen Herstellern, zum Beispiel Fiat. Doch dort waren sie mit klassischen Proportionen verknüpft, die Linien waren konzentrierter und das Ganze saß wie ein italienischer Maßanzug.
In England oder gar Frankreich wäre ein Hersteller von Luxuswagen mit so einem „Kohlenkasten“ jedenfalls durchgefallen, und auch in Deutschland fanden sich bei Nischenherstellern wie Simson und Steiger weit raffiniertere Linien.
Doch möglicherweise kam gerade die Schlichtheit des ersten Horchs, der nach dem 1. Weltkrieg einen Flachkühler statt des zuvor modischen Spitzkühlers trug, gut an. Denn mit diesem unscheinbaren Auto wirkte man nicht wie ein „Kriegs- und Krisengewinnler“, was im politisch spannungsreichen Alltag der 1920er Jahre Vorteile hatte.
Auch wenn das Modell weit von den späteren Großtaten der Karosseriegestalter bei Horch entfernt ist, werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie, an der sich die typischen Elemente gut nachvollziehen lassen:
Förmlich ins Auge springt auf diesem Ausschnitt das Markenemblem, ein gekröntes H, das Horch bei diesem Modell erstmals verwendete.
Ein weiteres Merkmal, das bei der Identifikation hilft, ist die sehr weit unten angebrachte Reihe an Luftschlitzen in den Flanken der Motorhaube. Horch-typisch, zumindest um diese Zeit, sind außerdem die pilzförmigen Nabenkappen.
Auffallend ist der stark gebrauchte Zustand des in Sachsen (Kennung „IM“) zugelassenen Horch 10/50 PS. Offenbar bereitete es den Besitzern des Wagens keine Probleme, mit einem verbogenen Schutzblech herumzufahren.
Zu solcher Gleichgültigkeit erzogen die damaligen Straßenverhältnisse mit reichlich Dreck auf den Chausseen und ein entspannteres Verhältnis zu Spuren des Gebrauchs.
Der eigentliche Luxus bestand darin, über ein derartiges Vehikel zu verfügen, das einen unabhängig von Zugfahrplänen und vom Wetter machte.
Besitzer solcher Wagen reisten viel, denn dabei entfaltete sich der eigentliche Nutzen – nach Gusto durch die Welt fahren zu können, sei es über gepflasterte Alleen an die Strände der Ostsee oder über geschotterte Alpenpässe an den Gardasee.
Das malträtierte Schutzblech verrät auch, dass diese Karosserie möglicherweise nicht im Werk gefertigt wurde. Die Kühlerpartie ist zwar typisch für das Modell und dürfte kaum variiert worden sein, aber der übrige Aufbau scheint woanders entstanden sein.
Dafür sprechen die vorn flach und abgerundet auslaufenden Schutzbleche. Bei Werkskarosserien sah das nämlich so aus:
Neben den spitz zulaufenden Kotflügeln sehen wir die mächtigen Trommeln der Vorderradbremsen, die sich Mitte der 1920er Jahre durchzusetzen begannen.
Interessant ist auch, dass die typischen Nabenkappen hier verchromt sind. Könnte das ein Hinweis auf eine spätere Entstehung des eingangs gezeigten Horch 10/50 PS sein?
Bei solchen Details muss man sich jedoch bewusst sein, dass man es mit Manufakturwagen zu tun hat. Da darf man nicht erwarten, dass einer wie der andere aussah, schon gar nicht nach ein paar Jahren der Nutzung.
Außerdem wurden Automobile schon immer gern „individualisiert“ oder auf „aktuell“ getrimmt. Das abschließende Foto eines Horch 10/50 PS-Tourers ist ein Beispiel:
Horch 10/50 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Was man hier schön nachvollziehen kann, ist die schiere Größe des Horch 10/50 PS. Selten ist das kolossale Platzangebot eines großen Tourenwagens so gut zu erkennen.
Hier finden sechs Personen mühelos Platz, was auch bei Limousinen dieser Klasse Standard war. Auf Reisen war immer noch Platz genug für das Gepäck von vier Insassen.
