Familienbande: Horch 8 Typ 303 „Pullman“

Das letzte Modell der sächsischen Luxusmarke Horch, das ich anhand eines zeitgenössischen Fotos vorgestellt habe, war ein Vierzylindertyp aus der Zeit unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg (Porträt hier).

Gut zehn Jahre später – Ende 1926 – präsentierte Horch seinen ersten Achtzylinderwagen. Dabei hatte man Aufwand nicht gespart, denn das 3,1 Liter Aggregat besaß zwei obenliegende Nockenwellen, die den Ventilantrieb denkbar präzise bewerkstelligten.

Der Aufwand bei Entwicklung und Bau der Achtzylindermodelle hatte zwar seinen Preis, dennoch war der Erfolg am Markt beachtlich: Rund 3.500 Exemplare dieser Wagen wurden während der kurzen Bauzeit der ersten Serie (1927/28) an den Mann gebracht.

In diesem Zeitraum wurden die Typen 303, 304 und 305 angeboten, die sich von der Leistung kaum unterschieden (60 bis 65 PS) und auch äußerlich recht ähnlich waren.

Speziell der Ursprungsversion 303 (und dem mit kürzerem Chassis angebotenen Typ 304) sah man an ihre technische Klasse keineswegs an – sie orientierte sich optisch noch stark am vierzylindrigen Vorgänger 10/50 PS.

Hier ein Ausschnitt aus einem Foto, das ich vor längerem vorgestellt habe und einen solchen Horch des frühen Achtzylindertyps 303/304 zeigt:

Typisch sind der äußerst schlicht gehaltene Kühlergrill, das Fehlen von Stoßstangen und die stark profilierten, aus zwei Elementen zusammengesetzten Vorderkotflügel.

Die Kühlerfigur – eine geflügelte Weltkugel – stammt aus späterer Zeit, sie wurde erst 1929 beim Horch 375 eingeführt.

So schlicht der Wagen hier auch wirkt, lässt die Anwesenheit eines gutgelaunten Chauffeurs bereits ahnen, dass das kein Brot- und Butter-Wagen gewesen sein kann, obwohl er in den USA damals dafür durchgegangen wäre, äußerlich jedenfalls.

Die beiden modisch gekleideten Damen, die damit unterwegs waren, gehörten zweifellos zur „besseren“ Gesellschaft – zumindest, was Geldbeutel und Geschmack anging:

Horch Typ 303 oder 304 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die mit dem Typ 303 begründete Achtzylinder-Familie von Horch war eine weitverzweigte und es ist nicht immer einfach, jedes Modell, das auf alten Fotos die Zeiten überdauert hat, in den komplizierten Stammbaum einzufügen.

Das liegt nicht am Mangel an umfassender und detailgenauer Literatur – tatsächlich ist die Marke im Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ von Kirchberg/Pönisch (Verlag Delius-Klasing, 2011) vorbildlich dokumentiert.

Doch wie in jeder Familie gibt es immer wieder Vertreter, die ein wenig „aus der Art schlagen“ – und sei es, weil sie eine Spezialkarosserie besitzen.

Aufgrund dieser Komplexität bin ich bislang bei der Dokumentation der Horch-Achtzylinderwagen auf alten Fotos bisher auch kaum über die bis Anfang der 1930er Jahre gebauten Typen hinausgekommen.

Das wird sich irgendwann ändern, ausreichend Fotomaterial ist vorhanden, doch tauchen immer wieder Aufnahmen der frühen Typen auf, die ich fesselnd finde, gerade weil sie im Unterschied zu den späteren Luxuskarossen fast vergessen sind.

Es wäre doch schade, wenn man solchen schönen Dokumenten wie dem folgenden nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken würde:

Horch 8 Typ 303 (evtl. auch 305) Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses reizende Familienfoto aus der Sammlung von Klaas Dierks (Hamburg) ist für mich ein fast ideales Beispiel für ein gelungenes Autofoto:

Der Wagen ist aus vorteilhafter Perspektive – schräg von vorn – aufgenommen und die eindrucksvolle Kühlerpartie wurde freigelassen. Stattdessen ist die titelgebende „Familienbande“ entlang des Seitenteils aufgereiht.

Reichlich Platz für diese fünf Personen aus drei Generationen war vorhanden. Hier haben wir nämlich den Typ 303 mit langem Radstand (3,45 m) und Aufbau als sechsfenstriger „Pullman“-Limousine vor uns, die außer für die Porträtierten auch für den Fotografen und bei Bedarf noch eine Person Platz bot.

Denkbar ist auch, dass es sich um ein frühes Exemplar des fast identischen Typs 305 handelt, der ab 1928 eine Kühlerfigur in Form eines geflügelten Pfeils erhielt.

Einen Siebensitzer so majestätisch zu gestalten wäre mit der heutigen Designsprache (sofern man davon sprechen kann) heute nicht mehr möglich. Allerdings würde man sich ohnehin nicht mehr so vor dem vierrädrigen Gefährten ablichten lassen.

Vor dem Krieg und noch eine ganze Weile danach war das eigene Automobil dagegen quasi ein Familienmitglied, das lediglich aus Platzgründen in der Garage wohnte.

Die unzähligen Fotos, die genau solche Situationen wie auf dem hier präsentierten Foto wiedergeben, erzählen von dem heute unvorstellbaren Stellenwert, den ein derartiges Auto im damaligen Deutschland einnahm.

Es war ganz selbstverständlich, dass auch der Wagen mit auf das Familienfoto kommt. Er war ein geschätzter Begleiter, dem man eine exklusive Bewegungsfreiheit verdankt, die für die allermeisten ein unerfüllbarer Traum blieb.

Das Versprechen des Automobils – den Besitzer zum Herrn über Raum und Geschwindigkeit zu machen – war damals noch ungetrübt. In den längst heillos überbevölkerten Ballungsräumen Europas ist davon nichts mehr übriggeblieben.

Nur der glückliche Klassikerbesitzer auf dem Lande kann das ursprüngliche Erlebnis noch heute erfahren – dazu passend für die Liebhaber späterer Horch-Achtzylinder dieser Vorgeschmack auf ein künftiges Porträt

Horch 853 A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

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Glanzstück aus Suhl: Simson „Supra“ So 40 PS

Heute schlage ich bei der Dokumentation von Vorkriegsfotos auf alten Fotos ein neues Kapitel der Geschichte der Autoproduktion von Simson aus Suhl auf.

Die für ihre Waffenproduktion bekannte Thüringer Firma war einer der vielen deutschen Nischenhersteller der 1920er Jahre – aber in diesem Fall muss man sagen: was für einer!

Nach dem 1. Weltkrieg tat sich Simson zunächst mit technisch verfeinerten Versionen der Typen B, C und D hervor, die sich optisch eng an die Mode hierzulande anlehnten. Ein Fahrzeug aus dieser Familie habe ich hier zuletzt vorgestellt.

Für weitere Impulse sorgte ab 1922 der zuvor bei Steiger tätige Konstrukteur Paul Henze, der auch den Konstruktionen von Simson seinen unverwechselbaren Stempel aufdrücken sollte.

Henze entwickelte für Simson eine neue Typenreihe, die dank modernem Ventiltrieb drehfreudige Motoren besaßen. Dabei zielte er von vornherein auf Sporteinsätze ab.

Das Ende 1924 vorgestellte Spitzenmodell mit der Bezeichnung „Supra S“ wurde unter anderem mit der folgenden Reklame beworben:

Simson Reklame für das Sportmodell „Supra So“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Sporttyp zeichnete sich durch einen hochmodernen Leichtmetallmotor aus, der über vier Ventile pro Zylinder verfügte, die über zwei obenliegende Nockenwellen betätigt werden – im Rennsport sollte das noch lange das Maß aller Dinge bleiben.

Für den Kenner waren der Königswellenantrieb, die Trockensumpfschmierung, die Zwei-Vergaseranlage und die Vierradbremse nach belgischem ADEX-Patent weitere Schmankerl.

In der serienmäßigen Sportversion Simson „Supra S“ leistete dieses hochfeine Aggregat bereits 50 PS aus 2 Litern Hubraum, damals ein beachtlicher Wert. Die zweisitzigen Rennversionen, die zahlreiche Siege einfahren sollten, kamen auf 60 PS und mehr.

Vom Prestige dieses Sportwagens sollte eine parallel hergestellte Variante profitieren, die sich im wesentlichen durch einen einfacheren Ventiltrieb und längeren Radstand unterschied – der Simson „Supra So“.

Sein Aggregat musste bei sonst gleicher Konstruktion mit nur einer obenliegenden Nockenwelle und zwei statt vier Ventilen pro Zylinder auskommen. Infolgedessen waren hier nur 40 PS bei identischem Hubraum drin.

Ansonsten wurde beim Simson „Supra So“ ein vergleichbarer Aufwand getrieben wie beim Sportmodell, bis hin zu den ausgesucht hochwertigen Materialien und der äußerst präzisen Fertigungsqualität.

Und so sah dieses Glanzstück des PKW-Baus von Simson aus Suhl in natura aus:

Simson „Supra So“ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Originalfoto der Nachkriegszeit, das einen der wenigen überlebenden Simson-Wagen dieses Typs zeigt.

Man sieht hier sehr schön den markanten Kühler, der sich stark von dem konventionellen Spitzkühler der Vorgängertypen unterscheidet. Weitgehend verdeckt sind hier die beiden großkalibrigen Auspuffrohre, die durch die linke Haubenseite nach unten wegführen.

Der Tourenwagenaufbau entspricht der in der Literatur gezeigten Karosserievariante „Karlsruhe“ – eine reichlich einfallslose Bezeichnung für einen so edlen Wagen – aber gekonntes Marketing war bei deutschen Autobauern damals ohnehin die Ausnahme.

Zeitgenössische Besprechungen loben die Drehfreudigkeit des Motors, seinen ruhigen Lauf und die leichte Schaltbarkeit des Getriebes – mangels Synchronisation nicht selbstverständlich.

Beindruckt zeigten sich zeitgenössische Tester zudem von der guten Straßenlage infolge günstiger Gewichtsverteilung, der sicheren Bremsleistung und dem Sitzkomfort der Insassen.

Viel mehr Worte will ich gar nicht verlieren zu diesem in technischer und ästhetischer Hinsicht meisterhaft gestalteten Wagen. Einen Wunsch kann ich meinen Lesern aber noch erfüllen.

Vom selben Wagen gibt es eine weitere Aufnahme, die ihn mit niedergelegtem Verdeck zeigt. Entstanden ist sie am gleichen Ort und am selben Tag, vermutlich wurden beide Fotos für Pressezwecke geschossen:

Simson „Supra So“ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Diese Aufnahme verdanke ich Matthias Schmidt aus Dresden, der schon viele schöne Aufnahmen deutscher Vorkriegswagen zu meinem Blog beigesteuert hat.

Eine Sache trübt hier leider den Genuss: Das Verdeck ist nicht vollständig niedergelegt oder es handelt sich um eine nicht originalgetreue Nachfertigung. Normalerweise liegt ein Tourenwagenverdeck ganz flach auf, auch beim Simson „Supra So“ (siehe hier).

Vermutlich wurde hier später ein nach Cabriolet-Manier dick gefüttertes Verdeck verbaut, das sich aufgrund des vielen Materials nicht flach zusammenlegen lässt.

Das ist aber auch das Einzige, was sich hier beanstanden lässt – fast. Denn beim zweiten Hinschauen stören auch die großen Bosch-Hupen unterhalb der Scheinwerfer. Mag sein, dass diese während der bis 1927 reichenden Bauzeit des Simson „Supra So“ irgendwann verfügbar waren – stimmig wirken sie bei einem Tourer der 1920er für mich nicht.

Für mich bleibt die Frage, wo dieser Wagen heute beiheimatet ist und wie er sich im 21.Jahrhundert darbietet. In dieser Übersicht der wenigen noch existierenden Simson-Automobile jedenfalls scheint er nicht enthalten zu sein – oder irre ich mich?

Nachtrag: Der hier vorgestellte Simson „Supra“ Typ So stand zur Zeit der Fotos (um 1970) im Automuseum von Uwe Hucke in Nettelstedt (Ostwestfalen). Heute befindet sich das Fahrzeug wieder am Ort seiner Entstehung in Suhl. Daneben ist ein weiterer überlebender Wagen des Typs mit identischem Aufbau bekannt – er befindet sich in Dresden (Quelle: Reinhard Barthel, Stand: März 2020).

Verwendete Literatur: Simson – Autos aus Suhl, von Ewald Dähn, transpress, 1988

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Winter adé!? Unterwegs im DKW F7 „Meisterklasse“

Nur noch wenige Tage bis zum Frühlingsbeginn: Nachts wird es zwar empfindlich kühl, doch tagsüber entwickelt die Sonne bereits Kraft und weckt die Lebensgeister. Stadtkinder kennen leider kaum die Freuden des Frühlingserwachens auf dem Lande, wo es nun allerorten sprießt, sich Knospen bilden und Frühblüher ungewohnte Farbakzente setzen.

Winter adé, heißt es da, so gnädig er auch hierzulande ausfiel. Das Motto passt gut zu den Bildern eines Vorkriegsmodells, das ich schon länger nicht mehr gewürdigt habe. Die Rede ist vom DKW F7, der von Ende 1936 bis Sommer 1939 in über 100.000 Exemplaren gebaut wurde.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, erinnert sich vielleicht an die folgende schöne Aufnahme, die einen DKW F7 in noch winterlicher Landschaft zeigt:

DKW F7 Limousine „Reichsklasse Spezial“; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Diese im März 1939 entstandene Aufnahme lässt gut die äußerlichen Hauptunterschiede gegenüber dem Vorgängermodell F5 erkennen:

  • die Entlüftungsschlitze sind nicht mehr in die Motorhaube eingestanzt, sondern sind Teil eines aufgeschweißten Blechs (die Haube war wie die Kotflügel aus Blech, während der übrige Aufbau aus kunstlederbespanntem Holz bestand)
  • die Tür verläuft vorne nicht mehr geschwungen, sondern annähernd senkrecht, damit verbunden war ein größerer Türausschnitt, der Ein- und Ausstieg erleichterte).

Ebenfalls im Winter, jedoch erst 1940, entstand diese Aufnahme, die ebenfalls einen DKW F7 zeigt, wie trotz der dunkelgrauen Heereslackierung zu erkennen ist.

DKW F7 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die vorn aufgezogenen Schneketten verweisen unübersehbar auf den typischen Frontantrieb, mit der DKW vor allem im Winter Vorteile bot.

Bisweilen liest man in der älteren Literatur, dass die Wehrmacht Fronttriebler „verschmäht“ habe, weil man dem Frontantrieb gegenüber voreingenommen war,

Tatsächlich „entlieh“ man bei Kriegsausbruch auch die bewährten Frontantriebswagen von Adler und DKW von ihren zivilen Besitzern und kassierte nach der Besetzung Frankreichs noch lieber die hervorragenden Citroen „Traction Avant“-Modelle.

