Urlaub in Deutschland vor 70 Jahren: Stoewer V5

Der Sommer des Jahres 2020 liegt vielleicht schon hinter uns – in meiner Region jedenfalls hat es stark abgekühlt, reichlich Regen hat die Wasserstände wieder normalisiert und das Licht wirkt beinahe herbstlich.

Sicher werden wir noch einige spätsommerliche Tage erleben, aber zumindest die Urlaubszeit ist für die meisten vorbei. Mehr Leute als sonst haben ihre Ferien dieses Jahr in Deutschland verbracht.

Wie es scheint, wollten sich viele Urlaubsreisende nicht dem Risiko aussetzen, von einer erratischen, europaweit völlig unkoordinierten Politik im Umgang mit Urlaubern auf dem falschen Fuß erwischt zu werden und blieben lieber daheim.

Recht gibt ihnen die Art und Weise, wie Rückkehrer aus dem Ausland in den Medien für steigende Zahlen von „Corona-Fällen“ verantwortlich gemacht werden – obwohl positiv Getestete fast nie krank sind und auf den Test schon vor Wochen angesprochen hätten, wenn sie ihn denn absolviert hätten. Diese Stimmungsmache lenkt von den tatsächlich sehr niedrigen und stagnierenden Zahlen der wirklich durch das Virus Gefährdeten ab.

Ein Grund mehr, den Alltag hinter sich zu lassen und noch rasch einen Kurzurlaub in Deutschland zu absolvieren. Dabei geht es 70 Jahre zurück, in den Sommer des Jahres 1950, als die Politik noch die Sorgen der breiten Masse im Blick hatte.

Bei einem solchen Ausflug in die frühe Nachkriegszeit kurz vor dem enormen Wirtschaftsaufschwung, der Deutschland endgültig in die Moderne katapultierte, dürfen zwei Dinge nicht fehlen: Ein Vorkriegsauto und eine sachkundig bediente Kamera.

Mit beidem haben wir hier übrigens vor längerer Zeit schon einmal Bekanntschaft gemacht, und zwar anhand dieser hübschen Aufnahme:

Stoewer V5, aufgenommen 1950 in Horn-Bad Meinberg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hat jemand mit Sinn für malerische Ansichten auf den Auslöser gedrückt – laut rückseitiger Beschriftung des Abzugs 1950 in „Horn-Bad Meinberg“ im Lippeschen Bergland.

Man könnte meinen, dass diese wohlkomponierte Aufnahme in den 1930er Jahren entstanden ist, doch ein winziges Detail verrät die spätere Datierung. Es befindet sich an dem kompakten Wagen, der vor einer BMW-Vertretung abgestellt ist.

Es kostete mich seinerzeit einige Zeit, das Auto zu identifizieren, denn damals war ich zum einen noch nicht mit der Marke vertraut, zum anderen fehlte mir eine zweite, weit bessere Aufnahme desselben Fahrzeugs, die sich erst später fand – diese hier:

Stoewer V5, aufgenommen 1950 in Moosheim; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier weist fast nichts auf die Nachkriegszeit hin – bis auf das Kennzeichen, das im britisch besetzten Niedersachsen (daher die vertikale Kennung „BN“) ausgegeben worden war – im Raum Hannover, um genau zu sein.

Ich kann versichern, dass es sich um dasselbe Kennzeichen wie auf der ersten Aufnahme handelt. Wenn der Wagen hier anders wirkt, dann deshalb, weil hier das Verdeck der Cabriolimousine geöffnet ist, was das Auto auf einmal leicht und großzügig wirken lässt.

Entstanden ist dieses Bild laut Beschriftung in Moosheim (vermutlich im oberschwäbischen Bad Saulgau). Die mehrstöckigen alten Fachwerk-Bürgerhäuser sind hier vielleicht ein letztes Mal so zu sehen, wie sie sich mehrere Jahrhunderte über darboten.

Heute sind sie entweder überrestauriert, verschandelt oder abgerissen, fürchte ich. Vielleicht erkennt ein Leser die genaue Örtlichkeit und weiß, wie es dort 2020 aussieht.

Zu dem Auto kann ich selbst Näheres sagen: Es handelt sich um den ersten deutschen Serienwagen mit Frontantrieb – den Stoewer V5. Damit kam die Stettiner Manufaktur Ende 1930 dem weit größeren DKW-Konzern einige Wochen zuvor (siehe hier).

Mit seinem 25 PS starken V4-Aggregat war der Stoewer den schwachen Zweitaktern von DKW auf dem Papier haushoch überlegen. Allerdings machte der weit höhere Preis die Erfolgsaussichten wieder zunichte – ganze 2.000 Stück entstanden bis 1932.

Fast 20 Jahre später war einer davon immer noch auf Deutschlands Straßen unterwegs und durch Zufall konnte ich mehrere schöne Aufnahmen von dessen Reise im Jahr 1950 ergattern, die ein Verkäufer separat und über einen längeren Zeitraum gestreckt anbot, ohne dass klar war, dass sie ursprünglich zusammengehörten.

Erst das Kennzeichen und die Beschriftungen auf der Rückseite ließen mich erkennen, was da so nach und nach Eingang in meinen Fundus fand:

Stoewer V5, aufgenommen 1950 in Rothenburg ob der Tauber; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch bei diesem schönen Abzug, der eine beschauliche Szene am Klingentor in Rothenburg ob der Tauber zeigt, wurde mir erst nach Erwerb bewusst, dass er Teil derselben Serie war, die auseinandergerissen auf den Markt kam.

Ich möchte nicht wissen, wieviele weitere dieser wunderbaren Zeugnisse einer Deutschlandreise im Jahr 1950 durch die Lappen gegangen sind. Eines davon konnte ich erst ganz am Ende identifizieren, nachdem es schon länger in meinem Fundus geschlummert hatte.

Für mich ist das die schönste Aufnahme, weil sie den Stoewer „unterwegs“ zeigt – auf freier Strecke, nicht abgestellt vor einer Altstadtkulisse. Doch auch hier hat der unbekannte Fotograf ganze Arbeit geleistet und eine perfekt komponierte Szene abgeliefert:

Stoewer V5, aufgenommen 1950 bei Zwingenberg (Neckar); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dieser bezaubernden Aufnahme, die vor der majestätischen Burg Zwingenberg im Nekartal entstand und nun auch zwei der Insassen zeigt, nehmen wir Abschied vom Stoewer V5, der die Urlauber einst sicher wieder wohlbehalten in die norddeutsche Heimat zurückgebracht hat.

Wenige Jahre später waren aus der Zeit gefallene Bilder wie diese vielerorts Geschichte und die Moderne brach sich hierzulande mit einer Wucht Bahn, deren ästhetische Ergebnisse man in vielen Fällen nur bedauern kann.

Auch den Stoewer dürfte es spätestens in den 60er Jahren „erwischt“ haben…

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Offene Frage: Hanomag „Rekord“ oder „Sturm“

Mein heutiger Blog-Eintrag befasst sich mit zwei alten Bekannten – dem Vierzylindertyp „Rekord“ und dem Sechszylindermodell „Sturm“ von Hanomag aus den 1930er Jahren.

Von den beiden Ausführungen, die abgesehen von Motorisierung und Radstand sehr vieles gemeinsam hatten, habe ich schon etliche Exemplare anhand historischer Originalfotos vorgestellt.

Zwar schlummern in meinem Fundus mittlerweile auch einige Aufnahmen hinreißender Spezialversionen beider Typen, doch mit solchen Schätzen geht man besser nicht zu verschwenderisch um.

So bleiben wir heute bei vollkommen serienmäßigen Ausführungen des Hanomag „Rekord“ bzw. „Sturm“, doch immerhin kann ich in beiden Fällen „neue“ Fotos davon zeigen. Das erste ist – ausschnittsweise – hier zu sehen:

Hanomag „Sturm“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Kühlerpartie mit dem typischen Hanomag-Emblem – nicht zu verwechseln mit dem breiteren und filigraneren Adler der gleichnamigen Frankfurter Firma – lässt keinen Zweifel zu, was den Hersteller angeht.

Die seitlichen Luftklappen in der Motorhaube sind eindeutiger Hinweis darauf, dass wir keinen „Garant“ oder „Kurier“ aus dem Hause Hanomag vor uns haben, sondern mindestens einen „Rekord“ oder vielleicht sogar einen „Sturm“.

Dummerweise sahen die beiden letztgenannten Modelle von vorne fast identisch aus, sofern nicht ein entsprechender Schriftzug auf dem Kühlergrill verrät, was man nun genau vor sich hat.

Im vorliegenden Fall ist zwar unten rechts ein solcher Schriftzug zu erahnen, er ist aber von der massiven Halterung des mittig angebrachten Nebelscheinwerfers verdeckt. Dieser ist übrigens anhand seiner weit unten liegenden Position und der leichten Neigung nach vorn als solcher zu identifizieren.

Ansonsten sieht man einiges „Lametta“ an diesem Hanomag mit Zulassung in der Hansestadt Hamburg – schön, dass man bis heute an dieser traditionsreichen Bezeichnung und dem entsprechenden Kürzel „HH“ festgehalten hat.

Unterhalb der beiden Hauptscheinwerfer haben wir zwei große verchromte Hupen, auf der in Fahrtrichtung rechten Kühlerseite prangt das Emblem des DDAC, in dem die nationalsozialistische Regierung die zuvor unabhängigen deutschen Automobilclubs zwangsvereint hatte.

Außerdem erahnt man einen Wimpel mit dem damaligen deutschen Hoheitszeichen. Das konnte auch ein politisches Bekenntnis sein, musste es aber nicht. Mir widerstrebt es jedenfalls, unsere Vorfahren vom Schreibtisch aus mit über achtzig Jahren Verspätung unter Generalverdacht zu stellen, das ist einfach billig und schäbig.

Kommen wir zum eigentlichen Knackpunkt: Ist das nun ein Hanomag „Rekord“ oder ein „Sturm“? Ich meine, es muss sich um das große Sechszylindermodell handeln. Schauen wir nochmals genauer hin:

Nebenbei bemerkt: Dies ist ein winziger Ausschnitt des originalen Kleinbildfotos, das ich am Ende in ganzer Pracht zeigen werde – ich finde es phänomenal, wie detailreich ein solcher Schnappschuss eines mutmaßlichen Amateurfotografen damals sein konnte.

So sind hier zwei entscheidende Details wiedergegeben: Zum einen scheint die hintere Luftklappe hinter der Motorhaube angebracht zu sein, deren Ende am Oberteil gut zu erkennen ist. Zum anderen wirkt es so, als ginge das Trittbrett in eine seitliche „Schürze“ am Vorderkotflügel über.

Zugegeben, das klingt ziemlich abstrakt, doch oft kommt es bei historischen Autofotos auf genau solche winzigen Unterschiede an, will man den genauen Typ bestimmen.

Hier zum Vergleich eine Werksaufnahme eines Hanomag „Sturm“, die verdeutlichen sollte, was mit dem eben Gesagten gemeint ist:

Hanomag „Sturm“ Limousine; originales Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir sehen nicht nur die erwähnte Luftklappe hinter dem Ende der Motorhaube – der Hanomag „Rekord“ hatte übrigens immer nur vier solcher Klappen – der „Sturm“ deren fünf oder – wie hier – sechs.

Auch ist deutlich zu erkennen, dass sich das Vorderende des Trittbretts in einer seitlichen „Schürze“ am Kotflügel fortsetzt, die den Blick ins wenig ansehnliche Innere des Radhauses kaschiert.

Wie sah diese Partie nun beim kleineren „Rekord“ aus? Nun, das lässt sich an diesem Foto nachvollziehen, das einen deutschen Soldaten – ein junger Infanterist im Rang eines Gefreiten – vor Kriegsausbruch neben „seinem“ Hanomag Rekord zeigt:

Hanomag „Rekord“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie erwähnt waren die vier seitlichen Luftklappen kennzeichnend für Hanomags Vierzylindermodell „Rekord“. Zudem fehlen bei serienmäßigen „Rekord“-Wagen des Maschinenbauers aus Hannover stets die beschriebenen vorderen Kotflügel“schürzen“.

Diese setzten sich ab 1934 zwar allgemein bei deutschen Serienwagen durch, doch musste der „Rekord“ auch noch in der späten, bis 1938 gebauten Ausführung (erkennbar u.a. an den gelochten Felgen) ohne sie auskommen:

Hanomag „Rekord“ Sechsfenster-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So spricht aus meiner Sicht die Evidenz dafür, dass der Hanomag mit Kennzeichen Hamburg, der einst so trefflich auf dem eingangs gezeigten Foto abgelichtet wurde, eher ein Modell „Sturm“ als ein „Rekord“ war.

Das bedeutete nicht nur Sechszylinder-Laufkultur, sondern auch 50-55 PS Spitzenleistung statt bloß 32-35 PS beim „Rekord, was sich in der Höchstgeschwindigkeit von 110-115km/h (ggü knapp 100 km/h) niederschlug.

Ein Hanomag „Sturm“ war damit ein echtes Autobahnauto, seinerzeit ein wichtiges Verkaufsargument, obwohl damals kaum etwas unterwegs war auf dem noch im Aufbau befindlichen deutschen Autobahnnetz.

Zum Abschluss bleibt dennoch eine Frage offen: Wo genau wurde diese Hanomag „Sturm“ Limousine einst abgelichtet? Ich habe einige deutsche Kirchen dieses eindrucksvollen „Kalibers“ durchprobiert, doch leider ohne Erfolg:

Hanomag „Sturm“ Limousine, Zulassung Hamburg; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Nach meinen bisherigen Erfahrungen würde es mich sehr wundern, wenn nicht ein Leser spontan ausrufen würde: „Das ist doch der Dom in … und ich wohne gleich um die Ecke!“

Auch so etwas gehört zu den schönen Seiten eines Blogs für Vorkriegsautos…

Nachtrag: Die Kirche hat sich als die neugotische Hamburger Nikolaikirche herausgestellt, von der nach der Sprengung des 1943 durch Bomben stark beschädigten Hauptschiffs in der Nachkriegszeit nur noch der fast 150 Meter hohe Turm steht…

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Baby-Cadillac: Ein LaSalle „Roadster“ von 1931

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich der Schlagwortwolke meines Blogs (rechts unten) einen „neuen“ Markennamen hinzufügen kann.

Heute ist so eine Gelegenheit, doch da es sich um keine große Rarität handelt, reicht es noch nicht zum demnächst anstehenden Fund des Monats.

Der Hersteller des Wagens, um den es geht, ist im übrigen ein alter Bekannter – Cadillac. Im General Motors-Konzern, zu dem Cadillac seit 1909 gehörte, war man Mitte der 1920er Jahre der Ansicht, dass im Markenportfolio ein günstigeres und weniger konservatives Modell fehle – so schuf man 1927 die neue Marke LaSalle.

Zuständig für die Gestaltung der LaSalle-Wagen war Harley Earl von Earl Automotive Works, einem vom Cadillac-Händler Don Lee übernommener Karosseriebauer. Harley Earls Entwurf schlug dermaßen ein, dass er zum Leiter der neu geschaffenen Designabteilung von General Motors ernannt wurde – damals noch als „Art & Colour“ bezeichnet.

Die als LaSalle vermarkteten Wagen wurden von Cadillac nach hauseigenen Standards gebaut, besaßen durchweg V8-Motoren, fielen aber kleiner aus und waren merklich „billiger“. Noch 1929 erhielten LaSalle-Autos ein teilsynchronisiertes Getriebe.

Ab 1930 war ein LaSalle äußerlich kaum von Cadillac-Modellen zu unterscheiden – sieht man von den Markenemblemen und dem kürzeren Radstand ab.

Hier haben wir ein schönes Beispiel für einen solchen „Baby“-Cadillac:

LaSalle Roadster Series 345A von 1931; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese 1933 im New Yorker Stadtteil Brooklyn entstandene Aufnahme dürfte als Gruß von Auswanderern nach Deutschland gelangt sein. Ob das Paar selbst Besitzer des LaSalle war oder nur davor posierte, lässt sich nicht mehr klären.

Der hemdsärmelige Auftritt des stämmigen Herrn will nicht so recht zum Stil des Wagens passen – und auch nicht zur eleganten Erscheinung seiner Begleiterin.

Jedenfalls wusste man, wie man die Angehörigen in der alten Heimat beeindrucken konnte – ein LaSalle mit 95 PS Leistung, der gegen Aufpreis mit Radio und Heizung lieferbar war, war in Deutschland seinerzeit ein Luxus wie ein Horch-Achtzylinder.