Am vergessenen Konzept des Tourenwagens, der bis Mitte der 1920er Jahre das Automobil schlechthin darstellte, lässt sich vielleicht am ehesten veranschaulichen, was sich in den letzten 90 Jahren in punkto Mobilität geändert hat.
Aus dem für die Wunder von Stadt und Land offenen Wagen, die ein zuvor undenkbar privilegiertes Reisen ermöglichten, wurden geschlossene, unübersichtliche Kabinen auf vier Rädern, die vor allem dem individuellen Transport abhängig Beschäftigter zum Arbeitsplatz dienen.
Kein Wunder, dass die Besitzer heutiger Gefährte, die bizarre Bezeichnungen wie „Captur“ und „Cactus“ tragen und eine wirre Formensprache aufweisen, kein Bedürfnis verspüren, ihre zum baldigen Austausch bestimmten Mobile zu verschönern.
Dagegen meinte der einstige Besitzer der Horch 10/50 PS Tourenwagens, zumindest in einem Detail mit der Zeit gehen zu müssen:
Dieser Horch, dessen Bleche ebenfalls etliche Veränderungen erfahren haben, die moderne Besitzer zur Weißglut bringen würden, ist eindeutig ein 10/50 PS-Modell.
Doch auf dem Kühler trägt er die 1928 für die 8-Zylinder-Typen eingeführte Kühlerfigur, einen geflügelten Pfeil – heute der Alptraum aller TÜV-Prüfer.
Auch diese Aufnahme gibt Anlass, über die Originalitäts-Ideologie nachzudenken, die hierzulande oft zur Rückrüstung auf den Auslieferungszustand führt – auch bei Autos, die komplett und strukturell intakt die Zeiten überdauert haben.
Im Fall des Horch 10/50 PS scheint die Frage „Restaurieren oder Erhalten?“ aber ohnehin eine eher theoretische zu sein. Denn von diesem einstigen Erfolgsmodell haben wohl kaum welche die Zeiten überdauert.
Hinweise auf noch existierende Wagen dieses Typs – ganz gleich in welchem Zustand – sind daher hochwillkommen.
Zugegeben – die Überschrift des Artikels passt nicht so recht zum Charakter eines Oldtimerblogs: „Gladiatoren im Elsass“ – und das 1903?
Doch wird sich das Rätsel zur Zufriedenheit und vielleicht Überraschung der Freunde richtig alter Automobile auflösen. Denn heute haben wir es mit Raritäten zu tun, von denen auch der Verfasser bis vor kurzem keine Vorstellung hatte.
Aber nehmen wir uns etwas Zeit für einen Exkurs und fassen die Überschrift wörtlich auf: Gladiatoren im Elsass, das ist nicht so abwegig – wenn man die Jahreszahl ignoriert.
Denn das fruchtbare und verkehrsgünstig auf der westlichen Seite des Oberrheingrabens gelegene Elsass gehörte immerhin rund 450 Jahre zum römischen Reich.
Wer sich in der Schule mit Caesars Beschreibung des Gallischen Kriegs befassen durfte, erinnert sich vielleicht an die Auseinandersetzung mit über den Rhein drängenden germanischen Stämmen unter ihrem Führer Ariovist.
Die Sache endete mit einem Sieg der Römer, deren überlegene Zivilisation sich ab etwa 50 v. Chr. im unterworfenen Elsass ausbreitete. Neben städtischen Ansiedlungen wie Straßburg entstanden zahlreiche Landgüter, die vom natürlichen Reichtum der Region und der für den Fernhandel idealen Lage profitierten.
Bis etwa 400 n. Chr. blieb die römische Kultur im Elsass präsent und man darf annehmen, das zumindest im Straßburger Raum, wo sich ein Legionslager befand, auch die damals populären Gladiatorenkämpfe gezeigt wurden.
In der Spätantike, als sich die staatliche Ordnung auflöste und die Kontrolle über die Grenzen verlorenging, fiel das Elsass erneut in die Hände germanischer Stämme, diesmal der Alamannen.
Ihre Sprache erhielt sich im Dialekt der Elsässer bis in die Neuzeit. Das Elsass wurde zwar später Teil des Frankenreichs, die deutsche Prägung blieb aber bestehen.