Mein Onkel, der als Offizier des 51. Niederschlesischen Infanterieregiments in Polen und Russland im Einsatz war, fuhr noch nach dem Krieg aus Überzeugung DKW, nachdem er im Krieg die Vorteile von Fronttrieblern kennengelernt hatte.

Dass man DKWs im Militärdienst seltener auf zeitgenössischen Fotos abgelichtet findet, liegt schlicht daran, dass sie nicht so exotisch waren wie Horch- oder Mercedes-Modelle, die der fotografischen Evidenz nach zu urteilen den Großteil des Wehrmachts-Fuhrparks ausgemacht haben müssten, wenn man es nicht besser wüsste…

Dass der oben gezeigte DKW F7 tatsächlich ein Wehrmachtsfahrzeug war, lässt eine am selben Tag entstandene weitere Aufnahme desselben Autos erkennen:

DKW F7 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme zeigt im Hintergrund die Pfarrkirche der österreichischen Ortschaft Scheuchenstein. Abgesehen von dem Auto hat sich an der Ansicht fast nichts geändert.

Das Kürzel „WH“ auf dem rechten hinteren Kotflügel belegt die Zugehörigkeit zu einer Heereseinheit der deutschen Wehrmacht, links ist noch das zivile Nummernschild zu sehen.

Mit diesen Aufnahmen sei nun aber dem Winter endgültig „Adieu“ gesagt. Wenden wir uns stattdessen diesem schönen Dokument zu, das einen DKW F7 im März 1938 zeigt:

DKW F7 „Meisterklasse“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Stempel auf der Rückseite des Abzugs verweist auf ein Fotogeschäft im sächsischen Städtchen Wilsdruff westlich von Dresden.

Dem Nummernschild nach zu urteilen war der DKW jedoch einige Dutzend Kilometer südwestlich im Raum Flöha bei Chemnitz zugelassen.

Eindrucksvoll wirkt hier der vor dem Kühler montierte Nebelscheinwerfer, einst ein nicht gerade billiges Zubehör. Der klassischen Frontpartie tut dieses Accessoire jedoch keinen Abbruch.

Eher gestört wird die Linie durch ein serienmäßiges Detail – die am oberen Ende der Frontscheibe angesetzte Lufthutze zur Belüftung des Innenraums. Dabei handelt es sich wohl um eine einzigartige Lösung, die zugleich eine Datierung des Wagens auf 1937 erlaubt.

Im Folgejahr wanderte das den Blick störende Element an die Oberseite des Scheibenrahmens, wo es freilich noch deplatzierter wirkte. Für mich eines der wenigen Details an den DKW-Wagen jener Zeit, die in gestalterischer Hinsicht missglückt waren.

Die beiden jungen Damen, die sich hier noch in winterlich anmutender Bekleidung neben dem Wagen haben ablichten lassen, wird vielleicht eher interessiert haben, wann es wieder nach Hause geht.

Denn eine Heizung besaß auch die hier zu sehende Ausstattungsvariante „Meisterklasse“ nicht – sie sah bloß schicker aus als die schmucklose „Reichsklasse“.

DKW F7 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht nur der Temperatur wegen werden unsere beiden DKW-Insassinnen gern dem Winter adé gesagt und das Frühjahr begrüßt haben, das auf diesem Foto freilich noch im Rückstand zu sein scheint.

Wir können uns heute an beidem freuen – dem schicken DKW und frühlingshaften Temperaturen. Genießen wir beides, solange es geht – zumindest der Winter könnte nochmals zurückkehren…

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Ungewissen Zeiten entgegen: Fiat 508A

Wohl zum ersten Mal seit dem Scheitern der kommunistischen Staaten des Ostblocks 1989 sehen derzeit Millionen von Europäern einer ungewissen Zukunft entgegen.

Ob die von immer mehr Regierungen ergriffenen Maßnahmen zur Einhegung des Corona-Virus gerechtfertigt sind oder in erster Linie gigantische Freiheits- und Wohlstandseinbußen mit sich bringen, wird sich weisen. Ernst ist die Lage auf jeden Fall.

Auch wenn Teile der durch jahrzehntelangen Frieden und Wohlstand sedierten deutschen Bevölkerung bis vor kurzem Massenvergnügungen nachgehen zu müssen meinten, macht sich allmählich – viel später als bei unseren Nachbarn – ein Gefühl der Ungewissheit breit.

Vor diesem aktuellen Hintergrund erhalten Fotos der Vorkriegszeit nochmals eine andere Qualität. Man sieht dort Menschen in einem glücklichen Moment, während wir Nachgeborenen wissen, dass das Schicksal ihrem gewohnten Dasein kurze Zeit später den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Fiat 508A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses hübsche Paar ließ sich im Februar 1939 auf der Fahrt nach Garmisch-Partenkirchen mit seinem Cabriolet ablichten. Das nationalsozialistische Regime war zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren an der Macht und hatte die Deutschen bis in den letzten Winkel ihres Daseins seinem Zwang unterworfen.

Dem Großteil der Bevölkerung, der nicht unmittelbar wegen Herkunft, Glaube oder politischer Gesinnung verfolgt wurde, blieb nichts anderes übrig, als sein Glück im Privaten zu suchen – sofern nicht die Bewältigung des Alltags ohnehin alle Kräfte aufzehrte.

Von reinem privaten Glück erzählt das hier vorgestellte Foto, dem man nichts von den Zeitumständen anmerkt, in denen es entstand – vom Emblem des gleichgeschalteten DDAC auf der Windschutzscheibe abgesehen.

Mit so einem hübschen Cabriolet auf Basis des Erfolgsmodells 508A von Fiat konnte man sich zurecht glücklich schätzen, denn schon der Besitz dieses von 1934-37 gebauten Wägelchens mit 24 PS leistendem 1-Liter-Motor war in Deutschland ein Privileg.

Während hierzulande wenige tausend Exemplare davon abgesetzt werden konnten – hauptsächlich in Heilbronn montierte NSU-Fiats – war der Fiat 508A international ein Riesenerfolg: Über 70.000 Stück brachten die Turiner davon an den Mann, nachdem bereits vom 1932 eingeführten Vorgängertyp 508 in nur zwei Jahren mehr als 40.000 Exemplare abgesetzt werden konnten.

Doch woran erkennt man eigentlich so einen Fiat 508A? Schließlich ist auf dem eingangs gezeigten Foto nicht allzuviel davon zu sehen.

Zum Glück hat ein zweites Foto desselben Autos die Zeiten überdauert – ebenfalls aufgenommen im Februar 1939, nun aber auf dem Weg von Augsburg nach München, so ist es jedenfalls von alter Hand auf der Rückseite des Abzugs vermerkt:

Fiat 508A Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar ist hier die Kühlerpartie durch die bei Frost obligatorische Kunstledermandschette verdeckt, die den Kühleraussschnitt zu reduzieren oder ganz zu verschließen erlaubte, damit der Motor schneller warm wird.

Doch geben das stilisierte Emblem oben auf dem Kühlergehäuse, die markante Form der Radkappe sowie die Ausführung der schrägstehenden Luftschlitze ausreichend Aufsschluss – das ist ein Fiat 508 A bzw. nach deutscher Nomenklatur ein NSU-Fiat 1000.

Weitere Beispiele für das Modell finden sich in meiner Fiat-Galerie, darunter dieses bisher nicht vorgestellte Exemplar:

Fiat 508A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir nun genau so ein Cabriolet auf Basis des Fiat 508A mit niedergelegtem Verdeck und unverdecktem Kühler.

Die Stoßstange mit ausgeprägter Mittelrippe, die profilierten Radkappen und die Form der Frontscheibe stimmen ebenfalls vollkommen überein. Außerdem ist nun der leicht schrägstehende herzförmige Kühlergrill zu sehen, der den Fiat 508A äußerlich vom Vorgängertyp 508 unterscheidet.

Auch für die Insassen dieses Wagens, die irgendwo in Süddeutschland Halt gemacht zu haben scheinen, bot die Zukunft nichts als Ungewissheit. Gewöhnen wir uns ebenfalls daran – und hoffen wir, dass die Sache einigermaßen glimpflich ausgeht.

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Exklusivität in Serie: Nash Roadster von 1929

US-Automobile genießen hierzulande nicht den besten Ruf. Das gilt nicht nur für die Produkte der Gegenwart – einschließlich des hochsubventionierten Tesla – sondern auch für die Fahrzeuge, mit denen Amerika ab den 1920er Jahren die Märkte flutete.

Die Tatsache, dass die US-Hersteller das zuvor exklusive Vergnügen Automobil demokratisierten, wurde einst zum Vorwand genommen, die Qualität in Frage zu stellen – nach dem Motto: was in Großserie hergestellt wird, kann nichts taugen.

Dabei wurde schlicht das Votum der vielen deutschen Autokäufer ignoriert, die Ende der 1920er Jahre auf US-Wagen „abfuhren“. Interessanterweise scheint die Propaganda der heimischen Hersteller, was die „Amerikaner-Wagen“ angeht, bis heute fortzuwirken.

So findet man auf Treffen der Vorkriegsszene hierzulande heute nicht annähernd so viele US-Modelle, wie sie in den 1920/30er Jahren auf deutschen Straßen unterwegs waren.

Nun kann man der Ansicht sein, dass die vielen Limousinen aus Übersee auch kein besseres Schicksal verdient haben, die zwar günstig, gut motorisiert und umfassend ausgestattet waren, denen es aber naturgemäß an Exklusivität mangelte.

Dies will ich heute mit Originalfotos gleichzeitig bestätigen und widerlegen – anhand von drei Ausführungen eines „Nash“ des Modelljahrs 1929. Hier haben wir Nummer 1:

Nash „Standard Six“, Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei aller Liebe zum Vorkriegsautomobil muss man zugeben, dass dieser Wagen etwas dröge wirkt. Wären da nicht die Kühlerfigur und das „Nash“-Emblem, könnte das alles Mögliche sein – da helfen auch die kruden Stoßstangenhörner aus dem Zubehör nicht.

Tatsächlich handelt es sich dabei um die Basisversion „Standard Six“ des 1929er Nash – gefertigt vom erst 1916 von Charles W. Nash gegründeten Hersteller aus Kenosha im Bundesstaat Wisconsin.

Auf dem Foto hat der Nash schon einige Jahre auf dem Buckel, doch wäre die 50 PS starke Sechsfenster-Limousine im Deutschland der 1930er Jahre selbst als Gebrauchter ein exklusiver Traum für die allermeisten „Volksgenossen“ geblieben.

Allerdings gab es hierzulande schon 1929 Betuchte, die sich einen Nash leisten konnten – und dann gleich in der gehobenen Version „Advanced Six“:

Nash „Advanced Six“ Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Drahtspeichenräder, ein aufwendige Zierlinie entlang der Gürtellinie sowie – hier nur ansatzweise zu erkennen – Scheinwerfer mit oben spitz zulaufendem Gehäuse waren äußere Merkmale dieser Variante, die fast doppelt so teuer war wie der „Standard Six“.

Dafür bekam der Käufer einen deutlich feineren Sechszylinder mit kopfgesteuerten Ventilen und Doppelzündung, der fast 80 PS leistete. Interessanterweise beließ man es bei diesem Modell bei mechanischen Vierradbremsen.

Wem der „Advanced Six“ in der Ausführung als Limousine immer noch zu konventionell daherkam, der konnte sich für eine wahrhaft exklusive offene Version entscheiden, die als „Roadster“ verkauft wurde:

Nash „Roadster“ Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man kann sich vorstellen, dass es einige Zeit brauchte, um dieses in Deutschland aufgenommene Cabriolet als Nash Model 436 „Roadster“ von 1929 zu identifizieren.

Vom Kühler ist gerade noch genug zu sehen, um einen Teil des Nash-typischen Emblems zu erkennen. Schwierigkeiten bereiteten die horizontalen Luftschlitze, die im „Standard Catalog of American Cars“ (Kimes/Clarke) weder abgebildet noch beschrieben sind.

Anfänglich dachte ich an einen Stoewer, da der Stettiner Hersteller bei seinen Achtzylindermodellen ebenfalls dieses Stilmittel nutzte. Doch die Radkappen passten nicht dazu. Dies und die Proportionen brachten mich letztlich auf ein US-Fahrzeug.

Kenner aus Übersee bestätigten mir letztlich, dass die beiden stilvoll gekleideten Herren auf dem Foto Hand ans Reserverad eines 1929er Nash im Gewand als „Roadster“ legen.

Wenn man auf dem Foto schon nicht allzuviel von dem exklusiven Fahrzeug sehen kann, dann wird man im ersten Teil des folgenden Videos entschädigt. Denn dort wird ein überlebender Nash von 1929 mit genau diesem Roadster-Aufbau präsentiert:

Copyright: Burnaby Village Museum; Videoquelle: YouTube.com

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Taxifahren mit Stil: Protos Typ C 10/30 PS

Taxifahrten gehören für mich zu den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich mit modernen Autos in Kontakt komme – das jüngste meiner Fahrzeuge ist 35 Jahre alt.

Das klassische Taxi ist aus meiner Sicht eine Mercedes-Limousine und auch wenn die Materialien im Innenraum in den letzten Jahrzehnten Qualitätseinbußen erlitten haben, ist es immer noch ein erhebendes Gefühl, hinten rechts sitzend chauffiert zu werden.

Voraussetzung: Man ist nicht einem derjenigen Fahrer aus Frankfurt/Main in die Hände gefallen, denen ich einige traumatische Erlebnnisse verdanke und bei denen man sich fragt, wie sie die Prüfung bestanden haben (es gibt freilich Erklärungen dafür…).

Jedenfalls am Fahrkomfort gibt es bei einer klassischen Mercedes-Limousine nichts zu beanstanden, das gehört quasi zum Markenstandard. Mit Erschütterung durfte ich dagegen feststellen, wie klapperig Taxis von Marken wie Opel und VW sein können.

Viel schlechter kann der Fahrkomfort vor über 90 Jahren nicht gewesen sein – und da hatte man immerhin die Wahl, offen oder geschlossen unterwegs zu sein.

Für die offene Variante steht stellvertretend diese Droschke, die ich vor längerer Zeit schon einmal gezeigt habe:

Protos Typ C 10/30 PS, Taxi mit Tourenwagenaufbau; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Exemplar habe ich ausgewählt, weil es eine Taxiausführung des Typs C 10/30 PS von Protos ist, der ich heute eine geschlossene Variante gegenüberstellen kann.

Die bis ins 19. Jh. zurückreichende Berliner Automarke Protos beschränkte sich wie einige deutsche Hersteller nach dem 1. Weltkrieg auf ein einziges Serienmodell.

Der bis 1924 gebaute Protos-Einheitstyp C 10/30 PS bot in technischer Hinsicht nur soliden Standard, hob sich aber mit seiner prächtigen Kühlergestaltung und den auf zwei Gruppen verteilten schmalen Luftschlitzen optisch von der Konkurrenz ab.

Bereits das obige Foto des Taxis mit Tourenwagenaufbau vermittelt eine Ahnung von der Großzügigkeit des Protos C 10/30 PS – immerhin sieben Personen fanden darin Platz.