Übrigens lässt sich der LaSalle des Modelljahrs 1931 an der einteiligen (am Ende einwärts gebogenen) Stoßstange vom Vorgänger unterscheiden:

Die hier schemenhaft zu erkennenden seitlichen Luftklappen in der Motorhaube gab es ebenfalls erst beim LaSalle von 1931 (im Lauf der Produktionsdauer eingeführt).

Nach den Anfangserfolgen der späten 1920er Jahre brach der Absatz von LaSalle in den frühen 1930ern ein – vom hier abgebildeten Wagen des Modelljahrs 1931 entstanden nur rund 10.000 Stück – nach amerikanischen Verhältnissen eine überschaubare Zahl.

Bis 1933 fiel der Absatz weiter auf gut 3.000 Stück. Zwar kam es später zu einer Erholung, doch mittlerweile erwiesen sich andere Anbieter als wettbewerbsfähiger in dem Segment, weshalb General Motors die Marke LaSalle im Jahr 1940 aufgab.

Die letzten Wagen von LaSalle wiesen ein völlig anderes Erscheinungsbild auf und man versteht, weshalb sie nicht mehr als „Baby“-Cadillac wahrgenommen wurden, sondern eher als teurer Buick – doch das wird Gegenstand eines anderen Blog-Eintrags sein…

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Glänzende Erscheinung: Ein Horch Phaeton um 1912

Die in meinem letzten Blog-Eintrag zur sächsischen Luxusmarke Horch angekündigte Fortsetzung der Chronologie in die 1930er Jahre hinein muss noch etwas warten.

Mir ist in Sachen Horch etwas „dazwischen gekommen“, was gänzlich unvorhersehbar war, aber zugleich so prächtig, dass ich es meiner Leserschaft nicht länger vorenthalten will.

Es hat eine Weile gebraucht, bis sich das Auto, um das es heute geht, als Horch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg erwies. Nochmals einige Recherchen waren erforderlich, um den Wagen eingermaßen genau einsortieren zu können.

Doch genug der Vorrede – hier haben wir das großartige Automobil, das uns heute beschäftigen wird:

Horch Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anfänglich dachte ich, dass es sich um ein französisches oder belgisches Fahrzeug handeln könnte – die gotische Backsteinarchitektur sprach nicht dagegen und der auch auf dem Originalabzug kaum lesbare Schriftzug auf dem Kühler schien dazu zu passen.

Ausgerechnet aus den Vereinigten Staaten, deren Bewohner gern pauschal als an Europa desinteressiert und überwiegend primitiv präsentiert werden – nebenbei ein über 100 Jahre altes Vorurteil und Ausweis abendländischer Arroganz – erreichte mich via Facebook der Hinweis eines Enthusiasten, dass es sich um einen Horch vor 1914 handele.

Eingehende Vergleiche mit Bilddokumenten in der Literatur (Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle, Verlag Delius-Klasing) bestätigten dieses Votum, obwohl der Schriftzug auf dem Kühler es einem wahrlich nicht leicht macht:

Doch Details wie der Kühlwassereinfüllstutzen, die Nabenkappe, die nach hinten länger werdenden seitlichen Luftaustritte, selbst die Nieten in der Motorhaube und das Messingprofil, das Haube und den zur Frontscheibe ansteigenden Windlauf („Torpedo“) trennt, passen perfekt zu zeitgenössischen Horch-Bildern um 1912.

Gegen eine jüngere Datierung spricht, dass bei Horch ab 1913 der Flachkühler einem markanten Schnabelkühler wich – während frühere Modelle (bis 1910) noch keinen so harmonischen Übergang zwischen Haube und Frontscheibe aufweisen.

Die Literatur führt für jene Zeit in dieser Größenklasse vor allem drei Motorisierungen an: 10/30 PS, 12/34 PS und 17/45 PS – allesamt seitlich gesteuerte Vierzylinder.

Was genau unter der Haube dieses Horch-Phaeton schlummerte, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Dennoch handelte es sich zweifellos um eine glänzende Erscheinung, und sei es nur, was die Lederpolsterung und die Lackierung angeht.

Die von der Motorhaube bis zum Heckkotflügel durchlaufende Zierleiste ist übrigens ein weiteres Indiz für einen Horch um 1912, legt man die wenigen zeitgenössischen Vergleichsfotos zugrunde.

Wer sich fragt, was es mit den Element in der Mitte des Trittbretts und den beiden oberhalb des Rahmens angebrachten ovalen Riemen auf sich hat, dem kann geholfen werden: Das sind die Ersatzradhalterung und die zugehörigen Befestigungsbänder.

Bei montiertem Ersatzrad war auf der Fahrerseite kein Ausstieg möglich, weshalb der Chauffeur damals den Wagen über die linksgelegene Beifahrertür verlassen musste.

Der Fahrer hatte auch sonst einiges zu tun: rechts von ihm waren Schalthebel und Hupe zu bedienen, für Nachtfahrten musste der Karbidgasentwickler auf dem Trittbrett funktionsfähig sein, als „Standlicht“ bei geparktem Fahrzeug mussten die beiden Petroleumlampen dienen.

Der einzige Komfort für den Chauffeur bestand hier in einem Schaffell, das über die Vordersitze geworfen zu scheint hin. Die rückwärtigen Passagiere hatten vielleicht eine separate Wärmequelle in Form eines Öfchens im Fußraum zur Verfügung.

So sah absoluter Luxus vor rund 110 Jahren aus – für den Gegenwert eines Eigenheims bekam man eine so „windige Angelegenheit“, mit der man ein Prestige und ein Privileg genoss wie es heute vielleicht der Besitz eines Privatflugzeugs vermittelt.

Gleichzeitig ermöglichten diese Luxusgefährte die Erprobung und Bewährung einer Technologie, die im 21. Jahrhundert quasi für jedermann erschwinglich ist – wenn auch – zweifellos nicht in Form einer so glänzenden Erscheinung

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Nichts für Leute mit Dachschaden: Nash von 1925

Das Thema Dachschaden nimmt in meinem heutigen Blog-Eintrag ungewöhnlich viel Platz ein, wie sich spätestens am Ende zeigen wird. Das mag überraschen, assoziiert man mit der einstigen US-Marke Nash doch vollkommen vernünftige Fahrzeuge.

Ungewöhnlich ist allenfalls, auf welchen Wegen es zur Entstehung der erst seit 1917 tätigen Herstellers kommen sollte. Diese Geschichte will ich bei anderer Gelegenheit anhand eines ganz frühen Nash erzählen.

Heute geht es um ein Modell von 1925, als Nash zwar nicht zu den ganz großen Namen in der US-Automobilindustrie gehörte, aber mit einem Jahresabsatz von rund 100.000 Fahrzeugen bereits jeden europäischen Anbieter in den Schatten stellte.

Nach amerikanischem Verständnis waren Nash-Wagen damals lediglich Mittelklassewagen, die technisch nicht sonderlich avanciert, aber auf der Höhe der Zeit waren – und als hervorragend verarbeitet galten.

Von Vierzylindern hatte man sich mit dem Modelljahr 1925 verabschiedet, fortan baute man nur noch Sechszylinderwagen mit 40 bis 60 PS Leistung. Vergleichbares war am deutschen Markt von einheimischen Herstellern in dieser Kategorie nicht verfügbar.

So konnte Nash bereits Mitte der 1920er Jahre – also noch vor dem ganz großen US-Autoboom hierzulande – auch deutsche Kunden überzeugen, wie die folgende Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks beweist:

Nash Tourenwagen von 1925; Ausschnitt aus Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Wagen mit Zulassung im Raum Berlin ist aus einer Perspektive aufgenommen, die eine genaue zeitliche Einordnung erlaubt.

Die Form des Kühlergehäuses und die Position des Nash-Emblems sind typisch für das Modelljahr 1925, davor und danach wichen die Details der Frontpartie ab. Aus der Reihe fiel lediglich die Gestaltung des Nash-Einstiegsmodells „Light Six Ajax“.

Jedenfalls finden sich Nash Tourer von 1925 mit vollkommen übereinstimmender Karosserie von der Ausführung der Vorderschutzbleche über die Scheinwerferform bis hin zu Details wie den unterhalb der Frontscheibe angebrachten Positionsleuchten.

Im Modelljahr 1925 gelang Nash eine Steigerung der Absatzzahlen um ganze 50 % – und offenbar bediente man nun auch den europäischen Markt. Ein noch früherer Nash in Deutschland ist mir jedenfalls auf alten Fotos bislang nicht begegnet.

Sehr schön kann man hier die Details des Verdecks studieren, das auf Fotos solcher Tourenwagen meist in niedergelegtem Zustand zu sehen ist. Interessant ist, dass die seitlichen „Fenster“ – aus Zelluloid gefertigt – aus mehreren Elementen bestehen.

Technisch notwendig war dies damals eigentlich nicht, wie zeitgenössische Fotos anderer Tourer beweisen, weshalb man hier eine gestalterische Absicht vermuten darf. Vielleicht sparte man aber so auch Kosten in der Herstellung, da Kunststoffe noch teuer waren.

Jedenfalls macht das eigentliche Dach einen funktionell verlässlichen Eindruck, was die Frage aufwirft, wo denn nun der angekündigte Dachschaden zu besichtigen ist. Nun, die Auflösung findet sich weiter oberhalb des Nash:

Nash Tourenwagen von 1925; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Während der Nash letztlich kaum Rätsel birgt, bereitet mir die Aufnahmesituation einiges Kopfzerbrechen. Was ist mit dem Dachgeschoss dieser Gründerzeitvilla geschehen?

Hat es dort einen Brand gegeben, weshalb man den Dachstuhl ersetzen musste? Dann würde man doch irgendwo Rußspuren erkennen. Und warum sind Teile des Mauerwerks des 1. Stockwerks abgetragen und die Sprossenfenster ausgebaut?

Meine Erklärung ist die, dass hier gar keine Notwendigkeit bestand, das Dach nach einem Brand zu entfernen. Vermutlich handelt es sich eher um einen „Dachschaden“ beim Besitzer der vielleicht erst gerade einmal 30-40 Jahre alten Villa.

Möglicherweise meinte er, von der Mitte der 1920er Jahre aufkommenden Moderne in die Irre geleitet, sein Haus mit einem neuen Geschoss in derselben Schuhkartonmanier versehen zu müssen, die seit bald 100 Jahren die Obsession „progressiver Architekten“ ist.

Vielleicht gibt es ja eine weniger profane Erklärung – aber bis auf weiteres scheint hier jemand ein vollkommen intaktes, strukturell langlebiges Haus zum Objekt einer brutalen Modernisierung auserkoren zu haben, die in solchen Fällen fast immer „in die Hose geht“, weil sich daraus kein stimmiges Ganzes ergibt.

Ob der brave Nash vor der Tür wohl ebenfalls dem Hausbesitzer mit „Dachschaden“ und Hang zu „schöpferischer Zerstörung“ gehörte? Ich glaube es eher nicht, dafür wirkt der Wagen zu konservativ in der Linienführung.

Doch gehört es zum Reiz solcher Fotos, dass sie oft nicht mehr alle ihre Geheimnisse preisgeben und es letztlich unserer Fantasie überlassen bleibt, was wir darin sehen…

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In den 30ern schon eine Rarität: Adler „Favorit“ Tourer

In den 1920er Jahren waren Tourenwagen gewissermaßen ein Branchenstandard im deutschsprachigen Raum. Die offenen Versionen mit Platz für bis zu sieben Personen wurden jedoch nicht wegen ihrer Freiluftqualitäten bevorzugt, sondern weil sie die günstigste Möglichkeit darstellten, überhaupt ein Auto zu fahren.

Das begann sich ab Mitte der 1920er Jahre zu ändern, als zunehmend Limousinen gefragt waren. Das erklärt, weshalb beispielsweise Adler aus Frankfurt das 1928 eingeführte Vierzylindermodell „Favorit“ meist mit geschlossenem Aufbau lieferte.

Hier ein typisches Beispiel mit Ganzstahl-Standardkarosserie von Ambi-Budd:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser 1930 fotografierte Wagen entspricht vollkommen vergleichbaren Exemplaren in der Literatur. Das Adler-Emblem ragt noch in das Kühlernetz hinein, was in Verbindung mit den fünf Radmuttern ein klarer Hinweis auf einen „Favorit“ von 1928-30 ist.

Der parallel erhältliche Sechszylindertyp „Standard“ 6 wäre davon nur durch die größere Reifendimension und sechs Radmuttern zu unterscheiden gewesen.

Bereits bei diesen ersten Ausführungen des Adler „Favorit“ und des „Standard 6″ waren klassische Tourenwagenaufbauten selten. Meine Adler-Fotogalerie enthält zwar mittlerweile Dutzende Fotos dieser Typen – doch Tourenwagen sind die Ausnahme.

Hier haben wir ein rares Beispiel für den Tourer in der Ausführung bis 1930:

Adler „Favorit“ Tourenwagen, Bauzeit: 1928-30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Langjährige Leser meines Blogs werden diese schöne Aufnahme bereits kennen, die auch insoweit außergewöhnlich ist, als sie die seitlichen Steckscheiben zeigt, die normalerweise nur bei geschlossenem Verdeck angebracht wurden.

Das Oberteil der Windschutzscheibe ist hier waagerecht ausgestellt und gibt den Blick frei nicht nur auf den jungen Mann am Lenkrad, sondern auch auf ein Schild im Hintergrund mit der Aufschrift „SHELL AUTOOELE“, das heute Sammlerwert hätte.

Zur Jahreswende 1930/31 wurden Adler „Favorit“ und „Standard 6“ optisch modernisiert. Das dreieckige Adler-Emblem wanderte nach oben und war nun ganz in die Kühlermaske integriert. Gleichzeitig wurden die in zwei Gruppen angeordneten horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube durch senkrechte abgelöst.

Das sah bei der Limousine dann so aus wie auf dieser Aufnahme:

Adler „Favorit“ ab 1930, aufgenommen in der „DDR“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass wir keinen „Standard 6“ vor uns haben, sagt uns das Fehlen des entsprechenden Hinweises auf der Scheinwerferstange. Nach der Modellpflege Ende 1930 besaßen nämlich „Standard 6“ und der Vierzylindertyp „Favorit“ nur noch fünf Radmuttern.

Nebenbei ist dieses Foto ein schönes Beispiel für das Überleben von Vorkriegswagen als Alltagsauto in der einstigen „Deutschen Demokratischen Republik“, die ich wie die „Demokratische Volksrepublik Nordkorea“ bewusst in Anführungszeichen schreibe.

Ab 1930 wurden Tourenwagen außer für staatliche Abnehmer wie Polizei und Militär kaum noch gebaut. Wer als Privatmann eine offene Ausführung wünschte, kaufte meist ein Cabriolet, das mit Kurbelscheiben und gefüttertem Verdeck weit komfortabler war.

Umso spannender ist es, auch bei den späten Adler-Wagen der Typen „Favorit“ bzw. „Standard 6“ doch noch vereinzelt auf Tourenwagenversionen zu stoßen:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses aus vorteilhafter Perspektive geschossene Privatfoto verdanke ich einmal der Großzügigkeit von Matthias Schmidt aus Dresden, der ein bemerkenswertes Archiv an Autofotos aus dem Deutschland der Vorkriegszeit besitzt.

Auch hier vermute ich aufgrund des Fehlens der Ziffer „6“ auf der Scheinwerferstange, dass es sich um den Vierzylindertyp „Favorit“ und nicht einen „Standard 6“ handelt. Bemerkenswert ist, dass sich der Käufer für einen Tourenwagenaufbau entschied, der inzwischen so selten war, dass er in der heutigen Literatur nicht mehr abgebildet ist.

Wer Zweifel an dem Befund hat, da das Verdeck des oben abgebildeten Wagens durch den stolz posierenden Besitzer abgedeckt ist, sei auf eine zweite Aufnahme desselben Autos verwiesen, die jeden Zweifel zerstreut:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese Seitenansicht mit geschlossenem Verdeck ist nach meiner Einschätzung eine Rarität – mir ist jedenfalls bislang keine vergleichbare Abbildung begegnet, die einen Adler „Favorit/Standard 6“ ab 1930/31 in solcher Tourenwagenausführung zeigt.

Überraschenderweise wirkt der Adler mit geschlossenem Verdeck und die Länge betonender hell abgesetzter Seitenleiste geradezu sportlich. Das waren zwar weder „Favorit“ noch „Standard 6“ tatsächlich, doch der Stil ist absolut überzeugend.

Der spezielle Geschmack dieses Adler-Besitzers, der sich hier lässig mit Zigarre und in die Ferne gehendem Blick inszeniert, gefällt mir ausgesprochen gut, nicht zuletzt weil er offenbar auf modische Strömungen nichts gab.