Nach langer Zugehörigkeit des Elsass zum Deutschen Reich im Mittelalter erlangte Frankreich im 17. Jahrhundert dort erneut die Kontrolle.
Nachdem der 1870 begonnene Krieg Frankreichs gegen Preußen und seine Verbündeten Paris eine krachende Niederlage beschert hatte, wurde das alte Grenzland wieder deutsch.
Über diese verschlungenen historischen Pfade sind wir genau in der Zeit angekommen, in der das folgende Foto im Elsass entstand:
Veteranenwagen um 1903 im Elsass; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Das ist eine Aufnahme, der man ihr Alter von über 110 Jahren kaum anmerkt. Überhaupt sind die Fotos jener Zeit – richtige Lagerung vorausgesetzt – oft von bestechender Qualität.
Damals knipste noch nicht jedermann mit Amateurkameras herum; solche Aufnahmen wurden von Berufsfotografen mit großformatigen Plattenkameras angefertigt.
So können wir Ausschnittsvergrößerungen erstellen, ohne dass Unschärfen oder grobes Korn stören. Hier hat sich nur im Gesicht des Herrn am Lenkrad der Abzug aufzulösen begonnen:
Trotz aller Qualität wollte die Identifikation des Wagens mit der ungeschützt vor der Motorhaube befindlichen Kühlerschlange zunächst nicht gelingen.
Zwar weist das Auto einige Ähnlichkeit mit Modellen der französischen Marke Panhard & Levassor auf, die 1901/02 gebaut wurden.
Doch der Abgleich mit Abbildungen im Standardwerk „Panhard & Levassor – entre tradition et modernité“ von Bernard Vermeylen ergab keine völlige Übereinstimmung.
Erst die Präsentation auf der Internetseite http://www.prewarcar.com brachte den Erfolg. Dort verwies ein niederländischer Kenner auf ein identisches Fahrzeug, das 2012 vom Auktionshaus Bonham’s für 298.000 Pfund versteigert worden war.
Es handelt sich um einen 10-PS Zweizylinder-Wagen, der vom Pariser Hersteller Clément-Gladiator gefertigt wurde. Der Ursprung der Marke lag – man ahnt es – in einer Fahrradproduktion.
Seit 1901 entstanden unter dem Namen Gladiator Autos und schon 1902 erreichte man eine Stückzahl von über 1.000 Fahrzeugen pro Jahr – ein Beispiel dafür, wie schnell die französische Autobranche die anfänglich führenden deutschen Hersteller abhängte.
1907 verschwand der Name Gladiator wieder und die Fabrik wurde von Vinot & Deguingand übernommen, einer von einst über 1.000 Autofirmen in Frankreich…
Zurück zu unserem Foto, wo wir uns den zweiten Wagen näher ansehen wollen:
So anders das Auto hier wirkt, stammt es doch vom selben Hersteller.
Nicht nur, dass die sichtbaren Teile von Achse und Lenkung übereinstimmen. Hier sieht man auch die für die Gladiator -Wagen typische Abschlussleiste am Vorderende der Motorhaube.
Die unterschiedlichen Scheinwerfer haben nichts zu bedeuten, sie wurden oft erst vom Händler aus gerade verfügbaren Teilen montiert.
Den modernen Betrachter erfreut aber vielleicht noch eines mehr: das abenteuerliche Aussehen der beiden in Pelzmäntel gehüllten Herren auf den Vordersitzen.
Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass diese verwegenen Gestalten Nachfahren der germanischen Neusiedler waren, die Caesar fast 2.000 Jahre zuvor im Elsass in ihre Schranken verwiesen hatte.
Nun waren sie wieder da und fuhren auf französischen Autos mit deutschen Nummernschildern im schönen Elsass herum. Aber gerade dieses Nebeneinander der beiden Völker machte schon immer den Charakter der Grenzregion aus.
Wenn nicht gerade übergeschnappte Politiker beider Seiten das Elsass mal wieder für ihre Sandkastenspiele instrumentalisierten, kam man eigentlich miteinander aus.