Dass man sich einst anlässlich einer Taxifahrt ablichten ließ, mutet heute zwar merkwürdig an. Doch scheinen die Passagiere einen speziellen Grund gehabt haben, ihren Ausflug fotografisch festzuhalten – wahrscheinlich hat er mit dem Banner im Hintergrund zu tun:

„Radfahrer-Verein Stern Storkow“ meine ich dort zu lesen. Das würde dafür sprechen, dass die Aufnahme im brandenburgischen Städtchen Storkow entstand.

Dann hätten wir es hier wohl mit wackeren Radsportlern zu tun, die sich aus welchem Anlass auch immer eine wadenschonende Spritztour im offenen Automobil gönnten.

Wir können sie nur zu der Wahl des Protos-Taxis beglückwünschen, das an jenem Tag sicher ein erquickliches Freiluftvergnügen bot. Bis zu 75 km/h Spitzentempo waren damit auf den staubigen Pisten des Umlandes drin, davon konnten Radler nur träumen.

Was aber, wenn das Wetter nach mehr Schutz verlangte und man auch nicht wie auf dem Präsentierteller umherkutschiert werden wollte?

Dann war natürlich ein Protos-Taxi des Typs C 10/30 PS in geschlossener Ausführung die erste Wahl – so kam man mit dem heute undenkbaren Komfort eines rollenden Salons zu Freunden, ins Theater oder in die Oper.

Genau ein solches Fahrzeug kann ich dank Matthias Schmidt aus Dresden heute zeigen:

Protos Typ C 10/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ist das nicht eine beeindruckende Aufnahme? Vermutlich hat sie der Fahrer von einem professionellen Fotografen aufnehmen lassen.

Die Perspektive ist ungewöhnlich für die Zeit und verrät, dass der Mann hinter der Kamera ein unabhängig denkender Kopf war.

So dynamisch findet man deutsche Wagen damals fast nie in offiziellen Verkaufsunterlagen. Vielmehr überwiegen in den Prospekten der frühen 1920er Jahre immer noch statische und unbelebte Seitenaufnahmen – ein Grund, weshalb manche Modelle jener Zeit schwer zu identifzieren sind, da aussagefähige Fotos Mangelware sind.

Und wie so oft ist es der Mensch, der letztlich mehr fasziniert als das Auto, so markant es auch sein mag – hier mit dem unverwechselbaren Jugendstil-Dekor am Kühler:

Das ist eine der Aufnahmen der Vorkriegszeit, wo man sich bei aller grafischen Wirkung der Schwarz-Weiß-Wiedergabe doch etwas Farbe wünschen würde.

Hier stellt man sich gern vor, dass der entschlossen in die Ferne schauende Fahrer stechend-blaue Augen hat. Auch fragt man sich, ob die schwere doppelreihige Jacke nun dunkelbraun oder grau war – schwarz kann man mit Blick auf die dunkleren Knöpfe und den tiefglänzenden Lack des Protos wohl ausschließen. Reizvoll auch die Überlegung, ob die Krawatte eine gedeckte Farbe aufwies oder einen bunten Akzent lieferte.

Wie sich diese Szene vor über 90 Jahren in natura darstellte, das überlasse ich dem „Kopfkino“ des Betrachters. So oder so ist das ein Dokument, bei dem man sich fragt, wie man einen solchen majestätischen Protos verschrotten kann und ein dermaßen stilvolles Outfit gegen das tauschen kann, was heute bei vielen Taxifahrern üblich ist…

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Diesmal nur Statist: Unterwegs im Lancia Lambda

Das fast grenzenlose Reisevergnügen, an das wir uns in Europa so gewöhnt haben, muss in diesen Zeiten der Ausbreitung des Corona-Virus hintanstehen – ein Gebot der Vorsicht angesichts einer neuartigen, schwer kalkulierbaren Bedrohung.

Die meisten Staaten um uns herum haben das akzeptiert und längst das Notwendige veranlasst. Selbst sonst als lebenslustig geltende Nachbarn unterwerfen sich einer rigorosen Disziplin.

Wer mit sich im Reinen ist, verkraftet es durchaus, für begrenzte Zeit auf sich und sein persönliches Umfeld zurückgeworfen zu sein – auch wenn für kleine Unternehmen die Luft dünn zu werden droht, wenn das Geschäft länger ruht. Es ist zu hoffen, dass gerade ihnen unbürokratisch Hilfe zuteil wird, bis der Laden wieder läuft.

Wer derzeit auf’s Reisen verzichtet und soziale Kontakte auf ein Minimum herunterfährt, kann sich die wunderbarsten Ersatzbeschäftigungen suchen. Ein Angebot in dieser Hinsicht stellt mein heutiger Blog-Eintrag dar.

Der Beginn stellt sich nur auf den ersten Blick konventionell dar:

Lancia Lambda Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

„Herrje“, mag nun ein Freund der grandiosen Karossen der 1930er Jahre denken, „wieder so ein schlichter Tourenwagen aus den 20ern. Zugegeben, die niedrige Linie steht ihm nicht schlecht – scheint nicht ganz alltäglich zu sein.“

Tatsächlich: Dieses auf den ersten Blick so unprätentiös daherkommende Fahrzeug war mit das Sensationellste, was ab 1923 in Europa in Serie gebaut wurde:

  • Einzelradaufhängung vorne, hydraulische Stoßdämpfer, Vierradbremsen,
  • tiefe Schwerpunktlage der erstmals rahmenlosen Karosserie,
  • drehfreudiger V4-Aluminium-Motor mit Ventilantrieb über obenliegende Nockenwelle und Königswelle (Leistung je nach Baujahr ca. 50 bis 70 PS).

Das waren die Eckdaten des wohl innovativsten Automobils jener Zeit, das unter Kennern bis heute verehrt wird: der Lancia Lambda. Selbst in England, wo es damals nicht gerade an automobilem Einfallsreichtum mangelte, sorgte dieser Entwurf für Aufsehen.

Aus England stammt auch dieses hübsche Sammelbild eines Lancia Lambda, das auf einer Abbildung aus der Zeitschrift „The Autocar“ basiert:

Lancia Lambda, Aufnahme aus „The Autocar“; zeitgenössisches Zigarettenbild aus Sammlung Michael Schlenger

Bei der Gelegenheit sollte man sich die Details der Seitenansicht einprägen.

Sie werden uns auf der folgenden Bilderreise wiederbegegnen, auf der der Lancia Lambda zwar nur Statist ist, uns aber die ausführliche Bekanntschaft mit den Menschen ermöglicht, die mit ihm einst eine hochexklusive Reisefreiheit genossen.

Den Anfang macht diese Aufnahme:

Lancia Lambda; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Hier genügt bereits das charakteristisch geformte Blech mit den Entlüftungschlitzen im Seitenteil hinter der Motorhaube – das muss ein Lancia Lambda sein! Auch die niedrige Gürtellinie mit den kleinen, unten abgerundeten Türen ist vollkommen typisch.

Auf ein scheinbar unbedeutendes Detail möchte ich besonders aufmerksam machen: die seitliche Befestigung des Windschutzscheibenrahmens mit einer Reihe großer Schrauben – wir kommen darauf zurück!

Weiter geht’s mit Aufnahme Nr. 2 desselben Wagens, nun mit anderer Besatzung:

Lancia Lambda; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Ausschnitt lässt ein zuvor verdecktes Element erkennen – die Griffstücke am hinteren Ende der Türen – aus Leder, wie wir noch sehen werden.

Wer genau hinschaut, bemerkt außerdem, dass sich das Seitenteil der Verdeckhülle unterhalb des Ellbogens des jungen Manns auf dem Rücksitz gelöst hat und nach hinten zeigt.

Mäntel und Handschuhe der Insassen weisen auf einen frischen Tag hin – so stilvoll war übrigens die „Funktionskleidung“ der 1920er Jahre. Gut möglich, dass die Passagiere auf der Rückbank zusätzlich eine Decke über den Knien hatten.

Als nächstes steht ein Fahrerwechsel an:

Lancia Lambda; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Nun gibt die junge Dame, die zuvor auf der Rückbank saß, Tempo und Richtung vor. Natürlich gab es in der Schicht, die sich einen solchen exklusiven Wagen leisten konnten, auch Frauen, die das mächtige Lenkrad beherzt zu bedienen vermochten.

Die Pose mit ausgestelltem Ellbogen wäre heute nicht mehr möglich – nicht nur wegen des Pelzärmels, sondern wegen der veränderten Proportionen offener Wagen im 21. Jahrhundert. Auch an solchen Details ist abzulesen, wie sich die Zeiten geändert haben.

Keine Sicherheitsgurte, keine Airbags, kein Seitenaufprallschutz – in einem solchen Wagen lebte man aus heutiger Sicht enorm gefährlich. Aber: Die Lebenserwartung der Menschen, die sich diesen riskanten Luxus nicht leisten konnten, war weit geringer.

Es trägt nichts zum Verständnis des Automobils der Vorkriegszeit bei, heutige Sicherheitsmaßstäbe anzulegen, die überhaupt erst ein Thema wurden, als die Verkehrsdichte und die in der Praxis erzielten Geschwindigkeiten zum Problem wurde.

Immerhin ein Sicherheitsrisiko beim Lancia Lambda ließ sich aber schon damals entschärfen. Das beweist die nächste Aufnahme aus dieser Reihe:

Lancia Lambda; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Sicher ist man im ersten Moment gefesselt von der Ausstrahlung dieses Schnappschusses. Das Bild drückt für mich idealtypisch aus, dass bei den besten Autofotos das Fahrzeug gar nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern zur Bühne wird für die Menschen, die sich mit ihm einst inszenierten oder in Szene setzen ließen.

Wer auch immer diese Bilderserie gemacht hat, muss das ähnlich gesehen haben. Denn das Auto ist auf allen Aufnahmen bestenfalls Statist, wenn auch perfekt besetzt.

Aber war nicht zuvor die Rede von einem Sicherheitsrisiko beim Lancia Lambda, das sich entschärfen ließ? Gewiss, und hier können wir sehen, wie das ging:

Zugegeben: Es fällt schwer sich von der hübschen Fahrerin loszureißen, die den größten Kontrast zu den Straßenbuben darstellt, die sich auf ’s Foto gemogelt haben.

Wem es dennoch gelingt, der wird bemerken, dass sich auf Höhe der Windschutzscheibe eine Reihe von Löchern in der Karosserie befindet. Tatsächlich ist hier schlicht der Scheibenrahmen mitsamt Glas demontiert worden.

Denkbar, dass man das anlässlich einer Fahrt in einer Gegend mit steinigen Pisten gemacht hatte, da damals noch kein Sicherheitsglas verwendet wurde und ein Steinschlagschaden buchstäblich ins Auge gehen konnte.

Bei Sportwagen jener Zeit ließ sich häufig die Frontscheibe nach vorn umlegen. Wohl aus Gründen der Stabilität war das beim Lancia Lambda Tourer nicht vorgesehen.

Die pragmatische Lösung unserer Lancia-Insassen ist auch der folgenden Aufnahme zu sehen, die die letzte dieser schönen Reihe darstellt:

Lancia Lambda; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier war ein erfahrener Fotograf am Werk: Perfekter Moment, ideale Perspektive mit den drei Jungs im Mittelgrund, Hintergrund unscharf – viel besser geht es nicht.

Der durch falsche Lagerung stark beschädigte Abzug (alle fünf erforderten zeitaufwendige Retuschen) ist im Original so scharf, dass man die Oberflächenstruktur der erwähnten Griffstücke an den Türen erkennen kann – sie waren aus Leder.

Damit endet nun dieser kleine Bilderreigen. Ich meine, mit solchen wunderbaren Zeitdokumenten lässt sich der Verzicht auf den einen oder anderen realen Besuch im Kino, in der Fotogalerie oder Oldtimerausstellung kompensieren.

Und wem es in diesen Tagen am persönlichen Austausch mangelt und ähnliche Bilder sein eigen nennt, kann gern virtuell Kontakt aufnehmen – das einzige Risiko besteht darin, dass man von der Wunderwelt der Vorkriegsautos auf alten Fotos unheilbar infiziert wird…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Wo sind sie geblieben? Hansa 1100/1700

Dass die Deutschen bis heute an einem schweren geschichtlichen Erbe zu knabbern haben, steht außer Frage. Man merkt das auf vielen Ebenen, obwohl die heutige Generation jenseits der Pflicht zur Erinnerung doch keine Schuldgefühle mehr plagen sollten.

Im Hinblick auf die automobilhistorische Hinterlassenschaft der Vorväter leg(t)en jedenfalls Franzosen, Briten und Italiener einen anderen Stolz auf die eigenen Traditionslinien an den Tag, als dies speziell im Westen unserer Republik der Fall ist.

Dem Großreinemachen nach dem Krieg und dem Willen, nun alles besser und schöner zu machen als je zuvor, fiel dort ein Großteil der überlebenden Vorkriegswagen zum Opfer, wenn es keine Prestigewagen waren – und auch die konnte es erwischen.

So sind selbst zahlreich gebaute Wagen von Marken wie Brennabor, Hanomag, NSU-Fiat, NAG, Presto, Protos und Stoewer nach meiner Wahrnehmung im Westen fast völlig verschwunden – und keineswegs nur die Modelle, die ab 1939 eingezogen wurden. In Ostdeutschland sieht das zum Glück anders aus.

Ein weiterer, einst bedeutender Hersteller, auf den dieser Befund zutrifft, ist Hansa aus Bremen. Auf von mir besuchten Klassikerveranstaltungen stößt man eher auf ein Rudel Bentleys, BMWs, Bugattis, Horchs und Mercedes als auf einen Hansa.

Bentley-Vorkriegsmodelle bei den Classic Days auf Schloss Dyck 2017; Bildrechte: Michael Schlenger

Das mag noch verständlich sein, was die frühen Modelle bis in die 1920er Jahre betrifft. Doch ausgerechnet das meistgebaute Hansa-Modell – der Typ 1100/1700 aus den 30ern – scheint hierzulande weitgehend ausgestorben zu sein.

Dabei ist diese erfolgreiche Neukonstruktion von 1934 eines der attraktivsten Mittelklassemodelle eines deutschen Herstellers überhaupt, wie ich finde:

  • komplikationslose Motoren – ein 1,1 Liter Vierzylinder mit 28 PS und ein 1,6 Liter-Sechszylinder mit 40 PS,
  • zeitgemäße Fahrwerke mit hydraulischen Bremsen,
  • moderates Gewicht von gut einer Tonne und damit ordentliche Fahrdynamik,
  • sehr gut aussehende Limousinen- und Cabrioletaufbauten.
Hansa-Reklame für das Modell 1100/1700; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dumm nur, dass die adretten Wagen recht teuer waren – wie traditionell alle deutschen Modelle mit unzureichenden Stückzahlen.

Fast 3.000 Reichsmark waren für die 2-türige Cabrio-Limousine in der Motorisierung mit 1100er Motor zu berappen, die wir hier (teilweise) sehen:

Hansa 1100 Cabrio-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider ist mir über diese schöne Szene nichts Näheres bekannt. Sie scheint auf dem Lande entstanden zu sein, der Art des Fachwerks nach zu urteilen irgendwo in Mitteldeutschland. Vielleicht weiß es ein Kenner genauer.