Seine Partnerin mit Hund scheint mit der Situation eines stilistisch aus der Zeit gefallenen Automobils durchaus glücklich gewesen zu sein – war sie am Ende eine frühe Nostalgikerin?

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Ein Stettiner in Augsburg: Ford Eifel Roadster

Gut 750 km sind es von Stettin in Pommern (heute Teil Polens) in die Römerstadt Augsburg in Bayern, wenn man die direkte Route zugrundelegt.

Vor 75 Jahren – am Ende des 2. Weltkriegs – war der Weg für viele Stettiner aus der alten Heimat zu einem neuen Lebensmittelpunkt verschlungener und beschwerlicher – oft genug ein nie bewältigtes Trauma.

Doch heute geht es nicht um die katastrophale Niederlage Deutschlands im Frühjahr 1945, sondern um eine reizvolle Episode einige Jahre vorher, die nichts von den bedrückenden politischen Umständen ahnen lässt.

Auch damals ging es um einen Stettiner, den es nach Bayern verschlagen hatte, nicht ohne einen Umweg über Köln am Rhein genommen zu haben – zumindest teilweise.

Klingt reichlich mysteriös, ist aber genau das, was die Aufnahme aus meiner Sammlung zeigt, die ich heute vorstelle:

Ford Eifel Roadster von 1936 in Augsburg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst ist festzuhalten, dass dieses schöne Dokument, an dem fast alles stimmt, eine bloße Amateuraufnahme ist, über deren Entstehungsumstände wir nichts wissen.

Beim Erwerb hatte ich keine Vorstellung davon, was darauf zu sehen ist und wo das Foto einst entstanden war. Ich kaufe gern solche rätselhaften Bilder, wenn sie mich ansprechen und der Preis vernachlässigbar ist.

Es hat mich einige Zeit gekostet herauszufinden, was darauf zu sehen ist, doch heute bin ich froh, dass ich dieses Dokument dem sonst wohl sicheren Vergessen entrissen habe, und hoffe, dass es auch anderen Freude bereitet.

Man darf davon ausgehen, dass für den Fotografen die junge Frau der Anlass war, auf den Auslöser zu drücken. Ob sie seine Begleiterin war oder gerade zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort war, um diesem Bild seine Magie zu verleihen, sei dahingestellt.

Ebenfalls offenbleiben muss, ob das Auto am Straßenrand ebenso „zufällig“ in die Aufnahme einbezogen wurde, ob es dem Fotografen gehörte oder ihm zumindest so interessant vorkam, dass er es in den Bildaufbau einbezog.

Möglicherweise wollte jemand bloß die prächtige Maximilianstraße in Augsburg mit dem großartigen Herkulesbrunnen und der spätgotischen Kirche St. Ulrich und Afra aufs Bild bannen – eine Ansicht, die sich heute fast genauso darbietet und aus meiner Sicht alles über die mit der Moderne verlorengegangene Kunst des Städtebaus sagt.

Nun aber zum Auto, das lediglich auf den ersten Blick unspektakulär wirkt:

Der schmale, hohe Kühler und die mittig abwärtsgeschwungene Stoßstange lässt natürlich an einen Ford Eifel in der frühen Ausführung von 1935/36 denken.

Diese konservative Gestaltung der Frontpartie entsprach der des britischen Vorbilds, des Ford „Ten Junior“.

Dass der Ford Eifel – mit Ausnahme des Opel Olympia – auf dem deutschen Markt fast konkurrenzlos war, habe ich in einem älteren Blog-Eintrag dargelegt.

Damals hatte ich unter anderem dieses Foto eines frühen Ford Eifel präsentiert, dessen Kühlerpartie identisch mit der des Wagens aus Augsburg ist:

Ford „Eifel“ Cabriolimousine von 1935/36; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch die Übereinstimmung endet auch schon an der Frontpartie. Wie es scheint, besaß der auf der Maximilianstraße in Augsburg abgelichtete Ford senkrechte Luftschlitze ohne waagerechte Zierleisten.

Zudem zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass er über einen tiefen Türausschnitt verfügt, wie er von jeher typisch für Roadster-Aufbauten ist. Nun wird es interessant:

Roadster auf Basis des Ford „Eifel“ werden in der gängigen Literatur zu deutschen Vorkriegsautos zwar erwähnt. Doch Bilder sind dort meist nur von den späteren Ausführungen mit geänderter Frontpartie zu finden.

Ein Ford „Eifel“ Roadster mit der ursprünglichen Kühlerausführung dagegen war eine ziemliche Rarität. Tatsächlich wurden davon nur wenige hundert Exemplare gefertigt, und zwar – nun landen wir in Stettin – von den Stoewer-Werken!

Hier eine Abbildung, die mir Stoewer-Spezialist Manfried Bauer zur Verfügung gestellt hat:

Ford „Eifel“ Roadster (frühe Ausführung) mit Karosserie von Stoewer; Quelle: Stoewer-Archiv M.B.

Über diese eigentümliche Kooperation der riesigen Kölner Ford-Werke mit dem kleinen, aber feinen Traditionshersteller an der Ostsee finden sich in der einschlägigen Literatur einige Überlegungen – ganz genau klären ließ sich die Sache aber nicht mehr.

Plausibel finde ich es, das Interesse von Ford an einer Zusammenarbeit mit Stoewer damit zu erklären, dass man die Präsenz der Stettiner Traditionsfirma im Ostteil des Deutschen Reichs und ihren hervorragenden Ruf in östlichen Nachbarstaaten zur Förderung des eigenen Vertriebs nutzen wollte.

Für Stoewer, wo man in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war, kam der Auftrag aus Köln zum Bau von Roadster-Aufbauten für den Ford Eifel gerade recht.

Einerseits war das eine Anerkennung der Qualitätsarbeit, die in Stettin geleistet wurde, auf der anderen Seite war klar, dass solche Auftragsarbeiten für einen Massenproduzenten wie Ford von Stoewer ohne Investitionen nicht in großem Stil realisierbar waren.

Aus welchen Beweggründen auch immer ergab sich nach der Fertigung von Roadster-Aufbauten für den Ford Eifel durch Stoewer keine weitere Kooperation.

So blieb der Roadster auf Basis des frühen „Eifel“ eine kurze Episode in der wechselhaften Geschichte der Stettiner Marke, die es als einzige hierzulande geschafft hatte, bis in die 1930er Jahre von der Gründerfamilie gelenkt zu werden.

Wieviele – oder besser: wie wenige – von Stoewer an Ford in Köln gelieferten Roadster-Aufbauten überlebt haben, kann vielleicht jemand von den Alt-Ford-Freunden sagen.

Immerhin konnte ich im Netz ein Foto finden, das sehr wahrscheinlich einen frühen Ford Eifel mit Roadster-Aufbau aus Stettin zeigt. Über weitere Hinweise auf überlebende Exemplare dieses Typs würde ich mich freuen.

Zurückkehren möchte ich noch einmal zu der jungen Dame, die einst mein Interesse an diesem Foto geweckt hatte:

Auch ohne den raren Ford wäre das doch eine Aufnahme, bei der es dem Nostalgiker und Kulturpessimisten warm ums Herz wird.

Denn bei aller Schönheit Augsburgs, die trotz des zweitägigen Bombenangriffs auf die historische Innenstadt im Februar 1944 nach dem Krieg einigermaßen wiederhergestellt werden konnte, wird man dort heute diesem eleganten Stil kaum mehr begegnen.

Wenn in diesen Tagen des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa gedacht wird, der 1939 vom nationalsozialistischen Deutschland und dem kommunistischen Russland fast zeitgleich begonnen wurde, mag vielleicht der eine oder andere Gedanke auch einer damit untergegangenen Welt gelten, in der Schönheit und eleganter Stil einen anderen Stellenwert hatten als in unseren Tagen…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Schritt vor, zwei zurück: Wanderer W10-IV

Es ist nicht lange her, dass ich hier die vier Modellgenerationen des Vierzylindertyps W10 der sächsischen Marke Wanderer vorgestellt habe. Die Geschichte dieser Typenfamilie erstreckt sich von 1926 bis 1932 – und ist nicht ganz einfach.

Den letzten Vertreter dieses Typs – den Wanderer W10-IV – hatte ich seinerzeit aus Zeitgründen nur gestreift. Dabei verdient auch er eine nähere Beschäftigung, steht er doch für Fortschritt und Rückschritt bei Wanderer zugleich vor 90 Jahren.

Als Ausgangspunkt habe ich ein Foto seines Vorgängers gewählt, das mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden zur Verfügung gestellt hat. Es ist nicht nur von besonderer Qualität, sondern eignet sich hervorragend als Basis, von der aus sich die weitere Entwicklung nachvollziehen lässt, die ich mit „Ein Schritt vor, zwei zurück“ umschreiben möchte:

Wanderer 6/30 PS (Typ W10-III) Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Aus dieser Perspektive lassen sich alle Merkmale studieren, die den Wanderer W10-III mit Motorisierung 6/30 PS ab Herbst 1928 auszeichneten:

zwei Felder mit schmalen vertikalen Luftschlitzen in der Motorhaube,

– Scheinwerfer mit trommelförmigem Gehäuse

– Scheibenräder mit vier Radbolzen

Wie die Vorgängervarianten W10-I bis W10-III besaß der Wagen einen schlichten Kühler mit dem 1926 eingeführten weiß-blauen Markenemblem, dessen Grundform noch aus dem Jahr 1912 stammte.

Auch die Fahrtrichtungsanzeiger auf den Kotflügeln und mittig vor dem Kühler, die bei Betätigung permanent leuchteten (nicht blinkten) behielt Wanderer beim W10-III bei:

So hatte sich übrigens schon der Wanderer W10-II mit der stärkeren Motorisierung 8/40 PS präsentiert, der jedoch nur kurze Zeit hergestellt wurde.

Er wurde nach weniger als zwölf Monaten zugunsten des neuen Sechszylindertyps W11 aufgegeben. Gleichzeitig behielt der W10-III die Rolle als Einstiegsmodell bei, nun aber – wie gesagt – im Erscheinungsbild des eingestellten stärkeren W10-II.

Komplizierte Verwandschaftsverhältnisse wie diese sind typisch für die Autos von Wanderer.

Meines Wissens ist es erst dem Autorenduo Erdmann/Westermann im Standardwerk „Wanderer-Automobile“ (Delius-Klasing) gelungen, die Typengeschichte der Marke voll zu erfassen. Die ältere Literatur zu Wanderer ist mit Vorsicht zu genießen.

Der erwähnte Sechszylindertyp W11 mit Motorisierung 10/50 PS sollte im Herbst 1928 nicht nur dem W10-II mit 40 PS den Garaus machen. Anfang 1929 beschloss man, trotz sich bereits eintrübender Konjunktur auch den W10-III mit 30 PS auslaufen zu lassen und alles auf die Sechszylinderkarte zu setzen.

Fortan sollte also nur noch der größere, aber auch erheblich teurere Wanderer W11 mit Motorisierung 10/50 PS gebaut werden. War die viertürige Limousine beim Vierzylindertyp W10-III für zuletzt 6.550 Reichsmark zu haben, mussten für den gleichen Aufbau beim neu eingeführten Sechszylinder W11 fast 8.000 Mark berappt werden.

Bei diesem happigen Preisaufschlag half auch die deutlich luxuriösere Anmutung des an amerikanischen Vorbildern orientierten Wanderer W11 wenig:

Wanderer W11 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von dem im April 1929 eingeführten neuen Wanderer-Flügelemblem auf dem Kühler ab, könnte diese Limousine auch als einer der „Amerikanerwagen“ durchgehen, die Ende der 1920er Jahre ungeheuer erfolgreich am deutschen Markt waren.

Rasch stellte es sich als kapitaler Fehler heraus, mit den damals kaum zu schlagenden US-Sechszylindermodellen konkurrieren zu wollen. Noch vor dem Kurseinbruch an den Börsen im Oktober 1929 war der Absatz des W11 10/50 PS drastisch zurückgegangen.

In der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise verloren nicht nur weite Teile der Bevölkerung ihre Arbeitsplätze, auch die Vermögenden büßten einen Großteil ihres auf Aktienbeteiligungen beruhenden Wohlstands ein.

Der Markt für teure Kopien amerikanischer Sechszylinder aus deutscher Produktion verflüchtigte sich damit binnen kurzem. Wanderer reagierte auf die existenzbedrohende Lage rasch und durchaus erfolgreich.

So reaktivierte man den eingestellten Vierzylindertyp 6/30 PS und verbaute ihn technisch unverändert im Wanderer W10-IV, der freilich äußerlich erheblich aufgewertet wurde und trotz etwas geringerer Abmessungen so luxuriös wirkte wie der teure Sechszylinder.

Nun erhielten die Käufer das, was man von Anfang hätte anbieten sollen, um sich von den Amerikanern abzuheben: Bezahlbare Vierzylinder – optisch attraktiv verpackt.

Mit dem in großer Eile entwickelten Typ W10-IV mit der vertrauten Motorisierung 6/30 PS bot Wanderer ab Herbst 1930 ein sehr ansprechendes Automobil an. Auf der folgenden Aufnahme von Leser Marcus Bengsch wirkt der Vierzylinderwagen geradezu luxuriös:

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Bei dieser Frontpartie, die nichts mehr mit der des gleichstarken (oder schwachen) Vorgängers W10-III gemeinsam hat, leisteten die Gestalter von Wanderer ganze Arbeit.

Die nunmehr vollverchromte (zuvor vernickelte) Kühlermaske verfügt über senkrechte Lamellen und zwei geprägte Felder oben und unten, in denen sich die Lamellen optisch fortsetzen und so einen höheren Kühler (und damit stärkeren Motor) suggerieren.

Die Abdeckung der Aufnahme für die Starterkurbel (die dank elektrischen Anlassers nur noch im Notfall zum Einsatz kam) ist recht groß geraten und nun ein eigenständiges dekoratives Element – wesentlich ausgeprägter als beim großen Sechszylindertyp W11.

Neu ist auch die Doppelstoßstange nach US-Vorbild. Bei den Vorgängertypen des W10-IV scheinen Stoßstangen werksseitig nicht einmal als aufpreispflichtiges Zubehör verfügbar gewesen zu sein.

Mittlerweile hatte man aber seine Lektion gelernt und bot den Kunden, was sie haben wollten, gleich ab Werk. Vor lauter Chrompracht übersieht man leicht ein weiteres neues Detail, das jetzt rautenförmige Markenemblem auf dem Kühler:

Das noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg stammende Wanderer-Emblem, zuletzt in weiß-blauer Ausführung, war einer modernisierten Fassung gewichen, die nun in den sächsischen Landesfarben Weiß und Grün gehalten war.

Es verblasst freilich neben der stilisierten Flügelfigur auf dem Kühlerverschluss, deren Wiedererkennungswert den des Emblems bei weitem übertrifft. Diese meisterlich gestaltete Figur entsprang einem Entwurf des Wanderer-Vertriebschefs von Oertzen, in punkto Vermarktung einer der einfallsreichsten Köpfe in der deutschen Autoindustrie.

Außerdem fällt auf, dass die auf den Kotflügeln angebrachten Fahrtrichtungsanzeiger der Vorgängertypen beim Wanderer W10-IV den gängigen Winkern an den Scheibenpfosten gewichen waren.

Am Wagenende auf der rechten Seite sieht man außerdem eine Sturmstange – untrügliches Zeichen für eine Cabriolet-Ausführung, wie sie vor allem Gläser aus Dresden lieferte. Allerdings sind auch offene Aufbauten anderer Hersteller bekannt.

Das Nummernschild des Wagens verweist auf eine Zulassung im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Baden. Erkennt jemand vielleicht den Ort, wo einst diese reizvolle Aufnahme eines Wanderer W10-IV entstand?

Nachtrag: Der Wanderer wurde an der Spitalbastei in Rothenburg ob der Tauber fotografiert.

Festzuhalten bleibt, dass Wanderer mit der neugestalteten Frontpartie des Wanderer W10-IV Anfang der 1930er einen wichtigen Schritt nach vorn machte.

Die Wiederbelebung des Vierzylinders 6/30 PS mag man zwar gegenüber dem Sechszylindertyp 10/50 PS als „zwei Schritte zurück“ interpretieren, doch manchmal sichert einem vorübergehender Verzicht das Überleben.

Analogien zum Geschehen in unseren Tagen sind nicht ganz zufällig. Dazu gehört allerdings auch, dass man rechtzeitig wieder auf den alten Entwicklungspfad zurückkehrt, denn die ausländische Konkurrenz schläft nicht.