Für heutige Besucher ist die besondere Rolle des Elsass längst Geschichte. Das deutsche Element ist seit langem auf dem Rückzug, nur die vertraut klingenden Ortsnamen erinnern noch daran. Den Touristen zuliebe sprechen die gastfreundlichen und auf die Bewahrung ihrer Kulturlandschaft bedachten Elsässer oft gutes Hochdeutsch.
Der eigentlich elsässische alamannische Dialekt aber ist so gut wie ausgestorben. Er fällt derselben Vergessenheit anheim, der auch unsere beiden „Gladiatoren“ zum Opfer gefallen sind. Nur auf diesem alten Abzug wirken sie so real wie die Männer in feinem Zwirn und derben Reisemänteln, dass man sich fragt:
Wie konnte eine so hochentwickelte, vielfältige Welt in nur 100 Jahren fast völlig verschwinden – zugunsten einer sich rasant ausbreitenden, meist flachen Monokultur?
Als Betreiber eines Oldtimerblogs für Vorkriegsautos, aber ohne Markenschwerpunkt, muss man sich irgendwo Grenzen setzen, sonst verliert man in der schieren Vielzahl von Herstellern den Überblick.
Der Verfasser nimmt das hierzulande verfügbare Angebot an originalen Fotos von Vorkriegsfahrzeugen als Ausgangspunkt. Dazu kauft er gezielt Bilder, die günstig zu haben sind, also am ehesten stark verbreitete Modelle zeigen.
Das eröffnet die Möglichkeit, ein repräsentatives Bild der einstigen Marken- und Typenlandschaft im deutschsprachigen Raum nachzeichnen zu können.
Zudem, so die Hoffnung, hält man sich damit aus dem Dickicht an Herstellern aus den USA heraus, in dem man sich leicht verlieren kann.
Dieser Ansatz funktioniert prinzipiell recht gut. Die Schlagwortwolke unten rechts lässt für den Vorkriegskenner kaum überraschende Schwerpunkte erkennen.
Der Versuch, US-Wagen möglichst außen vor zu lassen, wird aber immer wieder durchkreuzt, denn amerikanische Fabrikate verfügten in der Vorkriegszeit über eine Präsenz am deutschen Markt, die überrascht.
Das heutige Fundstück illustriert das eindrucksvoll:
Apperson „Jack Rabbit“ um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
„Aha“, mag nun einer sagen, „irgendeine Amikiste aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, auch noch in den USA fotografiert, die Bretterbude im Hintergrund sagt doch alles“.
Richtig, aber niemand hat behauptet, dass wir es bei diesem Wagen bewenden lassen, der in der Tat ein um 1912 gebautes US-Modell ist. Ein Zeitgenosse hat darauf sogar den Typ vermerkt: Apperson „Jack Rabbit“.
Das Wichtigste in Kürze: Der Name Apperson steht in Verbindung mit dem wohl ersten funktionsfähigen und in Serie gebauten US-Automobil mit Otto-Motor.
1894 stellte der Industrielle Elwood Haynes in Kokomo im US-Bundesstaat Indiana ein Automobil vor, das die Gebrüder Apperson entwickelt und gebaut hatten.
Ab 1898 baute man unter dem Firmennamen Haynes-Apperson Qualitätswagen, die etliche Innovationen boten. Der Erfolg veranlasste die Gebrüder Apperson, sich ab 1902 unter eigenem Namen dem Automobilbau zu widmen.
Für Aufsehen sorgte 1907 der Apperson „Jack Rabbit“ Speedster, der mit 60 bzw 96 PS erhältlich war und über 100 km/h schnell war. Nach ihm wurden alle in den Jahren 1911-13 gebauten „zivilen“ Appersons benannt, die zwischen 30 und 50 PS leisteten.
Eines dieser Modelle mit Vierzylinder-Motor ist auf dem oben vorgestellten Foto zu sehen. Ab 1916 verbaute Apperson nur noch 6- und 8-Zylinder-Aggregate.
Nach dem 2. Weltkrieg ging der bis dahin so fortschrittlichen Firma die Puste aus. Bis Mitte der 1920er Jahre hielt man sich noch mit weiterentwickelten, aber nicht mehr herausragenden Typen über Wasser. 1926 ging Apperson in Konkurs.