Nachtrag: Leser Uwe Beesdo aus Steinigtwolmsdorf – seines Zeichens Tischler mit Spezialisierung auf historische Holzbauten – weiß es genauer und schreibt mir: „Im Hintergrund sieht man ein sogenanntes Umgebindehaus. Diese Holzbauweise ist typisch für die Oberlausitz (Ostsachsen), sowie Teilen von Schlesien.“

Die vier Luftklappen in der Haube – nebenbei einer der Kostentreiber in der Produktion – verraten, dass sich diese junge Familie einen Vierzylinder-Hansa 1100 geleistet hat. Das Fehlen des zweiten Scheibenwischers und eines Chromrings am Scheinwerfer dürfte auf eine preisgünstige Basisausführung verweisen, die mir noch nicht begegnet ist.

Dass es auch anders ging, das zeigen zwei weitere Fotos eines Hansa jener Zeit, die ich heute präsentieren will. Zugleich verraten diese Dokumente, dass man mit der Sechszylinder-Version nicht zwangsläufig glücklicher sein musste:

Hansa 1700 Cabriolet; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Das könnte eine wunderbare Aufnahme sein, wenn die junge Dame am Steuer nicht so missgelaunt schauen und die Kamera meiden würde. Nehmen wir zu ihren Gunsten an, dass sie nicht gern fotografiert wurde.

Die nunmehr fünf statt vier Luftklappen (in der oberen Reihe) verraten, dass wir hier die Sechszylindervariante (Hansa 1700) vor uns haben, die zudem einen fast 20 cm größeren Radstand aufwies – der längere Vorderwagen war wiederum ein Kostentreiber.

Hier haben wir nun vollverchromte Scheinwerfer und zwei Scheibenwischer. Kaum so gedacht sein dürfte, dass das niedergelegte Verdeck den Blick in den Rückspiegel blockierte, vermutlich wurde es nicht in der vorgesehenen Ruhelage fixiert.

Nicht grundlegend anders stellt sich die Situation auf dem zweiten Foto dar, das bei derselben Gelegenheit entstand. Hier hatte „sie“ nun die Kamera in der Hand und „er“ schaut so freundlich ins Objektiv, wie man das erwarten würde:

Hansa 1700 Cabriolet; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ist auch der Vorderwagen ganz zu sehen, wenngleich das Nummernschild auch auf dem Originalabzug unleserlich ist.

Dennoch haben wir eine Vorstellung davon, wo diese beiden Fotos entstanden sein könnten – oder zumindest, woher die beiden herkamen, die sich mit dem Hansa abgelichtet haben. Auf der Rückseite der Abzüge ist nämlich der Stempel eines Fotoladens in Schwarzenberg/Sachsen erhalten.

Da der Osten Deutschlands in meiner hessischen Schulkarriere nicht vorkam – dafür wurden sozialistische Diktaturen wie die in Nicaragua ausführlich (und seitens des Lehrpersonals oft wohlwollend) abgehandelt – war mir der einst bedeutende und heute noch sehenswerte Ort im Erzgebirge nicht geläufig.

So lernt man nicht zuletzt über solche Aufnahmen reizvolle Winkel unseres Landes kennen oder bekommt zumindest eine Ahnung davon, was die deutsche Teilung in den Köpfen angerichtet.

Zum Abschluss wäre noch ein kleines Rätsel zu lösen, bei dem wiederum historische Kennntnis des Ostens wie des Westens unseres Landes gefragt ist.

Die folgende Aufnahme aus der frühen Nachkriegszeit zeigt abermals einen Hansa, doch ist offen, ob es sich um das Basismodell 1100 oder die Sechszylindervariante 1700 handelt. Außerdem stellt sich die Frage, wo das Auto zugelassen war:

Hansa 1100 oder 1700, aufgenommen ab 1948; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn die Radkappe links vorne und das Kühleremblem verlorengegangen sind, die Stoßstange zum Teil fehlt und das Blech arg mitgenommen ist, haben wir es mit einem heiteren Dokument aus der frühen Nachkriegszeit zu tun.

Ob die vier, die sich vor dem Hansa haben fotografieren lassen, nur Passanten oder die Insassen des Wagens waren, muss wohl offenbleiben. Ihre Kleidung wirkt auf den ersten Blick etwas zusammengewürfelt, doch keineswegs vernachlässigt.

So vollkommen individuell diese Zeitgenossen wirken, ist ihnen ein beträchtliches Stilbewusstsein gemeinsam:

Ob nun die alpenländische Jacke des heiteren Herrn im Vordergrund, die opulente Dauerwelle seiner adretten Nachbarin im zeittypischen Kostüm oder die kühne Kombination aus Karojacke und Nadelstreifenhose des in die Ferne schauenden Herrn mit der Gefährtin im kurzen hellen Faltenrock – diese Leute scheinen kurz nach dem Krieg in materieller Hinsicht nicht das schlechteste Los gezogen zu haben.

Doch wo könnte dieses Zeitdokument entstanden sein? Das Nummernschild muss aus der Besatzungszeit stammen (weiße Buchstaben auf schwarzem Grund) und die „48“ in der Mitte unten verrät, dass es frühestens 1948 ausgegeben wurde. Bloß wo?

Vielleicht gibt die beachtliche Kirche im Hintergrund einen Hinweis – ich tippe auch hier auf Mittel- oder Ostdeutschland. Wer es genauer weiß, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Außerdem würde ich mich über Hinweise auf überlebende Fahrzeuge dieses attraktiven Hansa-Typs freuen. Denn „Wo sind sie geblieben?“ war ja die Eingangsfrage.

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Glück gehabt: Renault „Primaquatre“ von 1935

„Glück gehabt“ – so lautet der Titel meines heutigen Blog-Eintrags, und das aus mehreren Gründen.

Zuallererst muss man Glück haben, eine so schöne und technisch hochwertige Aufnahme von privat zu finden wie die, um die es heute geht. Dann hatte vor allem der einstige Besitzer des Wagens damit ganz offensichtlich Glück, jedenfalls macht er den Eindruck. Und außerdem kann man von Glück reden, wenn die Typansprache so einfach ist, obwohl der Wagen es einem auf den ersten Blick nicht leicht macht.

Genug der Vorrede – hier ist der angekündigte Glücklichmacher:

Renault „Primaquatre“ Cabriolet viersitzig; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An dieser Aufnahme gibt es wohl nur eines auszusetzen: dass die Umgebung noch winterlich trist wirkt. Doch scheinen der Fahrer dieses Wagens und der Fotograf Glück gehabt zu haben – es war trocken und vielleicht ein milder Vorfrühlingstag.

Da macht man das Verdeck herunter, klappt die Windschutzscheibe um und lässt sich blendend aufgelegt für’s Familienalbum aufnehmen. Wie bloß bekommt man spontan so eine Pose hin, ohne ein Profi zu sein?

Nun vielleicht war der Herr am Steuer ja einer – handelt es sich vielleicht um einen Schauspieler oder sonst eine Person, die es gewohnt war, im Rampenlicht zu stehen?

Wäre das ein ordinäres Familienfoto, hätte sich garantiert jemand gefunden, der den großzügigen Innenraum belebt – und sei es nur ein treuer Vierbeiner, wie man das so häufig auf Aufnahmen jener Zeit findet.

Immerhin haben wir es mit einem vier- bis fünfsitzigen Cabriolet zu tun. Der Einstieg nach hinten wurde durch Klappsitze erleichtert, worauf der gerade noch sichtbare Bügel an der Oberseite des Beifahrersitzes hindeutet – ein erstes Indiz für ein französisches Auto.

Das geschulte Auge erkennt hier einen Renault von der Mitte der 1930er Jahre, als sich die Marke von der zuvor eigenwilligen Formgebung verabschiedet hatte und sich der Stromlinien-Mode unterwarf – inspiriert durch Vorbilder von Chrysler und Ford.

Während die Marke Renault rasch identifiziert ist, bereitet die genaue Typansprache zunächst Schwierigkeiten. Eine vollständige und vor allem systematische Chronologie der enormen Typenvielfalt speziell der 1930er Jahre ist mir bislang nicht begegnet.

Erschwert wird die Orientierung durch die wenig eingängige Namensgebung. Beispielsweise stehen die Bezeichnungen Monaquatre, Primaquatre und Vivaquatre für unterschiedlich motorisierte Vierzylinder, während Monastella, Primastella und Vivastella parallel erhältliche Sechszylindertypen waren.

Zudem ähnelten sich die verschiedenen Varianten eines Jahrgangs recht stark. Die Angaben hinsichtlich markanter Merkmale wie der Zahl der Luftschlitze in der Haube variieren. Angaben dazu im Netz kann man nicht immer trauen.

Doch auch die Spezialliteratur zu Renault (z.B. „Renault – L’Empire de Billancourt“ von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, 1977) hilft nur bedingt weiter.

Dort findet man auf Seite 198 ein nahezu identisches Fahrzeug wie auf meinem Foto. Einziger Unterschied ist die Zahl der Sitze (zwei statt vier bzw. fünf). Der in besagtem Buch abgebildete Wagen wird dort als Typ „Monaquatre“ von 1935 bezeichnet; dieser Typenname ist auch auf der Stoßstange mittig zu lesen.

Man könnte es dabei bewenden lassen und den Fall als geklärt ansehen, zumal Quellen im Netz für das etwas stärkere Modell „Primaquatre“ je nach Baujahr drei (1934/35) bzw. fünf (1935/36) Luftschlitze angeben, während „unser“ Renault vier aufweist.

Wir sind aber in der glücklichen Lage, es besser zu wissen. Denn der Renault auf dem heute vorgestellten Foto trägt ebenfalls seine Typbezeichnung auf der Vorderstoßstange.

„Primaquatre“ ist dort zu lesen – das wäre also die mittlere Motorisierung der Vierzylinderversionen um 1935. Tatsächlich finden sich mit einiger Mühe online weitere Fotos von Renaults dieses Typs mit identischer Gestaltung.

Das Beispiel zeigt, dass man mitunter weder der Literatur noch den oft darauf basierenden Angaben im Netz trauen kann. Wie im richtigen Leben gilt hier die bewährte Devise der Aufklärung: „Glaube nichts, prüfe alles, denke selbst!“

Mit etwas Glück gelangt man dann zu so schönen Ergebnissen, die nichts zu wünschen übrig lassen – wie dieser adrette Renault an einem Vorfrühlingstag vor 85 Jahren.

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In jeder Hinsicht Spitze: Austro-Daimler 25 PS

Freunde österreichischer Vorkriegsmarken kommen in meinem Blog immer wieder auf ihre Kosten – von bekannten Herstellern wie Steyr, Puch oder Gräf & Stift reicht die Palette bis hin zu Exotenfabrikaten wie Grofri, Perl oder Baja.

Ich habe nicht den Eindruck, dass in Deutschland die reiche österreichische Automobilgeschichte der Vorkriegszeit online so gewürdigt wird. Marken aus KuK-Zeiten wie Praga habe ich ebenfalls gestreift – in der Hinsicht lässt sich aber noch mehr tun.

Heute ist aber erst einmal wieder Austro-Daimler an der Reihe, mit etwas keineswegs Alltäglichem. Leser meines Blogs haben schon mit einer ganzen Reihe der luxuriösen und ausgezeichnet motorisierten Wagen Bekanntschaft gemacht, die von der 1899 in Wien gegründeten Österreichischen Daimler-Motoren-Gesellschaft gebaut wurden .

Zuletzt hatte ich zum wiederholten Mal einen Austro-Daimler des nach dem 1. Weltkrieg von Ferdinand Porsche neu konstruierten Typs 6-17 besprochen (Porträt). Hier zur Erinnerung das Prachtstück:

Austro-Daimler Typ AD -17; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Heute kann ich erstmals eines der kleineren Modelle mit 25 bzw. 35 PS präsentieren, die Anfang der 1920er Jahre parallel dazu erhältlich waren.

Sie basierten noch auf Vorkriegsentwürfen und besaßen lediglich Vierzylindermotoren. Dennoch legte Austro-Daimler auch bei diesen kleinen Typen Wert auf ein nicht alltägliches Äußeres und beste Verarbeitung.

Billig konnten solche Manufakturwagen natürlich auch bei schwächerer Motorisierung nicht sein, weshalb sich manche Käufer auch bei den kleinen Austro-Daimler-Wagen für eine individuelle Karosserie entschieden.

Ein besonders hübsches Beispiel zeigt die folgende Aufnahme aus meinem Fundus:

Austro-Daimler 25 PS Typ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug ist im Original stark verblasst und gerade im vorderen Bereich unscharf. Daher hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich Hersteller und Typ identifizieren konnte.

Letztlich brachten mich die Umrisse des Kühlers – und speziell die Konturen an der oben vorkragenden Spitze auf Austro-Daimler (zum Vergleich sei ein Blick auf den Kühler des oben gezeigten Typs 6-17 PS angeraten).

Auch die Drahtspeichenräder und die Gestaltung der Zentralverschlussmutter passten zu dem Wiener Luxushersteller. Einzigartig scheint mir jedoch die Karosserie zu sein.

Hier ist nicht nur der Kühler „spitze“, sondern auch das nach Art sportlicher Motorboote auslaufende Heck. Effektvoll wirkt daneben die nach innen gewölbte Karosserieflanke – sie verleiht dem Aufbau eine schlanke „Taille“.

An der Frontpartie hat man zwar auf den ersten Blick den Eindruck, dass die Oberseite der Motorhaube wie die Schutzbleche dunkel vom hellen Karosseriekörper abgesetzt ist, doch der Eindruck täuscht – es handelt sich wohl nur um dem Gebäudeschatten:

Vielleicht kann jemand etwas zu den Schildern an der Hauswand im Hintergrund sagen. Dasjenige mit dem merkwürdigen Logo in der Mitte konnte ich nur teilweise entziffern.

Auf ein Wort mit wohl sechs Buchstaben folgte „Bayerische(r/s)“, in der vorletzten Zeile steht „Automobil“ gefolgt von einem Wort aus vier Buchstaben. Nachtrag: „Kartell Bayerischer Automobil Clubs“ – lautet vermutlich die Lösung, wie mir ein Leser mitteilte.

Das Schild darunter könnte auf die „American Automobile Association“ (AAA) verweisen, der seit altersher die Funktion des ADAC in den Vereinigten Staaten wahrnimmt und auch in europäischen Großstädten präsent war.

An der Seitenpartie fällt das Fehlen eines durchgehenden Trittbretts und eines Schwellerblechs am Rahmen auf, so ist die Auspuffanlage frei sichtbar. Ein hübsches Detail ist das kleine Trittbrett für den Einstieg, dessen Schatten auf der Straße vermuten lässt, dass es durchbrochen gearbeitet war.