Und so stellte auch Wanderer noch während der Phase der wirtschaftlichen Depression die Weichen für eine Rückkehr zur Sechszylinder-Laufkultur – mit gleich zwei Typen (W15 und W17). Die Konstruktionen stammten von Tausendsassa Ferdinand Porsche, der zuvor bei Steyr tätig war und auf das dort gesammelte Knowhow zurückgreifen konnte.

Das ist aber eine andere Geschichte, für die mir noch das historische Bildmaterial fehlt…

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Ventillos, aber nicht stillos: Ein Minerva um 1912

Zu den weißen Flecken auf der Karte europäischer Vorkriegsmodelle gehört für viele wohl die einstige Markenwelt in Belgien.

Ich selbst hatte lange keine Vorstellung von der enorm reichen Automobiltradition in dem kleinen Land, das bis ins 20. Jahrhundert zu den führenden Industrienationen gehörte.

Da ich ohne Markenschwerpunkt historische Fotos von Vorkriegswagen in Europa sammle, stellte ich irgendwann fest, dass sich in meinem Fundus immer mehr Bilder einfanden, die offenbar belgische Autos (oder Lizennachbauten davon) zeigten.

Was sich da für eine Wunderwelt auftut, wenn man sich einmal darauf einlässt, wurde mir nach Erwerb eines Buchs schlagartig klar, das ich bei dieser Gelegenheit jedem Liebhaber untergegangener Marken ans Herz legen möchte:

Le Grand Livre de l’Automobile Belge von Kupélian/Sirtaine, ISBN: 978-287212-662-0


Bildquelle: https://www.books-on-collectables.eu/nl/transport/autos/le-grand-livre-de-l-automobile-belge/a-14787-10000001

Einziger Haken an dem 300 Seiten starken Standardwerk: Es ist nur auf Französisch erhältlich (die wichtigsten Marken werden am Ende außerdem auf Englisch vorgestellt).

Wer in der Schule ein wenig Französisch gelernt hat, wird feststellen, dass ihm dies hier kaum hilft, dafür ist das Vokabular zu speziell. Aber der Mensch wächst an der Herausforderung und die wichtigsten Fachbegriffe hat man sich rasch angeeignet.

Vielleicht nutzt ja auch der eine oder andere die wegen des Corona-Virus auf ungewisse Zeit verordnete allgemeine Untätigkeit – m.E. ein volkswirtschaftlich brandgefährliches Experiment – zur Weiterbildung und paukt sich die Grundlagen der schönen Sprache unserer linksrheinischen Nachbarn rein – das ist durchaus in ein paar Wochen machbar.

Die Sprache ist der Zugang zum Denken und Empfinden eines Volkes und da es so etwas wie „Europäer“ in Wirklichkeit nicht gibt, kommt man an den Idiomen der Nationen nicht vorbei, will man diese besser verstehen und selbst besser verstanden werden.

Bis zum 1. Weltkrieg war es in Europa in gebildeten Kreisen üblich, sich auf Französisch verständigen zu können – bis weit in den Osten hinein.

Daher verwundert es nicht, dass es damals viele Verbindungen zwischen den Automobilpionieren und -firmen links und rechts des Rheins gab – ungeachtet politisch motivierter Spannungen stand man in der Wirtschaft in intensivem Austausch.

Da vor dem 1. Weltkrieg die Autohersteller im französischsprachigen Raum zu den weltweit führenden gehörten, landeten viele ihrer Produkte auf dem deutschen Markt.

Ein hervorragendes Beispiel für solche grenzüberschreitende Wertschätzung verdanke ich Leser Klaas Dierks:

Minerva Chauffeur-Limousine um 1912; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das ist nicht nur ein großartiges Automobilfoto, sondern auch ein anrührendes Dokument einstigen Lebens – ich komme noch darauf zurück.

Eine derartig großzügig dimensionierte Limousine – quasi ein Salon auf Rädern – entsprach seinerzeit dem Gegenwert eines Hauses und besaß ein Prestige wie heute vielleicht noch der Besitz eines Privatflugzeugs.

Doch mit was für einem Wagen haben wir es hier überhaupt zu tun? Wie fast immer bei frühen Automobilen liefert der Vorderwagen die entscheidenden Hinweise:

Einen ersten Hinweis auf den belgischen Hersteller Minerva gibt die Silhouette der Kühlermaske, die sich in einer nach hinten auslaufenden Einbuchtung in der Motorhaube fortsetzt.

Das Kühleremblem ist aufgrund eines dort durchlaufenden Knicks verunstaltet, doch zum Glück findet es sich auf der Nabenkappe des linken Vorderrads wieder. Dort erkennt man die Seitenansicht der römischen Göttin Minerva – die der griechischen Athene entsprach.

Minerva, das war auch der Markenname eines 1889 gegründeten belgischen Fahrradherstellers. Schon 1899 baute die Firma ihr erstes Automobil mit selbstentwickeltem Motor.

Aus diesen bescheidenen Anfängen sollte eine Marke hervorgehen, die kurz nach der Jahrhundertwende international hohes Ansehen genoss. In England vertrieb ein gewisser Charles Rolls ab 1904 Minerva-Wagen und war voll des Lobes für ihren Komfort.

1907 kam Minerva mit einem 6-Zylinderwagen groß heraus, der 60 PS leistete und eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h erreichte. Ein Jahr später präsentierte man einen Wagen mit ventillosem Motor nach Patent des Amerikaners Charles Knight.

Bei diesen auch als Schiebermotoren bezeichneten Aggregaten erfolgte der Wechsel zwischen Frischgas und Abgas nicht über Ventile, sondern über zwischen Kolben und Zylinder auf- und ablaufende Hülsenschieber mit Schlitzen.

Die Vorteile der ventillosen Knight-Schiebermotoren lagen in der größeren Laufruhe, der höheren Drehzahlfestigkeit und dem besseren Gaswechsel. Dem standen der hohe Schmierbedarf der Hülsenschieber und Verschleißanfälligkeit gegenüber.

Dennoch müssen die fast lautlos laufenden Knight-Motoren die Kunden so beeindruckt haben, dass sie etliche Jahre in Luxusautomobilen Bestand hatten – übrigens auch bei den „Mercedes“-Wagen der Daimler-Motoren-Gesellschaft.

Minerva in Belgien verzichtete ab 1910 ganz auf ventilgesteuerte Motoren und bot nur noch Wagen (mit 16, 26 und 38 Steuer-PS) mit Knight-Schiebermotor an. Diese Typen verfügten über den Zusatz „SS“ was für „sans soupapes“ stand, also „ohne Ventile“.

Wie lange das so blieb, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Ausgehend von der Verwendung von Knight-Schiebermotoren bei Mercedes gehe ich aber davon aus, dass Minerva bis zum 1. Weltkrieg solche Aggregate im Angebot hatte.

Der Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks dürfte um 1912 entstanden sein und könnte demnach ebenfalls einen ventillosen Motor besessen haben. Dass „ventillos“ aber nicht gleichzusetzen war mit „stillos“, das ist unübersehbar:

Man kehrt beim Studium der Aufnahme letztlich zu dem jungen Mann zurück, der sich im Moment der Belichtung uns überrascht zuzuwenden scheint.

Sein Mantel mit Pelzbesatz auf dem Kragen und glänzenden Knöpfen sowie die Schirmmütze weisen ihn als Chauffeur aus. Angestellter Fahrer eines Automobils zu sein, bedeutete vor über 100 Jahren aber alles andere als eine prekäre Existenz.

Ein Chauffeur war ein geschätzter Fachmann, der nicht nur die Verantwortung über das Wohl der vermögenden Insassen trug, sondern dem auch das Funktionieren einer hochkomplexen und unglaublich kostspieligen Maschine anvertraut war.

Übrigens wurde der Minerva in Berlin in der Tauentzienstraße abgelichtet, die die einst großbürgerlich geprägten Stadtteile Charlottenburg und Schöneberg verbindet.

Das im Hintergrund des Bildes zu sehende Geschäft von Carl Schapski könnte die Hausnummer 6 getragen haben. Gegenüber, ganz in der Nähe – in der Hausnummer 13 – wohnte zum Zeitpunkt der Aufnahme ein Teenager, der später unter dem Namen Marlene Dietrich weltberühmt werden sollte…

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Lief einst in Wiesbaden: Ein Packard „Six“ Landaulet

In meinem gestrigen Blog-Eintrag erwähnte ich, dass Opel seine Modelle im Lauf des Jahres 1927 mit einer neuen Kühlermaske aufwertete, die derjenigen der US-Marke Packard „nachempfunden“ war.

Die Amerikaner scheint dieses Plagiat kaltgelassen zu haben, da Opel keine ernstzunehmende Konkurrenz für die Packard-Wagen darstellte. Das lag jedoch nicht daran, dass Packard am deutschen Markt nicht präsent gewesen wäre.

Ganz im Gegenteil gehörte Packard zu den US-Herstellern, die in den 1920er Jahren den deutschen Markt zu erobern begannen. Einheimische Produzenten waren nicht willens oder imstande, bezahlbare Autos in den benötigten Stückzahlen zu bauen, sodass die geschäftstüchtigen Amerikaner heute unvorstellbare Marktanteile erreichten.

Im Berlin der späten 1920er Jahre gehörten US-Automobile ganz selbstverständlich zum Straßenbild – auf dem Höhepunkt entfiel in Berlin fast die Hälfte des Bestands auf die großzügigen, gut ausgestatteten und leistungsfähigen „Amerikaner-Wagen“.

Auch Packard ließ sich die Gelegenheit nicht entgegen und versorgte die vermögende Schicht der damals noch steinreichen Hauptstadt mit Automobilen wie diesem:

Packard Six, Baujahr: 1927/28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesen sechszylindrigen Packard von 1927/28 – hier vor dem Berliner Dom – habe ich bereits vor längerem besprochen (Porträt).

An der Silhouette seines Kühlers „orientierten“ sich die Rüsselsheimer einst mangels eigener Einfälle – bezeichnend für den Niedergang einer Marke, die vor dem 1. Weltkrieg zu den bedeutendsten auf dem europäischen Kontinent gehört hatte.

Packard lieferte jedoch nicht nur in Großserie gefertigte Wagen nach Deutschland, sondern auch Chassis, die erst hierzulande ihren Aufbau erhalten sollten. Diesen Aufwand hätten deutsche Käufer auch mit einheimischen Wagen treiben können – dass sie dennoch oft US-Modelle bevorzugten, spricht Bände.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die eigentlich auf Großserie spezialisierten US-Hersteller auch im Segment der Manufakturwagen punkten konnten, kann ich heute anhand dieser Aufnahme aus dem Fundus von Matthias Schmidt (Dresden) zeigen:

Packard „Six“ von 1927/28 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch wenn der markentypische Kühler hier nur in der Seitenansicht zu sehen ist, lässt die Gestaltung der Scheibenräder keinen Zweifel daran, dass man es mit einem Packard der späten 1920er Jahre zu tun hat.

Die trommelförmigen Positionsleuchten oberhalb der Reserveräder verraten, dass wir einen Wagen von 1927/28 vor uns haben – also zeitgleich zu dem „Roadster“ aus Berlin. Diese Leuchten wichen 1929 schüsselförmigen Versionen.

Dass die Hauptscheinwerfer des Packard kein trommelfömiges Gehäuse aufweisen, muss nichts bedeuten – am deutschen Markt wurden oft andere Lampen montiert als in den USA.

Gegen eine spätere Datierung spricht zudem die nur lackierte Doppelstoßstange, die ab 1929 auch bei den Basismodellen von Packard verschwunden zu sein scheint:

Unter der Haube wird sich der 80 PS starke Sechszylinder befunden haben, den Packard 1927/28 zuletzt anbot. Danach „beschränkte“ sich die Marke auf 90 bis über 100 PS leistende Achtzylinder.

Interessant finde ich, dass an diesem Packard Reifen des französischen Herstellers „Michelin“ montiert sind – ich hätte eher ein einhemisches Fabrikat erwartet.

Doch passt dieser Befund zum Aufnahmeort dieses Fotos – dem einst mondänen Badeort Wiesbaden, an dem es ausgesprochen international zuging – was seinerzeit eine Aufwertung bedeutete.

Übrigens habe ich vor einem Vierteljahrhundert selbst einige glückliche Jahre in Wiesbaden zugebracht, als der einstige Glanz zwar schon verblasst, aber noch wahrnehmbar war. Der Aufnahmeort ist mir daher vertraut – man sieht im Hintergrund die im klassizistischen Stil errichtete Südkolonnade am Kurhaus, die den Zugang zum Staatstheater darstellt.

Trotz der Zerstörungen durch alliierte Bombenangriffe in der Endphase des Zweiten Weltkriegs bietet sich der Ort dieses Fotos heute noch genauso dar. Nur einen Wagen dieser Klasse wird man dort im Alltag nicht mehr antreffen:

Die geöffnete Tür ermöglicht einen außergewöhnlichen Blick ins Interieur dieses hochkarätigen Wagens. Man sieht die einklappbaren „Notsitze“, hinter denen sich eine opulente Sitzbank befindet, über der das Verdeck geöffnet werden konnte.

Dieser luxuriöse Landauletaufbau, der das Prinzip des „Sehen und Gesehenwerden“ perfekt verkörperte, gehörte nicht zum Standardrepertoire von Packard. Er wurde sehr wahrscheinlich in Deutschland von einer lokalen Karosseriefirma angefertigt.

In Wiesbaden, wo sich die Schönen und Reichen bis in die 1960er Jahre tummelten, gab es eine Klientel für solche aufwendigen Sonderaufbauten. Nicht zufällig befand sich das Spielcasino in Sichtweite, in dem sich ein gewisser Herr Dostojewski ruinierte…

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Sechs Fenster, sechs Zylinder: Adler 10/50 PS

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her, dass ich erstmals ein historisches Foto des Adler-Modells besprechen konnte, um das es in diesem Blog-Eintrag geht. Dass es so lange dauerte, bis sich wieder eine Gelegenheit dazu ergab, hat mit der Seltenheit dieses Typs zu tun, von dem ab 1925 nur wenige hundert Exemplare entstanden.

Zur Erinnerung nochmals das Foto, das ich seinerzeit präsentieren konnte und das ich nach einigen Mühen als Adler Typ 10/50 PS identifiziert habe:

Adler Typ 10/45 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eines der Elemente, die letztlich die Ansprache als Adler dieses Typs ermöglichten, war das verchromte (oder vernickelte) Schutzblech am Schweller unterhalb der vorderen Tür.

Ins Bild passten dann auch Details wie die senkrecht stehenden Türklinken, die Drahtspeichenräder und die Bremstrommeln an den Vorderrädern, die eine Entstehung ab 1925 wahrscheinlich machten.

Der Abgleich mit dem Auto auf folgender Aufnahme von Adler-Sammler Rolf Ackermann brachte mich dann auf den Adler des Typs 10/50 PS:

Von diesem Typ findet sich in der mir bekannten Literatur genau ein Foto, das einen überlebenden Tourenwagen zeigt. Umso erfreulicher, dass ich heute mit einem weiteren Dokument aufwarten kann, das wahrscheinlich eine Limousine desselben Typs zeigt.

Der Adler 10/50 PS war ein Sechszylindertyp, der 1925 zunächst mit 10/45 PS-Spezifikation das Licht der Welt erblickt hatte.

Ganz ähnlich wie beim Nachfolgetyp Standard 6 wurde ihm ein Vierzylindertyp zur Seite gestellt, der nur geringfügig kleiner war. Ich gehe aber aufgrund des repräsentativen Erscheinungsbilds davon aus, das mein heute präsentierter Fotofund die sechszylindrige Variante zeigt:

Adler Typ 10/45 PS oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das gute Stück mit damals seltenem (weil enorm teuren) Aufbau als Sechsfenster-Limousine. Die schwere Karosserie wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass man statt der filigranen Drahtspeichenräder stabilere Stahlspeichenräder montierte.

Die Literatur nennt für das Modell beeindruckende Abmessungen, die die des Nachfolgetyps Standard 6 und sogar die des mächtigen Standard 8 übertreffen:

  • Radstand: 3,35 m
  • Länge: 4,65 m
  • Höhe: 1,93 m

Das erklärt, weshalb der Fahrer hier relativ klein wirkt. Tatsächlich dürfte er mindestens 1,70m groß gewesen sein, und zwar auch ohne die typische Chauffeursmütze. Leider ist der Abzug nicht scharf genug, um das Emblem auf der Mütze erkennen zu lassen.

Eine nähere Betrachtung verdient auf jeden Fall die Frontpartie des raren Wagens:

Allein schon die Höhe der Haubenlinie vermittelt einen Eindruck davon, was für eine kolossale Erscheinung dieser Wagen einst gewesen sein muss.

