Das Puppchen ist erwachsen: Wanderer 5/20 PS

Bei manchen Vorkriegsautos macht die Dokumentation in historischen Originalfotos auf diesem Oldtimerblog nur mühsam Fortschritte. Von manchen Exotenfahrzeugen der Zwischenkriegszeit findet man leichter Bilder als von der Marke Wanderer.

Dabei waren die Wagen der vierten im Jahr 1932 in der Auto-Union zusammengefassten sächsischen Marke schon in den 1920er Jahren recht populär. Den Beginn der Autoproduktion von Wanderer hatte 1913 der Kleinwagen 5/12 PS markiert, der vom Volksmund den Spitznamen „Puppchen“ erhielt.

Mehr zu diesem PKW-Erstling des Maschinenbaukonzerns aus Chemnitz-Schönau findet sich im Blogeintrag zum Wanderer W8 der frühen Nachkriegszeit.

Die Automobilentwicklung bei Wanderer wurde stets nur behutsam vorangetrieben. Jedenfalls steht die Marke für keine irgendwie geartete Innovation. Das mag erklären, weshalb sie weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Doch was Wanderer auf dem PKW-Sektor fabrizierte, war qualitativ stets über jeden Zweifel erhaben. Man fühlt sich an Hanomag erinnert, wo man bei der Autoproduktion ebenfalls dem Bewährten und Robusten den Vorzug gab.

Mitte der 1920er Jahre sah man auch bei Wanderer, dass man selbst im Kleinwagensegment mit den zuletzt verbauten 15 PS-Motoren nicht mehr konkurrenzfähig war. Während das „Puppchen“ anfänglich mit zwei Sitzplätzen auskam, waren inzwischen vier Sitze Standard und das bedeutete: mehr Gewicht.

Mehr Leistung war daher die Devise für die ab 1925 vorgestellte Ausführung des Wanderer W8, die wir hier sehen:

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© Wanderer W8, Baujahr: 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Durch klassisches „Frisieren“ – also höhere Verdichtung und geänderten Vergaser – erreichte man bei unverändert 1,3 Liter Hubraum eine Leistung von 20 PS.

Die schon 1921 eingeführte Motorenkonstruktion mit hängenden Ventilen bedurfte keiner weiteren Anpassungen. Das Aggregat quittierte den leistungssteigernden Eingriff nicht nur mit einer auf 80 km/h erhöhten Spitzengeschwindigkeit, sondern auch mit einem Rückgang des Benzinverbrauchs von 9 auf 8 Liter.

Geschaltet wurde über ein 3-Gang-Getriebe und auch das Fahrwerk barg mit Starrachsen keine Überraschungen. Bis 1926 wurden standardmäßig Speichenräder verbaut, wie sie auf unserem Foto zu sehen sind.

Formal bot die 5/20 PS-Version des Wanderer W 8 allerdings einige Neuerungen:

Erstmals besaß die Kühlermaske einen glänzenden Nickelüberzug, außerdem machte sie nicht mehr einen so exaltierten Bogen um das Wanderer-Emblem herum. Leider kann man diese Partie auf dem obigen Ausschnitt nur erahnen.

Besser zu sehen sind die neun breiten Luftschlitze in der Motorhaube, die vom Vorgänger übernommen wurden. Neu war die fixe, nicht mehr umlegbare Windschutzscheibe, die zum erwachseneren Erscheinungsbild des Wagens beitrug.

Der außenliegende Handbremshebel erinnert allerdings noch an die bescheidenen Anfänge des „Puppchens“ als schmales Vehikel für zwei Personen. Mehr getan hatte sich bei der letzten Ausbaustufe des Modells im Heckbereich:

Deutlich zu erkennen ist das geräumige Gepäckabteil hinter der Rückbank, das von innen zugänglich war. Bei unverändertem Radstand erhöhte sich die Länge des späten Wanderer W8 hierdurch auf knapp 3,90 m.

Die beiden Reserveräder wurden kurzerhand an der Rückwand des Kofferraums befestigt, was den Wagen in der Seitenansicht etwas hecklastig wirken ließ.

Ab Mai 1926 erhielten die hier gut zu sehenden hinteren Trommelbremsen ein Pendant an der Vorderachse. Außerdem wurden zeitgleich Gußspeichenräder verbaut. Demnach muss der Wanderer W8 auf dem Foto vorher entstanden sein.

Den Besitzer unseres Wanderer macht dennoch einen zufriedenen Eindruck. Vermutlich war der kleine Qualitätswagen sein erstes Auto. Was das damals bedeutete, können wir heute nicht annähernd ermessen.

Übrigens verabschiedete sich Wanderer mit der letzten Ausbaustufe des „Puppchens“ aus dem Kleinwagensegment und baute fortan Mittelklasseautos. 1942 endete die Produktion ziviler Automobile bei Wanderer für immer.

Ein Renault Celtaquatre bei der Luftwaffe

Auf einem Oldtimerblog, der Vorkriegsautos anhand zeitgenössischer Originalfotos präsentiert, begegnen einem immer wieder Fahrzeuge, die im Krieg eingezogen, vom Gegner erbeutet wurden oder auf zivilen PKW basierende Kübelwagen waren.

Speziell beim deutschen Frankreichfeldzug im Sommer 1940 fielen der Wehrmacht in großer Zahl Autos der gegnerischen Truppen in die Hände. Da es der Armee stets an Fahrzeugen für Stabszwecke mangelte, wurden bewährte und verbreitete französische Modelle kurzerhand in den Fuhrpark eingegliedert.

Solche Beutewagen sieht man auf Privatfotos deutscher Landser aus dem 2. Weltkrieg an allen Fronten. Vor längerer Zeit hatten wir diesen Renault Celtaquatre vorgestellt, den es in deutschen Diensten nach Russland verschlagen hatte (Bericht):

© Renault Celtaquatre 1941/42 an der Ostfront; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit der ab 1937 verfügbaren Ausführung des Renault Celtaquatre, die die Typenbezeichnung ADC2 trug, wurde das seit 1934 gebaute Modell der unteren Mittelklasse optisch an den Zeitgeschmack angepasst.

Die Kühlerform erinnert an amerikanische Modelle, denen auch der deutsche Ford Eifel nacheiferte. Unter der Motorhaube fand sich trotz der schnittigeren Front weiterhin nur ein 1,5 Liter-Vierzylindermotor mit etwas mehr als 30 PS.

Das bot schon das Vorgängermodell ADC1 des Renault Celtaquatre, das wir auf dem folgenden Foto sehen:

© Renault Celtaquatre 1940 in Frankreich; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In dieser früheren Ausführung wirkt der Renault Celtaquatre weniger dynamisch, doch bewährte Konstruktion und gute Ersatzteilversorgung machten ihn zum attraktiven Beutefahrzeug.

Ob das Auto aus französischen Armeebeständen stammte oder nach der Kapitulation Frankreichs von privaten Besitzern beschlagnahmt wurde, wissen wir nicht.

Wie es scheint, wurde der Wagen auf einem heruntergekommenen Anwesen abgestellt, das einer Einheit der deutschen Luftwaffe als Quartier diente:

Zu erkennen ist die Zugehörigkeit zur Luftwaffe am Kürzel „WL“ auf dem in Fahrtrichtung rechten Schutzblech, das für „Wehrmacht Luftwaffe“ stand.

Vermutlich ist der Wagen zum Aufnahmezeitpunkt gerade erst dem Luftwaffenfuhrpark eingegliedert worden, da die übliche Kennzeichnung der Einheit auf dem anderen Kotflügel fehlt.

Immerhin ist der Renault bereits in mattes Luftwaffenblau umgespritzt worden. Ob die Stoßstange von vornherein fehlte, ist ungewiss. Normalerweise besaß das Modell eine der Karosserielinie folgende geschwungene Stoßstange nach Vorbild des Ford V8.

Die Tarnschlitze auf den Scheinwerfer wirken behelfsmäßig, was auf eine zivile Herkunft des Renault hindeuten könnte. Möglicherweise wurde aber bei französischen Armeefahrzeugen die Tarnbeleuchtung nicht so strikt gehandhabt.

Die Identifikation des Typs ist übrigens anhand der fünf eng beieinanderliegenden Luftschlitze in der Motorhaube möglich. Dieses Detail und die leicht geneigte, nach unten schmaler werdende Kühlermaske sind typisch für den Renault Celtaquatre in der Ausführung von 1935 (Typ ADC1).

Wann und wo diese Aufnahme entstanden ist, bleibt offen. Die Umstände deuten auf Nordfrankreich hin, wo die deutsche Luftwaffe im Sommer 1940 Stützpunkte hatte, von denen aus Angriffe auf England geflogen wurden („Battle of Britain“).

Ungeklärt ist auch, um was für einen Typ es sich bei dem LKW auf unserem Foto handelt. Die Speichenfelgen sprechen für ein damals bereits veraltetes Modell. Vielleicht war auch dieses Fahrzeug bei der französischen Armee erbeutet worden:

Weiterführende Hinweise von sachkundigen Leser sind willkommen und werden in diesem Blogeintrag entsprechend berücksichtigt.

Ein Essex Super Six von 1928 in Bayern

Auch wenn der Schwerpunkt dieses Oldtimerblogs auf Vorkriegswagen von Herstellern aus dem deutschsprachigen Raum liegt, werden immer wieder auch interessante Wagen ausländischer Marken präsentiert, die einst in größeren Stückzahlen am deutschen Markt verkauft wurden.

Neben Austin, Fiat, Citroen und Mathis waren vor allem einige US-Hersteller in Deutschland aktiv, sogar mit lokaler Montage. Dazu zählten vor allem Buick, Chevrolet und Ford.

Einige solche hierzulande gebaute US-Wagen wurden hier bereits anhand von Originalfotos besprochen (siehe Schlagwortwolke bzw. Bildergalerie). Heute befassen wir uns mit einer kaum noch bekannten amerikanischen Marke, die einst ebenfalls in Deutschland eine gewisse Popularität erlangte: Essex.

Essex, das klingt erst einmal „very British“, denn so heißt eine uralte Grafschaft nordöstlich von London, die nach dem Ende der fast 400-jährigen römischen Epoche eine der ersten Regionen war, in der sich sächsische Eroberer breitmachten.

Und so bedeutet Essex im germanischen Dialekt, den man mitbrachte, schlicht „Ostsachsen“. Wofür dann Sussex und Wessex steht, kann man sich denken…

Die Automarke Essex war aber eine durch und durch amerikanische. Die namengebende Essex Motor Company aus Detroit war nie eigenständig, sondern wurde 1917 von der Hudson Motor Company gegründet.

Die seit 1909 aktive Firma Hudson war nach dem 1. Weltkrieg einer der schärfsten Konkurrenten von Ford und Chevrolet. Mit den ab 1919 verfügbaren erschwinglichen und als extrem robust geltenden Essex-Wagen wilderte Hudson anfänglich insbesondere im Revier des Ford Model T.

Dass dieser Wagen ein echtes „go anywhere car“ war, belegt folgendes Foto im Vintage-Look:

© Essex Tourenwagen, Baujahr 1920, aufgenommen beim Goodwood Revival Meeting 2016; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Essex von 1920 mit 55 PS starkem Vierzylinder hat 2007 an der berüchtigten Rallye Paris-Peking teilgenommen, die über tausende Kilometer unbefestigter Pisten führt. So etwas macht man nur mit einer besonders zuverlässigen Konstruktion.

Das Bild des Essex ist übrigens auf dem Besucherparkplatz des Goodwood Revival 2016 entstanden, das passenderweise in der Grafschaft Sussex stattfindet.

In Abwandlung eines Bonmots, das auf den legendären Teilemarkt in Beaulieu gemünzt ist, kann man überspitzt sagen: Ein Auto, das nicht auf dem Besucherparkplatz beim Goodwood Revival zu finden ist, hat es auch nicht gegeben.

Zugegeben: Einen Essex in England anzutreffen, ist so unwahrscheinlich nicht, denn Autos dieser Marke wurden dort einige Jahre auf Grundlage angelieferter Chassis mit lokalen Aufbauten gefertigt.

Die Stückzahlen der britischen Essex-Wagen müssen beträchtlich gewesen sein, denn sie wurden von England auch in andere europäische Länder exportiert. Im reizvollen Buch „American Cars in Europe 1900-1940“ von Bryan Goodman (2006) finden sich Fotos von Essex-Vierzylindern in Belgien, Deutschland und Schweden.

Dieses Kapitel der Essex-Markengeschichte kennen immerhin auch einige Freunde von Autos der 1920er Jahre hierzulande. Doch dass die Hudson-Tochtergesellschaft noch Wagen eines ganz anderen Kalibers fertigte, ist weniger bekannt.

Der Verfasser stieß darauf auch erst durch das folgende Originalfoto von 1928:

© Essex Super Six, Baujahr 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick wie einer der ersten Horch-Achtzylinder aussieht – den Zwickauern fiel am Anfang außer einer lauen Ami-Kopie nichts Besseres ein – ist ein Essex Super Six, Ende der 1920er einer billigsten Sechszylinder überhaupt. 