Weiter hinten, vor dem Kotflügel ist schemenhaft eine kleinere Stufe zu sehen, die zusammen mit dem ausklappbaren Element in der Flanke offenbar den Zugang zu einem Notsitz im Heck ermöglichte:

Hier legte jemand wohl Wert auf eine möglichst minimalistische Optik in Verbindung mit einer sportlichen Karosse – ich finde das Ergebnis ausgeprochen reizvoll. Der kurze Radstand ist übrigens aus meiner Sicht ein Hinweis auf die Motorisierung mit 25 PS.

Bleibt die Frage, wer diesen Aufbau geschneidert hat, die in jeder Hinsicht „spitze“ ist und ihresgleichen sucht – zumindest in der mir zugänglichen Literatur…

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Sechs Fenster, sechs Zylinder: Adler 10/50 PS

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her, dass ich erstmals ein historisches Foto des Adler-Modells besprechen konnte, um das es in diesem Blog-Eintrag geht. Dass es so lange dauerte, bis sich wieder eine Gelegenheit dazu ergab, hat mit der Seltenheit dieses Typs zu tun, von dem ab 1925 nur wenige hundert Exemplare entstanden.

Zur Erinnerung nochmals das Foto, das ich seinerzeit präsentieren konnte und das ich nach einigen Mühen als Adler Typ 10/50 PS identifiziert habe:

Adler Typ 10/45 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eines der Elemente, die letztlich die Ansprache als Adler dieses Typs ermöglichten, war das verchromte (oder vernickelte) Schutzblech am Schweller unterhalb der vorderen Tür.

Ins Bild passten dann auch Details wie die senkrecht stehenden Türklinken, die Drahtspeichenräder und die Bremstrommeln an den Vorderrädern, die eine Entstehung ab 1925 wahrscheinlich machten.

Der Abgleich mit dem Auto auf folgender Aufnahme von Adler-Sammler Rolf Ackermann brachte mich dann auf den Adler des Typs 10/50 PS:

Von diesem Typ findet sich in der mir bekannten Literatur genau ein Foto, das einen überlebenden Tourenwagen zeigt. Umso erfreulicher, dass ich heute mit einem weiteren Dokument aufwarten kann, das wahrscheinlich eine Limousine desselben Typs zeigt.

Der Adler 10/50 PS war ein Sechszylindertyp, der 1925 zunächst mit 10/45 PS-Spezifikation das Licht der Welt erblickt hatte.

Ganz ähnlich wie beim Nachfolgetyp Standard 6 wurde ihm ein Vierzylindertyp zur Seite gestellt, der nur geringfügig kleiner war. Ich gehe aber aufgrund des repräsentativen Erscheinungsbilds davon aus, das mein heute präsentierter Fotofund die sechszylindrige Variante zeigt:

Adler Typ 10/45 PS oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das gute Stück mit damals seltenem (weil enorm teuren) Aufbau als Sechsfenster-Limousine. Die schwere Karosserie wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass man statt der filigranen Drahtspeichenräder stabilere Stahlspeichenräder montierte.

Die Literatur nennt für das Modell beeindruckende Abmessungen, die die des Nachfolgetyps Standard 6 und sogar die des mächtigen Standard 8 übertreffen:

  • Radstand: 3,35 m
  • Länge: 4,65 m
  • Höhe: 1,93 m

Das erklärt, weshalb der Fahrer hier relativ klein wirkt. Tatsächlich dürfte er mindestens 1,70m groß gewesen sein, und zwar auch ohne die typische Chauffeursmütze. Leider ist der Abzug nicht scharf genug, um das Emblem auf der Mütze erkennen zu lassen.

Eine nähere Betrachtung verdient auf jeden Fall die Frontpartie des raren Wagens:

Allein schon die Höhe der Haubenlinie vermittelt einen Eindruck davon, was für eine kolossale Erscheinung dieser Wagen einst gewesen sein muss.

Dank der feinen Gestaltung der Entlüftungsschlitze in der Motorhaube wirkt die Masse des Vorderwagens dennoch nicht brachial. Auch der feine Schwung der Kühlermaske lässt die Frontpartie durchaus gefällig erscheinen.

Für Auflockerung sorgt außerdem die Kühlerfigur, die einen sich in die Luft schwingenden Adler zeigt. Adler-Kenner werden dieses von wiederholten Änderungen betroffene Detail sicher genau datieren können.

Leider ist mir weder in der Literatur noch im Netz bisher eine Chronologie der Adler-Embleme und Kühlerfiguren begegnet. Das sollte sich doch eigentlich machen lassen und wäre eine große Hilfe bei der Ansprache früher Adler-Modelle.

Zum Entstehungsort des Fotos kann ich leider nichts sagen. Das Kennzeichen verweist zwar auf Berlin als Zulassungsbezirk, aber das muss nichts heißen. Erkennt vielleicht jemand das Gebäude mit der Hausnummer 112 im Hintergrund?

Das Portal verweist auf eine Entstehung um die Jahrhundertwende und dürfte den Dimensionen nach zu einem öffentlichen Bau gehört haben. Könnte es zu einem Forschungsinstitut gehört haben, das einen Vorlesungssaal mit hohen Fenstern besaß?

Auch wenn die Architektur nichts Regionaltypisches aufweist, ist sie doch wie viele Bauten jener Zeit hinreichend individuell, um wiedererkannt zu werden. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Frage des Entstehungsorts noch klären lässt.

Vielleicht können auch die Spezialisten für Adler-Modelle der 1920er Jahre etwas zu dem Wagentyp auf meinem Foto sagen. Kann man an bestimmten Details erkennen, ob es nun ein Typ 10/45 PS von 1925/26 oder ein Typ 10/50PS von 1927 ist?

Oder kommt gar der stärkere und noch größere Sechszylindertyp 18/80 PS in Frage, der parallel erhältlich war? Dann ließe sich in meiner laufend wachsenden Adler-Galerie ein weiteres Puzzlestück einfügen…

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Hübsche Inszenierung: BMW 326 Cabriolet

Heute fand im Thüringer Landtag erneut die Wahl des Ministerpräsidenten statt – diesmal fiel das Ergebnis so aus, wie von Berlin erwartet. Nostalgische Erinnerungen an den Demokratischen Zentralismus wurden wach.

Beruhigt kann sich der Bürger wieder ins Private zurückziehen. Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos eignet sich dazu hervorragend, so zerstreut man störende Gedanken.

Regional betrachtet bleibe ich in meinem heutigen Blogeintrag in Deutschlands Osten – zumindest nehme ich das an. Anknüpfen will ich dabei an diese Aufnahme eines BMW 326 Cabriolets, die ich vor einiger Zeit hier vorgestellt habe:

BMW 326 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses viertürige Cabriolet auf Basis des BMW 326 – gebaut ab 1936 – wurde einst bei Jena abgelichtet. Auch das Kennzeichen verweist auf Thüringen, stelle ich gerade mit Bestürzung fest – so wird das nichts mit der Flucht vor dem Tagesgeschehen.

Offenes Verdeck geht um diese Jahreszeit auch nicht, viel zu leichtsinnig, zumal die Partei des Thüringer Ministerpräsidenten es auf Reiche abgesehen hat – ist ja zum Schießen! Außerdem wird hier ein traditionelles Frauenbild beschworen. Unverzeihlich.

Also ein neuer Versuch, diesmal muss das Ergebnis stimmen. Gewünscht wird ein BMW 326 Cabriolet mit vier Türen und geschlossenem Verdeck, ohne Hinweis auf regionale Zugehörigkeit, gern vor romantischer Kulisse, damit es auch ein schönes Bild gibt.

Anweisung verstanden, lässt sich arrangieren. Im vorliegenden Fall liegt das Arrangement zwar schon eine Weile zurück, aber man darf auch hier sagen: geliefert wie bestellt.

BMW 326 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesmal gibt es keinen Grund zur Beanstandung. Spätestens auf den dritten Blick bestätigt sich: Das ist das gewünschte viertürige BMW 326 Cabriolet, die einfache Mehrheit der Details spricht dafür – das muss an dieser Stelle genügen.

Das geschlossene Verdeck macht sich äußerlich viel besser als ein offenes – man muss nicht immer gleich alles preisgeben, das müssen auch Anhänger einer liberalen Auffassung zugeben. Was die Insassen vorhaben, ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu erkennen. Der Fahrer scheint ein entferntes Ziel ins Visier genommen zu haben.

Immerhin wirkt die Geste der geöffneten Tür vertrauenerweckend, überhaupt mutet die ganze Situation bieder und freundlich an. Die Szenerie mit Burg im Hintergrund und einsamer Autobahn könnte kaum schöner sein, ganz nach deutschem Geschmack.

Viel mehr lässt sich diesem alten Stück kaum abgewinnen – man hat so etwas schließlich schon oft genug gesehen, auch wenn es eine Weile länger her sein mag.

Hübsch inszeniert wurde das Ganze aber – das muss man zugeben. Die friedlich anmutende Landschaft im Hintergrund gibt eine perfekte Kulisse ab. „Foto Hergl, Kirchberg in Sachsen“ so lautet der Stempel auf der Rückseite des Abzugs.

Kann man aus der Angabe auf den wahren Ort schließen und darauf, wohin die Reise ging? Ich habe meine Zweifel. Diese hübsche Inszenierung kann überall in deutschen Landen entstanden sein. Wer weiß, wohin die nächste Ausfahrt führt…

Weiß es jemand genau? Das hätte Charme, denn dann könnte man in dem Foto einfach ein historisches Reisefoto sehen, nicht eine Parabel auf eine Begebenheit der Gegenwart.

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Restaurierungsbericht: Steyr Typ VII Tourenwagen

Ein Blog ist ein online geführtes Tagebuch, in das man einträgt, was einen gerade beschäftigt. Dazu gehört die persönliche Komponente ebenso wie die laufende Fortschreibung – mitunter auch Ergänzung oder Korrektur.

Doch selbst in diesem dynamischen Format herrscht mitunter einige Tage Sendepause. Das liegt nicht an mangelndem Material oder fehlender Inspiration, es ist bloß so, dass manche Abhandlung mehr Vorbereitung erfordert als andere.

Heute soll ein Restaurierungsbericht veranschaulichen, wie aufwendig die Präsentation eines einzigen Fotos sein kann, selbst wenn man bereits weiß, was darauf abgebildet ist.

Bei der Gelegenheit sei zugleich die Frage beantwortet, ob ich denn selbst auch Vorkriegsautos restauriere. Die Antwort lautet: ja und nein.

Wenn es um historische Automobile geht, überlasse ich diese Mühsal fähigeren Zeitgenossen, wenngleich ich klare Vorstellungen davon habe, was eine Restaurierung darstellt und was einen Neuaufbau – beides hat ggf. seine Berechtigung.

Ich persönlich bevorzuge Fahrzeuge, die nur technisch überholt sind und ansonsten in dem Zustand konserviert bleiben sollen, in dem sie die Zeiten überdauert haben.

Restaurieren, das beschränkt sich bei mir auf Fotos von Vorkriegsautos. Ein Beispiel dafür ist dieses Glaspositiv der 1920er Jahre aus meiner Sammlung:

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem Beispiel sieht man deutlich, wie angegriffen zeitgenössische Fotos von Vorkriegswagen sein können.

Hier beginnt sich die belichtete Schicht an den Rändern von der Glasplatte zu lösen. Zudem weisen zahlreiche Flecken auf ungünstige Lagerung und Verfall hin.

Seitdem es möglich ist, über eBay selbst für Artikel geringen Werts problemlos Abnehmer zu finden, schlicht weil man einen riesigen Markt erreicht und es für beide Seiten sichere Zahlungsmethoden gibt, landen solche stark mitgenommenen Überbleibsel nicht immer gleich im Müll, wenn die Erbengeneration die Besitztümer ihrer Vorfahren sichtet.

Ich weiß nicht mehr, was ich für dieses Glaspositiv bezahlt habe, aber es werden nur ein paar Euro gewesen sein. Der Grund: Auf Anhieb war kaum zu erkennen, was darauf abgebildet ist, auch der Verkäufer hatte keine Ahnung vom Motiv.

Es gehört zu den erstaunlichen Seiten der Beschäftigung mit den Automobilen der Vorkriegszeit, dass man zumindest ahnt, was man da vor sich hat, obwohl sich speziell die Wagen der 1920er Jahre im deutschen Sprachraum stark ähneln.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um einen der großen Sechszylinderwagen von Steyr – wahrscheinlich ein Typ VII ab 1925 – die hierzulande viel zu wenig bekannt sind.

Die Kenner der österreichischen Premiummarke, die hier mitlesen, werden spätestens anhand der restaurierten Version des Fotos sagen können, ob ich richtig liege. Doch werfen wir erst einmal einen Blick darauf, was während der Retuschen zutagetrat.

Bei diesen Arbeiten macht man ausführliche Bekanntschaft mit den einstigen Besitzern:

Die noch vorhandenen Flecken im Randbereich erinnern daran, wie verunstaltet auch die Gesichter dieses Paars waren, das einst Besitzer dieses prächtigen Steyr war und hier geduldig in die Kamera schaut – eventuell war es ein trüber Tag und die Belichtungsdauer entsprechend lang.

Bei der Entfernung von Flecken und Fehlstellen in den Gesichtern kommt man den beiden sehr nahe – man kennt danach den Schwung der Lippen und der Augenbogen ebenso wie den Hut bei ihr und die Lederkappe bei ihm.

Das hätte sich dieses Paar nicht träumen lassen, dass es noch nach fast 100 Jahren mitsamt dem luxuriösen Wagen soviel Aufmerksamkeit genießt.

Tatsächlich zahlt sich die Liebe für’s Detail auch im Hinblick auf das Auto aus:

Zwei Dinge stellt man hier fest: Zum einen spricht der Reifenhersteller „PETERS UNION“ dafür, dass dieser Steyr in Deutschland zugelassen war. Zum anderen verrät die spiegelverkehrte Schrift, dass sich die originale Situation ganz anders darbot.

Das hätte einem gleich klar sein müssen, denn der Steyr Typ VII war wie seine ähnlichen Vorgänger II, IV und V noch rechtsgelenkt. Man kann trotz der Spiegelungen auf der Windschutzscheibe das Lenkrad sehen, das „er“ im Griff hat, wie sich das damals gehörte.

So stellt sich das historisch korrekte Ergebnis dieser Restaurierung am Ende überraschenderweise so dar:

Steyr Typ VII Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die „Besser als neu“-Fraktion wird zwar beanstanden, dass dieser Steyr immer noch eine „frame-off“-Kur benötigt, bei der alles zerlegt, patinierte oder unvollständige Originalsubstanz (Leder, Holz) entsorgt und ein Lack nach neuestem Stand aufgetragen wird, nicht ohne vorher auf Manufakturarbeit hindeutende Ungenauigkeiten zu beseitigen.

Doch wahrscheinlich steht der hier abgebildete Steyr vermutlich nicht mehr für das „komplette Programm“ zur Verfügung und dieses Foto ist alles, was von ihm geblieben ist. Ich finde, dass man auch damit mehr als zufrieden sein kann.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Der Name ist Programm: Phänomen 12/50 PS

„Was haben uns die Römer eigentlich gebracht?“ so fragt im legendär subversiven Film „Life of Brian“ (1979) der Anführer der tolpatschigen „Judäischen Volksfront“ – oder war es die „Volksfront von Judäa“? – seine Getreuen.