Dank der feinen Gestaltung der Entlüftungsschlitze in der Motorhaube wirkt die Masse des Vorderwagens dennoch nicht brachial. Auch der feine Schwung der Kühlermaske lässt die Frontpartie durchaus gefällig erscheinen.

Für Auflockerung sorgt außerdem die Kühlerfigur, die einen sich in die Luft schwingenden Adler zeigt. Adler-Kenner werden dieses von wiederholten Änderungen betroffene Detail sicher genau datieren können.

Leider ist mir weder in der Literatur noch im Netz bisher eine Chronologie der Adler-Embleme und Kühlerfiguren begegnet. Das sollte sich doch eigentlich machen lassen und wäre eine große Hilfe bei der Ansprache früher Adler-Modelle.

Zum Entstehungsort des Fotos kann ich leider nichts sagen. Das Kennzeichen verweist zwar auf Berlin als Zulassungsbezirk, aber das muss nichts heißen. Erkennt vielleicht jemand das Gebäude mit der Hausnummer 112 im Hintergrund?

Das Portal verweist auf eine Entstehung um die Jahrhundertwende und dürfte den Dimensionen nach zu einem öffentlichen Bau gehört haben. Könnte es zu einem Forschungsinstitut gehört haben, das einen Vorlesungssaal mit hohen Fenstern besaß?

Auch wenn die Architektur nichts Regionaltypisches aufweist, ist sie doch wie viele Bauten jener Zeit hinreichend individuell, um wiedererkannt zu werden. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Frage des Entstehungsorts noch klären lässt.

Vielleicht können auch die Spezialisten für Adler-Modelle der 1920er Jahre etwas zu dem Wagentyp auf meinem Foto sagen. Kann man an bestimmten Details erkennen, ob es nun ein Typ 10/45 PS von 1925/26 oder ein Typ 10/50PS von 1927 ist?

Oder kommt gar der stärkere und noch größere Sechszylindertyp 18/80 PS in Frage, der parallel erhältlich war? Dann ließe sich in meiner laufend wachsenden Adler-Galerie ein weiteres Puzzlestück einfügen…

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Glanzvolle Premiere: Ein Packard „Eight“ von 1929

Das Jahr 1929 steht in vielerlei Hinsicht für eine bedeutende Zäsur. So sorgte die Weltwirtschaftskrise nicht nur für gravierende ökonomische Verwerfungen, sie wirkte auch als politischer Brandbeschleuniger, was Deutschlands Weg in einen Staat betrifft, der sich die totale Unterwerfung der Bürger auf die Fahnen geschrieben hatte.

Gleichzeitig zeichnete sich auf ganz anderer Ebene eine wahrhaft glanzvolle Entwicklung ab, mit der ich mich heute anhand der US-Luxusmarke Packard beschäftige. Dabei blende ich zunächst einige Jahre zurück, denn so wird deutlicher, was sich damals bei vielen Oberklasseherstellern in ähnlicher Weise vollzog.

Beginnen möchte ich mit einem ungewöhnlichen Foto aus einem früheren Blog-Eintrag, das zwar technisch nicht perfekt ist, aber eine seltene Dynamik besitzt:

Packard von 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was hier irgendwo in der Schweiz gerade kraftvoll vom Bordstein wegbeschleunigt, ist ein Packard in der Ausführung von 1925/26.

Gegen eine frühere Datierung spricht die nicht länger geteilte Frontscheibe, gegen eine spätere die Ausführung der Vorderschutzbleche, der Scheinwerfer und der Stoßstange, die nur teilweise vernickelt und ansonsten lackiert ist.

Auch alle übrigen glänzenden Metallteile an dem Packard waren in Nickel ausgeführt – das poliert einen warmen Ton wie leicht angelaufenes Silber besitzt.

Der Glanz von Nickel hält sich länger als der von Messing, das bis in die frühen 1920er Jahre verbreitet war, er will aber ebenfalls regelmäßig aufgefrischt werden.

Dieselben formalen Details wie an dem Wagen aus der Schweiz finden sich auf folgendem Foto von Leser Klaas Dierks wieder:

Packard von 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Es zeigt einen einst in Berlin zugelassenen Packard – hier in der traditionellen offenen Ausführung mit leichtem Tourenwagenverdeck.

Der schlichte, aber dank Dreifarblackierung nicht langweilige Aufbau könnte von einem lokalen Karosseriebauer stammen. Leider kann ich die Plakette oberhalb des Schwellers am Ende der Motorhaube nicht zuordnen – hat ein Leser eine Idee?

Aus meiner Sicht spricht hier ebenfalls alles für einen Packard der Modelljahre 1925/26 (die nicht ganz mit den Kalenderjahren zusammenfielen).

Festzuhalten ist, dass sich der Einsatz glänzender Metallteile auch hier weitgehend auf Stoßstange, Scheinwerfer und Kühler beschränkt.

Auf der nächsten Aufnahme, die schon einmal Gegenstand einer Besprechung war, hat sich in punkto „brightwork“ einiges getan – und sonst auch:

Packard von 1927/28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese von Bildaufbau und technischer Qualität ausgezeichnete Aufnahme entstand einst in Berlin mit dem Dom im opulenten Stil der Neorenaissance im Hintergrund.

Der Packard weist passend dazu deutlich mehr Zierrat auf, als dies bei den beiden zuvor gezeigten Wagen der Fall war. So ist die Stoßstange nunmehr vollverchromt und eleganter gestaltet, das hintere Ende der Motorhaube wird von einer umlaufenden Leiste akzentuiert, an der Positionsleuchten angebracht sind, die die Scheinwerfer imitieren.

Hochglänzend ausgeführt ist nun auch der Frontscheibenrahmen, außerdem befindet sich am Schweller unterhalb der Tür ein Schutzblech, mit dem sich Kratzer am Lack beim Einsteigen vermeiden ließen.

Nun könnte man das alles als Zusatzausstattung ansehen, möglicherweise war davon auch einiges optional erhältlich. Doch eine tatsächliche Weiterentwicklung in formaler Hinsicht ist festzuhalten: die abgerundeten, also nicht länger profilierten und nunmehr wie aus einem Guss wirkenden Vorderschutzbleche.

Dieses Merkmal findet sich laut dem „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark erst ab dem Modelljahr 1927. Ich vermute, dass es demgegenüber auch 1928 keine wesentlichen Änderungen gab, sonst wären sie wohl erwähnt worden.

Der nächste große Schritt erfolgte 1929, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so wirkt, legt man folgende Aufnahme zugrunde, die mir Leser Marcus Bengsch zur Verfügung gestellt hat:

Packard von 1929; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Oberflächlich wirkt dieser Tourenwagen lediglich wie eine mehrsitzige Variante des zuvor präsentierten „Rumbleseat Roadsters“, wie solche Zweisitzer mit ausklappbarem Notsitz im Heck in den USA traditionell angesprochen werden.

Speziell die Frontscheibe, die seitlichen, farblich abgesetzten Zierleisten sowie die Details der Haubenpartie wirken identisch.

Doch die jetzt schüsselförmigen Scheinwerfergehäuse, die ihre trommelförmigen Vorgänger abgelöst haben, sind ein starkes Indiz dafür, dass wir es hier mit einem Packard des Modelljahrs 1929 zu tun haben.

Die moderner wirkenden Scheinwerfer könnten theoretisch auch nachgerüstet sein, doch nach dem Grundsatz „die einfachste Erklärung ist die wahrscheinlichste“, weisen sie wohl auf die modellgepflegte Packard-Version von 1929 hin.

Dass es sich beim letzten Packard der 1920er Jahre um eine wahrhaft glanzvolle Premiere handelte, können wir auf dem Foto leider nicht direkt erkennen. Im Modelljahr 1929 nämlich wurden erstmals bei dem Hersteller sämtliche glänzenden Metallteile in Chrom statt Nickel ausgeführt.

Wer die Qualität von Verchromungen jener Zeit kennt, der weiß, dass diese einen Glanz von großer Dauerhaftigkeit besaßen, wenn nicht übereifrige Besitzer die zwar dünne, aber sehr harte Chromschicht bis auf den darunterliegenden Nickel herunterpolierten.

Nebenbei: Den damals üblichen aufwendigen Unterbau von Chromteilen mit einer Kupfer- und einer Nickelschicht kennt man heute praktisch kaum noch.

Packard bot im Modelljahr 1929 aber nicht nur glänzende Neuigkeiten an der Karosserie. Eine Premiere stellte auch der Verzicht auf Sechszylindermodelle dar.

Im Unterschied zu unseren Tagen war damit keine Rückkehr zu frugalen Vier- oder gar noch unkultivierteren und schwachbrüstigen Dreizylindermotoren verbunden. Nein, für das Jahr der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise stellte Packard die Kunden nur noch vor die Qual der Wahl zwischen zwei mächtigen Achtzylindern!

Bereits die Basivariante „Standard Eight“ kam mit einem 5,2 Liter messenden Aggregat daher, das 90 PS Spitzenleistung abwarf. Die mit längeren Fahrgestellen ausgestatteten Varianten „Custom Eight“ und „DeLuxe Eight“ wurden von einem 105 PS starken Motor angetrieben, der seine souveräne Kraft aus 6,3 Litern schöpfte.

Doch damit nicht genug: In Kleinserie wurde eine „frisierte“ Variante des großen Achtzylinders in Verbindung mit dem kurzen Chassis angeboten, die auf 130 PS kam. Damit waren theoretisch 150 km/h drin…

Von den Packards des „glänzenden“ Modelljahrs 1929 entstanden insgesamt fast 40.000 Stück. Welche Version davon genau auf dem Foto von Marcus Bengsch zu sehen ist, muss ungewiss bleiben.

Doch bestätigen relativ leicht verfügbare Zeugnisse wie die hier gezeigten Originalfotos das, was die Statistik ebenfalls besagt: Im Deutschland der späten 1920er Jahre war der Markt für Automobile gemessen an der Bevölkerung zwar insgesamt deutlich kleiner als in den Vereinigten Staaten (oder auch England und Frankreich).

Es gab aber eine erhebliche Nachfrage nach hochwertigen und leistungsfähigen Sechs- bzw. Achtzylinderwagen, die die einheimischen Hersteller nicht ansatzweise zu stillen vermochten. Dieses Geschäft blieb weitgehend in Hand amerikanischer Marken, die am deutschen Markt mühelos große Stückzahlen absetzen konnten.

Die Überlebensquoten von US-Oberklassewagen in Ostdeutschland kündeten noch nach dem Zweiten Weltkrieg davon, dass Ende der 1920er Jahre in der Spitze rund ein Drittel des Autoabsatzes im Deutschen Reich auf ausländische Modelle entfiel.

Ein solcher Zeitzeuge, der in den späten 1960er Jahren in Ostberlin an einer Veteranenveranstaltung teilnahm, steht stellvertretend für den einstigen Glanz:

Packard von 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Datierung dieser mächtigen Packard-Limousine kann der Leser nach dem Gesagten sicher selbst vornehmen – ich hoffe, er kommt zum selben Ergebnis…

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Stellt Horch in den Schatten: Ein Renault „Grand Sport“

Leser meines Blogs fragen mich bisweilen, woher ich die Fotos habe, die ich hier vorstelle, und wie ich bei der Suche vorgehe.

Der erste Teil der Frage ist leicht beantwortet:

  • Den überwiegenden Teil der Aufnahmen erwerbe ich in der deutschen Präsenz von eBay – so erfasse ich das volle Spektrum der in der Vorkriegszeit im deutschsprachigen Raum verbreiteten Automarken.
  • Daneben profitiere ich von Zusendungen von Lesern, die wissen wollen, in was für einem Wagen Uropa im 1. Weltkrieg als Fahrer unterwegs war oder vor welchem flotten Gefährt Großmutter in der Zwischenkriegszeit posierte.
  • Die dritte Kategorie sind Aufnahmen von „Stammgästen“, die sich über eine Besprechung besonderer Funde freuen oder Blog-Einträge mit Fotos ergänzen.

Bei meinen eigenen Erkundungen auf eBay achte ich darauf, Zeugnisse noch nicht in meinem Blog bzw. den Markengalerien enthaltener Hersteller oder Typen zu ergattern – denn langfristig soll hier ein möglichst umfassendes Abbild der umwerfenden Vielfalt an Vorkriegsautos im deutschen Sprachraum entstehen.

Gern kaufe ich auch Fotos, auf denen das Fahrzeug nicht auf Anhieb zu identifizieren ist und die überdies von mäßiger Qualität sind. Das hält den Preis niedrig und oft bieten solche Aufnahmen Überraschendes.

Da der allgemeine Bildungsstand auf dem absteigenden Ast ist, wissen viele Verkäufer nicht, was sie eigentlich im Angebot haben. Dann kann man für symbolische Preise Funde wie diesen machen:

Kaiser Wilhelm II; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Originalabzug war von noch schlechterer Qualität, als es diese digitale Kopie vermuten lässt. Zudem ist von dem abgebildeten Wagen kaum etwas zu sehen.

Dennoch lässt sich diese Aufnahme als Schnappschuss eines der Benz- oder Mercedes-Wagen identifizieren, mit denen Kaiser Wilhelm II im 1. Weltkrieg seinen meist repräsentativen Aufgaben nachkam. Hier ist er beim Einsteigen festgehalten.

Viel zu sagen hatte er als formaler Repräsentant des Deutschen Reichs zwar nicht – Politik und Militär lagen von Verfassung wegen in der Hand von Reichstag und Reichskanzler – dennoch besaß der Kaiser neben dem Generalstab einen gewissen faktischen Einfluss und entfaltete während des Kriegs eine rege Reisetätigkeit.

Privataufnahmen wie diese, die als Ansichtskarte im Oktober 1915 versandt wurde, können selbst bei schlechter Qualität bedeutende Zeitzeugen sein.

So ist das auch bei der Aufnahme, die ich heute eigentlich vorstellen möchte. Nur steht hier keine historische Persönlichkeit im Mittelpunkt, sondern es geht um eine automobile Randerscheinung im Salzburg der 1930er Jahre:

Salzburg, Residenzplatz; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme hatte ich ganz ohne zusätzliche Informationen erworben – auch hier ließ die Qualität des Originalabzugs zu wünschen übrig.

Angesichts des Nebeneinanders von gleißendem Licht und tiefen Schatten hatte sich jemand einst bei der Belichtung verschätzt und eine zu kurze Zeit gewählt. Zum Glück ließ sich das mit geringem Aufwand korrigieren.

Nach getaner Arbeit stellte ich fest, dass mir die Ansicht des weitläufigen Platzes mit dem barocken Brunnen in der Mitte und den bewaldeten Hügeln im Hintergrund bekannt vorkam.

Könnte das nicht in Salzburg aufgenommen worden sein? Tatsächlich, das Bauchgefühl trog mich nicht, obwohl ich nur einmal vor etlichen Jahren kurz dort verweilte.

Die genaue Örtlichkeit war schnell ermittelt- es handelt sich um den Residenzplatz, nebenbei ein Beispiel für die verlorengegangene Kunst, aus einem Ensemble von Gebäuden aus mehreren Jahrhunderten ein reizvolles Gesamtbild zu schaffen.

Uns interessiert dies aber nur am Rande, denn vor gut achtzig Jahren gab es dort noch Spannenderes zu besichtigen als den mächtigen Marmorbrunnen, dessen schwelgende Formen und Wasserfontänen dort seit über 350 Jahren die Besucher erfreuen:

Was hier Spektakuläres nebeneinander abgelichtet ist, erschloss sich mir erst nach und nach.

Zwar hatte ich bereits früh den Verdacht, dass es sich bei dem eleganten hellen Wagen mit der von der Stromlinie inspirierten Frontpartie um einen Renault von Mitte der 1930er Jahre handeln könnte.

Doch erst der Vergleich mit dem daneben im Schatten stehenden Fahrzeug, ließ mich die wahre Größe dieses Fundes erkennen.

Das dunkel gehaltene Cabriolet mit traditioneller Formgebung lässt sich anhand von Kühlergrill und -figur als Achtzylinder-Wagen der sächsischen Luxusmarke Horch identifizieren.

Die durchgehende Stoßstange findet sich ab 1932 bei den Modellen 500 B mit 5 Liter großem Achtzylinder sowie den Typen 710, 720 und 750 mit 4 bzw. 4,5 Litern Hubraum.

Einer genaueren Ansprache steht entgegen, dass die Haubenpartie mit den jeweils charakteristischen Luftschlitzen oder -klappen verschattet ist. So oder so handelte es sich um einen mächtigen Luxuswagen mit über 5 Meter Länge, von dem nur einige hundert Exemplare entstanden sind.

Was kann das nun für ein Renault sein, der ein solches Gefährt offenbar mühelos in den Schatten stellt?