Damit könnte man die Geschichte dieses Pioniers des US-Automobilbaus abschließen. Doch der Blog-Eintrag gehört nicht grundlos in die Rubrik „Fundstück des Monats“.
Denn so unglaublich es klingt: Der Nischenanbieter Apperson unternahm kurz vor seinem Ende noch einen Versuch, Autos in Deutschland zu verkaufen.
Viele US-Hersteller sahen in den 1920er Jahren am deutschen Markt Absatzchancen, da die heimischen Hersteller meist Modelle anboten, die formal wie technisch veraltet und aufgrund vorindustrieller Fertigung zu teuer waren.
Die folgende deutschsprachige Originalbroschüre von Apperson ist ein Hinweis darauf, dass die Firma auch am deutschen Markt aktiv war:
Demnach hatte Apperson im großbürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg einen Ausstellungssalon am Kaiserdamm 89. Das Gebäude existiert übrigens heute noch.
In der deutschsprachigen Broschüre sind die Daten zu den ab 1923 verfügbaren 6- und 8-Zylinder-Modellen von Apperson aufgelistet, die 45 bis 70 PS leisteten. Die abgebildeten Karosserien entsprechen den US-Versionen, was aber nichts heißen will.
Vermutlich wurden Apperson-Wagen in Teilen angeliefert und dann in Deutschland mit einer lokal gefertigten Karosserie versehen, wie das bei anderen US-Modellen auch der Fall war.
Dass es zumindest in kleinen Stückzahlen tatsächlich zu einem Import von Apperson-Wagen kam, dafür spricht die folgende Reklame von Apperson aus der Zeitschrift „Motor“ von Ende 1925, die uns von Jochen Thoma (Klassik-Interessenvertretung des ADAC) zur Verfügung gestellt wurde:
Apperson-Originalreklame aus „Motor“, 11-1925; mit freundlicher Genehmigung von Jochen Thoma (Klassik-Interessenvertretung des ADAC)
Jetzt fehlt nur noch ein Dokument aus jener Zeit, das einen leibhaftigen Apperson-Wagen in Deutschland zeigt. Speziell in Berlin war in den „Goldenen 20er Jahren“ offenbar alles möglich…
Dieser Oldtimerblog speziell für Vorkriegsautos kennt keine Vorlieben für bestimmte Marken. Der Anspruch ist, ein möglichst vollständiges Bild der einstigen Markenvielfalt im deutschsprachigen Raum zu zeichnen.
Das Besondere – um nicht zu sagen: Einzigartige – besteht darin, dass das heutige Angebot an historischen Automobilfotos als Grundlage dient.
So kommen auch Marken und Typen zu ihrem Recht, die fast völlig vergessen sind, aber einst hochbedeutend waren – NAG und Presto beispielsweise.
Außerdem lässt sich so vermeiden, heute als besonders prestigeträchtig angesehenen Marken mehr Raum einzuräumen als ihnen gebührt.
Heute zeigen wir ein schönes Beispiel für diesen Ansatz:
Wanderer W21/22; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger
Hier hat ein Werbemensch vor über 80 Jahren ganze Arbeit geleistet – so schnittig wie diese Wanderer-Limousine daherkommt, davon wäre man in England, Frankreich und Deutschland gleichermaßen begeistert gewesen.
Schräggestellter Kühler, lange Haube, coupéhaft kurz wirkende Passagierkabine – das ist ziemlich nahe am Ideal eines eleganten Wagens der 1930er Jahre. Und dann noch „Hochleistungs-Motor, Schwingachse, Fortschritt usw.“.
Wer wollte da nicht begeistert zugreifen? Doch damals wusste man als kritischer Kunde schon, dass es nun einmal das Wesen der Werbung ist, keine wissenschaftlich exakten Wahrheiten zu verbreiten.