Wider Erwarten zählen dann die Palästinenser von damals eine ganze Reihe von Errungenschaften der Besatzer auf, die von der Wasserversorgung über die öffentliche Sicherheit und den Wein bis zu allgemeinen Krankenkassen (!) reichen.

Doch eines hat die britische Monty Python-Truppe – deren gnadenloser Spott heute der Alptraum aller Berufsbetroffenen wäre – in dieser Szene einst vergessen: das Schaltjahr!

Zumindest ich bin den Römern für die Einführung des Schaltjahrs während der Regentschaft von Gaius Julius Caesar dankbar, denn ansonsten „müsste“ ich schon heute – am 28. Februar 2020 – den Fund des Monats präsentieren.

Doch auch so kann ich mit einem nicht alltäglichen Dokument aufwarten, das den letzten PKW-Typ einer Marke zeigt, die ich bisher mangels Material nur gestreift habe – Phänomen aus dem schönen Städtchen Zittau in Sachsens Südosten.

Die Geschichte des PKW-Baus in den Phänomen-Werken habe ich in einem früheren Blog-Eintrag zum Phänomen „Granit“ Kübelwagen ausführlich beleuchtet, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht wiederholen will.

Stattdessen geht es gleich zur Sache anhand eines Fotos, das ich kürzlich entdeckt habe:

Phänomen 12/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Originalabzug ist weit größer und ließ anfänglich nicht ahnen, was darauf zu sehen ist. Gerade deshalb habe ich ihn erworben, zumal da der Anbieter ebenfalls keine Vorstellung davon hatte, was das Foto zeigt.

Bei näherer Betrachtung kam mir dann rasch Phänomen in den Sinn – nicht etwa, weil ich diesen Typ schon einmal bewusst irgendwo gesehen hatte, sondern weil mir das Emblem von einigen anderen Fotos in meinem Fundus (bzw. von Lesern) vertraut vorkam, die eindeutig Phänomen-Wagen zeigen, die ich aber noch nicht vorgestellt habe.

Hier kann man das für Phänomen-Wagen der 1920er Jahre typische rautenförmige Emblem zumindest ahnen, auf dem Original zeichnet sich der Schriftzug besser ab.

Wie ordnet man nun ein Modell ein, das man zuvor nicht wahrgenommen hat und für das es in der bisherigen Literatur kaum Vergleichsstücke gibt?

Nun, glücklicherweise ist in der Neuausgabe des Klassikers von Werner Oswald „Deutsche Autos 1920-1945“ (Motorbuch-Verlag, 2019), zu der ich einige Bilder beisteuern durfte, auf S. 468 ein Phänomen mit identischer Frontpartie abgebildet.

Dieser wird dort als Typ 12/50 PS angesprochen, der von 1924-27 gebaut wurde und über einen beachtlichen Antrieb mit 3 Litern Hubraum und obenliegender Nockenwelle verfügte.

Nun ist der Erfahrung nach stets Vorsicht bei solchen Zuschreibungen von Exotenwagen angezeigt (das gilt auch für meine eigenen Fotos sonst kaum dokumentierter Automobile).

Im Netz findet sich nämlich die Abbildung eines ganz ähnlichen Phänomen-Autos, das dort als Typ 10/30 PS angesprochen wird.

Dieses schwächere Modell mit konventionellem seitengesteuerten Motor wurde jedoch in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gebaut. Dazu passt weder das an US-Modelle angelehnte Erscheinungsbild mit Doppelstoßstange noch das Vorhandensein von Vorderradbremsen.

Dagegen könnte der in der älteren Ausgabe des Oswald auf Seite 334 abgebildete „Typ 12/50 PS“ tatsächlich eher einer der beiden Vorgänger 10/30 PS oder 16/45 PS sein.

So oder so ist das heute präsentierte Foto ein „Phänomen“ – denn mir ist kein vergleichbares in dieser Qualität bekannt. Tatsächlich handelt es sich auch nicht um einen Schnappschuss, sondern eine sorgfältig vorbereitete und sauber ausgeführte Aufnahme, die vermutlich der Fahrer selbst in Auftrag gegeben hatte:

Hier präsentiert er sich in selbstbewusster Pose neben „seinem“ Phänomen-Wagen, der mit drei Sitzreihen sicher einer wohlhabenden Familie gehörte.

Das Outfit mit ledernen Gamaschen und doppelreihiger Jacke knüpft an eine Tradition an, die bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückreicht, als solche Kleidung die oft noch im Freien sitzenden Fahrer vor Kälte schützte.

Hier ist allerdings die Lederjacke einer solchen aus Wollstoff – eventuell in Cord-Optik – gewichen. Der Schnitt ist aber derselbe wie noch ein Jahrzehnt zuvor.

Übrigens sieht man hier recht gut, dass der Phänomen keinen klassischen Limousinenaufbau besaß, sondern als Landaulet karossiert war. Über der hinteren Sitzbank – und nur dort – ließ sich also das Dach öffnen und niederlegen, sodass die Passagiere frische Luft, Sonne und ungestörte Aussicht genießen konnten.

Auch „Gesehenwerden“ war mit einem solchen Landaulet natürlich verbunden. Dabei machte man gewiss mit der Wahl eines ungewöhnlichen Automobils auf sich aufmerksam.

Die Bauzeit von 1924 bis 1927 darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Wagen noch in Manufaktur entstand. Über Stückzahlen schweigt sich die Literatur aus, doch werden sich diese bestenfalls im niedrigen dreistelligen Bereich bewegt haben.

Die Phänomen-Werke verlegten sich damals auf Lieferwagen und sollten damit später noch einigen Erfolg haben.

Wenn ein Leser etwas von einem überlebenden Phänomen des heute vorgestellten Typs weiß, würde mich ein entsprechender Hinweis freuen. Wie es scheint, findet man eher noch Exemplare von den Dreiradfahrzeugen, für die die Marke den meisten bekannt ist.

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Vom Cabrio zum Kübelwagen: Hanomag 4/20 PS

Vom Cabrio zum Kübelwagen – ebenso könnte der Titel meines heutigen Blog-Eintrags lauten: Vom selbstbewussten Bürger zur uniformen Verfügungsmasse – und zurück.

Unter diesem Motto begleiten wir heute das ab 1929 gebaute Hanomag-Modell 3/16 PS und die ab 1930 verfügbare stärkere Variante 4/20 PS.

Dieser heute kaum noch bekannte Kleinwagen des Maschinenbaukonzerns aus Hannover ist in meiner Hanomag-Galerie zahlreich vertreten. Gerade erst vor einem Monat habe ich folgendes adrette Exemplar vorgestellt (Porträt):

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diese unbeschwerte Aufnahme, die irgendwo an einem Sommertag in den 1930er Jahren entstand, möchte ich mit einem Dokument anknüpfen, das den gleichen Wagentyp zeigt, aber eine andere Ausstrahlung hat.

Zu verdanken ist dieses Foto einmal mehr Klaas Dierks aus Hamburg, dessen Gespür für Qualität mir und meinen Lesern etliche erfreuliche Funde beschert hat:

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Aufnahme ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass die Magie eines Fotos nicht an die technische Vollkommenheit geknüpft ist – was mancher Fotoamateur bis heute nicht begreifen will, der eine teure Ausrüstung als Garant für Qualität ansieht.

Die leichte Verwacklungsunschärfe tut der Wirkung des Fotos keinen Abbruch. Wie durch Zauberhand wird der Blick von dem Auto auf die in sich ruhende und leise lächelnd in die Ferne schauende Dame im gestreiften Sommerkleid gelenkt.

Der Wind bringt leichte Bewegung in das Kleid und nimmt damit der Aufnahme das Statische. Für mich illustriert die Situation perfekt die „belebende“ Wirkung, die ein Automobil im Stillstand durch die Anwesenheit von Menschen erfährt.

Umgekehrt ist es interessant zu sehen, wie ein solches Porträt durch den Wagen als Staffage an Ausdruckskraft gewinnt. Was ist das Geheimnis hinter diesem Effekt? Warum ließen sich Autobesitzer einst so oft mit ihren Gefährten ablichten?

Nun, die naheliegende Interpretation ist die, dass sich die Porträtierten durch die Anwesenheit des einstigen Luxusgegenstands aufgewertet fühlten. Auch auf einen Kleinwagen wie den Hanomag konnte man im damaligen Deutschland zurecht stolz sein.

Doch unbewusst mag noch ein anderer Aspekt mit hineingespielt haben. Die Aussage eines Porträts ist ja: „Seht her, das bin ich – so sehe ich mich und so möchte ich gesehen werden.“

Genau diese Wirkung des Lebendigen, Individuellen wird durch die Anwesenheit des toten technischen Gegenstands verstärkt. Der Wagen ist in diesem Moment bloße Kulisse aus kunstvoll verbundenen Materialien wie Blech und Holz.

Das Auto ist Menschenwerk, auf das man durchaus stolz sein darf. Doch der Mensch begegnet uns hier als der eigentliche Souverän, als sein Schöpfer und Beherrscher.

Wie anders wirkt dagegen die folgende Aufnahme, obwohl auf ihr ein ganz ähnliches Automobil zu sehen ist und die Situation nicht ohne Reiz ist:

Hanomag 4/20 PS Kübelwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch dieser offene Wagen, der hier vor einer zauberhaften Winterlandschaft abgelichtet wurde, ist ein Hanomag des ab 1929 gebauten Kleinwagentyps.

Doch handelt es sich um die Kübelwagen-Version, die mit der ab 1930 verfügbaren Motorisierung 4/20 PS an die Reichswehr (ab 1935: Wehrmacht) geliefert wurde.

Entstanden ist diese Aufnahme wohl während eines Manövers zu Friedenszeiten, da der Hanomag nicht die ab 1939 üblichen Tarnüberzüge auf den Scheinwerfern trägt. Der Fahrer oder ein Insasse hatte hier die Muße – und das geübte Auge – ein gekonntes Winterfoto zu schießen.

Bei aller Schönheit der wie eingefroren wirkenden Natur mangelt es dieser Aufnahme an Leben – und das hat mit dem Fehlen von Menschen darauf zu tun.

Eine weitere Aufnahme desselben Kübelwagentyps (Ausführung als Nachrichtenkraftwagen) entstand ebenfalls im Winter, hat aber eine ganz andere Wirkung:

Hanomag 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Fotograf dem zweiten Mann den Kopf abgeschnitten hat – bei Sucherkameras bei kurzen Aufnahmedistanzen ein häufiger Fehler – und beide Uniform tragen, ist dieses Foto von einer ansteckenden Lebendigkeit.

Wir sind darauf programmiert, zuerst auf das Gesicht zu schauen, wenn uns in einer Situation ein Mensch begegnet. Es ist das Wichtigste, hinter dem alles andere erst einmal zurücktritt, bevor wir uns anderen Details zuwenden.

Man kann das anhand des Fotos ausprobieren. Kehrt man spontan dorthin zurück, dauert es nur einen Moment, bis man den gutgelaunten Soldaten am Lenkrad im Blick hat.

Er war zwar nur einer von Millionen, die der national-sozialistische Staat als Verfügungsmasse für seine Zwecke in Dienst nahm, dennoch sehen wir inmitten einer für den Einzelnen meist unüberschaubaren Kriegsmaschinerie das Individuum in ihm.

Uniforme Erfüllungsgehilfen – das ist seit jeher der Traum aller totalitären Machthaber, die nichts mehr fürchten als das selbstbewusste Individuum. Nicht umsonst sah die national-sozialistische Ideologie im christlich, jüdisch oder von der Aufklärung geprägten Bürgertum ausdrücklich ihren größten Feind.

Auch wenn man den Deutschen insgesamt einen fatalen Hang zum bedingungslosen Gehorsam bescheinigen möchte, sieht man auf solchen Fotos aus dem 2. Weltkrieg immer wieder das individuelle Bewusstsein aufblitzen.

Niemand wollte damals aus Überzeugung bloß als Kanonenfutter dienen ebenso wie heute niemand aus freien Stücken sein Dasein als Arbeitsbiene zubringen will, die von einem unersättlichen Staat ausgeplündert wird.

Heute tut man seine „Pflicht“ und trägt zähneknirschend Abgabenlasten, die weltweit ihresgleichen suchen, während die Propaganda einem Volk von Mietern einredet, „reich“ zu sein. Unsere Vorväter waren weit schlimmer dran. Sie mussten Befehlen folgen, deren Unsinnigkeit ihnen mitunter sogar bewusst war, vor denen es aber kein Entrinnen gab.

Irgendwie durchkommen, dem Dasein ein paar glückliche Momente abgewinnen, als Individuum wahrgenommen zu werden, sich irgendwohin zu wünschen, wo ein besseres Schicksal auf einen wartet – das war und ist ein zeitloses Thema, während sich mehr oder weniger militante Formen der Herrschaft über den Bürger abwechseln.

Vielleicht waren das auch die Gedanken dieses jungen deutschen Luftwaffensoldaten, der sich einst in nachdenklicher Pose mit einem weiteren Hanomag Kübelwagen des Typs 4/20 PS ablichten ließ:

Hanomag 4/20 PS Kübelwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo diese schöne Aufnahme entstand, ist schwer zu sagen.

Das Fehlen von Tarnüberzügen auf den Scheinwerfern spricht für eine Aufnahme vor Kriegsausbruch, der Zustand des Wagens und das aufgemalte taktische Zeichen auf dem Vorderkotflügel sprechen eher dagegen.

Denkbar ist, dass dieses Foto jenseits der Reichweite gegnerischer Flugzeuge entstand, sodass die an sich vorgeschriebenen Tarnscheinwerfer verzichtbar waren. Vielleicht diente der angejahrte Hanomag-Kübelwagen auch nur noch tagsüber als lokales Fortbewegungsmittel auf einem Luftwaffenstützpunkt.

Mir gefällt jedenfalls dieses Porträt des alten Hanomag und des jungen Soldaten. Es scheint das eingangs genannte Motto „Vom selbstbewussten Bürger zur uniformen Verfügungsmasse und zurück“ zu illustrieren…

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Lastenesel mit edler Herkunft: Opel Typ 90 / 100

Bei der Beschäftigung mit Vorkriegswagen auf deutschem Boden kommt man um das düstere Kapitel des 2. Weltkriegs – und im Fall Ostdeutschlands auch um die sich anschließende neuerliche Diktatur – nicht herum.

Das gilt vor allem dann, wenn man als Ausgangsmaterial nicht heutige Museumsstücke nimmt, denen man oft nichts mehr von ihrer wechselvollen Geschichte ansieht, sondern zeitgenössische Fotos als repräsentativ für das einstige Erscheinungsbild heranzieht.

Dann stößt man in Kriegs- und Nachkriegszeit auf hochinteressante, mitunter auch bedrückende Zeugen des Fortlebens längst veralteter, aber immer noch im Einsatz befindlicher Fahrzeuge.

Heute stelle ich wieder ein solches Exemplar vor, das auf seine Weise authentischer ist als später erfolgte Hochglanzrekonstruktionen, die zwar auch ihren Reiz haben können, aber ab einem bestimmten Grad kein historisches Objekt mehr darstellen.

Danken möchte ich bei dieser Gelegenheit Wolfgang Grossmann, der mir vor einiger Zeit drei Fotos zugesandt hatte mit der Bitte, den Wagen darauf zu bestimmen.

Den Anfang macht folgende Aufnahme, die die jüngste ist und zugleich wahrscheinlich die letzte, die von dem Auto darauf gemacht wurde:

Opel Typ 90 (12/50 PS) oder 100 (15/60 PS); Originalfoto aus Besitz von Wolfgang Grossmann

Auweia, wird jetzt mancher denken, was soll an diesem Gefährt denn besonders ein? Mehr als einen ziemlich mitgenommenen Lieferwagen sieht man hier auf den ersten Blick nicht.

Nun, zumindest für Wolfgang Grossmann hat dieses Foto großen Wert. Denn es zeigt den Wagen seines Großvaters, der einst in Hermsdorf in Niederschlesien nahe der Grenze zu Böhmen ein kleines Fuhrgeschäft betrieb.

Aus dieser Perspektive fällt es in der Tat schwer, sich einen Reim auf das Fahrzeug zu machen. Die Heckpartie wirkt wie nachträglich angesetzt und will so gar nicht zum Vorderwagen passen:

Tatsächlich erkennt man auf diesem Ausschnitt, dass das Schwellerblech, hinter dem sich der Rahmen verbirgt, kurz hinter der Tür einfach abgesägt wurde. Auch das Ende des Vorderkotflügels endet unmotiviert im Nichts.

Hier befand sich offenbar eine Reserveradmulde, auch die gebogene Halterung zur Befestigung des Rads ist noch vorhanden. Nur schemenhaft sind am vorderen Scheibenrad eine Nabenkappe und eine ungewisse Zahl an Radbolzen zu sehen.

Mehr Aufschluss gibt die zweite Aufnahme, die denselben Wagen zeigt, aber zu einem früheren Zeitpunkt:

Opel Typ 90 (12/50 PS) oder Typ 100 (15/60 PS); Originalfoto aus Besitz von Wolfgang Grossmann

Der Heckaufbau ist absolut identisch, wie ein Detailvergleich ergab, aber hier ist noch mehr von dem ursprünglichen Fahrzeug vorhanden: die Radkappe und das Schutzblech am Hinterrad sowie ein längerer Abschnitt des Schwellerblechs.

Die glänzende Applikation am Schweller, auf dem sich schwach ein ovales Emblem abzeichnet, lässt sich eindeutig einem Opel der späten 1920er Jahre zuordnen.

Und so unglaublich es klingt, genügt dieses Detail zusammen mit der Radkappe und den sechs Radbolzen, um den ursprünglichen Wagen als großen Sechszylindertyp 90 (12/50 PS) oder 100 (15/60 PS) anzusprechen.

Zum Vergleich ein Foto dieses Modells, das ich vor geraumer Zeit hier vorgestellt habe:

Opel Typ 90 (12/50 PS) oder 100 (15/60 PS); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist nun im wahrsten Sinne des Wortes ein dicker Hund.

Wie mag aus einem der mächtigen Sechszylinderwagen, mit denen Opel 1927/28 vergeblich der übermächtigen US-Konkurrenz die Stirn bieten wollte, später ein Behelfslieferwagen im beschaulichen Hermsdorf in Niederschlesien geworden sein?

Genaues weiß auch Wolfgang Grossmann nicht. Er vermutet aber, dass ein am Heck unfallbeschädigter Opel als günstige Basis für den Umbau zum Nutzfahrzeug diente.

Wagen der 1920er Jahre wurden zudem nicht vom Militär eingezogen und waren eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten auch nach Kriegsausbruch 1939 noch einen eigenen Wagen zu fahren.

Die erforderlichen Benzinzuteilungen werden im vorliegenden Fall kein Problem gewesen sein, da der umgebaute Opel Transportaufgaben in der Region zu erfüllen hatte. Unter anderem versorgte Wolfgang Grossmanns Großvater so die umliegenden Haushalte mit Steinkohle aus den Zechen in Hermsdorf und Gottesberg.

Wie das zweite Foto beweist, erwies sich der alte Opel auch bei der Heuernte als nützliches Transportmittel. Für größere Lasten war sogar ein Anhänger vorhanden. Für den Opel mit seinem robusten Rahmen und dem kräftigen Motor wird diese Beanspruchung kein Problem dargestellt haben.

Von 50 oder 60 PS Leistung konnten Bauern und Handwerker im damaligen Deutschland nur träumen – meist mussten Pferde- und Ochsengespanne herhalten. Von daher stellte das Unternehmen von Wolfgang Grossmanns Großvater schon etwas Besonderes dar.

Dass man sich dessen bewusst war, davon zeugen die Fotos des Opels, auf den man mit Recht stolz sein konnte. Hier haben wir nun das gute Stück in voller Pracht:

Opel Typ 90 (12/50 PS) oder Typ 100 (15/60 PS); Originalfoto aus Besitz von Wolfgang Grossmann

Dass man dem Opel mit dem typischen „Packard“-Kühler den harten Arbeitsalltag deutlich ansieht, tut dem Reiz des Bildes keinen Abbruch – ganz im Gegenteil: Die rustikale Weiternutzung des einst so luxuriösen Wagens – hier mit kriegsbedingten Tarnüberzügen auf den Trommelscheinwerfern – ist absolut zeittypisch.

Leider haben nicht viele solcher Behelfslieferwagen in dieser authentischen Form überlebt. Was aus dem Opel seines Großvaters wurde, als dieser 1945 seine schlesische Heimat verlassen musste, konnte mir Wolfgang Grossmann nicht sagen.

Es darf bezweifelt werden, dass noch genügend Benzin vorhanden gewesen war, um die Familie mit dem Opel über das nahe Böhmen hinüber nach Bayern zu retten. Meine damals 13-jährige Mutter absolvierte im Februar 1945 übrigens denselben Weg, aber meist zu Fuß.

So wird der Opel wohl zurückgeblieben sein und im Zuge der anschließenden polnischen Besiedlung von Hermsdorf (heute: Sobięcin) neue Besitzer gefunden haben.

Was mag von ihm übriggeblieben sein? Vielleicht haben zumindest ein paar Teile einem anderen Wagen dieses Typs ein neues Leben ermöglicht, sofern überhaupt noch einer davon existiert…

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Erster Brennabor mit 6-Zylindern: Typ A & AS

Die einst hochbedeutende Marke „Brennabor“ aus Brandenburg an der Havel gehört nach wie vor zu den weißen Flecken in der Dokumentation deutscher Automobilhersteller der Vorkriegszeit.

Immerhin gibt es dank des rührigen Brennaborvereins eine allmählich wachsende Internetpräsenz, die die breite Produktpalette der Firma nach und nach erschließen soll.

Doch was die PKW-Produktion angeht – nach dem 1. Weltkrieg zeitweilig die größte Deutschlands – bestehen dort (wie auch auf der Website der Interessengemeinschaft-Brennabor) nach wie vor erhebliche Lücken. Man darf aber hoffen, dass diese künftig geschlossen werden, wobei ich meinen Fundus gern zur Verfügung stelle.

Bis dahin stellt meine nebenher in den letzten fünf Jahren entstandene Galerie mit Originalfotos und Dokumenten von Brennabor-Wagen die größte ihrer Art im Netz dar.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, die die desolate Bilddokumentation und die widersprüchlichen Angaben in der älteren Literatur widerspiegeln, finde ich nun laufend „neue“ zeitgenössische Aufnahmen von Brennabor-PKW, die ich mittlerweile auch recht gut ansprechen kann.

Das folgende Foto macht anschaulich, dass das für das ungeübte Auge nicht so einfach ist:

Brennabor Typ ASK 12/55 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Dokument, das vor fast genau 90 Jahren entstand (im Januar 1930 – offenbar gab es damals ebenfalls schneearme Winter) ist ein typisches Beispiel für mein Vorgehen beim Erwerb solcher Dokumente.

Die Situation muss mir gefallen und am besten ist nicht auf Anhieb zu erkennen, was für ein Wagen abgebildet ist. Das ermöglicht meist niedrige Kaufpreise und sorgt für ein gewisses Überraschungspotential.

Natürlich kann der Schuss auch erst einmal nach hinten losgehen – man freut sich über einen hübschen Fund wie diesen, ohne aber eine Idee zu haben, was darauf zu sehen ist.

Die lange Haube deutet auf ein Sechszylindermodell hin, weshalb ich anfänglich eines der zahlreichen US-Modelle der späten 1920er Jahre für möglich hielt, die damals dieses Segment in Deutschland dominierten.

Lackierte trommelförmige Scheinwerfer und Scheibenräder waren bei amerikanischen Basismodellen durchaus üblich, doch die „kiemenartig“ in die Motorhaube gepressten Luftschlitze eher nicht.

Bei US-Modellen wurde meist ein geprägtes Blech mit nach außen zeigenden Schlitzen aufgeschweißt oder es wurden – bei teureren Modellen – verstellbare Luftklappen verbaut.

Auch die Höhe des Wagens – gemessen an den umstehendenen Personen – spricht tendenziell gegen eines der meist höherbauenden US-Modelle jener Zeit:

So blieb mir nur, das Bild von Zeit zu Zeit zu betrachten – wie ich das bei den vielen hundert „Rätselfotos“ zu tun pflege, die sich angesammelt haben – und mich an der schönen Situation zu erfreuen, die von verlorengegangen Umgangsformen erzählt.

Nebenbei ist diese Privataufnahme bei aller technischen Umzulänglichkeit – es wird wohl ein trüber Tag mit wenig Licht gewesen sein – ein Beispiel für das Gespür für eine reizvolle Situation und Perspektive, das auch Fotoamateure entwickeln können.

Der Betrachter wird neben modischen Details wie dem feinen Schuhwerk oder auch technischen Finessen wie den Türschlossaufnahmen an der Mittelsäule am Heck das Ende einer Sturmstange bemerken, die auf ein Cabrio- oder eine Cabriolimousine hindeutet.

Wie aber passt die darüber sichtbare Regenrinne zu einem niederlegbaren Verdeck? Genau: gar nicht. Es muss sich also um einen Aufbau als „Faux Cabriolet“ mit festem Dach und funktionslosem Verdeck handeln.

Genau so etwas ist auf der folgenden Aufnahme zu sehen, wenn auch in Verbindung mit einer hell gehaltenen Dachpartie:

Brennabor Typ AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der selbstbewusst posierende junge Mann scheint kleiner gewachsen zu sein als die beiden Herren auf der vorherigen Aufnahme, daher wirkt das Auto hier eindrucksvoller.

Jedoch stimmt es in allen formalen Details mit dem zuvor gezeigten überein. Nur ist hier auf der Nabenkappe des vorderen Scheibenrads das für Brennabor typische „B“ zu erkennen, das mit dem weniger gut sichtbaren Pendant auf dem Kühler korrespondiert.

Auf dem Kühlergrill ist außerdem ein Schriftzug „6 Cylinder“ angebracht, bei dem die „6“ die Mitte des Worts „Cylinder“ umspielt – ein filigranes Element, das die Frontpartie auflockert.

Gut zu erkennen ist hier, dass wir ebenfalls ein „Faux Cabriolet“ vor uns haben – die bis zum Heck durchgehende Regenrinne kann nicht zu einem niederlegbaren Verdeck gehören.

Nach Lage der Dinge zeigen beide Aufnahmen ein Brennabor 6-Zylindermodell der späten 1920er Jahre. Die spärliche Literatur macht den Typ AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS wahrscheinlich, die sich offenbar nur durch Hubraum und Leistung unterschieden.

Welches der beiden Aggregate unter der Haube schlummerte, hätte man uns wenigstens auf der Rückseite der Abzüge verraten können. Doch so wird das vermutlich nichts mehr.

Im Fall des zweiten Fotos hat uns der mutmaßliche Besitzer oder Fahrer aber wenigstens eine modische Anregung hinterlassen:

Auf den ersten Blick wirkt diese Aufmachung mit dem unmotivierten Gürtel, den der junge Mann mangels Bauch nicht braucht, etwas eigenwillig. Doch die Kombination aus gemustertem Pullover über dem Hemd (natürlich mit Krawatte, einst unverzichtbare Insignie des Bürgertums) und Schiebermütze oder Ballonkappe war damals ein einwandfreies Sportdress.

Wer in der anstehenden Saison mit einem Fahrrad, Moped oder gar Auto von Brennabor gute Figur machen will, wird mit einem solchen Outfit alles richtig machen…

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Ein Poller in Berlin: Citroen 6/25 PS Typ B14

Jetzt wird’s politisch, mag jetzt mancher denken, dem beim Stichwort „Poller in Berlin“ zuerst die – sagen wir: eigenwillige – „Fußverkehrsstrategie“ des dortigen Senats einfällt.

Doch der „Poller“ ist keine Anspielung auf systematische Parkplatzbeseitigungen wie im Schlesischen Viertel der Hauptstadt (hier der hübsche Kommentar einer Betroffenen).

„Poller“ bezieht sich vielmehr auf die Citroen-Wagen, die ab Frühjahr 1927 auf dem Areal der einstigen Rheinwerk GmbH im Kölner Stadtteil Poll gebaut wurden.

Das erste dort gefertigte Modell war der kurz zuvor vorgestellte Typ B14. Gegenüber dem Vorgänger B12 besaß er einen leicht vergrößerten Vierzylindermotor, dessen Leistung von 22 auf 25 PS stieg. Damit waren nun 80 statt 70 km/h Spitze drin.

Wie der Vorläufer verfügte der Citroen B14 über eine Ganzstahlkarosserie und Vierradbremsen. In seiner Klasse war das fließbandgefertigte Modell eines der modernsten in Europa.

Auch in Deutschland stellte sich ein beachtlicher Verkaufserfolg ein, nicht zuletzt dank einfallsreicher Werbemaßnahmen, die bei einheimischen Herstellern ihresgleichen suchten. Folgendes Dokument dieses Erfolgs habe ich hier vorgestellt:

Citroen Typ B14; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So schön wie dieses Foto einer im Raum Dresden zugelassenen Taxi-Ausführung ist das Dokument leider nicht, das ich heute präsentiere. Doch ist es bei aller Unzulänglichkeit interessant, da seine Karosserie eine Besonderheit aufweist.

Im Unterschied zu obigem Citroen handelt es sich um kein Landaulet, bei dem die Passagiere auf der hinteren Sitzbank – und nur sie – bei geöffnetem Verdeck im Freien saßen.

Stattdessen scheint bei dem Aufbau das Verdeck bis zum Fahrerabteil zu reichen, während die seitlichen Fensterrahmen im Unterschied zum Cabriolet stehenblieben:

Citroen Typ B14; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Aufbau wirkt recht archaisch und man ist im ersten Moment versucht, eine frühere Entstehung als die zweite Hälfte der 1920er Jahre zu vermuten.

Doch aus dieser Perspektive ist die Übereinstimmung der Frontpartie mit derjenigen des Dresdener Citroen B14 klar ersichtlich.

Lediglich das Nummernschild ist etwas höher angebracht und die (wohl nachgerüstete) Stoßstange ist ein- statt zweiteilig.

Ganz ausschließen kann man nicht, dass wir einen Citroen B12 vor uns haben, also ein Exemplar des optisch weitgehend identischen Vorgängertyps. Von diesem entstanden während der nur knapp 15-monatigen Fertigungsdauer fast 40.000 Exemplare.

Doch spricht die Wahrscheinlichkeit eher für das auch in Deutschland gefertigte Modell B14.

Zwar war in Berlin Mitte der 1920er Jahre so ziemlich alles möglich, doch in automobiler Hinsicht galt das eher für Prestigewagen, nicht für ein französisches Fließbandprodukt.

Übrigens findet sich auf Seite 21 von Immo Mikloweits Buch „Citroen – Die ersten deutschen Jahre 1919 bis 1969“ ein Wagen des Typs B14 mit identischem Dachaufbau.

Dieses erst 2019 herausgekommene Werk ist für mich ein in jeder Hinsicht gelungenes Autobuch, das ich allen Freunden klassischer Automobile ans Herz lege. Dort wird auch eingehend auf das titelgebende „Poller Werk“ eingegangen, zu dem der Autor einen ganz persönlichen Bezug hat – mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten…

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Tankwarts Liebling: Mercedes 15/70/100 PS

Eigentlich sollte mein heutiger Blog-Eintrags mit „Dick & durstig“ überschrieben sein.

Doch daran könnten ja mögliche Rechteinhaber wie ein Hersteller von Haushaltstüchern oder die „Musik“gruppe Böhse Onkelz Anstoß nehmen – die vermutlich beide keinen Spaß verstehen.

„Tankwarts Liebling“ trifft die Sache aber genauso gut – eigentlich noch viel besser, wie sich zeigen wird.

Die Freunde klassischer Mercedes-Wagen jedenfalls werden auf ihre Kosten kommen – vielleicht sogar der heutige Besitzer des Autos, um das es geht. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass der „Star“ dieses Abends noch unter uns weilt.

Und wenn ich „Mercedes“ schreibe, meine ich auch einen echten Mercedes – mit Stern, aber noch ohne „Benz“-Anhängsel. Bis zur Fusion mit den Benz-Werken im Jahr 1926 war ein „Mercedes“ das Produkt der Daimler-Motoren-Gesellschaft, wie auf dieser hübschen zeitgenössischen Reklame zu sehen:

Reklame der Daimler-Motoren-Gesellschaft vor 1927; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Für Kenner sind solche Details zwar nichts Neues – meine Erfahrung zeigt aber, dass man dieses Wissen nicht mehr bei allen Freunden alter Automobile voraussetzen kann. Ich schreibe für ein breites Publikum, für das Vorkriegsfahrzeuge mitunter rätselhaft sind.

Gern ziehe ich auch bereits gezeigte Fahrzeuge desselben Typs heran, da im Vergleich Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zutagetreten und den Blick schärfen helfen.

Auch heute beginne ich mit einem Foto aus meiner Sammlung, das ich vor einigen Jahren präsentiert habe:

Mercedes 15/70/100 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Obige technisch hochwertige Aufnahme (hier in Ausschnittsvergrößerung) zeigt den von Ferdinand Porsche in der ersten Hälfte der 1920er Jahre für die Daimler-Motoren-Gesellschaft konstruierten Typ 15/70/100 PS.

Die technischen Details dieses mächtigen Automobils – offenbar im Dienst der Reichswehr – hatte ich im seinerzeitigen Blog-Eintrag aufgeführt, weshalb ich hier nur daran erinnern will, was die Typenbezeichnung besagt:

Aus den knapp vier Litern Hubraum des Sechyszylinders errechneten sich 15 Steuer-PS, die Höchstleistung betrug 70 PS und nur bei Aktivierung des Kompressors – also mit verdichteter Ansaugluft – fielen kurzzeitig 100 PS an.

Für dieses technische Kabinettstückchen war der Gegenwert eines Hauses zu entrichten. selbst wenn man sich nur für die preisgünstigste Tourenwagenausführung entschied. Deren Preis von 19.000 Reichsmark ließ sich um fast ein Viertel steigern, wenn man eine geschlossene Version oder eines der aufwendigen Werks-Cabriolets wünschte.

Bevor wir uns dem eigentlichen Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags zuwenden, sei auf ein Detail verwiesen, das sich an allen mir bekannten historischen Fotos der Tourenwagenausführung des Mercedes 15/70/100 PS wiederfindet – die mittig unterteilte und horizontal neigbare Frontscheibe:

Außerdem sieht man neben dem Spitzenkühler mit Mercedes-Stern und (optionalem) Markenschriftzug auf beiden Seiten die für das Modell typischen großen Positionsleuchten auf den Vorderschutzblechen und die lange Reihe schmaler Luftschlitze in der Haube.

Die Drahtspeichenräder waren übrigens alternativ zu klassischen Holzspeichenrädern erhältlich und verleihen dem Wagen optisch eine sportliche Note.

Wieviel die Ausführung der Räder ausmacht, wird im direkten Vergleich mit dieser sonst weitgehend identischen Tourenwagenausführung des Mercedes 15/70/100 PS deutlich:

Mercedes 15/70/100 PS Tourenwagen; Originalfoto vermittelt via Wolf-Dieter Ternedde (Seesen)

Dieses aus ähnlicher Perspektive aufgenommene Foto zeigt zweifellos den gleichen Mercedes Typ 15/70/100 PS wiederum als Tourenwagen – lediglich mit den für diesen Aufbau üblichen aufgesteckten Seitenfenstern aus Kunstleder und Zelluloid.

Die massiven Speichenräder (Holz oder Stahl) lassen den Wagen weit schwerer wirken als das von der Reichswehr verwendete Exemplar.

Zudem fällt die einteilige Frontscheibe auf, die ebenfalls zum etwas behäbigeren Eindruck des Wagen beiträgt. Sehr stimmig kommt mir dieses Detail nicht vor. Was könnte der Grund für diese in der mir zugänglichen Literatur nicht vorkommenden Lösung sein?

Nun, ein Blick auf das Kennzeichen – das in der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt wurde – könnte ein Schlüssel zur Aufklärung sein. Denn es ist nicht gesagt, dass dieser Kompressor-Mercedes unbeschadet in die Nachkriegszeit gelangt ist.

Einen Kriegseinsatz können wir ausschließen – dafür war der Wagen 1939 schlicht zu alt. Doch könnte er bei Bombardierungen oder durch Vandalismus von Besatzungssoldaten Schaden genommen haben.

Vielleicht ist die einteilige Frontscheibe aber auch ein Hinweis auf das Baujahr – immerhin blieb das Modell 15/70/100 PS über die Fusion von Daimer und Benz hinaus bis Ende der 1920er Jahre im Programm (nunmehr als Typ 400).

Vielleicht kann ein Mercedes-Kenner etwas dazu sagen. Bei der Gelegenheit stellt sich mir auch die Frage, ob man aus dieser Perspektive Unterschiede zum noch stärkeren Schwestermodell 24/100/140 PS erkennen kann.

Mir scheint das nicht der Fall zu sein – ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Für die Ansprache der beiden oben gezeigten Wagen als Typ 15/70/100 PS habe ich mich übrigens aufgrund der Tourenwagenkarosserie entschieden. Mein Eindruck ist, dass sich die Spitzenmotorisierung häufiger in Verbindung mit aufwendigeren Aufbauten findet.

Sicher sagen lässt sich jedenfalls, wo letztere Aufnahme entstanden ist, die ich hier in ganzer Pracht zeige:

Das Originalfoto – offensichtlich aus den 1960er Jahren – wurde mir über Wolf-Dieter Ternedde aus Seesen im Harz zur Verfügung gestellt.

Nachdem ich für ihn einige Vorkriegsfotos von Fahrzeugen identifiziert habe, die in seiner Heimatstadt abgelichtet wurden und Eingang in ein Buch über das alte Seesen erhalten sollen, ließ er mir jüngst diese Aufnahme mit Angabe des Aufnahmeorts zukommen.

Demnach wurde der Mercedes an der Esso-Tankstelle in Seesen aufgenommen, die bis in die 1990er Jahre existierte. Der Fotograf war der damalige Tankstellenpächter und seiner Witwe ist es zu verdanken, dass wir es heute bewundern dürfen.

Somit war der Mercedes 10/70/100 PS damals nicht nur aufgrund seines großen Durstes bei engagierter Fahrweise „Tankwarts Liebling“, sondern in diesem Fall auch wegen seines Seltenheitswerts.

Offenbar lag die Kamera griffbereit mit Schwarzweißfilm geladen, sodass wir heute noch am seltenen Ereignis eines solchen Vorkriegs-Mercedes mit Hamburger Zulassung teilhaben können.

Bleibt der Aufruf an die Mercedes-Veteranen-Fraktion, ob jemand weiß, was aus diesem Wagen geworden ist und wer ihn heute besitzt. Es würde mich sehr wundern, wenn jemand nicht angetan wäre von diesem schönen Dokument eines Tankstopps „seines Mercedes“ im Harz-Städtchen Seesen vor über einem halben Jahrhundert

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Chicer Chevy: „Master“ Cabriolet von 1934

Chevrolet und Chic – wie geht das zusammen? Nun, wenn man das ignoriert, was in der Neuzeit unter diesem Markennamen auf die Menschheit losgelassen wird, passt das ganz hervorragend.

Dass ein Billigheimer richtig gut aussehen kann, hat nicht nur die US-Automobilindustrie längst verlernt. Vor dem 2. Weltkrieg sah das noch anders aus.

Zur Erinnerung zunächst ein bereits vorgestelltes Foto, das aus meiner Sicht ein schönes Beispiel dafür ist, wie wirkungsvoll ein Chevrolet einst daherkommen konnte:

Chevrolet „Master Eagle“ von 1933; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vollverchromte Scheinwerfer, Drahtspeichenräder und elegante Luftklappen in Verbindung mit einem 65 PS leistenden 6-Zylinder und synchronisiertem Getriebe – und das alles zu einem volkstümlichen Preis: je nach Ausführung 485 bis 565 Dollar.

Unglaubliche 450.000 Exemplare konnte Chevrolet von den Wagen der „Eagle“ Serie absetzen – in einem einzigen Jahr: 1933.

Das verdeutlicht, wie weit man selbst in den 1930er Jahren in Deutschland noch von einem echten Wagen für’s Volk entfernt war, von den 1920ern ganz zu schweigen, als selbst ein Minimalauto wie der Hanomag „Kommissbrot“ ein exklusives Vergnügen war.

Interessanterweise sind die einst auch hierzulande gern gekauften „Chevies“ fast völlig ausgestorben. In der deutschen Vorkriegsszene gibt es zwar reichlich Exemplare eines anderen Erfolgsmodells – des Ford „A“ – selbst die sind aber oft importiert.

Ehedem billige Buicks und Chevrolets sind seltener als ein BMW, Mercedes oder Horch. Wie anders stellt sich die Situation auf Fotos der Vorkriegszeit dar, dort begegnet man amerikanischen Brot- und Butter-Wagen auch in Deutschland auf Schritt und Tritt.

Treue Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht an diese Sechsfenster-Limousine mit Zulassung in Dresden, die vor genau 85 Jahren – im Februar 1935 – abgelichtet wurde.

Chevrolet „Standard Six“: Baujahr: 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gegenüber dem Chevrolet des Modelljahrs 1933 hatte sich äußerlich nur wenig getan. Die auffallendste Änderung war der Wechsel zu drei horizontalen Luftschlitzen, die von oben nach unten kürzer wurden.

Inspiriert war dieses Detail vom Chrysler „Airflow“ – der zwar aufgrund seiner monströsen Erscheinung beim Kunden zurecht durchfiel, aber erheblichen Einfluss auf die Karosseriemode jener Zeit hatte.

Wo aber bleibt der versprochene Chic bei diesem Chevy? Zugegeben: die Limousine des 1934er Chevrolet wirkt eher massiv und behäbig.

Inzwischen ist aber das Foto eines wirklich attraktiv gezeichneten Chevrolet desselben Modelljahrs aufgetaucht, das dem Spürsinn von Leser Klaas Dierks zu verdanken ist:

Chevrolet „Master“ von 1934; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auch wenn sich das Fotomodell auf dem Trittbrett um einen möglichst griesgrämigen Gesichtsausdruck bemüht, tut das den Qualitäten des zweitürigen Cabriolets keinen Abbruch.

In wünschenswerter Deutlichkeit sind hier die erwähnten Luftschlitze in der Motorhaube zu sehen, die sonst meist teilweise verdeckt sind.

Die vollverchromten Scheinwerfergehäuse sind ein Indiz dafür, dass wir es mit der gehoben ausgestatteten „Master“-Serie zu tun haben, bei der der Chromschmuck üppiger war als bei der Basisversion „Standard“.

Übrigens fiel auch die Motorleistung des Chevrolet „Master“ mit nunmehr 80 PS deutlich opulenter aus als beim „Standard“, der weiterhin „nur“ 60 PS bot. Beide Aggregate besaßen strömungsgünstig im Zylinderkopf liegende Ventile (ohv-Anordnung).

Der Werksaufbau als zweitüriges Cabriolet war dem „Master“ vorbehalten und war mit 695 Dollar zugleich der teuerste. Beim Chevrolet „Standard“ gab es nur fünf statt acht Karosserieversionen, deren billigste der Roadster mit 465 Dollar war.

Kostentreibend waren beim Cabriolet unter anderem die versenkbaren Seitenscheiben und die aufwendige Verdeckkonstruktion, die im Unterschied zur Dachpartie geschlossener Versionen viel Handarbeit erforderte.

Auch wenn mir keine Produktionszahlen zu dem schicken 2-türigen Cabriolet auf obigem Foto vorliegen, darf man davon ausgehen, dass es nur selten geordert wurde.

Anders sind nämlich die Stückzahlen des Chevrolet im Modelljahr 1934 nicht zu erklären. Allein vom „Standard“-Typ enstanden fast 100.000 Stück. Noch größeren Absatz fand jedoch der besser ausgestattete „Master“ mit beinahe 460.000 Wagen.

Angesichts solcher Größenordnungen und der Exporterfolge amerikanischer Hersteller auch am deutschen Markt liegt es für mich auf der Hand, dass US-Vorkriegswagen bei Klassikerveranstaltungen hierzulande heute stark unterrepräsentiert sind.

Dabei sind amerikanische Autos praktisch die einzigen, bei denen attraktives Äußeres und großzügige Motorisierung noch für einigermaßen erträgliche Preise zu bekommen sind. Interessanterweise wusste die Generation der einstigen Besitzer das noch – während bei heutigen Enthusiasten allzuoft nur das Prestige teurer Manufakturmarken zählt…

Literatur: B.R. Kimes/H.A.Clark: Standard Catalog of American Cars, 3. Auflage, 1996

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