Die Leistung des Super Six entsprach derjenigen des Vierzylinders. Allerdings war der 2,5 Liter-Motor ab 1927 drehfreudiger und erreichte sein Maximum bei 4.000 U/min. Zeitgenössische Anzeigen nennen 100km/h Höchstgeschwindigkeit. Auch Vierradbremsen mit drei Bremsbacken pro Rad waren nicht selbstverständlich.

Woran erkennt man so ein 6-Zylindermodell von Essex? Dazu schauen wir uns den Wagen auf dem Foto genauer an:

Hauptmerkmal ist das sechseckige Markenemblem, das sich außer auf der Kühlermaske auch auf der Verbindungsklammer auf der Stoßstange findet. Dort kann man den Firmennamen recht gut lesen.

Unterschied zu den Vierzylindermodellen sind der Kühlergrill mit senkrechten statt waagerechten Lamellen und das abgerundete Oberteil der Kühlermaske. Ansonsten entspricht die Linie des Essex Super Six zeitgenössischen Modellen anderer US-Hersteller, die damals in jeder Hinsicht tonangebend waren.

Wer sich mit deutschen Vorkriegskennzeichen auskennt, wird bemerkt haben, dass dieser Essex einst im Zulassungsbezirk München registriert war. Gern wüsste man, wer den Vertrieb dieser attraktiven Fahrzeuge in Deutschland organisierte.

Dass die einstigen bayrischen Besitzer mit ihrem Essex glücklich gewesen sein müssen, zeigt unser Foto deutlich:

Einfach köstlich, wie einträchtig unser Paar neben dem Essex posiert. Die Dame im schlichten Sommerkleid scheint mit der linken Hand einen Hund auf dem Beifahrersitz zu tätscheln, was man auf dem Originalfoto besser erkennt.

Der verschmitzt lächelnde Herr trägt einen sportlich karierten Anzug, nach britischer Manier verkehrt geknöpft – so subtil kann Lässigkeit wirken. Zu den Knickerbockern trug man seinerzeit selbstverständlich Strümpfe.

Bei der Betrachtung der beiden stellt man sich schon die Frage, was in punkto Sommerkleidung in der Moderne eigentlich schiefgelaufen ist.

Wenn man etwas aus der Geschichte lernen kann, dann das: Die Gegenwart ist nicht automatisch die beste aller Welten – und die verbreitete Begeisterung für alte Autos ist nur ein Indiz dafür, was uns an Stilsicherheit verlorengegangen ist…

Mysteriöses Hanomag „Rekord“ Cabriolet

Auf diesem Oldtimerblog sind die grundsoliden Vorkriegsautos des Maschinenbauers Hanomag nahezu komplett in historischen Fotos dokumentiert (Bildergalerie).

„Nahezu“ deshalb, weil es immer wieder überraschende Entdeckungen gibt, die das Bild der einstigen PKW-Produktion von Hanomag vervollständigen helfen.

Klar, Bilder von Cabriolets des Erfolgsmodells „Rekord“ (1934-38) gibt es jede Menge. Hier als Beispiel eine Aufnahme eines Exemplars, das im 2. Weltkrieg bei einer Pioniereinheit der deutschen Wehrmacht im Einsatz war:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet bei der Wehrmacht; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn die Aufnahme etwas verwackelt ist, sind die typischen Elemente des von Ambi-Budd gefertigten Standardaufbaus zu erkennen:

Die vier Luftklappen in der Motorhaube, die der Neigung der Motorhaube und der A-Säule folgen, und die als „Meteorschweif“ auslaufende seitliche Zierleiste – ein Detail, das sich auch an den herrlichen Front Luxus Cabriolets von DKW wiederfindet.

So weit, so konventionell. Doch vor einiger Zeit erhielt der Verfasser Fotos eines weit spannenderen Cabriolets, das ebenfalls auf Basis eines Hanomag Rekord gebaut wurde.

Das vermutet jedenfalls der Einsender der Bilder, der rumänische Oldtimer-Enthusiast Radu Comsa. Er war bei der Entdeckung des Wagens 1990 in Bukarest dabei:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Fotoquelle: Radu Comsa

Auf den ersten Blick erinnert die Frontpartie an Ford V8-Modelle der 1930er Jahre oder auch davon inspirierte Renaults. Doch das Innenleben dieses seiner Anbauteile weitgehend beraubten Wagens passt weit besser zu einem Hanomag-Vierzylinder:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Fotoquelle: Radu Comsa

Die Heckpartie ist wie die Front des Wagens formal eigenständig und hat nichts mit der in der Literatur und auf diesem Blog hinreichend dokumentierten Cabriolet-Karosserie zu tun, die einst Ambi-Budd für den Hanomag Rekord lieferte:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Fotoquelle: Radu Comsa

Man ahnt die einstige Schönheit des Wagens, dessen Substanz 1990 noch bemerkenswert intakt erschien. Wieviele Jahre mag das Auto wohl in diesem Zustand ausgeharrt haben, bis es wiederentdeckt wurde?

Denkbar ist, dass das Fahrzeug ehemals als Offiziersauto bei der deutschen Wehrmacht eingesetzt wurde und bei Kriegsende in Rumänien strandete. Dort mag es nach einer zivilen Neulackierung noch eine Weile genutzt worden sein, bis es aus Mangel an Ersatzteilen stillgelegt wurde.

Leider konnte uns Radu Comsa, der auf folgendem Foto im Hintergrund zu sehen ist, nicht mehr zur Geschichte des Autos sagen:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Fotoquelle: Radu Comsa

Hochinteressant sind aber die Informationen, die er auf einer russischen Website zu dem Modell fand. Demnach wurde auf der IAMA 1939 genau ein solches Cabriolet von Hanomag gezeigt, das über eine Sonderkarosserie unbekannter Herkunft verfügte.

Die IAMA war die Internationale Automobil- und Motorradausstellung, die jährlich in Berlin stattfand. Hier eine zeitgenösische Originalreklame für die 1939er Veranstaltung, die der Vorläufer der heutigen IAA war:

© Originalreklame für die IAMA 1939 aus Sammlung Michael Schlenger

Auf der 1939er IAMA scheint ein Hanomag „Rekord“ Cabriolet desselben Typs ausgestellt worden sein, wie er auf den von Radu Comsa eingesandten Fotos aus Bukarest aus dem Jahr 1990 zu sehen ist.

Leider konnte Radu Comsa nur diese beiden sehr kleinen Belegbilder von besagter russischer Website zuliefern:

© Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Fotoquelle: Radu Comsa

Von den Abbildungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Hanomag Cabriolet desselben Typs wie auf unserem Foto zeigen, muss es irgendwo stärker aufgelöste  Versionen geben.

Möglicherweise kann ein Leser mit entsprechenden Quellen weiterhelfen. Schön wäre es auch zu erfahren, wer der Hersteller der schnittigen Karosserie war. Der Verfasser würde aus dem Bauch heraus auf Karmann aus Osnabrück tippen…

Überleben im Sozialismus: Skoda 420 Standard

Ein spannendes Kapitel in der Geschichte der Vorkriegsautos ist ihr Nachleben nach 1945 – sofern sie nicht wie dieser Horch 830 „an der Front“ geblieben waren…

© Horch 830 R Kübelwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Stunde Null, als das alte Regime abgetreten war, aber sich noch keine neuen politischen und wirtschaftlichen Strukturen herausgebildet hatten, konnten die Besitzer der verbliebenen Privatwagen davon zunächst kaum Gebrauch machen.

Benzin war ohne Beziehungen nicht zu bekommen und eine ganze Weile hing das Damoklesschwert willkürlicher Beschlagnahme durch die Besatzungsmächte in der Luft. Wenn unternehmungslustige GIs oder Rotarmisten eine Spritztour mit einem der noch vorhandenen Prestigefahrzeuge unternehmen wollten, taten sie das einfach. Nach der Kapitulation war Deutschland in vielerlei Hinsicht ein rechtsfreier Raum.

Doch das Leben musste weitergehen und auch wenn darüber kaum etwas überliefert ist, sorgte tatkräftige Selbstorganisation irgendwann dafür, dass private PKWs wieder in Betrieb genommen wurden oder auf dem Land liegengebliebene Wehrmachtsfahrzeuge neue Besitzer fanden.

Bevor noch eine nennenswerte Autoproduktion in Gang kam, fuhren Landärzte und Hebammen, Vertreter und Landwirte in allen möglichen – oft aus mehreren Fahrzeugen zusammengeschusterten –  Gefährten wie diesem umher:

© Ford Taunus-Karosserie auf VW-Kübelwagen-Chassis; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In der sozialistischen Mangelwirtschaft Ostdeutschlands waren die Menschen noch viel länger auf Vorkriegsautos angewiesen als im Westen, wo ab Mitte der 1950er Jahre die Neuwagenproduktion ihren Aufschwung nahm.

Dabei waren die ungefragt von „Volksgenossen“zu „Genossen“ beförderten Ostdeutschen mit einem Vorkriegswagen in vielen Fällen gar nicht schlecht bedient.

Der Hauptvorteil bestand darin, nicht jahrelang auf die Zuteilung eines Autos warten zu müssen. Hinzu kam, dass sich die Produkte der DDR-Autoindustrie leistungsmäßig kaum von ihren Vorläufern aus den 1930er Jahren unterschieden.

Warum auf einen Trabant mit 20-PS-Zweitakter warten, wenn es ein gleichstarker Vorkriegs-DKW ebenfalls tut, sogar mit Frontantrieb? Kein Wunder, dass man auf Nachkriegsfotos aus Ostdeutschland so viele alte DKWs sieht.

Doch gab es im Kleinwagensegment reizvolle Alternativen, zum Beispiel aus tschechischer Produktion. Ein Beispiel dafür zeigt das folgende Foto:  

© Skoda 420 Standard; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses hinreißend gezeichnete Auto ist ein Kleinwagen von Skoda – ein Typ 420 Standard. Er gehörte zu einer Familie moderner PKW, die Skoda ab 1934 fertigte. Mit Zentralrohrrahmen und Einzelradaufhängung rundherum verfolgte die tschechische Traditionsfirma ein fortschrittliches Konzept.

Die Motorisierung war von Hubraum und Leistung her den zeitgenössischen DKW-Modellen vergleichbar (anfänglich 18 PS aus 900 ccm). Allerdings bot Skoda mit 4-Takt-Aggregaten die größere Laufkultur und einen niedrigen Kraftstoffverbrauch von 7 Litern/100km.

Auch formal wusste der kleine Skoda zu glänzen, vor allem die Frontpartie hätte einem deutlich größeren Wagen Ehre gemacht. Nur am Heck fiel das Modell weniger inspiriert aus, hier überzeugten die DKWs mit gefälligeren Linien.

Die Verarbeitung war wie bei Skoda üblich auf hohem Niveau. Zwar setzte man bei der Karosserie noch auf die traditionelle Mischbauweise mit Holzgerippe; doch die Beplankung bestand im Unterschied zum Kunstlederkleid der DKWs aus Stahl.

Das machte auch optisch einen Unterschied:

Das hier offenbar silber lackierte Blechkleid strahlt pure Solidität aus. Das Fehlen einer Stoßstange mag wundern, doch die geschwungenen Linien des Wagens kommen so nun einmal am besten zur Geltung.

Schaut man genau hin, erkennt man auf der Kühlermaske das typische Skoda-Emblem, einen geflügelten Pfeil. Nur dadurch ist der Verfasser diesem attraktiven Modell überhaupt auf die Spur gekommen.

Die oft reizvollen Vorkriegsautos tschechischer Hersteller, spielen bei uns leider ein Schattendasein, wenn man vielleicht von Tatra absieht. Unser Foto zeigt aber, dass einst auch ein deutscher Besitzer Gefallen am Skoda Typ 420 gefunden hatte.

Wenn nicht alles täuscht, ist das Nummernschild kein tschechisches, sondern ein ostdeutsches des 1953 eingeführten Typs. Der erste Buchstabe „O“ stand für den Bezirk Suhl in Thüringen und das „K“ für den Kreis „Meiningen“.

Wer nun meint, das Foto sei im „Arbeiter- und Bauernstaat“ aufgenommen worden, der in den 1980er Jahren von roten Lehrern, Journalisten und Politikern hierzulande ernsthaft als das bessere Deutschland gepriesen wurde, der irrt.

Um das herauszufinden, muss man aber wirklich sehr genau hinsehen:

Auf dem Fabrikgebäude im Hintergrund ist „1. Máje“ zu lesen, was im Tschechischen „1. Mai“ bedeutet und auf den „Tag der Arbeit“ verweist.

Der 1. Mai wurde in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) mit der üblichen kommunistischen Propaganda begangen, mit der Millionen von Menschen in den sozialistischen „Bruderstaaaten“ jahrzehntelang traktiert wurden.

Entsprechende Parolen fanden sich auf Fabrikbauten, um den „Werktätigen“ ihre Rolle im „Kampf gegen den Imperialismus“ einzuschärfen, der nur ein Vorwand war, ganze Völker einzusperren und von einem selbstbestimmten Leben abzuhalten.

Dass diese bleierne Zeit 1989 ein Ende fand, gehört zu den Glücksfällen des sonst so katastrophenreichen 21. Jahrhunderts.