So darf man auch hier nicht jede Werbebotschaft auf die Goldwaage legen. Schauen wir einmal, was die sächsische Marke Wanderer bei ihrem 1933 vorgestellten Modell W21/21 tatsächlich zu bieten hatte:
Da waren zunächst zwei 6-Zylinder-Motoren, die mit 1,7 Liter (35 PS) und 2,0 Liter (40 PS) genau auf die Sechszylindertypen 170 und 200 von Mercedes-Benz abzielten, die seit 1931 bzw. 1933 gebaut wurden.
Hinter der vergleichbaren Papierform verbargen sich allerdings unterschiedliche Konzepte: Die Mercedes-Motoren waren noch seitengesteuert, während Wanderer eine modernen Zylinderkopf mit strömungsgünstigen hängenden Ventilen bot.
Auch formal ließen die Wanderer-Sechszylinder die Mercedes-Konkurrenz alt aussehen:
Mercedes-Benz 170 oder 200; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger
So schön diese Aufnahme eines Mercedes 170 oder 200 auch ist – Hinweise zur Örtlichkeit sind willkommen – so altbacken sieht das Modell aus.
Formal ist der Wagen in den späten 1920er Jahren stehengeblieben. Denkt man sich den Stern weg, könnte das ein beliebiges Mittelklasseauto europäischer Produzenten aus der zweiten Reihe sein.
In Frankreich sahen um 1930 die Limousinen von einem halben Dutzend Nischenhersteller so aus. Warum man einen 6-Zylindermotor mit einer so beliebigen Karosserie anbot, bleibt das Geheimnis von Mercedes.
Dagegen waren die Wanderer-Typen W20/21 formal ganz auf der Höhe der Zeit:
Wanderer W20 oder 21; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Zur Entlastung von Mercedes-Benz muss man sagen, dass die braven Schwaben nicht über dermaßen fähige Gestalter für die Mittelklasse verfügten wie Wanderer.
Wanderer profitierte als Teil des Auto-Union-Verbunds vom Können des Karosserie-Konstruktionsbüros der Horch-Werke in Zwickau.
Dort wurde die Karosserie und die charakteristische Frontpartie des Wanderer W20/21 mit schrägstehendem Kühler und v-förmig angeordneten Zierleisten entworfen. Auch die Aufbauten selbst entstanden im Horch-Karosseriewerk:
Wanderer W20/21; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Die Kühlerpartie mit den kiemenartigen Zierleisten wurde 1934 verfeinert, sodass die hier gezeigten Wanderer W20/21 auf 1933 zu datieren sind.
Die Eleganz der Wanderer-Wagen wurde am deutschen Markt kaum gewürdigt. Mercedes konnte von seinen banal gestalteten 6-Zylindermodellen der Typen 170 und 200 rund doppelt soviele Wagen absetzen wie die Sachsen vom Typ W20/21.
Schon vor dem 2. Weltkrieg scheint man hierzulande dem Prestige – also der Meinung der Nachbarn – höheren Wert beigemessen zu haben als Schönheit und Eleganz, selbst bei mindestens gleichwertiger Technik und Verarbeitung…
Wir schreiben das Jahr 2017, in dem sich die Eröffnung des Nürburgrings zum 90. Mal jährt – neben der Targa-Florio-Strecke der anspruchsvollste Rennkurs der Welt.
Die Rede ist hier natürlich von der über 20 km langen Nordschleife mit ihren mehr als 70 Kurven und fast 300m Höhenunterschied. Beim Eröffnungsrennen im Juni 1927 gewann Rudolf Caracciola auf einem Kompressor-Mercedes.
Auf diesem Oldtimerblog interessieren uns aber die Rennereignisse der Vorkriegszeit nur am Rande, auch wenn wir gelegentlich Originalfotos von Renneinsätzen der 1920/30er Jahre vorstellen werden.
Bestimmt hat sich vom Titel niemand Rennfotos des 10-PS starken Hanomag „Kommissbrot“ auf dem Nürburgring erhofft.
Und doch geht beides zusammen – der eigenwillige PKW-Erstling des Maschinenbaukonzerns Hanomag und das 90-jährige Jubiläum des „Rings“, der für Rennbegeisterte dieselbe Magie hat wie Richard Wagners gleichnamiges Werk.