Die windschnittige Kühlerform in Verbindung mit der mittig v-förmig zulaufenden Vorderstoßstange taucht ab 1935 bei etlichen Renault-Modellen auf.

Zugegebenermaßen sind mir die damaligen Renault-Typen und ihre eigenwilligen Bezeichnungen nach wie vor nicht sonderlich vertraut.

Doch die halb in die Vorderschutzbleche eingelassenen Scheinwerfer und die fünf übereinanderliegenden seitlichen Chromleisten in der Haube finden sich nur bei den „Grand Sport“-Ausführungen, die Renault damals als Spitzenmodelle anbot.

Neben dem Sechszylindertyp Viva Grand Sport gab es den Nerva Grand Sport mit 8-Zylinder-Reihenmotor, der in der Ausführung von 1935 (Type ABM 5) dem hier abgebildeten Wagen den Details und der Proportion nach glich.

Das 5,5 Liter messende Aggregat erzielte eine Spitzenleistung von rund 110 PS, was von der Papierform her den Wert des Horch 500 B übertraf. Ganze 151 Fahrzeuge dieses mächtigen Typs entstanden bis Sommer 1936.

Noch mehr als damals sind diese großartigen französischen Achtzylinderwagen heute eine ganz große Rarität.

Einen Eindruck vom eigenwilligen Erscheinungsbild dieser im deutschsprachigen Raum kaum bekannten Luxuswagen vermittelt das folgende Video, das die etwas kleinere, aber äußerlich sehr ähnliche Sechszylinderversion Viva Grand Sport zeigt:

Urheber: Persecutrice; Videoquelle: http://www.youtube.com

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Der erste Borgward: Hansa 2000 von 1938/39

Die legendäre Bremer Automarke Borgward verbinden die meisten Klassiker-Liebhaber in erster Linie mit den Pontonmodellen der Nachkriegszeit, die in den 1950er Jahren zu den modernsten und attraktivsten Autos gehörten, die in Deutschland produziert wurden.

Doch der Erfolg dieser Borgward-Wagen und der Konkurs des Unternehmens von Carl F. Borgward im Jahr 1961 ist natürlich kein Thema für meinen Blog, der sich ganz den Fahrzeugen der Vorkriegszeit verschrieben hat.

Dass unter dem Namen Borgward bereits ab 1939 Automobile entstanden, ist jedoch ein ebenso interessantes Thema, das bloß heute kaum noch jemandem geläufig ist.

Tatsächlich kam Carl F. Borgward auf einigen Umwegen zum PKW-Bau, weshalb man sich fragt, was davon zielgerichtetem Vorgehen und was dem Zufall zu verdanken ist. Entscheidend war wohl der frühzeitige Kontakt zu den altehrwürdigen Hansa-Lloyd-Werken in Bremen, für die Borgwards erste Firma ab 1920 Kühler lieferte.

Ab Mitte der 1920er Jahre hatte Borgward dann erheblichen Erfolg mit den neu entwickelten Goliath-Lieferwagen. Produziert wurden diese in Sichtweite der Fabrik, in der die Automobile von Hansa-Lloyd entstanden.

1929 nutzte Borgward finanzielle Schwierigkeiten von Hansa-Lloyd zur Übernahme der Firma. Die Produktpalette wurde gestrafft und nach einem Kleinwagen-Intermezzo (Hansa 400 / 500) entstanden ab 1934 in Bremen wieder richtige Autos:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die Aufnahme dieser schönen Cabriolimousine des Sechszylindertyps Hansa 1700 verdanke ich Leser Klaas Dierks. Den Typ als solchen – auch die Vierzylindervariante Hansa 1100 – habe ich hier schon mehrfach anhand von Originalaufnahmen präsentiert.

Für mich ist der bis 1939 gebaute Hansa 1100/1700 eines der elegantesten deutschen Mittelklasseautos der damaligen Zeit. Er lässt bereits erkennen, dass Carl F. Borgward der Sinn danach stand, seinen Kunden etwas Besonderes zu bieten.

Genau das tat er spätestens mit dem ab 1938 gefertigten größeren Schwestermodell Hansa 2000. Dieser Sechszylindertyp war bei identischen Fahrleistungen und etwas geringeren Abmessungen eine Alternative zum weit teureren und wesentlich durstigeren Mercedes 230.

Allerdings brachte Borgward aus mir unbekannten Gründen keine nennenswerten Stückzahlen beim Hansa 2000 zustande. Auch die Umbenennung in Borgward 2000 ab 1939 brachte keinen größeren Erfolg am Markt.

So sind von diesem interessanten Modell – dem ersten Auto, das den Namen Borgward trug – in knapp zwei Jahren überhaupt nur 2.000 Stück entstanden. Von einer industriellen Produktion kann man hier kaum sprechen, merkwürdig.

Dies erklärt jedenfalls, warum zeitgenössische Fotos des Hansa bzw. Borgward 2000 Mangelware sind. Die älteste Aufnahme in meiner Sammlung ist die folgende:

Hansa bzw. Borgward 2000; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese reizvolle Aufnahme ist im März 1940 anlässlich einer Reifenpanne eines Hansa bzw. Borgward 2000 entstanden, der im Dienst der Wehrmacht unterwegs war. Das Kürzel „WH“ auf dem Kofferraumdeckel bestätigt zusammen mit der matten Lackierung die Zugehörigkeit zum Fuhrpark einer Heereseinheit.

Die Identifikation als Hansa bzw. Borgward ist anhand der charakteristischen Form der vorderen Luftklappe in der Seitenwand des Motorraums und der Form der Scheibenräder sowie der Radkappe möglich.

Nebenbei haben wir hier ein frühes Beispiel für eine zwar noch zweiteilige, aber bereits flach aufliegende Motorhaube ohne Seitenteil. Auch das Fehlen eines Trittbretts ist ein Hinweis darauf, dass die vertrauten Elemente der Vorkriegszeit bald einer fundamental anderen Karosseriearchitektur weichen sollten.

Der großgewachsene Soldat scheint ein Unteroffiziersanwärter zu sein (das verraten die silbernen Krageneinfassungen). Das weitgehende Fehlen militärischer Ausrüstung lässt darauf schließen, dass die Fahrt irgendwo in friedlichen Gefilden stattfand.

Zum Aufnahmezeitpunkt war Polen längst erobert und besetzt – der Frankreichfeldzug hatte noch nicht begonnen. Von daher ist der Aufnahmeort ungewiss.

Die nächste Aufnahme eines Hansa bzw. Borgward 2000 aus meiner Sammlung stammt aus der frühen Nachkriegszeit – sie ist im Mai 1947 entstanden:

Hansa bzw. Borgward 2000; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den Wagen zwar aus günstigerer Perspektive. Doch ein Großteil des Kühlergrills wird von einem Holzgasgenerator verdeckt, mit dem privat betriebene PKW in der Kriegszeit die Knappheit an Benzin überbrückten.

Solche Anlagen sind in der Nachkriegszeit bald wieder entfernt worden, doch dieser Wagen ist ein Beispiel dafür, dass die Behelfslösung noch eine Weile beibehalten wurde.

Das zum Aufnahmezeitpunkt fast 10 Jahre alte Auto steht – von der zerdellten Radkappe rechts vorne abgesehen – noch ganz gut da. Auch das empfindliche Verdeck scheint den Krieg gut überstanden zu haben.

Sehr wirkungsvoll unterstützen hier die tropfenförmigen Scheinwerfer das Erscheinungsbild des Wagens mit strömungsgünstig wirkendem Aufbau.

Der freundlich in die Kamera schauende Herr mit Barett und elegantem hellen Staubmantel könnte ein Franzose in Zivil gewesen sein. Ob er zu den französischen Besatzungstruppen gehörte, wissen wir nicht.

Wie es scheint, hat er eine Kamera umhängen – vielleicht war er Journalist. Was ihn mit dem Hansa bzw. Borgward mit Holzgasantrieb verband, muss offen bleiben.

Zu guter letzt kann ich noch eine rare Heckansicht des Hansa bzw. Borgward 2000 anbieten, die sich auf folgender Ansichtskarte aus Leipzig von 1961 findet:

Hansa bzw. Borgward 2000; Ausschnitt aus einer Postkarte (Serie „Bild und Heimat“, Foto Kühn) aus Sammlung Michael Schlenger

Die im Original weit größere Ansichtskarte zeigt die nach dem Krieg notdürftig wieder hergerichteten Reste des Thüringer Hofs in Leipzig, der im Kern auf das 15. Jahrhundert zurückgeht.

Die Fenstereinfassungen und das Portal scheinen noch originale Teile der einstigen Renaissancefassade zu sein, auch die schmiedeeisernen Kandelaber haben die zahlreichen schweren Bombardierungen der Leipziger Innenstadt überstanden, die bis Mitte April 1945 – eine Woche vor der Besetzung durch die US-Armee – anhielten.

An dem davorstehenden Hansa bzw. Borgward 2000 sind einige Modifikationen vorgenommen worden – kein Wunder: das Auto war zum Aufnahmezeit fast ein Vierteljahrhundert alt.

Die Radkappen scheinen ebensowenig original zu sein wie die silbern angestrichene Stoßstange. Erkennt jemand, woher diese Teile stammten?

Auch die Lackierung des Wagens war mit Sicherheit nicht mehr die erste. Denkbar, dass der Wagen im Krieg bei der Wehrmacht diente und anschließend eine neue Farbgebung erhielt.

Interessanterweise hat sich der Suchscheinwerfer erhalten, der genau demjenigen entspricht, der an dem 1947 fotografierten Auto mit Holzgasgenerator montiert war. Offenbar handelte es sich um ein schon ab Werk erhältliches Zubehör.

Der Fotograf dieser Ansichtskarte war vermutlich froh, dass vor dem Thüringer Hof einige ansehnliche Vorkriegswagen abgestellt waren, die noch auf viele Jahre hinaus allem überlegen waren, was die sozialistische Planwirtschaft zustandebrachte:

Das hübsche zweisitzige Cabriolet weiter vorn konnte ich übrigens noch nicht identifizieren – ich tippe hier aber auf ein tschechisches Modell.

Von dem Hansa bzw. Borgward 2000 abgesehen bietet sich dem heutigen Besucher dieser Ausschnitt der (später wieder aufgestockten) Fassade des Thüringer Hofs noch genauso dar. Auch beherbergt das Haus immer noch einen Gasthof gleichen Namens.

Man sieht: Noch weit nach dem Ende des 2. Weltkriegs waren Vorkriegsautos in Ostdeutschland allgegenwärtig und eine selbstverständliche Ergänzung der übriggebliebenen oder wiederaufgebauten historischen Bauten.

Nur ein Hansa 2000 bzw. der gleichnamige Borgward war schon damals eine ausgesprochene Rarität. Vielleicht war es sogar der Wagen des Fotografen – wer weiß?

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Herzenssache: Ein Mercedes „Stuttgart“ in Bad Nauheim

Mein heutiger Blog-Eintrag fällt subjektiver aus sonst. Das liegt aber keineswegs an dem Vorkriegsauto, das diesmal im Mittelpunkt steht, sondern an dem Ort, an dem es einst als (vermutlich) willkommene Nebensache abgelichtet wurde:

Mercedes-Benz „Stuttgart“; Bildrechte: Kerckhoff-Stiftung

Die Rede ist von meinem Heimatort Bad Nauheim im Herzen der hessischen Wetterau, auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Gießen an der A5 gelegen und malerisch an einen der letzten Taunusausläufer geschmiegt.

Wer mit der Wetterau nur eine Ansammlung eher unansehnlicher Dörfer verbindet, in denen die einst schönsten Fachwerkhäuser meist ohne Sinn für Qualität verunstaltet wurden, der sollte Bad Nauheim besuchen!

Inmitten einer ländlichen Gegend, die seit Jahrtausenden zu den fruchtbarsten Europas gehört (und glücklicherweise von den Verheerungen der Windkraftindustrie weitgehend verschont blieb) ist Bad Nauheim ein beinahe unwirklicher Ort.

In der Niederung unterhalb des Bauerndorfes Nauheim entstand nach Erschließung salzhaltiger Quellen ab Mitte des 19. Jahrhunderts binnen kürzester Zeit ein mondäner Kur- und Badeort von internationalem Ruf.

Angelockt vom Ruf des Heilwassers, führenden Medizinern und einer meisterhaften Stadtanlage von großer Geschlossenheit und baulicher Qualität stieg hier bis zum 2. Weltkrieg alles ab, was in Europa Rang und Namen – oder zumindest Geld – hatte.

Die Kurgäste auf folgendem Foto aus meiner Sammlung besaßen alles gleichzeitig:

Opel Tourenwagen um 1908; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf der Rückbank des Opel-Tourenwagens sehen wir in Fahrtrichtung rechts halb verdeckt Zar Nikolaus von Russland, neben ihm seinen Schwager Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen und vor den beiden eine der Töchter des Zarenpaars.

Aufgenommen wurde diese Szene vor der Burg im Bad Nauheimer Nachbarort Friedberg, wo die Zarenfamilie bei ihren Besuchen im Schloss residierte. Der Opel steht hier abfahrbereit auf der Straße, die noch heute ins nahe Bad Nauheim führt (ausführlicher Bericht).

Doch verdankt Bad Nauheim seinen Ruhm nicht nur den Kuraufenthalten gekrönter Häupter. Es war der erwähnte Ernst-Ludwig von Hessen, der von seiner Residenz in Darmstadt aus die Entwicklung Bad Nauheims zu einer bewunderten Metropole des Jugendstils vorantrieb.

Die meisten Bad Nauheimer wissen zum Glück, was sie dem gebildeten, hochbegabten und der Technik gegenüber aufgeschlossenen Ernst-Ludwig zu verdanken haben. Entsprechend wird sein architektonisches Erbe gepflegt und auch gegen Versuche verteidigt, es mittels banaler und brutaler Neubauten zu entwerten und zu entweihen.

Doch halt – ist dies ein Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos oder ein Architektur- und Reiseführer?

Gewiss, doch laden einen solche historischen Automobilaufnahmen oft auf eine Reise in vergangene Zeiten voller reizvoller Umwege ein. So geht es mir hier nicht nur um die Besonderheiten von Autokarosserien und Technik, sondern auch um sonstige Facetten der Welt von gestern.

Nehmen wir uns also die Zeit und kehren nochmals in den erwähnten Nachbarort Bad Nauheims zurück – in die einstige Römersiedlung und Freie Reichsstadt Friedberg.

In Sichtweite der Friedberger Burg, von der aus vor dem 1. Weltkrieg die Zarenfamilie zum Kuren nach Bad Nauheim fuhr, entstand etliche Jahre später folgende Aufnahme:

Mercedes-Benz „Stuttgart“; Originalfoto aus Sammlung Holger Ahlefelder

Mit diesem feinen Mercedes-Cabriolet, das an einer heute nicht mehr existierenden Tankstelle auf der Friedberger Kaiserstraße abgelichtet wurde, ist nicht nur eine sehr schöne Geschichte verbunden, die ich einem Leser verdanke.

Das Auto passt auch ganz ausgezeichnet zu dem eingangs gezeigten Foto.

Zwar besitzt der in Friedberg abgelichtete Mercedes einen offenen Aufbau der renommierten Manufaktur Reutter, doch entsprach er technisch der Limousine, die einst vor dem Kerckhoff-Institut im benachbarten Bad Nauheim aufgenommen wurde:

Wir haben es hier mit einem Sechszylinder-Modell zu tun, das auf eine Entwicklung von Ferdinand Porsche aus der Mitte der 1920er Jahre zurückging (Typ 8/38 PS).

Mit einigen Verfeinerungen wurde dieses Modell von 1929 bis 1934 als Mercedes-Benz „Stuttgart“ vermarktet. Der technisch unprätentiöse, aber markentypisch solide Wagen war mit zwei Motorisierungen erhältlich.

Die Variante „200“ beschränkte sich auf 38 PS aus 2 Litern Hubraum, während das Modell „260“ mit 50 PS aus 2,6 Litern kräftiger daherkam. Gemeinsam war beiden die seidige Charakteristik des 6-Zylinders, die heutige Autofahrer kaum noch kennen.

Aus heutiger Sicht beträchtlich war der Benzinverbrauch: 14 bzw. 17 Liter wurden für die beiden Versionen des Mercedes-Stuttgart angegeben – bei Spitze 80 bzw. 90 km/h. Man mag daran die enormen Effizienzgewinne ablesen, die seitdem erzielt wurden.

Der Komfort dieser damals sehr teuren Wagen mutet aus moderner Sicht äußerst bescheiden an: Der Belüftung diente eine nach vorn ausstellbare Frontscheibe, eine Heizung gab es nicht (konnte aber nachgerüstet werden).

Auch die blattgefederten Starrachsen und die mechanisch betätigten Bremsen würden dem heutigen Autofahrer einige Umgewöhnung abverlangen, ebenso das unsynchronisierte Getriebe.

Die verchromte Doppelstoßstange, die der Mercedes „Stuttgart“ auf dem Foto trägt, war übrigens ein aufpreispflichtiges Extra. Außerhalb von Großstädten war der Autoverkehr ja so dünn, dass man nicht unbedingt mit Rempeleien rechnen musste.

Aus moderner Sicht mutet die geringe Autodichte der Vorkriegszeit natürlich idyllisch an. Doch die Schattenseite waren eine geringe Mobilität der meisten Menschen und heute unvorstellbare Härten, um bei Wind und Wetter zur Arbeit zu gelangen.

In der einst bitterarmen Wetterau war schon der Besitz eines Fahrrads etwas Besonderes und ein Automobil war bis in die 1930er Jahre purer Luxus.

Selbst im mondänen Bad Nauheim stellte noch in den 1920er Jahren ein Auto eine seltene Erscheinung dar, wie folgende Ansichtskarte illustriert:

Bad Nauheim, Ludwigstraße; Ansichtskarte aus  Sammlung Michael Schlenger

Hier zieht ein typischer deutscher Tourenwagen aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre – zu erkennen an der geteilten Frontscheibe – einsam seine Bahn. Heutzutage rollt hier fast pausenlos der motorisierte Verkehr in beide Richtungen.

Nebenbei wurde diese schöne Szene unweit des Aufnahmeorts des ersten Fotos festgehalten, zu dem ich abschließend zurückkehren möchte. Allerdings existierte der dort abgebildete Bau im neoklassizistischen Stil noch nicht, als das Motiv der obigen Postkarte fotografisch festgehalten wurde.

Hier haben wir einen Ausschnitt des eingangs gezeigten Fotos, der erkennen lässt, dass das Gebäude und das Umfeld gerade erst fertiggestellt worden sein können:

Deutlich zu lesen ist hier der Verweis auf den Stifter des strengen Baus: William G. Kerckhoff. Sein Name steht noch heute für die verdienstvollen Aktivitäten der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik auf dem Feld der Kardiologie (Herzheilkunde).

Kerckhoff (1856-1929) war ein erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann und suchte wiederholt den Bad Nauheimer Herzspezialisten Dr. Franz Groedel zur Behandlung auf.

Zur Förderung der Bemühungen von Dr. Groedel um Einrichtung eines Herzforschungszentrums in Bad Nauheim stiftete Kerckhoffs Frau Louise nach seinem Tod über 1 Million Goldmark zur Errichtung eines solchen Instituts.

Genau dieses Gebäude, das zwischen der eleganten Parkstraße und dem einzigartigen Jugendstil-Sprudelhof entstand, sehen wir auf dem Foto mit dem Mercedes. Wahrscheinlich entstand die Aufnahme kurz nach der Fertigstellung des Baus im Jahr 1931.

Man darf annehmen, dass der Fotograf damals den Mercedes absichtlich vor dem Gebäude leicht außerhalb der Mittelachse platzierte, um die strenge Symmetrie des Gebäudes aufzulockern.

Sein eigener Wagen wird es eher nicht gewesen sein, aber auf jeden Fall war es das Fahrzeug eines Ortsansässigen. Das Nummernschild mit der Kennung „VO 10965“ verrät nämlich, dass das Auto im Kreis Friedberg zugelassen war.

Wem mag der Mercedes wohl gehört haben? Könnte es jemand aus dem Umfeld des Kerchoff-Instituts gewesen sein – vielleicht dessen erster Leiter Dr. Franz Groedel? Möglicherweise lässt sich das noch herausfinden.

Festzuhalten bleibt, dass das Foto des Mercedes Stuttgart vor dem erst kürzlich sanierten Kerckhoff-Institut stellvertretend für die eindrucksvolle Tradition der Herzforschung in Bad Nauheim steht, die bis heute Früchte trägt.

Der von Louise Kerckhoff im Sinne ihres Mannes gestiftete Bau und das zugehörige Institut sind mittlerweile Teil der Max-Planck-Gesellschaft.

Dass ich das schöne Foto hier vorstellen darf, verdanke ich zwei Personen: Das ist zum einen Dr. Matthias Heil, seines Zeichens Pressesprecher des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung W.G. Kerckhoff-Institut.

Zum anderen ist Beatrix van Ooyen zu nennen, die am 13. und 14. April 2019 in dem historischen Institutsgebäude die dritte Ernst-Ludwig Buchmesse veranstaltet.

Sie weiß, dass für mich nicht nur Vorkriegsautomobile, sondern auch die Geschichte und Gebäude unseres schönen Bad Nauheims Herzenssache sind, und hat durch ihre Vermittlung letztlich diesen Blog-Eintrag ermöglicht.

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Start ins Neue Jahr: Ein Packard Sedan von 1926

Den Start ins Jahr 2019 zelebriere ich in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos der Einfachheit halber mit einer Aufnahme, die mit zupackender Dynamik daherkommt:

Packard Sedan von 1926; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Sechsfenster-Limousine, die hier kraftvoll vom Bürgersteig wegbeschleunigt, ist an sich leicht zu identifizieren. Doch ein solch gelungener Schnappschuss findet sich nicht alle Tage – ein Grund mehr, ihm etwas Aufmerksamkeit zu widmen.

Zwar ist ein Packard der 1920er Jahre stets zuverlässig am markant geschwungenen Oberteil des Kühlers zu erkennen, das Opel seinerzeit ziemlich dreist kopierte. Doch die genaue Datierung verlangt etwas Spürsinn.

Zum Glück liegt mit dem „Standard Catalog of  American Cars“ von Kimes/Clark ein Werk vor, das die meisten US-Vorkriegsmodelle mit wünschenswerter Akribie bespricht. Außerdem enthält die US-Autogalerie meines Blogs ausreichend Vergleichsmaterial.

Nehmen wir als Ausgangspunkt zur Einordnung dieses schöne Exemplar, das im April 1935 vor dem Berliner Dom abgelichtet wurde:

Packard Roadster von 1927/28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kühlerform und Trommelscheinwerfer entsprechen auf den ersten Blick denjenigen auf der eingangs gezeigten Aufnahme.

Wichtige Unterschiede stellen jedoch folgende Details dar:

  • die verchromten Enden der Doppelstoßstange,
  • die rundlicher geformten Vorderschutzbleche,
  • die schlichteren Scheibenräder mit kleineren und zahlreicheren Radbolzen sowie
  • die Zierleiste am hinteren Haubenende mit den Positionsleuchten.

Diese Elemente tauchen erst bei den Packard-Modellen von 1927/28 auf. Ab 1929 wurden übrigens schüsselförmige Scheinwerfer verbaut, weshalb sich der Packard aus Berlin genau datieren lässt.

Alle genannten Elemente fehlen an der Packard-Limousine:

In der Frontansicht sind es vor allem die kantigeren Vorderschutzbleche und die unauffälliger gehaltenen Stoßtangen, die den Wagen älter wirken lassen.

Gleichzeitig liefert die aus einem Teil bestehende Frontscheibe einen Hinweis auf die frühestmögliche Entstehung dieses Packard: 1925.

Nicht gleich zu Beginn der Produktion dieses Modells, doch noch vor ihrem Ende im Spätsommer 1926, löste die einteilige Frontscheibe die geteilte ab. Unabhängig von diesem Detail besaßen alle Packards seit 1924 serienmäßig Vierradbremsen. 

Während die Datierung der mächtigen Limousine mit 1925/26 als gesichert angesehen werden kann, muss die Motorisierung offen bleiben.

Verfügbar waren großvolumige Sechs- bzw. Achtzylinderaggregate mit 60 bzw. 85 PS. Doch abgesehen von Radstand und Niveau der Standardausstattung scheinen sich die beiden Motorenvarianten kaum unterschieden zu haben.

Beide Modelle waren mit zwölf (!) verschiedenen Aufbauten ab Werk erhältlich. Auch die besonders geräumige siebensitzige Limousine, die wir hier vor uns sehen, gab es mit sechs und acht Zylindern.

Vom Sechsyzlindertyp entstanden rund fündmal so viele Exemplare wie vom Achtzylinder, doch das erlaubt letztlich keine Aussage über die Motorisierung „unseres“ Packard.

Wer sich seinerzeit einen solchen Wagen leisten konnte, für den lag auch die teure Achtzylinderausführung im Rahmen des Erreichbaren. Sie stellte sogar ein besonderes Abgrenzungsmerkmal dar.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden im deutschsprachigen Raum mangels ausreichenden heimischen Angebots in hoher Zahl US-Wagen importiert, die in der Regel bereits in der Basismotorisierung über 6 Zylinder verfügten.

Wo aber entstand eigentlich das Foto der Packard-Limousine? Die Antwort scheint auf auf den ersten Blick leicht – in der Schweiz:

Das Schweizerkreuz auf dem Nummernschild und die erhaben geprägten Ziffern sprechen zwar für eine eidgenössische Zulassung. Aber: die DAS-Plakette auf dem Kühler verweist auf eine Versicherung bei der erst 1928 in Berlin gegründeten Gesellschaft.

Wieso sollte ein Schweizer seinen Packard von 1925/26 ab 1928 plötzlich bei einem deutschen Anbieter versichert haben? Er wird doch vorher bereits Kunde einer schweizerischen Assekuranz gewesen sein.

Kann es sein, dass es sich bei dem Packard um das Fahrzeug eines deutschen Besitzters handelte, der geschäftlich oder in öffentlicher Funktion länger in der Schweiz zu tun hatte und für die Zeit seines Aufenthalts ein Sonderkennzeichen erhalten hatte?

Das „D“ nach der Ziffernfolge könnte auf eine solche Konstellation hinweisen. Sachkundige Hinweise dazu sind wie immer willkommen.

Man sieht: Auch gut dokumentierte Vorkriegsautos wie dieser Packard können durchaus Rätsel aufgeben, die die Altautofraktion gemeinsam lösen kann. Insofern ist das doch ein vielversprechender Auftakt für 2019!

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein wackerer Preuße in Bayern: Komnick 8/45 PS

Im Bayrischen genießen die Preussen bekanntlich nicht den besten Ruf – das einschlägige Schimpfwort braucht an dieser Stelle braucht nicht wiederholt zu werden.

Allerdings scheint die Bezeichnung „Preißn“ ursprünglich nicht automatisch abwertend gewesen zu sein, sondern man verstand darunter schlicht alle im Norden und Osten angesiedelten Deutschen.

So musste der aus dem fernen Ostpreußen stammende Wagen, den es einst nach Bayern verschlug und den wir heute anhand zweier Originalfotos präsentieren, sicher nicht mit dem Unmut der Eingeborenen rechnen, eher mit wohlwollender Neugier.

Das erste Foto zeigt das wackere Automobil, um das es geht, in der fränkischen Fachwerkperle Miltenberg am Main: 

Presto Typ D 9/30 PS und Komnick 8/45 PS

Dass die Aufnahme tatsächlich in Miltenberg entstand, verrät der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite des Abzugs.

Das Gebäude im Hintergrund ist rasch als „Gasthaus zum Riesen“ identifiziert, das seit über 400 Jahren die Einmündung der Riesengasse in die Hauptstraße überragt.

Lesern dieses Blogs wird womöglich der Tourenwagen mit geschlossenem Verdeck im Hintergrund eher vertraut anmuten als das offene Fahrzeug davor. Schauen wir uns beide Automobile näher an:

Der hintere Wagen mit dem schnittigen Spitzkühler, dem oben tropfenförmig auslaufenden Kühlergehäuse und den nach hinten versetzten Luftschlitzen in der Haube ist in der Tat unschwer als Typ D 9/30 PS von Presto aus Chemnitz zu erkennen.

Von diesem markanten Wagen entstanden zwischen 1919 und 1925 einige tausend Exemplare – entsprechend oft sind historische Fotos davon zu finden, auch in diesem Blog. Hier haben wir zum Vergleich einen Ausschnitt aus einer solchen Aufnahme:

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom bis 1927 gebauten Nachfolger Presto Typ E 9/40 PS unterscheidet sich der D-Typ  äußerlich vor allem durch das Fehlen von Vorderradbremsen, das nur nebenbei.

Was aber ist das für ein Fahrzeug, das vor dem Presto zu sehen ist und sicher das eigentliche Motiv der Aufnahme aus Miltenberg war? Schauen wir uns auch diesen eindrucksvoll dimensionierten Tourenwagen nochmals genauer an:

Der eine oder anderen Leser wird sich an ein ganz ähnliches Fahrzeug erinnern, das wir hier im Mai 2018 als Fund des Monats präsentiert hatten.

Dabei handelte es sich um einen Wagen des Typs 8/30 PS der im ostpreußischen Elbing ansässigen Maschinenbaufabrik Komnick. Abgebildet war er auf einem historischen Foto, das uns ein australischer (!) Leser zur Verfügung gestellt hatte.

Hier haben wir das Prachtstück:

Komnick Typ 8/30 PS; Originalfoto bereitgestellt von Jason Palmer

Auf dieser außergewöhnlich schönen Aufnahme sehen wir den Kühler, der die Komnick-Wagen der 1920er so unverwechselbar machte.

Das leicht spitz zulaufende Kühlergehäuse beherbergt ein Kühlernetz in Form des Wappens der Deutschordensritter, die im 13. Jahrhundert die Stadt Elbing in Ostpreußen gründeten, in der Komnick bis 1945 seinen Sitz hatte.

Dieselbe markante Kühlerpartie findet sich an dem Tourer in Miltenberg. Dass sich die Gestaltung der Vorderschutzbleche der beiden Wagen unterscheidet, will nicht viel heißen. Dieser Unterschied kann baujahrsbedingt oder schlicht auf einen anderen Karosserielieferanten zurückzuführen sein.

Wichtiger ist, dass der in Miltenberg abgelichtete Komnick im Unterschied zu dem Typ 8/30 PS auf dem ersten Foto vorne über Trommelbremsen verfügt.

Dieses Detail spricht dafür, dass wir es mit dem sonst äußerlich sehr ähnlichen Typ 8/45 PS haben, der von 1925-27 bei Komnick erhältlich war.

Damit hätten wir nun schon das zweite Originalfoto eines Komnick-Automobils aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, was trotz mäßiger Qualität bereits eine Rarität darstellt.

Es kommt aber noch besser: Es hat nämlich eine weitere, ganz hervorragende Aufnahme desselben Komnick die Zeiten überdauert –  sie entstand einst in Würzburg:

Komnick Typ 8/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier können wir den Komnick 8/45 PS aus ähnlichem Winkel bewundern wie auf der Aufnahme des Vorgängertyps 8/30 PS.

Abgesehen von der bereits erwähnten Kotflügelausführung fällt hier die glattflächige Gestaltung der Seitenpartie auf, die gut zur etwas späteren Entstehungszeit passt. Die Zahl der Luftschlitze in der Haube (acht) ist aber trotz höherer Leistung dieselbe.

Wie im Fall des Typs 8/30 PS sind Originalfotos des Komnick 8/45 PS in der dürftigen Literatur kaum zu finden. Umso großartiger ist diese Aufnahme, deren Qualität ein näheres Studium des Typs erlaubt.

Daher zum Schluss eine Ausschnittsvergößerung des Wagens, die dem einzigartigen Charakter dieses seltenenen Vertreters aus Preußen in Bayern gerecht wird:

Komnick Typ 8/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

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Typisch deutsch: Ein Graham-Paige von 1929 in Berlin

Was in der englischsprachigen Welt als „typisch deutsch“ wahrgenommen wird, spiegelt sich unter anderem in den Wörtern wider, die man mangels eigener Begriffe aus dem Deutschen übernommen hat.

An der Spitze dürfte die „German Angst“ stehen, die in Zeiten bizarrer Phobien gegenüber Elektrosmog, Feinstaub, Gluten usw. fröhliche Urständ zeitigt.

Neben fragwürdigen „Errungenschaften“ wie Blitzkrieg, Oktoberfest und Passivhaus haben es auch romantische Befindlichkeiten wie Gemütlichkeit, Sehnsucht und Weltschmerz in die englische Sprache geschafft.

Selbst die Frage, was eigentlich einen Deutschen ausmacht, ist bereits „typisch deutsch“. In Italien, der Schweiz oder den Niederlanden hat man solche Probleme nicht – man spürt und weiß einfach, wer Landsmann ist und wer nicht.

Diese gut deutsche Vorrede hat viel mit dem eigenwilligen Vorkriegswagen zu tun, den wir heute vorstellen:

Graham-Paige; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Historische Aufnahmen wie diese erklären, weshalb hier mitunter zwei, drei Tage bis zum nächsten Blogeintrag vergehen.

Das in Berlin „Unter den Linden“ vor der ehrwürdigen Humboldt-Universität entstandene Foto hat den Verfasser lange Zeit wieder und wieder beschäftigt.

Dass es sich dabei um kein Modell eines deutschen Herstellers handeln kann, war frühzeitig klar. Zwar waren auch beim Horch 8 Typ 400 die Luftschlitze in der Haube nach hinten versetzt, aber ansonsten gibt es praktisch keine Übereinstimmung.

Die auffallend große Bodenfreiheit lässt einen an einen amerikanischen Wagen denken. In den Vereinigten Staaten musste ein Automobil darauf ausgelegt sein, längere Strecken gegebenenfalls auch ohne befestigte Straße zurücklegen zu können.

So fallen amerikanische Serienfahrzeuge der Vorkriegszeit durch ihre breite Spur und die Auslegung als „high rider“ auf. Letzteres scheint auch hier der Fall zu sein

Leider erkennt man außer Scheibenrädern mit konzentrischer Linierung, eher kleiner Nabenkappe, ausladender Doppelstoßstange und vollverchromten Scheinwerfern nicht viel. Dennoch lässt die Ausführung eine Recherche bei US-Marken vielversprechend erscheinen.

Mangels Hinweisen auf die Markenidentität bleibt einem nur das geduldige Durcharbeiten des über 1.600 Seiten starken, bis 1942 reichenden Standard Catalog of American Cars von Kimes/Clark.

Trotz weit geringerer Zahl an Vorkriegsmarken gibt es für die Hersteller im deutschsprachigen Raum bis heute keine Publikation, die dem nahekommt – wo ist eigentlich die typisch deutsche Gründlichkeit geblieben?

Ein Grund mehr, im Netz zu zeigen, was mit heutigen Publikationsformaten möglich ist. So haben wir vor nicht allzulanger Zeit einen Cadillac von 1928 präsentiert, der auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit dem Wagen aus Berlin aufweist:

Allerdings können wir einen Cadillac aufgrund der schieren Größe des Vorderwagens ausschließen – auch die Gestaltung der Räder passt nicht.

Es gibt aber eine Marke, die sich anno 1929 an der Anordnung der Haubenschlitze am Cadillac des Vorjahrs orientiert zu haben scheint – Graham-Paige.

Tatsächlich bot die 1927 von den Gebrüdern Graham gegründete Firma, deren Basis die seit 1908 bestehende Marke Paige war, im Modelljahr 1929/30 einen Wagen an, dessen Haubengestaltung an Cadillac erinnert.

So einen Graham-Paige, der mit unterschiedlichen Radständen sowie mit Reihensechs- bzw. -achtzylinder verfügbar war, sehen wir höchstwahrscheinlich auf dem eingangs gezeigten Foto.

Verwunderlich ist das nicht. Ende der 1920er Jahre hatten amerikanische Wagen einen Marktanteil von über einem Drittel in Deutschland. Einige Modelle wurden sogar hierzulande in Serie gefertigt oder aus zugelieferten Teilen montiert.

Doch wie sieht es mit der Karosserie unseres Graham-Paige aus Berlin aus?

Auf den ersten Blick meint man ein viersitziges Vollcabriolet zu sehen, bei dem die Seitenscheiben heraufgekurbelt sind.

Doch scheint es sich eher um die sehr deutsche Ausführung als Sedan-Cabriolet zu handeln, das über eine feste B-Säule verfügte und vielleicht einem subjektiven  Sicherheitsbedürfnis entsprang, das man heute ebenfalls als typisch deutsch bezeichnen würde. Vergleichbares gab es in den USA nach Ansicht des Verfassers nicht.

Verfügbar war der Graham-Paige von 1929/30 ab Werk außer als Roadster, Zweisitzer-Cabriolet, Tourenwagen, Coupé und Limousine lediglich als Convertible Sedan. Das war aber weder eine (ebenfalls typisch deutsche) Cabriolimousine, noch ein Sedan-Cabriolet.

Somit dürfen wir annehmen, dass eine unbekannte deutsche Karosseriebaufirma einst den Aufbau des Graham-Paige ab der Schottwand besorgte.

Der großgewachsene Besitzer, der uns hier etwas bemüht anlächelt – der unbeholfene Auftritt galt bei benachbarten Kulturnationen lange ebenfalls als typisch deutsch – kann uns leider nichts mehr zu seinem Auto sagen.

Auf jeden Fall handelt es sich um eines von vielen Beispielen für die hochindividuellen Fahrzeuge, die in der Zwischenkriegszeit deutsche Straßen bevölkerten. 

Oft wissen selbst amerikanische Enthusiasten nicht, welche Verbreitung US-Marken im deutschsprachigen Raum einst genossen und welche bedeutende Rolle dabei einheimische Importeure, Produzenten und Karosserielieferanten spielten.

An sich wäre das ein markenübergreifendes Thema, das eine eigenständige Publikation verdiente. Doch dem scheint ein auffallendes Desinteresse der Deutschen an ihrer Vorkriegsgeschichte – nicht nur in automobiler Hinsicht – entgegenzustehen…

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Einfach…schön! BMW 309 Cabriolimousine

Bis zum Fund des Monats August müssen sich die Leser dieses Blogs noch ein wenig gedulden – eine ganze Reihe von Kandidaten steht zur Wahl.

In der Zwischenzeit können wir uns aber auch an profaneren Zeugnissen aus der Welt der Vorkriegsautos erfreuen.

Zum einen beziehen oft Aufnahmen ganz alltäglicher Typen – soweit man im autoarmen Deutschland jener Zeit überhaupt davon sprechen kann – ihren Reiz aus der besonderen Situation oder einer außergewöhnlichen Perspektive.

Zum anderen sind selbst einige Vorkriegsmodelle der unteren Mittelklasse einfach so perfekt gestaltet, dass man sie immer wieder gerne sieht.

Ausgerechnet die Firma BMW, die überhaupt erst ab 1932 eigenständige Autos baute, entwickelte in unglaublich kurzer Zeit ein unverwechselbares und harmonisches Erscheinungsbild, das bis in die Gegenwart fortwirkt.

Um diesen gestalterischen Entwicklungssprung zu veranschaulichen, werfen wir zunächst einen Blick auf den BMW 3/20 PS, mit dem sich die Marke allmählich von der Austin/Dixi-Traditionslinie löste:

BMW 3/20 PS, aufgenommen 1952; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses 1932 vorgestellte Modell unterschied sich deutlich von dem auf dem Austin 7 basierenden Dixi DA1, den BMW nach Übernahme der Eisenacher Marke noch eine Weile in leicht modifizierter Form weiterbaute.

Neu waren Rahmen- und Fahrwerkskonstruktion des BMW 3/20 PS, während der noch auf der Austin-Konstruktion basierende Motor im Zylinderkopf hängende Ventile erhielt. Von der später für BMW typischen Sportlichkeit war noch nichts zu erkennen.

Doch schon 1933 gab BMW mit dem raffiniert gestalteten Sechszylindertyp 303 ordentlich Gas. Damit konnte man sich buchstäblich sehen lassen:

BMW 303; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch wie äußerlich war das ein großer Wurf und katapultierte BMW in die Riege der Hersteller sportlicher Wagen mit unverkennbarem Profil.

Um höhere Stückzahlen für die neue Rahmen- und Fahrgestellkonstruktion zu erreichen, bot man das Modell ab 1934 auch mit dem leistungsgesteigerten Vierzylindermotor des alten BMW 3/20 an – der BMW 309 war geboren.

Ein Exemplar davon als Cabrio-Limousine sehen wir sehr wahrscheinlich hier:

BMW 309; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese in technischer wie formaler Hinsicht ausgezeichnete Aufnahme verdanken wir Leser Marcus Bengsch, der neben seinem Spezialgebiet „Röhr“ weitere Fotoschätze in seiner Sammlung beherbergt, die wir hier nach und nach zeigen dürfen.

Auseinanderhalten kann man die Typen 303 und 309 äußerlich nur anhand der Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube.

In der Literatur erwähnt wird zwar bloß, dass sich der untere Abschluss der Luftschlitze der beiden Typen unterscheidet. Man erkennt aber auf Fotos weitere Unterschiede, wenn nicht alles täuscht:

  • Beim Sechszylindertyp 303 sind die Luftschlitze in die Motorhaube eingeprägt und enden unmittelbar unter der horizontalen Unterteilung der Haube.
  • Beim Vierzylindertyp 309 wurde ein Blech mit den eingeprägten Schlitzen in die Haube eingenietet und die Schlitze enden weiter unten.

Letzteres scheint auch bei dem Foto von Marcus Bengsch der Fall zu sein:

Wer auch immer diese schöne Aufnahme machte, wusste, wie man den BMW mit der markanten Doppelniere wirkungsvoll in Szene setzt.

Übrigens wäre auch diese Szene nicht so reizvoll ohne die beiden Damen und den Steppke auf dem Trittbrett. Ihnen scheint hier wohl im Sommer gegen Mittag die Sonne tüchtig aufs Haupt, aber wo?

Nun, das Kennzeichen lässt auf eine Zulassung im nordhessischen Landkreis Eschwege schließen. Das verrät uns das unverzichtbare „Handbuch Deutsche Kfz-Kennzeichen Deutschland bis 1945“ von Andreas Herzfeld auf S. 84.

Die Ausführung des Fachwerks entspricht ebenfalls hessischer Tradition (zwar eine Wissenschaft für sich, doch mit etwas Erfahrung erkennt man das).

Tatsächlich ist umseitig auf dem Abzug vermerkt, dass das Foto am 15. Juli 1939 im Kurpark von Bad Soden im Taunus entstand.

Für uns Liebhaber von Vorkriegsautos ist ein solches historisches Umfeld perfekt, merkwürdigerweise stören die alten Gefährte die Harmonie in keiner Weise…

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Pannenhilfe für den Klassenfeind: Chrysler von 1927

Es gibt Freunde von Vorkriegsautos, die mit US-Fabrikaten wenig anfangen können. Dabei spielt eine Rolle, dass praktisch alle bekannten amerikanischen Hersteller Massenware produzierten – was soll dabei schon Interessantes herauskommen?

Doch wird bei dieser Sichtweise folgendes übersehen:

  • Es war das Vorbild der amerikanischen Industrie, das nach dem 1. Weltkrieg in Europa zur Konstruktion von Fahrzeugen führte, die kein Luxus mehr waren.
  • Zudem waren die Amerikanerwagen, wie sie damals in Deutschland genannt wurden, auch in gestalterischer Hinsicht absolut tonangebend.
  • Schließlich ermöglichte die Massenproduktion eine Vielzahl an Karosserievarianten ohne Inanspruchnahme von Manufakturbetrieben.

Kein Wunder, dass die ab Mitte der 1920er Jahre von den wenigen deutschen Großserienherstellern – Adler, Brennabor und Opel – angebotenen Mittelklassewagen, formal bis ins Detail zeitgenössischen US-Modellen folgten.

Dass die damals lange Zeit selbstzufriedene und auf Nischenfahrzeuge konzentrierte deutsche Autoindustrie doch noch die Kurve bekam, ist letztlich der Konkurrenz der ausgereiften, robusten und modernen US-Importmodelle zu verdanken.

Deren enorme Präsenz im deutschen Straßenbild können wir uns heute kaum noch vorstellen. Umso bedeutender für das Verständnis der Rolle der amerikanischen Großserienwagen sind die erhaltenen historischen Aufnahmen.

Hier haben wir erst einmal ein sehr typisches Beispiel aus Niedersachsen:

Chrysler „Four“ von 1926/27; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese sechsfenstrige Limousine von Chrysler mag banal wirken – genau so sah der typische Wagen der späten 1920er Jahre aus. Ohne den Kühler wäre der Hersteller kaum zu identifizieren.

Anhand einiger Details lässt sich dieser Chrysler als Vierzylindertyp F-58 bzw. F-50 „Four“ ansprechen, wie er 1926/27 mit nur wenigen Änderungen zehntausendfach produziert wurde.

Faktisch handelte es sich bei dem Modell um einen überarbeiteten Maxwell – neben Chalmers eine der Keimzellen der 1924 neu am Markt auftretenden Marke Chrysler.

Mit seinem 38 PS-Motor war der Chrysler-Vierzylinder unspektakulär. Doch entscheidend für den Erfolg war, dass er sich wirtschaftlich in Großserie fertigen und damit preisgünstig absetzen ließ.

Mehr gibt es zu diesem Chrysler kaum zu sagen – bloß die Frontpartie behalten wir im Hinterkopf. Zugelassen war der Wagen übrigens im Landkreis Dannenberg:

Dass es von dem bodenständigen Chrysler weit attraktivere Varianten gab, werden wir gleich sehen.

Schon seit 1925 bot Chrysler das fast 70 PS leistende Sechszylindermodell B-70 „Six“ an, das serienmäßige hydraulische Vierradbremsen besaß. 1927 wurde ergänzend ein noch größerer Sechszylinder mit über 90 PS ins Angebot aufgenommen.

Für uns interessanter sind aber die 12 unterschiedlichen Karosserieversionen, die für die Sechszylindertypen verfügbar waren. Beim Vierzylindermodell konnte man immerhin zwischen fünf (1926), später acht (1927) Varianten wählen.

Dabei handelte es sich durchweg um Werkskarosserien – die höchste Fertigungsstandards erfüllten und weit billiger als Spezialaufbauten waren.

Aus Sicht des Verfassers besonders reizvoll war die typisch amerikanische Ausführung als Rumbleseat-Roadster, also als offener Zweisitzer mit ausklappbarer Notsitzbank im Heck. Diese Ausführung wirkte besonders sportlich und war zugleich preisgünstig.

So einen Chrysler Roadster des Baujahrs 1927 können wir heute auf einem Foto bestaunen, das wir (wieder einmal) Designer Matthias Kraus aus Halle verdanken:

Chrysler 70 „Six“ von 1927; Originalfoto mit freundlicher Genehmigung von Matthias Kraus

Hier hat ein DDR-Pannendienst mit einem Barkas (wenn nicht alles täuscht) doch tatsächlich einen Wagen des „Klassenfeinds“ aus Übersee huckepack genommen!

Wie kam es zu dieser kuriosen Situation, bei der Autos aus zwei Welten und einander feindlichen Gesellschaftssystemen in friedlicher Symbiose vereint waren?

Nun, dieser schöne Schnappschuss entstand 1979 anlässlich des 750-jährigen Jubiläums des Fachwerkkleinods Wernigerode (Sachsen-Anhalt).

Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, präsentierten sich die Wernigeroder „Genossen & Genossinnen“ anlässlich eines Festumzugs von ihrer besten Seite.

Dazu zählte der ortsansässige PGH-Autoservice, der sicher so manchem zweitaktenden Autofahrer einst aus der Patsche geholfen hat.

Außerdem präsentierte man auch eines der Vorkriegsschätzchen, die unter den von stetigem Mangel geprägten Verhältnissen der DDR hingebungsvoll gepflegt wurden:

Dieses Prachtexemplar lässt sich anhand der Vorderpartie zuverlässig als Chrysler identifizieren.

Die Datierung auf 1927 basiert auf der Zierleiste an der Tür auf Höhe des Griffs. Wenn nicht alles täuscht, gab es dieses Detail nur am „kleinen“ Sechszylindertyp 70. 

Aus dieser Perspektive erscheint der Chrysler komplett original und makellos erhalten. Auch wenn er mit durstigem Motor und miserabler Ersatzteillage im Alltag nicht mehr zu bewegen war, muss ihn jemand sehr geliebt haben.

Vielleicht war es ein Auto, das einst den Eltern gehörte; eines, das auf vielen Fotos im Familienalbum abgebildet war und für das genügend Platz auf dem Anwesen war, wo man ab und zu eine Runde damit fuhr.

Vielleicht repräsentierte dieser Wagen auch den sonst kaum erfüllbaren Traum von Schönheit, souveräner Leistung und Prestige – das Gegenteil dessen, was die Ostberliner Führung für den sozialistischen Untertan vorgesehen hatte.

Man stelle sich das vor: ein amerikanisches Massenprodukt aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ist noch über 50 Jahre später ein Objekt, auf das sich Sehnsüchte projizieren ließen oder das Erinnerungen aus vorsozialistischen Zeiten wachrief.

Im richtigen Kontext betrachtet wird so ein US-Großserienautomobil der gehobenen Mittelklasse mit einem Mal zu etwas ganz Besonderen.

Um solche überraschenden – durchaus persönlichen – Perspektiven bei Vorkriegsautos geht es dem Verfasser…

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