Unser Foto ist der Kleidung nach in den 1950er Jahren entstanden und erinnert daran, dass die Tschechoslowakei zu den wenigen Ländern zählte, in die man als unfreiwilliger DDR-Insasse reisen durfte.

Vermutlich hatte der großgewachsene Herr aus Thüringen dort geschäftlich zu tun und bei einer Gelegenheit Frau und Kind im Skoda mitgenommen. Platz genug bot die 2-türige Limousine jedenfalls.

Über 60 Jahre später können wir uns an dem schönen Wagen noch erfreuen – zum Glück in Frieden und Freiheit…

Horch 8-Zylinder mit Anhängerkupplung

Die Wagen von Horch aus Zwickau in Sachsen genießen unter Freunden deutscher Vorkriegsautos weltweit einen einzigartigen Ruf.

In der Tat: Die Schöpfungen von Horch aus den späten 1930er Jahren gehören zum elegantesten, was je eine Automobilfabrik in Deutschand verlassen hat. Doch der Weg bis zu diesen Spitzenleistungen war weit und so gibt es einige frühere Horch-Modelle, die formal eher dröge waren.

Ausgerechnet die ersten ab 1927 gebauten 8-Zylindermodelle von Horch, deren Doppelnockenwellenmotor eine Delikatesse war, kamen mit einer Karosserie daher, die sich kaum von US-Massenware jener Zeit abhob (Beispiel hier). Es sollte noch etwas dauern, bis Horch das gestalterische Niveau erreichte, für die die leider (oder vielleicht zum Glück) untergegangene Marke berühmt ist.

Heute zeigen wir ein weiteres Beispiel eines frühen Horch-Achtzylinders, bei dem die Zeichner offenbar noch auf der Suche nach Inspiration waren:

© Horch 8, Typ 400; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Der erste Gedanke des Verfassers war: „Ah, mal wieder ein Horch-Kübelwagen“. Doch fairerweise muss man sagen, dass dieser noch sachlicher gestaltet war (Beispiel hier).

Die militärische Anmutung rührt vom in Wagenfarbe lackierten Kühlergrill her. Doch die Chromstoßstangen und die fehlenden Tarnüberzüge an den Scheinwerfern verweisen auf eine zivile Herkunft dieses Modells.

Dass es ein Horch ist, beweist der nähere Blick auf die Kühlermaske, wo man das gekrönte „H“ ahnen kann, das das Markenzeichen von Horch war.

Kurioserweise fehlen die Flügel an der Weltkugel, die seit 1929 als Kühlerfigur an allen Horch-Modellen fungierte.

Details wie die leicht nach vorne geschwungenen Scheinwerferhalter, die Doppelstoßstange und die geprägten Radkappen sprechen aber für einen Horch der Baureihe 400, die als letzte den von Paul Daimler konstruierten 8-Zylinder besaß.

Das Aggregat mit über Königswelle angetriebenen obenliegenden Nockenwellen leistete nach wie vor 80 PS aus knapp 4 Litern Hubraum. Dank des neu entwickelten Kastenrahmens hatte der Horch 8 Typ 400 aber erheblich abgespeckt.

Der Rahmen war dennoch robust genug, um den Einsatz als Zugfahrzeug zu erlauben, wie unser Foto beweist:

Wie man sieht, handelt es sich beim Aufbau des Horch um ein Zweifenster-Cabriolet. Es wurde zwar als „Sport-Cabriolet“ angepriesen, erreichte aber wie die anderen Ausführungen gerade einmal die Marke von 100km/h.

Mit dem Anhänger im Schlepptau waren sportliche Ambitionen erst recht illusorisch, oder vielleicht doch nicht? Die Gesamtsituation spricht nämlich dafür, dass sich unter dem langen Anhänger ein Segelflugzeug verbirgt!

Das würde gut zum Kennzeichen des Horch passen, wonach der Wagen zur deutschen Luftwaffe gehörte (das Kürzel WL stand für „Wehrmacht Luftwaffe“). Da das Auto noch keine Tarnscheinwerfer besitzt, muss dieses Foto noch zu Friedenszeiten entstanden sein.

Der Fahrer des Horch und zugleich der Fotograf dieser einzigartigen Aufnahme, wird demnach ein Militärflieger gewesen sein, der den Horch wohl auch privat nutzen konnte. Möglicherweise war es einst sogar sein eigener Wagen.

Er hat auf diesem schönen Foto zugleich seine charmante Begleiterin mit Hund verewigt. Was wohl aus dem Paar und dem Horch in den folgenden Kriegsjahren geworden ist? Wir wissen es nicht.

Doch zumindest das Fotoalbum von einem der beiden hat es bis in unsere Zeit geschafft, sonst besäßen wir dieses Dokument eines Moments vor 80 Jahren nicht…

München vor 80 Jahren: Cabriotreffen im Regen

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf historischen Fotografien hat viele reizvolle Seiten. Dazu gehört, dass man die Fahrzeuge aus der Perspektive ihrer einstigen Nutzer im Alltagseinsatz sieht.

Während die überlebenden Fahrzeuge heute hingebungsvoll gepflegt und meist nur schonend eingesetzt werden, sah das einst ganz anders aus. Von wenigen Luxusmobilen abgesehen waren Autos in erster Linie Fortbewegungsmittel, die bei jedem Wetter zu funktionieren hatten.

Und so kommt es, dass man auf folgender Originalaufnahme gleich mehrere Gefährte bei Regenwetter entdeckt, die heute nur bei Sonnenschein gefahren würden:

© Straßenszene in München um 1936; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ins Auge fällt als Erstes die markante Frontpartie eines DKW – von Ahnungslosen gern auch als Auto-Union oder noch besser als Audi oder Horch angesprochen.

So bescheiden die Motorisierung der frontgetriebenen Zweitakter aus Sachsen auch anmutet, waren diese Autos doch immer kleine Schmuckstücke. Dieser Blog deckt übrigens die gesamte Palette an Vorkriegs-DKW ab, darunter auch die weniger populären Hecktriebler (Bildergalerie).

Der Zufall will es, dass unser Foto sogar eine der schönsten Ausführungen der DKW-Frontantriebswagen zeigt. Darauf kommt man aber nur bei näherem Hinsehen:

Die Form der Vorderschutzbleche und der Kühlermaske deuten auf einen DKW F4 oder 5 hin (Bauzeit: 1934-38). Der kantige Verlauf des oberen Frontscheibenrahmens verrät aber, dass dies ein Cabriolet des Typs F5 sein muss. Den F4 gab es nur als Cabrio-Limousine, die oberhalb der Scheibe einen stabilen Querholm aufwies.

Wer genau hinsieht, erkennt am hinteren Ende des Verdecks die cabriotypische Sturmstange. Wir können daher sicher sein, dass dieses Fahrzeug eines der begehrten DKW F5 Front Luxus-Cabriolets war, die bei Horch in Zwickau eine herrliche Ganzstahlkarosserie erhielten. Nicht zufällig wurde diese Variante im Volksmund als „Der kleine Horch“ bezeichnet.

Der Wagen hinter dem DKW ist eine Cabrio-Limousine von Opel, wahrscheinlich ein 2-Liter-Typ mit 6 Zylindern, wie er ab 1934 gebaut wurde.

Liebhaber des Offenfahrens werden außerdem den Tourenwagen im Hintergrund rechts bemerken. Dieser Viertürer dürfte entweder ebenfalls ein Opel oder ein amerikanischer Wagen der 1920er sein. Die seitlichen Steckscheiben sind nicht montiert, was bei Regenwetter ein hübsches Frischlufterlebnis garantiert.

Den besten Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit ermöglichte allerdings das Motorrad im Vordergrund. Wer aufgepasst hat, wird die Fahrerbrille in der Hand des jungen Manns links im Bild registriert haben.

Er wird also nicht in den schönen DKW einsteigen und auch nicht in den zweiten 6-Zylinder-Opel auf der gegenüberliegenden anderen Seite des Platzes, sondern muss sich mit dem Zweirad begnügen:

Doch schon der Besitz eines Motorrads war in der Vorkriegszeit etwas Besonderes. Die meisten „Volksgenossen“ hierzulande mussten sich mit Fahrrad oder (Straßen-)Bahn begnügen, wenn sie nicht ohnehin zu Fuß unterwegs waren.

Wenn nicht alles täuscht, handelt es sich bei dem Zweirad auf dem Foto um eine Zündapp des Typs K200 mit Kastenrahmen – im Unterschied zu den großen Zündapps heute ein immer noch recht günstiges Motorrad mit sehr markanter Optik.

Zum Schluss noch kurz zum Aufnahmeort: Das Bild entstand einst auf dem Rathausplatz in München, wobei man sich den eindrucksvollen Rathausbau linker Hand vorstellen muss. Trotz der weiträumigen Zerstörungen durch alliierte Bombenangriffe hat der Platz nur wenig von seinem ursprünglichen Reiz eingebüßt.

München war nach 1945 die einzige deutsche Großstadt, die ihr über Jahrhunderte gewachsenes Stadtbild weitgehend wiederhergestellt hat. Die Münchener sind dafür von „fortschrittlichen“ Architekten, die ihr Handwerk meist unter dem NS-Regime gelernt haben, einst als rückständig verspottet worden.

Heute ist München die deutsche Großstadt mit dem intaktesten historischen Zentrum und einer beinahe südlich anmutenden Lebensqualität – nur die Autos sind dort leider ebenso langweilig wie überall…

Vor 90 Jahren: Ein 75 PS-Roadster von Buick

Beim Stichwort Vorkriegsautos werden hierzulande gern einige Vorurteile heruntergebetet: zu lahm, zuwenig Platz, zu schwache Bremsen, zu teuer usw…

Nun, wenn man mit heutigen Komfort“bedürfnissen“ an historische Gefährte herangeht, ist ja schon der fehlende Internetanschluss ein Ausschlusskriterium. Für so veranlagte Zeitgenossen gibt es jede Menge moderne Autos.

Wer dagegen das Einparken ohne Servolenkung sportlich sieht und auch sonst nacherleben will, was unsere Altvorderen einst klaglos bewältigten, hat mit Vorkriegswagen ein Fahrvergnügen, das heutigen Autos nur noch angedichtet wird.

Man braucht keine 400 PS, um auf der Landstraße mit Sonntagsfahrern mitzuhalten, für die Tempo 70 eine magische Grenze darzustellen scheint. Auch innerorts genügen 40 PS, um dem unvermeidlichen Rentner-Benz auf die Pelle zu rücken.

So gesehen kann man schon mit den meist mäßig motorisierten Vorkriegsmobilen deutscher Hersteller glücklich werden.

Wer aber die auf dem Land erlaubte Geschwindigkeit auch einmal ausfahren und vielleicht an der Saalburg-Steigung bei Bad Homburg das Tempo halten möchte, der ist mit einem Vorkriegswagen aus US-Produktion wie diesem hier gut beraten:

© Buick Master Six Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Foto, das einst bei tiefstehender Sonne entstanden ist, zeigt ein Gefährt der 1920er Jahre, das Leistung satt, großzügige Dimensionen und Vierradbremsen vereint – zum Gegenwert eines gut ausgestatteten VW Golf.

Obendrein gibt es reichlich Chrom, lackierte Speichenräder und Zweifarblackierung – das boten einst in bezahlbarer Form nur amerikanische Fabrikate. Die Rede ist hier keineswegs von gehobenen Marken wie Chrysler oder Packard. Der Wagen auf unserem Foto ist ein banaler Buick.

Der markante Schwung der Kühlermaske, der sich in der Form der Scheinwerfer wiederholt, ist typisch für den Buick Master Six, wie er von 1926-28 gebaut wurde. 

Unter der Haube arbeitete ein 4,5 Liter großer Reihensechszylinder mit kopfgesteuerten Ventilen, der souveräne 75 PS (später 80 PS) leistete. Die Serienausstattung umfasste Details wie Heizung, Zeituhr und Zigarettenanzünder.

Die hier abgebildete Roadster-Version bot außerdem hinter der Sitzbank ein separates Fach für eine Golftasche oder ähnliche Sportutensilien, was den gehobenen Anspruch des Wagens unterstreicht.

Der Besitzer schaut zwar etwas grimmig drein, scheint sich aber extra für diese Aufnahme in Positur gestellt zu haben. Der Strohhut und der Anzug aus leichtem Stoff verweisen auf einen warmen Tag – leider wissen wir nicht, wo das Foto entstanden ist.

Der Aufnahmeort könnte durchaus in Europa liegen, wo Buick in den 1920er Jahren ein Vertriebsnetz hatte. Von 1927 bis 1931 wurden Buicks sogar in Deutschland gebaut und verkauften sich ausgezeichnet (Beispiel).

Mit dem Master Six schaffte Buick übrigens einen Produktionsrekord: Knapp 267.000 Exemplare wurden 1926 gefertigt – erst 1940 wurde diese Marke übertroffen. Davon haben genügend überlebt, um heutigen Enthusiasten einen bezahlbaren Einstieg in die Welt leistungsfähiger Vorkriegswagen zu ermöglichen.

Während der Prestigewert eines Buick vor dem Krieg eher begrenzt war, kann man sich mit solch einem Roadster heute der Aufmerksamkeit der Zeitgenossen sicher sein. Zweireiher und Fliege müssen dazu nicht mehr sein, aber unser Foto zeigt, dass auch ein moderner Buick-Fahrer mit einem Mindestmaß an Stil gut fährt…

London to Brighton 1946 – Rennen fällt leider aus…

Heute ist der 5. November 2016. Morgen bei Sonnenaufgang starten die ersten von rund 400 Veteranenautos bis Baujahr 1905 im Londoner Hyde-Park zur 120. Auflage der 60-Meilen-Fahrt von der britischen Hauptstadt ins Seebad Brighton.

Die älteste Autoausfahrt der Welt feiert die Aufhebung des „Red Flag Act“ im Jahr 1896, der das Höchsttempo selbstfahrender Straßenfahrzeuge auf Schrittgeschwindigkeit begrenzt hatte.

Nur in Kriegszeiten fiel der London to „Brighton Veteran Car Run“aus. Doch halt, ganz stimmt das nicht. Denn nach dem 2. Weltkrieg lag die englische Wirtschaft derart am Boden, dass die Fahrt aus Treibstoffmangel bis 1947 ausfallen musste.

Man muss sich das vorstellen: England gehörte zu den Kriegsgewinnern – dank Eintritts der USA 1941 – litt aber bis Mitte der 1950er Jahre unter sozialistischer Plan- und Mangelwirtschaft. Im vom Krieg verheerten Deutschland fand das erste Motorsportrennen im Juli 1946 statt…

Eine Weile mussten die Briten also noch auf die Tradition der Veteranenfahrt von London nach Brighton verzichten. Doch den traditionellen „Seaside Trip“ ließen sich die Herrschaften auf folgendem Foto von 1946 offenbar nicht nehmen:

© Brighton 1946; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir können davon ausgehen, dass die beiden schick gekleideten Ladies und der Nadelstreifenträger der „besseren Gesellschaft“ aus London angehörten, die nicht auf Lebensmittelkarten und Benzinzuteilungen angewiesen waren.

Sie haben es sich in Liegestühlen an der „seafront“ in Brighton bequem gemacht und genießen die Sonne. Zu welcher Jahreszeit die Aufnahme entstand, wissen wir nicht. Hier ist alles Mögliche denkbar, denn Engländerinnen frieren noch lange nicht, wenn junge Männer hierzulande sogenannte Funktionsjacken und Schal anlegen…

Übrigens ist im Hintergrund rechts eine 3-Fenster-Limousine des Herstellers Standard zu sehen. In so einem schlichten Vorkriegsgefährt sind unsere wohlsituierten Liegestuhlinsassen aber sicher nicht angereist.

Zu der Reisegruppe aus der britischen Metropole gehörten außerdem diese beiden Herrschaften:

© Brighton 1946; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Zweireiher mit Fliege und Einstecktuch wird man heute niemanden mehr am Strand von Brighton antreffen. Der Pullunder unter dem Anzug ist „very british“. Die Regeln formaler Kleidung kennen und im Detail gezielt dagegen verstoßen, das hat Stil und wird in England nach wie vor beherrscht.

Heute setzen sich hierzulande Leute in kurzen Hosen und Baseballmütze in Vorkriegsautos und merken nicht, dass sie damit bloß amerikanische Unterschichtenkultur imitieren. Als ob es in Europa nichts Eigenes gäbe…

Anyway, wir erfreuen uns an den beiden historischen Aufnahmen, die einen sonnenbeschienenen, glücklichen Moment vor 70 Jahren bewahren.

Auf dem zweiten Foto sieht man übrigens im Hintergrund einen Vauxhall 10-4. Auch dieser einst populäre Wagen war für Londoner Banker und Anwälte klar unter Niveau. Doch beim Genuss der „seafront“ in Brighton waren alle Besucher gleich.

Nur auf das Eintreffen der Veteranen aus London am „Madeira Drive“ in Brighton musste man 1946 verzichten. Erst 1948 wurde die Fahrt wieder veranstaltet und seither jedes Jahr. Das ist Tradition, und da haben uns die Briten viel voraus.

Wanderer W10 mit rarem Cabrio-Aufbau

Wer sich einmal auf die Welt der Vorkriegsautos einlässt, stellt irgendwann fest, dass ein Menschenleben vermutlich kaum reicht, um die unglaubliche Vielfalt an Fahrzeugen zu erfassen, die es in der Frühzeit des Automobils einst gab.

Was davon heute in Museen und in privater Sammlerhand noch vorhanden ist, stellt nur einen Ausschnitt einer untergegangenen Welt dar. Eine bessere Vorstellung von der enormen Vielfalt an Fabrikaten und individuellen Aufbauten vermitteln historische Fotografien – genau das ist der Zweck dieses Blog.

Heute schauen wir uns zwei zusammengehörige Aufnahmen an, die auf einer Urlaubsreise vor 85 Jahren entstanden sind – im Juni 1931. Die erste lässt zunächst wenig Spektakuläres erkennen:

© Wanderer W10/II Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Qualität des Fotos lässt zwar zu wünschen übrig – offenbar ist in die Kamera unbeabsichtigt Licht eingedrungen und hat zu einer unharmonischen Belichtung geführt. Das Motiv hat aber seinen Reiz, hier verstand jemand etwas von Bildaufbau.

Der Wagen lässt sich aus dieser Perspektive gut identifizieren – es ist ein Wanderer W10, wie er in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gebaut wurde. Vom Vorgänger W8 5/15 bzw. 5/20 PS, der hier bereits besprochen wurde, unterschied sich das Modell durch den stärkeren Motor (6/30 bzw. 8/40 PS) und die größeren Abmessungen.

Auf folgendem Bildausschnitt kann man zwei untrügliche Erkennungsmerkmale des Wanderer W10 erkennen:

© Wanderer W10/II Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Unterschied zum Vorgänger besaß der Wanderer W10 Linkslenkung und eine Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern. Das markante Wanderer-Emblem auf der Kühlermaske war hier außerdem blau und nicht mehr rot unterlegt – hier natürlich nicht zu erkennen.

Ein weiterer Unterschied waren Form und Zahl der Luftschlitze in der Motorhaube. Da sie hier nicht zu sehen sind, ist auch unklar, ob es sich um die 30 oder 40 PS-Variante des Wanderer W 10 handelt.

Die Motorisierung dieses hochwertigen Mittelklassewagens soll an dieser Stelle auch gar nicht interessieren, weit spannender ist der Aufbau. Dazu wenden wir uns nun der Heckpartie des Wagens zu, die Überraschendes preisgibt:

Der Wanderer hatte ganz offensichtlich einen Reifendefekt. Wie in den 1920er Jahren nicht selten, führte man zwei Reserveräder mit sich, das ersparte einem auf längeren Fahrten das aufwendige Flicken unterwegs.

Der gut gebräunte Herr im karierten Anzug scheint gerade die letzten Radbolzen am aufgebockten rechten Hinterrad einzudrehen, während die junge Dame neben ihm den Radschlüssel bereithält:

Neben dem Hinterrad sieht man übrigens die Kurbel des Wagenhebers hervorschauen, davon liegt eine Handluftpumpe. Diese Utensilien scheint man im großen Kofferraum mitgeführt zu haben, auf dem das Verdeck aufliegt.

Schaut man näher hin, wird einem klar, dass man es mit einem zweitürigen Cabriolet zu tun hat, keinem Tourenwagen, wie er – neben der Limousine – ab Werk angeboten wurde. Eine solche sportlich wirkende Karosserie mit großzügigem Gepäckfach musste eine Sonderanfertigung sein!

Tatsächlich findet sich in der Literatur (Wanderer-Automobile von Thomas Erdmann/Gerd G. Westermann, Delius-Klasing 2011) eine Abbildung genau eines solchen Aufbaus, der von der Karosseriefirma Zschau in Leipzig hergestellt wurde.

Dieser spezielle Aufbau bot lediglich Platz für drei Insassen, weshalb wir annehmen müssen, dass das Foto vom Passagier eines Begleitfahrzeugs gemacht wurde. Dass die beiden Aufnahmen tatsächlich dasselbe Auto zeigen, beweist das Nummernschild, das auf eine Zulassung im Raum Dresden verweist.

Das ist eine schöne Entdeckung, die deutlich macht, dass es unter der Wanderer-Kundschaft anspruchsvolle Leute gab, denen die Werksaufbauten zu brav waren. Nur eines gibt Rätsel auf:

Was treibt die patente Dame mit dem feschen Hut auf der anderen Seite des Wanderer? Vorschläge sind willkommen…

Unterschätzter Klassiker der 1920er Jahre: Fiat 509

Verfolgt man bei der Beschäftigung mit dem alten Blech einen „antiquarischen“ Ansatz wie auf diesem Blog, kommt man zu ganz anderen Ergebnissen als die hiesige Oldtimerpresse, der zum Thema Vorkriegsautos oft nicht viel mehr einfällt als Bentley, Mercedes und MG.

Geht man einfach vom überlieferten Fotomaterial aus, eröffnet sich eine unendlich facettenreiche Welt mit Marken, Typen und Modellen, wie man sie in einschlägigen Klassikermagazinen selten bis nie zu Gesicht bekommt. Der Verfasser darf sich dieses Urteil erlauben, hat er doch schon als Schüler die Motor-Klassik regelmäßig am Bahnhofskiosk erstanden, die einst so manche Zugverspätung erträglich gestaltete…

Dennoch sollte es drei Jahrzehnte dauern, bis er auf ein Volumenmodell wie den Fiat 503 bzw. 509 stieß, der in den 1920er Jahren auch im deutschsprachigen Raum stark verbreitet war. Die Turiner Marke landete mit diesem Modell ihren zweiten großen Erfolg nach dem Fiat 501.

Dazu trug nicht nur der kompakte drehfreudige Motor mit Ventilsteuerung über eine obenliegende Nockenwelle bei. Auch die klassisch-schlichte Form, die von anderen italienischen Marken wie Ansaldo, Ceirano und Lancia inspiriert war, traf den Geschmack der Zeitgenossen:

© Fiat 509 (evtl. auch 503); Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser schönen Aufnahme wird ein Fiat 509 oder 503 – genau lässt sich das nicht sagen – von einer Familie bewundert, die einen Ausflug im Wienerwald zum „Schöpfl-Schutzhaus“ gemacht hat, wie umseitig vermerkt ist.

Was es wohl mit dem improvisiert angebrachten Nummernschild auf sich hat? Jedenfalls kann man hier die Vorderansicht des meist als Tourer verkauften Modells gut wie sonst selten studieren. Schön zu erkennen ist, wie sich die klassische Giebelform der Kühlermaske in der Form der Motorhaube fortsetzt.

Porträts des Fiat 503 bzw. 509 finden sich auf diesem Blog bereits hier und hier. Daher soll an dieser Stelle nicht näher auf technische Einzelheiten des Serienmodells eingegangen werden.

Stattdessen wenden wir uns einer „frisierten“ Version des Fiat 509 zu. Solche konnten Sportfahrer in unterschiedlichen Versionen kaufen, außerdem gab es vom Werk eingesetzte, nochmals schärfere Ausführungen wie diese hier:

© Fiat 509 S.M.; Werksfoto von Fiat aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses originale Werksfoto von Fiat zeigt sehr wahrscheinlich das Modell 509 SM „Targa Florio“ in seiner ganzen Pracht. Dabei handelte es sich um eine auf mindestestens 35 PS leistungsgesteigerte Rennversion des zivilen 509.

Wer über die Leistung lächelt, dem sei gesagt, dass 35 PS aus knapp 1 Liter Hubraum vor 90 Jahren einen hervorragenden Wert darstellten. Noch 30 Jahre später galt der erste Porsche 356 mit 40 PS aus 1,1 Liter Hubraum ebenfalls als Sportwagen.

Im Unterschied zu zeitgenössischen Sportwagenherstellern, die den einfacheren Weg der Hubraumvergrößerung wählten, entschied sich Fiat für eine Bearbeitung des Zylinderkopfs zwecks Optimierung des Gaswechsels. Giftige kleinvolumige Motoren sollten bis in die 1970er Jahre die Spezialität der Turiner bleiben.

Bei einem Straßenrennen wie der Targa Florio auf Sizilien, die meist aus kurvenreichen Abschnitten bestand, war ein wenige hundert Kilogramm wiegender Sportwagen mit tiefem Schwerpunkt auch mit moderater Leistung konkurrenzfähig und die heißgemachten Fiats galten in ihrer Klasse als „echte Waffe“.

Eine originale Sportversion des Fiat 509 wurde übrigens während der Classic Days 2016 auf Schloss Dyck vom Auktionshaus Coys angeboten (Bildbericht). Nach einiger Verzögerung (November 2016) sind die Ergebnisse der Versteigerung publik gemacht worden – offenbar hat der rassige Fiat keinen neuen Besitzer gefunden.

Vielleicht wäre das Ergebnis anders ausgefallen, würden die einschlägigen Oldtimer-Gazetten hierzulande nicht ständig die üblichen Spekulationsobjekte anpreisen, sondern breiter aus der unerschöpflichen Welt der Vorkriegssportwagen berichten…

Großfamilie im Horch 8 Typ 350 Pullman-Cabriolet

Zu den reizvollen Seiten der Beschäftigung mit Vorkriegsautos, wie sie auf diesem Oldtimerblog gepflegt wird, gehört der Kontrast zur Gegenwart, der auf alten Abbildungen der Fahrzeuge deutlich wird.

Das gilt nicht nur für die Fahrzeuge, die eine faszinierend andere Formensprache aufweisen, in die sich mancher vom strukturlosen zeitgenössischen „Design“ Geschädigte erst hineinfinden muss.

Auch die Aufnahmesituation mitsamt einstigen Besitzern und Insassen kann Anlass zu mancherlei Betrachtung geben. Genau deshalb werden hier bevorzugt alte Privatfotos gezeigt, die eine untergegangene Welt wiedererstehen lassen.

Das heutige Beispiel zeigt nicht nur ein besonders spektakuläres Fahrzeug, es gibt auch dem Begriff der Familienkutsche seinen ursprünglichen Sinn zurück:

© Horch 8, Typ 350; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

In diesem Prachtauto – zum genauen Typ kommen wir noch – befinden sich acht Personen und man hat nicht den Eindruck, sie säßen in einer Sardinenbüchse.

In modernen „SUVs“, die dem umbauten Raum nach vergleichbar sind, werden heutzutage ein, zwei Kinder von der Schule abgeholt – auch bei schönstem Wetter, versteht sich. Der Verfasser kann das täglich in seinem beschaulichen Heimatort beobachten, wo das Gymnasium bestens mit Bahn, Bus oder Fahrrad erreichbar ist.

Ein mit einer Großfamilie vollbesetztes Auto wird man heute selten finden – schon deshalb, weil die meisten Wagen heute auf den Rückbänken keinen ausreichenden Platz bieten. Wer meint, auf dem Foto sei eine Art Ausflugsbus zu sehen, irrt: Das abgebildete Gefährt misst 5 Meter – das sind nur 15 cm mehr als ein VW Sharan. Das Geheimnis liegt in der Art des Aufbaus – dazu später mehr.

Schauen wir erst einmal, wie sich Marke und Typ identifizieren lassen:

Vorne an der Kühlermaske ist schemenhaft ein gekröntes „H“ zu sehen – seit 1924 das Emblem der sächsischen Luxusmarke Horch. An der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern ist eine „8“ in einem Kreis angebracht – ein Horch Achtzylinder!

Das seitlich auf die Motorhaube aufgesetzte Blech mit den Luftschlitzen verrät, dass es ein recht früher Horch 8 sein muss. Deutschlands erster Achtzylinderwagen war 1927 präsentiert worden und war anfänglich formal noch wenig raffiniert.

Eines der ersten Exemplare (Typ 305) haben wir hier kürzlich vorgestellt; dort ist auch einiges zum damals hochmodernen Antrieb zu lesen. Der Wagen auf unserem Foto kann aber nicht mehr zu dieser allerersten Serie des Horch 8 gehören, denn: Die Kotflügel sind vorne gerundet, nicht abgekantet, und die Positionslampen sitzen auf den Schutzblechen, nicht mehr am Ende der Motorhaube.

Außerdem verfügt der Wagen über die erst 1929 eingeführte Kühlerfigur, eine geflügelte Weltkugel. Damit kommt nur der über das Jahr 1928 hinaus gebaute Typ 350 in Frage. Ein Typ 375 kann es noch nicht sein, da dieser bereits eine dreiteilige Stoßstange besaß und zudem in die Haube gepresste Luftschlitze aufwies.

Gegenüber dem Ausgangstyp 305 mit 65 PS standen beim Typ 350 bereits 80 PS zur Verfügung, die allerdings auch dringend gebraucht wurden: Je nach Karosserie wog der Wagen über 2 Tonnen! Die Marke von 100 km/h erreichte er knapp.

Abschließend noch ein näherer Blick auf den Aufbau:

Die sechs Fenster waren zwar herunterkurbelbar, die senkrechten Holme blieben aber stehen. Dies ist typisch für ein sogenanntes Pullman-Cabriolet, das drei bequeme Sitzreihen bot. Dabei befand sich die Rückbank hinter der Hinterachse.

Platz für einen Koffer war nicht vorhanden, weshalb ein solcher Wagen als Urlaubsgefährt nicht in Betracht kam. Es war vielmehr ein repräsentatives Ausflugsfahrzeug für Leute, die neben viel Geld auch viele Kinder hatten.

Wer in die Gesichter der Insassen schaut, gewinnt den Eindruck, dass bis auf den Beifahrer alle eng miteinander verwandt waren. Genaueres -auch zum Ort der Aufnahme wissen wir leider nicht.

Übrigens: Das Standardwerk zu Horch-Automobilen von Peter Kirchberg und Jürgen Pönisch (Delius-Klasing, 2011) nennt im Anhang zwar diverse Hersteller solcher Pullman-Cabrio-Aufbauten für den Typ 375, aber keinen für den Typ 350.

Möglicherweise zeigt unser Foto ein bisher unbekanntes Exemplar eines Horch 8 des Typs 350, Baujahr 1929.

Vor 100 Jahren: Mit dem Westfalia in die Walachei…

Der Oktober des Jahres 2016 geht zuende. Dazu passend beschäftigen wir uns auf diesem Oldtimerblog heute mit einem besonderen Automobilfoto, das vor 100 Jahren entstanden ist, im Oktober 1916.

Über das Auto wissen wir nicht sehr viel – es stellt eine Rarität dar, die in den letzten 100 Jahren wahrscheinlich kaum jemand mehr zu Gesicht bekommen hat. Es handelt sich um einen Tourenwagen der Marke Westfalia.

Hersteller war die in Oelde ansässige Firma Ramesohl & Schmidt, die ab 1906 Automobile mit zugekauften Motoren baute. Ab 1909 produzierte sie Wagen mit selbstkonstruiertem Vierzylindermotor, der bei 1,6 Liter Hubraum 20 PS leistete.

1911 entstanden unter der Marke Westfalia größere Wagen mit bis zu 30 PS. Gefertigt wurden sie in einem neu geschaffenen Werk in Bielefeld. Dieses wurde allerdings schon 1913 von Hansa übernommen.

Rahmesohl & Schmidt führte die Produktion des 1,6 Liter-Modells und des 10/30-PS-Typs in Oelde noch bis 1914 weiter. Dann endete dieses Kapitel der Firmengeschichte.

Einer der letzten in Oelde gebauten Westfalia-Wagen muss bei Kriegsausbruch beim Militär gelandet sein, hier ist er zu sehen:

© Westfalia 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Die Identifikation dieses eindrucksvollen, vermutlich sechssitzigen Tourenwagens bereitete einige Schwierigkeiten. Mangels Markenemblem kam nur eine Zuschreibung nach dem Ausschlussverfahren in Frage.

Nach Durchsicht der dem Verfasser zugänglichen Literatur zu deutschen Automobilen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg blieb nur ein Fahrzeug übrig, das präzise diesselbe Kühlerform aufweist, ein Westfalia 10/30 PS.

Verweisen lässt sich in diesem Zusammenhang auf die Abbildung eines Westfalia-Tourenwagens im Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ von Halwart Schrader. Dort ist auf Seit 376 derselbe Wagentyp abgebildet, bloß mit einer etwas einfacheren Karosserie von 1911 und der anfänglichen Bezeichnung 10/26 PS.

Die Übereinstimmung der Kühlerpartie ist so frappierend, dass man auch das Auto auf unserem Foto als Westfalia ansprechen kann.

Vielleicht kann die Zuschreibung anhand obiger Detailaufnahme noch von dritter Seite bestätigt werden. Trotz des stark verdreckten Zustands des Wagens lassen sich Details wie Nabenkappe, Scheinwerferhalter und Rahmenausleger genau studieren.

Mehr wissen wir leider nicht über diesen Wagen. Da die Aufnahme nach umseitiger Beschriftung im Oktober 1916 „im Osten“ entstanden ist, können wir aber zumindest etwas zum möglichen Einsatzort sagen.

Folgender Exkurs führt uns hinein ins Geschehen an der Ostfront im Herbst 1916, und vermittelt eine Vorstellung davon, wohin es den vom Militär genutzten Westfalia einst verschlug:

Im Oktober 1916 beherrschte in der öffentlichen Wahrnehmung die gigantische Schlacht an der Somme in Frankreich das Geschehen. Gleichzeitig kam es an der Balkanfront zu rasanten Entwicklungen, die so gar nicht zur Vorstellung des 1. Weltkriegs als jahrelanges Stellungsgemetzel passen.

Denn zu diesem Zeitpunkt bekam Rumänien – das im Sommer 1916 in der Erwartung von Gebietsgewinnen in Siebenbürgen Deutschland und Österreich den Krieg erklärt hatte – zu spüren, was ein moderner Bewegungskrieg war.

Rumänien hatte im August mit 12-facher Übermacht die österreichisch-ungarische Grenze nach Siebenbürgen überschritten und ließ sich vom kaum vorhandenen Widerstand in falsche Sicherheit wiegen. Denn nach Besetzung mehrerer Städte verzichtete man auf weitere Aktionen und ließ sich damit die Initiative abnehmen.

Deutsche und österreichische Einheiten begannen Ende September 1916 eine Gegenoffensive, der die schlecht geführten und mangelhaft ausgerüsteten rumänischen Truppen nicht gewachsen waren. Sie wurden über den transsylvanischen Gebirgskamm zurückgetrieben und waren teilweise in Auflösung begriffen.

Ab Ende Oktober 1916 starteten die deutsch-österreichischen Truppen einen Angriff, der durch die Walachei bis zur Hauptstadt Bukarest führen sollte. Erleichtert wurde der Vorstoß durch eine gleichzeitige Offensive an der Donau, die weite Teile der verbliebenen rumänischen Armee band.

Die irrwitzige Aggression der rumänischen Führung endete mit dem Verlust der Hauptstadt und der Besetzung wichtiger Ölfelder durch den Gegner. Gleichzeitig war Rumäniens Verbündeter Russland durch vergebliche Entlastungsangriffe zusätzlich geschwächt worden. 1917 unterzeichneten die beiden restlos ausgelaugten Länder einen Friedensvertrag mit Deutschland und Österreich.

Unser Foto mit dem Westfalia stellt einen winzigen Ausschnitt aus diesem dramatischen Geschehen dar.

Was hier in wenigen Absätzen skizziert wurde, kostete Hunderttausende von Männern Leben oder Gesundheit. Sie hatten keine Wahl, als sich dem Willen ihrer politischen und militärischen Führung zu fügen. Der Einzelne war Spielball übergeordneter Interessen, die von allen Kriegsparteien rücksichtslos vertreten wurden. 

Es ist die für uns kaum vorstellbare Ausweglosigkeit, die es auch nach 100 Jahren so anrührend macht, den Männern ins Gesicht zu schauen, die damals diesem Geschehen ausgesetzt waren.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die rumänische Regierung angesichts der absehbaren Niederlage Deutschlands und Österreichs 1918 den Friedensvertrag für nichtig erklärte und erneut in den Krieg eintrat.

Dieses eiskalte Kalkül, das mit dem Blut der eigenen Bürger bezahlt wurde, wurde von den Alliierten mit umfangreichen Gebietsabtretungen von Österreich-Ungarn an Rumänien belohnt.

Auch diese Episode mag verdeutlichen, was von der im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg lange gepflegten Mär des Kampfs von „Gut und Böse“ zu halten ist. Wie bei Feindbestimmungen in unseren Tagen geht es in Wirklichkeit immer nur um politische Macht – und die Rechnung zahlen die Untertanen…

1925: Ausflug im Vorkriegs-NAG K-Typ

Wer sich für die unerschöpfliche Vielfalt an PKW-Marken und -modellen der Vorkriegszeit begeistert, ist auf diesem Oldtimerblog genau richtig. Denn hier dreht sich alles um „wirklich alte“ Autos – ohne Beschränkung auf bestimmte Hersteller.

Freunde von Vorkriegsautos gab es übrigens schon vor dem letzten Krieg – damals allerdings meist unfreiwillig. Entweder wurden nach Ende des 1. Weltkriegs 1918 die noch vorhandenen Privatwagen weitergefahren, solange sie hielten. Oder es waren von deutschen Herstellern zunächst nur Vorkriegstypen neu verfügbar.

Heute zeigen wir hier ein Originalfoto, auf das prinzipiell beides zutreffen könnte:

© NAG Typ K; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Zu sehen ist hier ein großer sechssitziger Tourenwagen – eine einst als Doppelphaeton bezeichnete Karosserievariante. Der Wagen wurde für das Foto vor einem Steinbruch platziert, eine etwas merkwürdige Motivwahl.

Der Hersteller lässt sich ohne Weiteres als NAG aus Berlin identifizieren. Das Tochterunternehmen des AEG-Konzerns hatte sich mit Beginn der PKW-Produktion ab 1902 rasch einen Namen als Hersteller großzügiger Qualitätswagen gemacht.

Äußeres Erkennungszeichen der NAGs bis zum 1. Weltkrieg war der runde, später ovale Flachkühler. Während sich bei Hersteller wie Adler schon 1913/14 der Trend zum Spitzkühler abzeichnet, scheint NAG dieser Mode erst nach 1918 gefolgt zu sein.

Demnach dürfen wir annehmen, dass unser Foto ein Vorkriegsmodell zeigt:

Hier kann man gerade noch den unteren Abschluss des Ovals erkennen, das die Kühlermaske bildet.

Nur zu erahnen ist das oben am Kühler montierte NAG-Emblem, das die Anfangsbuchstaben der „Nationalen Automobil-Gesellschaft“ in einem weiß unterlegten Sechseck zeigt. Dabei ist jeder Buchstabe wiederum in einem Sechseck untergebracht (Beispiele).

Von der modern anmutenden doppelten Stoßstange darf man sich nicht irritieren lassen. Die hat ein geschickter Schlosser nach Vorbild von US-Wagen der 1920er Jahre nachträglich an den vorderen Rahmenauslegern angebracht.

Mit welchem Modell haben wir es hier zu tun? Nun, NAG legte 1908 eine neue Modellpalette auf, deren Typenbezeichnung mit „K“ begann. Diese Wagen hatten durchgängig Kardanantrieb, worauf das „K“ hinweisen könnte. Dumm nur, dass es genausogut für „Kettenantrieb“ stehen könnte…

Wie auch immer, die neuen K-Modelle reichten vom kompakten NAG K2 „Darling“ über die Typen K3 (22 PS), K5 (55 PS) bis hin zum mächtigen K8 (75 PS). Ein K3 bzw. K5-Modell haben wir bereits hier und ein K8-Modell hier vorgestellt.

Das stattliche Erscheinungsbild des Wagens spricht für eines der Mittelklassemodelle (K3, K4, K5). Dabei dürfte der K5 mit 3,35 m Radstand eine Nummer zu groß sein. K3 und K4 mit 3,00 m bzw. 3,20 m Radstand kommen schon eher in Frage.

Genauer lässt sich das nicht sagen, da die Literatur zu NAG (Hans-Otto-Neubauer: Autos aus Berlin: Protos und NAG, 1983) zwar viele Details zur Markengeschichte bietet, aber nur wenige verwertbare Abbildungen der einzelnen K-Typen.

Das Problem der spärlichen Literatur wird – nicht nur bei NAG – dadurch verschärft, dass oft nur historische Prospektbilder reproduziert wurden. Diese zeigen die Wagen fast immer von der Seite, die markantere Kühlerpartie bleibt also verdeckt.

Auskunft über das tatsächliche Erscheinungsbild der einzelnen Typen können aber nur historische Fotos mit aussagefähiger Perspektive geben. Hier setzt dieser Blog an, denn im NAG-Bilderarchiv sind von bestimmten Modellen bereits mehr Originalaufnahmen versammelt als in der gesamten gedruckten Literatur.

Vorerst bleibt es bei der Vermutung, dass wir es hier mit einer wohl 1914 entstandenen Version eines NAG K-Typen zu tun haben. Das recht moderne Erscheinungsbild der vorderen Schutzbleche spricht gegen eine frühere Entstehung. Denkbar ist sogar, dass der Wagen direkt nach dem Krieg gebaut wurde. Dann müsste es ein NAG K4 10/30 PS sein, da nur er bis 1919 gefertigt wurde.

Auf eine frühe Nachkriegsversion könnten auch die elektrischen Scheinwerfer hindeuten – sie können aber ebenso nachgerüstet worden sein.

Jedenfalls war so ein NAG-Vorkriegstyp – ob 1914 oder 1919 gebaut – noch Anfang der 1920er Jahre ein repräsentatives Fahrzeug. Sei es nun mit 20 PS aus 2 Litern (Typ K3) oder 30 PS aus 2,5 Litern Hubraum (Typ K4) – für die Landstraße wäre man ausreichend motorisiert gewesen.

Man darf nicht vergessen: Die allermeisten Leute besaßen damals in Deutschland überhaupt kein motorgetriebenes Fahrzeug und der Verkehr war abseits von  Metropolen wie Berlin äußerst dünn. Dazu passt die Zulassung des NAG in der Provinz Hannover (Kürzel „IS“) sehr gut.

Und so hat der schon etliche Jahre alte NAG dieser niedersächsischen Ausflugsgesellschaft einst noch gute Dienste geleistet – das war übrigens 1925, wie auf der Rückseite des Fotos vermerkt ist.

Möglicherweise hatten die vier Damen einen angestellten Fahrer, denn er steht auf dieser Aufnahme etwas abseits und scheint andere Sorgen zu haben als einen gelungenen Schnappschuss. Vermutlich hat er ungern das Lenkrad abgegeben…

Opulente Optik für Pfennigfuchser: Hanomag 3/18 PS

Die heute kaum noch bekannten Qualitätsautos des Maschinenbauers Hanomag sind auf diesem Oldtimerblog in erstaunlicher Zahl präsent (Bildergalerie).

Nicht, dass der Verfasser eine besondere Schwäche für diese grundsoliden, aber nie sonderlich avancierten Klein- und Mittelklassewagen aus Hannover hätte. Es ist einfach so, dass man bei der Suche nach alten Fotos von Vorkriegswagen ständig über Aufnahmen mit Hanomag-PKWs stolpert.

Natürlich sind Fotos von Adler, DKW und Opel im deutschsprachigen Raum weit häufiger anzutreffen. Aber gemessen an einer Stückzahl von nur rund 80.000 bis 1941 gebauten Fahrzeugen – das kuriose Kommissbrot lassen wir dabei außen vor – überrascht doch die Häufigkeit an verfügbaren Aufnahmen von Hanomag-PKW.

Das mag damit zu tun haben, dass die Wagen möglicherweise eine längere Lebensdauer als andere Typen in ihrer Klasse hatten. Denkbar ist auch, dass sie als repräsentativer empfunden wurden als etwa die sachlich daherkommenden Modelle von Opel und entsprechend gern in Szene gesetzt wurden.

Ein schönes Beispiel dafür sehen wir auf folgendem Originalabzug – der zudem einen seltenen Hanomag-Typ zeigt, der auf diesem Blog noch nicht behandelt wurde:

© Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Kleinbildaufnahme scheint zwar links etwas Licht ins Kameragehäuse eingetreten zu sein und hat zu einer teilweisen Überbelichtung geführt. Die entscheidende Partie mit dem Hanomag ist aber perfekt belichtet, kontrastreich und sehr detailreich, wie wir noch sehen werden.

Die annähernd frontale Perspektive ist ungewöhnlich und man findet in der Literatur kaum ein vergleichbares Bild, bei dem sich die Details dieses Typs so gut studieren lassen. Der Fotograf hat zielsicher die attraktivste Seite des Wagens ins Visier genommen.

Die Front ist für Hanomag-Verhältnisse geradezu raffiniert durchgestaltet. Der einstige Besitzer war offenbar von der repräsentativen Erscheinung des Wagens so angetan, dass er noch ein Stander mit Hakenkreuzfahne angebracht hat…

Wir schauen über diesen Hinweis auf die Zeitumstände hinweg und nehmen die Bugpartie näher unter die Lupe:

Der markante Chromkühlergrill, der oben flach beginnt und nach unten hin spitz zuläuft, findet sich an diversen Hanomag-Modellen der frühen 1930er Jahre. Die Kühlerpartie allein erlaubt noch keine Identifikation des genauen Typs auf unserem Foto. Das ermöglicht erst ein weiteres Detail, zu dem wir noch kommen.

Man beachte, dass man auf diesem hervorragenden Privatfoto sogar die Waben des Kühlernetzes erkennen kann. Auch das Hanomag-Flügelemblem ist auf alten Aufnahmen selten so detailreich zu sehen.

Heutige Besitzer eines solchen Hanomags können sich hier einiger Details vergewissern, die über die Zeit oft verändert wurden oder verlorengingen. Dazu gehören der Typ der verbauten Hupe und der flexible Chromschlauch, in dem die Scheinwerferkabel verlaufen.

Hervorragend zu sehen sind auch die im Art-Deco-Stil gehaltenen Gummielemente in der Mitte und an den Enden der Stoßstange. Sie dürften heute kaum noch beschaffbar sein – man wird sie wohl „nachschnitzen“ müssen. Verwiesen sei nicht zuletzt auf den Chromverschluss der Öffnung für die Anlasserkurbel.

Um den genauen Typ zu identifizieren, müssen wir genau hinsehen. Der Schlüssel findet sich neben der linken Hand der großgewachsenen Dame neben dem Hanomag ( von der Dachhöhe ausgehend muss sie an die 1,80 m groß gewesen sein):

Wie man sieht, verläuft die Türvorderkante nicht senkrecht, sondern schräg. Die Motorhaube dagegen schließt hinten senkrecht ab. Ausweislich verfügbarer Fotos in der Literatur gab es diese Anordnung nur beim ab 1932 gebauten Modell 3/18 PS.

Zu den davon abgesehen sehr ähnlichen Hanomag-Modellen der frühen 1930er Jahre an dieser Stelle nur soviel:

Hanomag stellte 1931 als Nachfolger der noch recht kompakten Limousinen des Typs 3/16 PS und 4/20 PS erwachsener wirkende neue Wagen vor. Sie besaßen nun hydraulische Bremsen und eine Ganzstahlkarosserie.

Bezeichnet wurden diese neuen Typen nach ihren Motorisierungen 3/18 PS, 4/23 PS und 6/32 PS bzw. ab 1934 als Hanomag „Garant“ und „Kurier“, die bis 1938 neben dem Hanomag „Rekord“ weiterverkauft wurden.

Demnach war ausgerechnet dieser auf unserem Foto so geschickt in Szene gesetzte Wagen das schwächste Modell in der Palette! Es sprach Kunden an, die partout in der 3 PS-Steuerklasse bleiben wollten – viele waren das übrigens nicht.

Den Daten zufolge reichten die 18 PS des 900ccm kleinen Vierzylinders für 80 km/h Spitze – schneller war auch das 4/23 PS-Modell nicht. Für den Betrieb auf dem flachen Land – unser Hanomag war in Pommern zugelassen – reichte das durchaus. 

Man lernt daraus, dass heutige Maßstäbe bei der Beurteilung von Vorkriegsautos in vielerlei Hinsicht ein falsches Bild vom einstigen Nutzen dieser Wagen ergeben. Gerade in dünn besiedelten ländlichen Gebieten bot auch ein recht schwachbrüstiger Hanomag 3/18 PS einen Mobilitätsgewinn, den wir heute kaum ermessen können.

Und – seien wir ehrlich – diese Kühlerpartie macht schon was her

DKW F7 Reichsklasse? Meisterklasse? Arbeiterklasse!

Dieser Oldtimer-Blog befasst sich hauptsächlich mit Vorkriegsautos – und zwar anhand historischer Originalfotos – gleichzeitig reicht sein Horizont aber über das Kriegsende 1945 hinaus.

Oft sind nämlich auch frühe Nachkriegsfotos von Fahrzeugen der 1930er Jahre von großem Reiz. Sie lassen die Nehmerqualitäten vieler Konstruktionen erkennen und lassen erahnen, wie schwierig der Betrieb eines Automobils in den Jahren des Neubeginns nach dem „Dritten Reich“ war.

Interessant wird die Beschäftigung mit solchen „Kriegsversehrten“ auch dadurch, dass sie oft aus mehreren Autos entstanden sind. Ein Extrembeispiel auf diesem Blog war ein Ford Buckeltaunus auf VW-Kübel-Basis, der es sogar bis ins Clubmagazin der Alto-Ford-Freunde geschafft hat.

Heute geht es um ein weniger spektakuläres, doch im Detail ebenfalls reizvolles Fahrzeug, einen DKW F7. Von diesem von 1936 bis 1939 gebauten frontgetriebenen Modell des sächsischen Zweitaktspezialisten haben wir hier schon einige Exemplare vorgestellt (hier, hier und hier).

Nun ist folgendes Exemplar an der Reihe:

© DKW F7; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht auf den ersten Blick nicht viel von der 2-türigen Limousine, die wohl bei einem Familienausflug ins Grüne abgelichtet wurde. Doch ist genug zu erkennen, um Typ und Baujahr recht genau einzugrenzen.

Die nähere Betrachtung wird aber auch erweisen, dass der Wagen modifiziert worden ist. Das Ergebnis ist aus einer historischen Perspektive ebenso original wie der einstige Auslieferungszustand und wäre für einen geschichtsbewussten heutigen Besitzers durchaus erhaltenswert.

Beginnen wir mit der Frontpartie des DKW:

Dass wir einen DKW des Typs F7 vor uns sehen, verrät ein winziges Detail: Das auf die Motorhaubenseite aufgesetzte Blech mit den Luftschlitzen. Man sieht dessen umlaufende Sicke am linken Bein des kleinen Jungen auf der Haube glänzen.

Beim Vorgänger DKW F5 – einen Typ F6 gab es nur als internes Versuchsmodell – wie auch beim Nachfolger F8 – waren die Luftschlitze direkt in die Haube gepresst, außerdem wichen Form und Anordnung ab.

An der Kühlermaske fällt die verchromte Blende mit dem DKW-Emblem auf. Sie war nur bei der 20 PS leistenden Ausführung „Meisterklasse“ erhältlich. Dort gab es auch serienmäßig verchromte Stoßstangenecken wie auf unserem Foto.

Solche Stoßstangen waren allerdings auch als Zubehör bei der 18 PS-Version „Reichsklasse“ verfügbar, sie können außerdem nachträglich montiert worden sein.

Leider fehlen die Radkappen, die ein weiteres Indiz zugunsten eines „Meisterklasse“-Modells sein könnten. Dort waren sie nämlich verchromt, während die „Reichsklasse“-Ausführung mit lackierten Radkappen daherkam.

Interessant ist nun die Motorhaube: Dort fehlt die seitliche Chromleiste, die beim F7 „Meisterklasse“ die Türleiste fortsetzen würde, deren Ende man auf dem Bild zu erkennen meint.

Die Basisausführung „Reichsklasse“ musste auf diese Haubenleiste verzichten. Es fällt schwer zu glauben, dass eine solche Leiste verlorengehen kann – also vielleicht ist der DKW doch nur ein mit Chrommaske aufgehübschtes Reichsklasse-Modell?

Warten wir es ab.

Zunächst noch ein Blick die A-Säule hinunter. Man kann dort erahnen, dass die (hinten angeschlagene) Tür leicht offen steht. Die Türvorderkante verläuft schräg nach vorn, nicht senkrecht – dieses Detail zeichnet den DKW F7 ab 1938 aus.

Nun zum Rest des Wagens und der (mutmaßlichen) Auflösung des Rätsels:

Man sieht hier die seitliche Zierleiste in einem Bogen bis ans Wagenende laufen. Das gab es so nur bei der „Meisterklasse“-Ausführung des DKW F7. Bei der simpleren „Reichsklasse“-Variante endete die Leiste über der Mitte des hinteren Kotflügels.

Nun könnte man einwenden, dass prinzipiell auch diese Leiste nachträglich angebracht worden sein kann, so wie spätere Mercedes-Fahrer aus ihrem braven 200D durch Montage des entsprechenden Schriftzugs einen 230E gemacht haben.

Doch eine Kleinigkeit verrät bei nochmaligem Hinsehen, dass dieser DKW F7 einst als besser ausgestattetes Modell „Meisterklasse“ in Zwickau vom Band lief: Das kleine Stück Chromleiste an der A-Säule! Dieses wurde beim Modell Reichsklasse nicht montiert, dort endete die seitliche Chromleiste an der Vorderkante der Tür.

Nach der Lage der Dinge können wir annehmen, dass wir es mit einem DKW F7 „Meisterklasse“ zu tun haben, an dem – aus welchen Gründen auch immer – eine schmucklose Motorhaube eines „Reichsklasse“-Modells verbaut wurde. 

Eine solche Nachkriegsbastellösung ist plausibler als die Annahme, dass jemand einst ein Reichsklassemodell von vorne bis hinten mit allen Chromteilen auf „Meisterklasse“ getrimmt hat und dann bei der Motorhaube aufgehört hat.

Die Leute, denen einst dieser DKW gehörte, waren sicher froh, überhaupt einen fahrbaren Untersatz zur Verfügung zu haben. Denn sie lebten in der russischen Besatzungszone „Brandenburg“, wie das Kürzel „SB“ auf dem Kennzeichen verrät.

Die „11“ vor dem Querstrich steht für den Landkreis Potsdam (Quelle). Unter dem Strich ahnt man eine „48“, die nur bei 1948 ausgestellten Kennzeichen zu finden ist.

Mit etwas detektivischem Gespür haben wir nicht nur beim DKW Baujahr und Typ bestimmt – ein F7 „Meisterklasse“ von 1938/39 – sondern können eingrenzen, wann das Foto entstanden ist: nicht vor 1948 und nicht nach 1953 (ab dann gab es in der DDR neue Nummernschilder).

Die Kleidung der Erwachsenen scheint ein Sammelsurium aus Vor- und Nachkriegsmode zu sein und liefert keinen näheren Datierungshinweis. Um 1950 muss diese Aufnahme jedenfalls enstanden sein. 

An sich ein schönes Foto, das kaum etwas den bedrückenden Umständen ahnen lässt. Wenn es dieser Familie nicht gelungen ist, noch vor Befestigung der innerdeutschen Grenze durch das DDR-Regime (ab 1953) bzw. vor Bau der Berliner Mauer (1961) nach Westen zu fliehen, haben die Eltern ihr ganzes und die Kinder einen Großteil ihres Lebens unter den Bedingungen des Sozialismus eingesperrt zubringen müssen.

Den vom kapitalistischen Joch befreiten „Genossen“ wurden auch in den kommenden Jahrzehnten vom Ostberliner Regime meist nur schwache Zweitakter nach Vorkriegsbauart gegönnt. Von der Form her stellte dieser alte DKW F7 bereits den Gipfel dessen dar, was die „Arbeiterklasse“ zu DDR-Zeiten erreichen konnte…

Insofern erzählen solche einst im Alltag aufgenommenen Bilder oft weit mehr als nur die Geschichte von alten Autos, ihrer Entwicklung, Technik und Gestaltung. Auch an die oft ausweglosen Zeitumstände zu erinnern, darum geht es in diesem Blog.

Ein NSU 5/15 PS unterwegs im Schwarzwald

Regelmäßige Leser dieses Oldtimerblogs mögen sich fragen: Warum präsentiert der Kerl hier eigentlich nur alte Fotos von Vorkriegsautos? Ist das nicht „diskriminierend“ gegenüber jüngeren Fahrzeugen?

Ist der Verfasser am Ende ein reicher Schnösel mit Bugattisammlung? Ein Ewiggestriger mit Herrenhaus, Raucherzimmer und Dienstmädchen? Nun, das ist er nicht – ihm fehlen nämlich leider die Mittel dazu…

Wer seine Oldtimerkarriere mit einem VW Käfer von 1985 begonnen hat und sich dann über MGB und Innocenti-Mini in die Vorkriegszeit zurückgearbeitet hat, stellt irgendwann fest, dass die wirklich alten Autos spannender sind.

Das bemisst sich gerade nicht an der Leistung – das heute zu behandelnde Modell ist ein gutes Beispiel dafür. Es geht vielmehr um die schiere Vielfalt – noch so ein Zeitgeistbegriff, ausnahmsweise passend – die die noch junge Welt des Automobils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausmachte.

Ob Antrieb, Karosserieformen, Ausstattungsdetails, Hersteller und Konstrukteure: In den Pionierjahren war Platz für die unglaublichsten Konzepte und Persönlichkeiten, von denen die meisten in heutigen Firmen schon beim „Global Executive Comittee“ und der Gleichstellungsbeauftragten durchfallen würden.

Und da zu Nachkriegsautos und 80er Jahre-Plastikbombern („Youngtimer“) in der deutschsprachigen Presse und im Netz genug, über Veteranenwagen aber zu wenig geboten wird, gibt es diesen meinungsstarken Blog mit starker Vorkriegs-Schlagseite und ausgeprägtem Sinn für das historische Drumherum.

Die jüngste Entdeckung schlummert schon eine Weile im Fundus, doch erst kürzlich gelang die Identfikation:

© NSU 5/15 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der hufeisenförmige Kühler, die schmale Silhouette, die v-förmige Windschutzscheibe deuten auf ein leichtes Sportmodell der frühen 1920er Jahre hin – vielleicht ein Typ aus Frankreich?

Nun, Hersteller ähnlicher Wagen gab es dort einst rund 100! Amilcar, Rally und Salmson sind die bekanntesten Hersteller solcher Cyclecars. Doch bei näherem Hinsehen verflüchtigt sich der Eindruck.

Zum einen ist die Aufnahme in Deutschland entstanden, am einstigen Kurhaus Hundseck an der Schwarzwaldhöhenstraße. Das macht einen französischen Sportwagen kurz nach dem 1. Weltkrieg eher unwahrscheinlich.

Zum anderen ist der Wagen in Wahrheit größer, als er auf den ersten Blick wirkt. Die beiden stattlichen Herren daneben lassen den Tourer vergleichsweise kompakt wirken. Dem Auto fehlen außerdem die für Cyclecars typischen freistehenden Schutzbleche an den Vorderrädern.

Was ist das nun für ein Modell? Dazu werfen wir einen genaueren Blick auf das Auto:

Zwar sind von dem runden Emblem auf der Kühlermaske keine Details zu erkennen. Seine Placierung und der markante wellenförmige Schwung der oberen Einfassung des Grills verraten aber, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Modell von NSU handelt, genauer: einen 5/15 PS Tourenwagen.

Der in Neckarsulm beheimatete Fahr- und Motorradhersteller fertigte ab 1906 selbstentwickelte Automobile an. Neben gut motorisierten Mittelklassewagen (BeispielBeispiel) bot NSU ab 1910 auch einen zunächst 10, später 15 PS leistenden Kleinwagen an.

Dieser der Papierform nach wenig eindrucksvolle, aber in Deutschland durchaus konkurrenzfähige 5/15 PS-Typ mit blitzsauber konstruiertem, laufruhigen 1,2 Liter-Vierzylinder wurde nach dem 1. Weltkrieg kaum verändert weitergebaut.

Typisch für die offene Version war schon vor dem Krieg die gepfeilte Windschutzscheibe, die wir auf dem Foto sehen. Die kleinen Scheinwerfer dürften bereits elektrisch betrieben sein und sprechen für ein Nachkriegsmodell.

Bis 1925 fand dieser attraktiv gezeichnete, wenn auch schwache NSU-Tourer Absatz. Aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre dürfte auch die hier gezeigte Aufnahme stammen.

Das im Hintergrund zu sehende, aus dem 19. Jahrhundert stammende Kurhaus Hundseck war eines von zahlreichen hochklassigen Hotels an der Schwarzwaldhöhenstraße, die damals beliebt bei Ausflüglern waren.

Im Netz finden sich etliche historische Ansichtskarten der einst beeindruckenden Anlage. Leider wurde das Gebäude 1999 bei einem Sturm stark beschädigt. Die damaligen Eigentümer hatten offenbar keinen Sinn für den Wert des historischen Baus und verzichteten auf die notwendigen Reparaturen. In der Folge wurde das Gebäude einsturzgefährdet und wurde auf öffentliches Betreiben hin abgerissen.

Warum die lokale Denkmalbehörde nicht auf eine Sicherung des noch sehr originalen Baus hinwirken konnte, soll hier nicht erörtert werden. Das Studium zeitgenössischer Presseartikels hinterlässt den Eindruck, dass das Kurhaus Hundseck nicht das einzige Gebäude seiner Art war, an dessen Erhalt der lokalen Bürokratie nicht gelegen war.

So zählt unsere Aufnahme nicht nur zu den raren Originalfotos eines NSU 5/15 PS, sondern auch zu den Dokumenten, die an die einst reiche Hotelinfrastruktur und den Erholungswert der Region erinnern.

Heute hat auch im Schwarzwald eine rabiate Ideologie die Oberhand, die zugunsten der Kapitalinteressen weniger Investoren die Zerstörung ganzer Landschaften durch Windindustrieanlagen in Kauf nimmt. Damit wären wir wieder in der Gegenwart…

Literaturtipp: Klaus Arth: NSU-Automobile, Verlag Delius Klasing, 2. Auflage, 2015; der hier gezeigte Wagen ist dort auf Seite 47 ebenfalls abgebildet!

Länge läuft: Steyr Typ VI Tourer der 1920er Jahre

Ein Oldtimerblog aus Deutschland, der sich der Dokumentation von Vorkriegsautos anhand historischer Originalfotos verschrieben hat, bildet zwangsläufig die Markenwelt ab, wie sie sich einst im deutschsprachigen Raum darstellte.

Ausländische Prestigewagen von Alfa-Romeo, Bentley, Bugatti, Delahaye und Rolls-Royce wird man hier daher nur selten antreffen. Allenfalls importierte US-Fahrzeuge sind öfters vertreten.

Dafür gibt es neben deutschen Großserienautos von Adler, BMW, DKW, Opel und Mercedes jede Menge Exoten von Firmen zu besichtigen, die heute kaum noch einer kennt: AGA, Brennabor, Dürkopp, NAG, Presto, Protos, Steiger, Wanderer usw…

In der Oldtimerpresse völlig unterbelichtet sind daneben die Wagen, die von Herstellern im österreichischen Raum (inkl. Böhmen und Mähren) gebaut wurden.

Neben Luxusmarken wie Austro-Daimler und Gräf & Stift ist vor allem Steyr zu nennen. Der Waffenhersteller baute in der Zwischenkriegszeit technisch brilliante und raffiniert geschnittene Wagen.

Der 6-Zylindertyp VII wurde hier bereits präsentiert. Sein Motor mit v-förmig angebrachten Ventilen, von einer obenliegender Nockenwelle betätigt, entfaltete sein wahres Potential jedoch im Steyr Typ VI:

© Steyr Typ VI Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Damit bot Steyr Mitte der 1920er Jahre einen immerhin 60 PS starken 6-Zylinderwagen in Serie an. Diese über 120 km/h schnellen Autos zeichneten sich formal durch ihr schnittiges Erscheinungsbild aus.

Langer Radstand, lange Motorhaube, flache Linie, niedriger Schwerpunkt – so sieht ein sportlicher Tourenwagen der 1920er Jahre am besten aus. Lancia und Ceirano aus Italien machten das vor, einige britische Hersteller konnten das auch – Steyr ebenso!

Spitzkühlerwagen gab es nach dem 1. Weltkrieg im deutschsprachigen Raum zuhauf, aber bei kaum einem wirkt die Frontpartie so dynamisch:

Hier wirkt der Bug wie bei einem Schnellboot, während zeitgenössische Mercedes und Benz (bis 1925 noch unabhängig) mit Spitzkühler anfangs eher wie Schlachtschiffe daherkamen.

Die Speichenräder mit Steyr-Schriftzug auf der geflügelten Nabenmutter tragen das ihre zum filigranen Erscheinungsbild teil. Auch die elegant geschwungenen Schutzbleche lassen die Frontpartie leicht und schnittig wirken.

Dagegen wirkte das zeitgleiche Mercedes-Benz K-Modell (1926-29) bei ähnlicher Grundform schwerfällig. Erst das darauf basierende Modell S wusste außer durch Kraft auch mit Eleganz zu überzeugen.

Vielleicht ist durch den Erfolg der rassigen Mercedes-Benz Tourenwagen vom Ende der 1920er Jahre die Vorreiterrolle von Steyr in Vergessenheit geraten. Diese attraktiven, auch in starken Kompressorversionen verfügbaren Sportwagen verdienen jedenfalls mehr Aufmerksamkeit, als ihnen in der einschlägigen Presse zuteil wird.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Heckpartie des prächtigen Steyr Typ VI – nicht wegen weiterer formaler Schmankerl, sondern weil auf diesem Blog stets auch die Menschen gewürdigt werden, die einst zusammen mit den Autos unterwegs waren:

Im vorliegenden Fall haben wir es mit einer kuriosen Situation zu tun.

Einer der Passagiere ist ausgestiegen, um ein Foto des Steyr nebst Insassen zu machen. Fahrer und Beifahrerin quittieren dies mit einer abwehrenden Geste bzw. demonstrativem Wegschauen. Die Begeisterung der beiden rückwärtigen Passagiere hält sich ebenfalls in Grenzen.

Dies war kein Moment vollendeter Harmonie – irgendeine Spannung liegt in der Luft. Wann und wo genau diese Situation fotografisch dokumentiert wurde, wissen wir nicht. Vielleicht kann jemand zumindest etwas zu der Plakette oberhalb des Schwellers sagen, die vom Hersteller der Karosserie stammen könnte.

Was bleibt, ist der Eindruck eines großartigen Tourenwagens aus Österreich, der eine Klasse für sich war. „Länge läuft“, würde ein Segler dazu sagen. Leider bekommt man solche Kaliber aus der Steyrer Waffenschmiede heute kaum noch zu sehen.

Eroberer von Stadt und Land: Opel 4 PS-Modell

Freunde von Vorkriegsautos finden auf diesem Oldtimerblog zum einen Vertreter legendärer Prestigemarken – erst gestern wurde ein Horch 8 vorgestellt – zum anderen vermeintlich unscheinbare Großserienfahrzeuge.

Dabei ist nicht nur der markenübergreifende Ansatz eine Besonderheit im deutschsprachigen Teil des Netzes, sondern auch die Art der Präsentation. Hier werden anstelle von Aufnahmen moderner Hochglanzrestaurierungen bevorzugt zeitgenössische Originalfotos aus dem Fundus des Verfassers gezeigt.

Diese historischen Bilder zeigen die Fahrzeuge im Alltag, mit oft deutlichen Benutzungsspuren, mit ihren Besitzern und Bewunderern in der Umgebung, die von einer untergegangenen Welt kündet.

Heute stellen wir Aufnahmen vor, die anhand nur eines Autotyps alles vereinen, was diese alten Fotos über die automobile Komponente hinaus so reizvoll macht.

Das Fahrzeug selbst ist denkbar unspektakulär – ein Opel 4/16 bzw 4/20 PS-Modell, mit dem die Rüsselsheimer Ende der 1920er Jahre den Durchbruch in der Großserienproduktion schafften. Den Typ als solchen nebst Vorgängern haben wir bereits ausführlich besprochen (4/14 PS, 4/16 PS, 4/20 PS).

Hier geht es daher nicht mehr um technische und formale Details des populären Opel „Laubfrosch“, sondern darum, wie er die individuelle Mobilität in Deutschland einst vorangebracht hat.

So ist auf vielen Ansichtskarten deutscher Großstädte aus der Zeit um 1930 einer der kleinen Opelwagen zu sehen. Hier ein erstes Beispiel aus Frankfurt am Main:

© Opel 4 PS in Frankfurt/Main; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Das Auto rechts könnte ein US-Wagen sein, dafür spricht die breite Spur. Links steht aber auf jeden Fall ein zweitüriger Opel 4/16 oder 4/20 PS, zu erkennen am geschwungenen Oberteil der Kühlermaske, das man von Packard geklaut hatte.

Das herrliche spätmittelalterliche Gebäudeensemble südlich des Doms ist wie die übrige Fachwerkaltstadt beim alliierten Bombenangriff im März 1944 verbrannt.

Von diesen – wie deutsche Kriegsverbrechen verwerflichen – Aktivitäten alliierter Schreibtischtäter verschont blieben nur die historischen Zentren weit östlich gelegener Städte. Sie lagen außerhalb der Reichweite der Bomber und Begleitjäger.

Neben dem Kleinod Görlitz an der polnischen Grenze blieb auch Zittau in Sachsen unversehrt, das direkt an der Grenze zu Tschechien liegt. Die folgende Ansicht können Besucher heute nach wie vor genießen – von den Autos abgesehen:

© Opel 4 PS in Zittau/Sachsen; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Die vorderen vier Wagen, die auf dem Marktplatz abgestellt sind, sind wahrscheinlich Opel der Typen 4 PS bzw. 10 PS (letzterer wird bei Gelegenheit vorgestellt).

Auch hier sieht man, wie die Autos von Opel einst die deutschen Groß- und Kreisstädte eroberten. Kein anderer Hersteller hierzulande verstand es, sich dem Vorbild der enorm leistungsfähigen US-Marken zumindest anzunähern.

Und so begegnen wir den 4 PS-Modellen von Opel Ende der 1920er Jahre nicht nur in Metropolen wie Frankfurt oder mittelgroßen Orten wie Zittau, sondern auch in Kleinstädten, wie folgende Ansichtskarte belegt:

© Opel 4 PS in Iphofen/Unterfranken; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Idyll scheint wie aus einem Werk des romantischen Malers Spitzweg gefallen zu sein. Zu sehen ist das Rödelseer Tor des Orts Iphofen in Unterfranken.

So unglaublich es klingt: Von dem Opel abgesehen, bietet sich dem Flaneur dort noch heute genau dieselbe Ansicht. Selbst das Kopfsteinpflaster hat man bewahrt, das ist ohnehin die beste Entschleunigungstechnik innerorts.

Übrigens hat man hier die seltene Gelegenheit, die auffallend schmale Silhouette des Opel 4PS-Modells zu studieren:

Gut zu erkennen ist auch der Packard-Kühler, der von 1927 bis zum Ende der Produktion des 4 PS-Modells verbaut wurde. Demnach muss es sich um einen späten Opel 4/16 PS oder einen 4/20 PS-Typ handeln.

Schön ist der Blick durch das Tor in die Landschaft, wie er vielerorts noch bis in die 1950er Jahre genießen war. Was hier verlorengegangen ist und im Zuge einer zerstörerischen Energiepolitik weiter dezimiert wird, bemerkt man erst, wenn man historische Orte im Elsass oder der Toskana durch das Stadttor verlässt: Unvermittelt steht man vor einer über Jahrhunderte kaum veränderten Kulturlandschaft.

Damit wären wir an der letzten Station unserer Reise im Opel 4 PS – auf einem Gutshof auf dem Land irgendwo in Westfalen:

© Opel 4 PS mit Zulassung Westfalen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der zweitürigen Opel-Limousine sieht man nicht viel, aber genug, um sie als 4/16 oder 4/20 PS-Modell der Baujahre 1927-29 anzusprechen. Typisch ist die seitliche Zierleiste auf Höhe der Motorhaubenkante. Auch die Zweifarblackierung kündet von der Verfeinerung, die das anfangs sehr simple Modell inzwischen erfahren hatte.

Im Hintergrund erkennt man solide Ziegelsteinarchitektur und ein gefällig geformtes Hoftor – hier wohnen Leute, die auf ein gepflegtes Entree Wert legen.

Und diese Leute, die einst um 1930 so lässig und selbstsicher an ihrem Opel posierten, sind einen näheren Blick wert:

Das sind allesamt gestandene Charaktere, die trotz Anzug mit Krawatte eine natürliche Individualität ausstrahlen. Solche echten Persönlichkeiten brauchten weder auffällige Tätowierungen, durchbohrte Ohläppchen oder sonstige Insignien einer herbeiphantasierten „Stammeszugehörigkeit“.

Von diesem großartigen Foto lässt sich einiges lernen und sei es nur, dass ein würdiges Erscheinungsbild immer noch vom einzelnen Menschen abhängt. Dazu kann dann durchaus der ein oder andere alte Opel als Zierde gehören…

Spitzentechnik brav verpackt: Horch 8 Typ 305

Die einstige Luxuswagenmanufaktur Horch aus dem sächsischen Zwickau ist auf diesem Oldtimerblog bislang nur mit wenigen Originalfotos vertreten – angesichts der geringen Gesamtproduktion zwischen 1900 und 1940 kein Wunder.

Die opulent gestalteten 8-Zylinderwagen, die Horch in den 1930er Jahren fertigten, sind zwar recht oft auf historischen Fotos zu finden. Sie waren im 2. Weltkrieg beliebte Stabsautos und wurden entsprechend häufig von Soldaten fotografiert.

Nur mit Glück gelangt man dagegen an Bilder früher Typen, die noch nicht die formale Klasse späterer Modelle erreichten. Der 10/50 PS-Vierzylinderwagen, mit dem Horch in den 1920er Jahren einigen Erfolg hatte, wurde hier bereits vorgestellt.

Heute können wir eine Aufnahme des ersten 8-Zylinder-Horch präsentieren, mit dem der Aufstieg der Marke in die automobile Spitzenklasse begann:

© Horch 8, Typ 305; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das soll ein Horch sein? Nun, zunächst dachte der Verfasser bei diesem Foto aus der 1-Euro-Preisklasse auch an irgend ein US-Massenfabrikat der 1920er Jahre.

In der Tat kann man sich kaum eine beliebigere Karosserie als diese vorstellen. Immerhin lassen die vier Türen und sechs Seitenfenster, die man erst beim zweiten Hinschauen sieht, auf beachtliche Dimensionen schließen.

Der Aufnahmewinkel lässt den Wagen kürzer wirken, als er tatsächlich war. Das Modell, mit dem wir es hier zu tun haben, war 4,70 m lang und 1,90m hoch.

Dies lässt sich deshalb so genau sagen, weil kleine Details verraten, dass hier ein früher Horch 8 zu sehen ist – der erste deutsche Achtzlinderwagen.

Wer genau hinschaut und das Markenzeichen von Horch – ein gekröntes „H“ – kennt, kann ein solches auf der Front der Kühlermaske erahnen. Skeptikern sei versichert, dass dies auf dem Originalabzug recht deutlich zu erkennen ist. Der an das Adler-Emblem erinnernde dreieckige Schatten darunter täuscht.

Die arg simple Kühlerform entspricht im Wesentlichen derjenigen des Vierzylindermodells 12/50 PS. Doch im Unterschied zu diesem reichen hier die seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube weit höher.

Der von Paul Daimler konstruierte Reihenachtzylinder mit 3,1 (später 3,4) Liter Hubraum erforderte deutlich mehr Kühlung. Mit leiser und präziser Ventilsteuerung über zwei königswellengetriebenen Nockenwellen unterstrich das Aggregat den Luxuswagenanspruch von Horch.

So begeistert Deutschlands erster Serien-Achtzylinder 1927 aufgenommen wurde, so einfallslos wirkte das äußere Erscheinungsbild dieses technischen Sahnestücks. Auch die Seitenpartie liefert keine Überraschungen, bloß soliden Standard:

Immerhin erkennt man die beiden Trittschutzbleche auf dem Schweller, deren Form der beim frühen Horch 8 entspricht. Die verchromte Arretierung des Ersatzrads passt ebenfalls zu Horch-Modellen um die Mitte der 1920er Jahre.

Den verchromten Felgenrand gab es nur beim Horch 8 des etwas stärker motorisierten Typs 305, der 65 statt 60 PS leistete. Damit erreichte die knapp 2 Tonnen schwere Pullman-Limousine immerhin 100 km/h.

1928 wurden die bislang einfallslos gezeichneten Horch 8 endlich durch attraktiv gestaltete Modelle abgelöst, die bei technisch gleicher Konzeption eine großzügige Motorleistung von 80 PS boten. Ein reizvolles Originalfoto eines solchen Wagens wird hier gelegentlich veröffentlicht.

Übrigens: Im Standardwerk zu Horch von Peter Kirchberg und Jürgen Pönisch (Verlag Delius Klasing, 2011) findet man auf Seite 239 ein restauriertes Exemplar genau des Typs auf unserem Foto.