Lassen wir uns nun von folgendem Originalfoto wie mit einer Zeitmaschine zurück ins Jahr 1927 transportieren:
Nürburgring 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Hier sehen wir den damals noch herrlich wilden Parkplatz in Sichtweite der Nürburg. Für uns Altautofreunde ist diese Aufnahme eine Augenweide – da schauen wir uns näher um.
Keine Sorge, wir werden nicht alle Autos bestimmen wie exotische Schmetterlinge, obwohl da einiges Interessantes herumsteht. Es sind einfach zu viele Wagen und die Qualität des Abzugs steht einer genauen Ansprache entgegen, meistens…
Genießen wir erst einmal die Vielfalt des Gebotenen:
Nürburgring 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Da weiß man gar nicht, wohin man schauen soll: Links unten der knackige Zweisitzer hat schon etwas, aber der helle Mercedes weiter oben, der uns die Flanke mit den dicken Auspuffrohren zeigt, wäre die noch bessere Wahl.
Doch der Benz Tourenwagen darunter mit seinem eigenwilligen Verdeck hat auch seinen archaischen Reiz. Putzig wirkt der Fiat 501-Zweisitzer, der in der rechten Hälfte von schweren Limousinen und Tourern umzingelt ist.
Wer heute eine ähnlich sinneverwirrende Auswahl wie selbstverständlich abgestellter Vorkriegsschätze sehen möchte, muss schon den Besucherparkplatz des Goodwood Revival in Südengland oder die Classic Days auf Schloss Dyck aufsuchen.
Wo ist nun aber das versprochene Hanomag 2/10 PS „Kommissbrot“? Tja, das ist von der erwachsenen Konkurrenz ein wenig verschreckt und versteckt sich daher:
Doch es verrät sich durch ein Detail. Dazu nehmen wir erst einmal den Kühler des Wagens in der Mitte ins Visier – wahrscheinlich ein Wanderer.
Rechts von ihm – aus unserer Perspektive – sieht man eine leicht schrägstehende Frontscheibe aufragen, die zu einem kleinen weißen Auto gehört.
Nun peilen wir unter dem Verdeck des Tourenwagens unten rechts die Heckpartie des Wägelchens an: fünf senkrechte Streifen sind dort zu sehen.
„Meine Güte, wie soll man denn so ein Auto identifizieren?“, mag jetzt einer fragen. Nun, oft genug geht es nicht anders auf den alten Fotos, die meist das Einzige sind, was von den Wagen geblieben ist.
Und dieses feine Vergleichsfoto hilft einem dann rasch auf die Sprünge:
Hanomag 2/10 PS „Kommissbrot“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
„Aha, dieselbe Anordnung von Luftschlitzen, das Gefährt am Nürburgring ist also ein Heckmotorwagen. Klarer Fall, Hanomag 2/10 PS Cabrio, Baujahr 1925-28, passt!“
Doch ganz so einfach ist der Fall nicht. Dazu noch einmal zurück auf den Parkplatz auf dem Nürburgring, obwohl die flotte Fahrerin im Hanomag sicher einen zweiten Blick verdient hätte. Aber wir haben hier ja „einen Job zu erledigen“…
Nun also noch einmal das Hanomag „Kommissbrot“ in Nahaufnahme:
Täuscht es, oder hat der weiße Wagen einen Türausschnitt, der nach hinten steil aufwärts verläuft? Ja, hat er, denn das ist der rare Sport-Zweisitzer des Hanomag 2/10 PS, der erst im Jahr der Eröffnung des Nürburgrings vorgestellt wurde.
Hier hat also jemand 1927 seinen neuen Wagen mit 10 PS und 60 km/h Spitze in die Eifel gelenkt, um sich zwischen den großen Autos so richtig sportlich zu fühlen.
Für den Verfasser ist der Hanomag der Held des Tages. Er verdient es, auch mit 90 Jahren Verspätung für seinen Einsatz gefeiert zu werden.
Bringen wir dieser kleinen Sensation am Nürburgring 1927 ein gleichnamiges Ständchen, das etwas vom Lebensgefühl und Tempo der Vorkriegszeit transportiert: