Über Michael Schlenger

Ich bin Diplom-Volkswirt und arbeite als freiberuflicher Übersetzer, Texter und Lektor mit Spezialisierung auf die Finanzbranche. Privat sammle und warte ich historische Automobile und Motorräder - je älter und patinierter, desto besser. Auf bestimmte Marken bin ich nicht festgelegt. Mein Fotoarchiv umfasst mehrere tausend Originalaufnahmen von Vorkriegsfahrzeugen. Am Herzen liegen mir außerdem historische Baudenkmäler, Musik von der Renaissance bis zur Spätromantik sowie antike Literatur.

Fette Beute: Ein Peugeot Type 146 von 1913

Erst kürzlich hatte ich mich in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos mit einem eher kleinen Gefährt aus dem Hause Peugeot beschäftigt – dem Lion-Peugeot VC2 von 1909. Hier ein Foto eines solchen Wagens aus einem noch älteren Blogeintrag:

Lion-Peugeot_VC2_frz_Ak_1909_Galerie

Heute stelle ich einen Wagen vor, der vom Format her typischer für die Klasse ist, in der Peugeot sich damals bewegte.

Der Vergleich macht auch deutlich, was sich seinerzeit binnen nur vier Jahren an rasanter Entwicklung vollzog – nicht nur auf technischer Ebene, sondern vor allem in formaler Hinsicht.

Tatsächlich liegen Welten zwischen den beiden Peugeot-Typen – und nebenbei werden wir mit einer weiteren großen Zäsur konfrontiert, bei der das Automobil erstmals eine über das Privatvergnügen hinausgehende Rolle spielte, dem 1. Weltkrieg.

Hier haben wir nun das gute Stück auf einem Foto aus meiner Sammlung, für das ich einige Recherchen anstellen musste – ohne es erschöpfend interpretieren zu können:

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Peugeot Type 146; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass wir hier einen Peugeot vor uns haben, ist leicht an der markant verzierten Plakette am Oberteil des Kühlergehäuses zu erkennen.

Weit schwieriger ist dagegen die Identifikation des Typs, da Peugeot vor dem 1. Weltkrieg jedes Jahr neue Modelle herausbrachte, mitunter bis zu sechs an der Zahl, die oft nicht leicht auseinanderzuhalten sind.

In Frankreich mögen Kenner damit keine Probleme haben, doch hierzulande gibt es kaum Literatur mit brauchbaren Abbildungen zu den ganz frühen Peugeots. Ein rühmliche Ausnahme ist Wolfgang Schmarbecks Standardwerk „Alle Peugeot Automobile 1899 bis 1980“, das auch schon wieder bald vierzig Jahre alt ist.

Dort fand ich genügend Anhaltspunkte, um eine Typansprache zu wagen. Die Ausgangsbasis dabei die Kühlerform, die eine zeitliche Einengung erlaubt:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Frontpartie

Bis 1912 wurden bei Peugeot komplett flache Kühler verbaut, ab 1913 werden dann  solche mit abgerundetem Oberteil Standard. Damit kommen schon einmal nur Typen der Jahre 1913 und 1914 in Betracht.

Zwar baute Peugeot auch während des 1. Weltkriegs einige tausend Automobile, doch wurden vorerst keine neuen Typen mehr entwickelt. Für die Datierung bis 1914 spricht zudem die Tatsache, dass dieser Peugeot als Beutewagen im nordfranzösischen Lille eingesetzt wurde.

Die über Jahrhunderte immer wieder umkämpfte Festungsstadt im Grenzland zu Belgien war im Oktober 1914 von deutschen Truppen besetzt worden und blieb es bis 1918. Sicher kann ein sachkundiger Leser mehr zu der Bedeutung der Aufschrift auf der Motorhaube und dem Windlauf sagen.

Besagter Windlauf – also das Blech zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe – ist hier stark aufwärts geneigt. Das findet man so noch an Peugeots von 1913, aber kaum mehr an den ab 1914 gebauten Modellen.

Für mich ein Anlass, die weitere Recherche auf die Modelle des Jahres 1913 zu beschränken.  Hier kommen folgende Typen mit Limousinenaufbau in Betracht (allesamt Vierzylinder):

  • Type 144: 2,8 bzw. 3,2 Liter, 14 bzw. 16 PS, Radstand: 3,17 m
  • Type 146 bzw. 148: 4,5 Liter, 18 PS, Radstand: 3,48 bzw. 3,61 m
  • Type 147: 7,5 Liter, 40 PS, Radstand: 3,70 m

Diese Typen unterschieden sich in erster Linie in Hubraum und Leistung sowie im Radstand. Dies schlägt sich tendenziell in der Größe der Kühleröffnung und den Gesamtdimensionen nieder.

Den Hubraumgiganten Type 147 würde ich aufgrund der noch moderat erscheinenden Abmessungen des Wagens auf meinem Foto ausschließen.

Gegen den kleinen Typ 144 sprechen zwei Details: Zum einen scheint dieser über eine gerade Vorderachse verfügt zu haben (siehe hier), während der Peugeot aus Lille über eine in der Mitte geschwungene verfügt.

Zum anderen wurden alle genannten Peugeot-Typen bis auf den 144 im Werk Lille gebaut, waren also vor Ort wahrscheinlich gut verfügbar. Die Type 144 dagegen wurde im Werk in Audincourt an der Grenze zur Schweiz gefertigt.

Das ist sicher nur ein Indiz, doch passt die verbleibende Type 146 (bzw. die längere Version 148) letztlich gut zu dem, was uns dieses Bild an Informationen liefert. Tatsächlich konnte ich im Netz ein Foto finden, das einen noch existierenden Type 146 mit insgesamt sehr ähnlichen Details zeigt (hier).

Interessant ist nicht zuletzt die Übereinstimmung in folgender Partie:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Heckpartie

Man sieht hier unterhalb des rechten angewinkelten Beins des Fahrers (mit typischem Kragenspiegel) hinter dem Schaft des auf dem Trittbrett befestigten Karabiners den geschwungenen unteren Abschluss des Passagierabteils.

Das will für sich nichts besagen, da dies eine Karosserieelement ist, das tendenziell typ- und sogar markenunabhängig war. Doch ist es eben eine weitere Übereinstimmung so wie auch die große Nabenkappe an den Hinterrädern.

Hier findet sich aber zugleich eine hochinteressante Abweichung: Dieser Peugeot des (mutmaßlichen Typs 146) war hinten mit Zwillingsreifen ausgerüstet. Platz dafür war ausreichend vorhanden unter dem Schutzblech, wie der Vergleich zeigt.

Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer Werksmodifikation zu tun, die wohl noch vor Ankunft der deutschen Truppen in Lille erfolgt ist.

Damit hätten die Besatzungssoldaten im doppelten Sinne „fette“ Beute gemacht. Denn auch mit „nur“ 18 PS war diese Chauffeur-Limousine ein repräsentatives Fahrzeug, das zuvor wahrscheinlich einem hohen französischen Militär gedient hatte.

Mit der Zwillingsbereifung bot der Peugeot dem neuen Besitzer eine bessere Traktion an der Hinterachse, in schlammigem Gelände sicher ein Vorteil.

Hier sieht man übrigens den zweiten Fahrer hinter dem Lenkrad:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Frontscheibe

Auf diesem Ausschnitt lassen sich zudem in wünschenswerter Deutlichkeit weitere Details studieren, die bei der Identifikation anderer Peugeot-Fotos hilfreich sein können:

  • der in das abgeschrägte Kühleroberteil eingelassene Kühlwassereinfüllstutzen mit oben pilzfömig abgerundetem Deckel und Griffmulden,
  • der im Windlauf schrägstehende Tankeinfüllstutzen,
  • die Ausführung des feststehenden Frontscheibenrahmens mit mittiger Unterteilung und ausstellbarem Oberteil

Insgesamt ist das ein ausgezeichneter Befund für einen über 100 Jahre alten Peugeot, auch wenn die Typansprache letztlich auf einer Reihe von Indizien beruht.

Wer mehr zu diesem speziellen Fahrzeug, seinem Einsatzort auf deutscher Seite oder gar zum möglicherweise prominenten Passagier sagen kann, möge dies über die Kommentarfunktion tun.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Großes Kino: Mercedes 320 Cabrio F in Berchtesgaden

Die Vorkriegsmodelle von Mercedes-Benz gehören zu den eher seltenen Gästen in meinem Blog. Das hat nichts mit einer spezifischen Abneigung zu tun.

Tatsächlich meine ich, dass es keine andere deutsche Marke vermocht hat, in jeder Modellgeneration bis heute mindestens einen Typ mit klassischer Eleganz auszustatten.  Den Tiefpunkt markierten zwar die Wagen der 1970er und frühen 1980er Jahre, doch selbst damals rettete wenigstens ein Coupé für mich das Markenimage.

Was jedoch auch bei Mercedes-Benz längst passé ist, das ist die Epoche der großen Cabriolets. Dabei waren sie es, die in den 1930er Jahren der mitunter behäbig daherkommenden schwäbischen Marke einen mondänen Anstrich verliehen.

Natürlich sind die Vertreter dieser Blütezeit bestens dokumentiert. Das ist der eigentliche Grund, weshalb sich mein Ehrgeiz auf diesem Sektor in Grenzen hält.

Den Freunden von Vorkriegs-Mercedes kann man kaum etwas bieten, was nicht längst x-fach als historische Aufnahme veröffentlicht wäre oder sogar als überlebendes Fahrzeug zu bewundern ist.

Ein schönes Beispiel dafür ist dieses herrliche Cabriolet A auf Basis des feinen Sechszylindermodells 320, das in dieser Form nur 1937/38 gebaut wurde:

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Mercedes 320 Cabriolet A; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieses Prachtexemplar war live und in Farbe im Jahr 2016 auf dem Besucherparkplatz der Classic Days auf Schloss Dyck zu bewundern.

Der 320er Mercedes mit seinem 78 PS starken Sechszylinder und dem auch bei hohen Geschwindigkeiten ausgezeichnet reagierenden Fahrwerk verwies in dieser Ausführung in einigen Details auf die Spitzenmodelle der Firma, namentlich den legendären 540 K Roadster.

Die nach hinten abfallende Seitenlinie ist das genaue Gegenteil der Formensprache heutiger Cabriolets – das gibt es einfach nicht mehr, auch wenn die Formel „lange Haube, kurzes Heck“ immer noch zu ansprechenden Ergebnissen führen kann.

Wo es ein Cabriolet A gab, musste es in der Mercedes-Palette auch ein Cabriolet B geben. Das war aber keineswegs zweite Wahl, sondern bot ebenfalls ein attraktives Äußeres in Kombination mit einem größeren Platzangebot.

Die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung dürfte ein solches Exemplar zeigen (ausführliches Porträt hier):

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Mercedes-Benz 320 Cabriolet B; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben diesen hinreißend gestalteten „kleinen“ Cabriolets bot Mercedes einer konservativen Klientel auch weiterhin größere offene Wagen, die an die Tradition der sechs- bis siebensitzigen Tourenwagen anknüpften.

Im Unterschied zu diesen traditionellen Modellen mit ihrem dünnen Verdeck und seitlichen Steckscheiben bot Mercedes beim 320er eine ähnlich großzügige Ausführung in Kombination mit Kurbelfenstern und einem gefütterten Verdeck.

In der Mercedes-Nomenklatur wurde ein solcher Aufbau als „Cabriolet F“ bezeichnet, wenn ich das richtig sehe. Während klassische Tourenwagen in den 1930er Jahren nur noch ein Nischendasein bei Polizei und Militär führten, scheint auch das große Cabriolet „F“ nur selten gewählt worden zu sein.

So kommt es, dass das folgende Foto eines solchen Exemplars beinahe eine kleine Rarität darstellt:

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Mercedes-Benz 320 Cabriolet F; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während der Vorderwagen identisch mit dem der raffinierten „kleinen“ Cabriolets auf Basis des Mercedes 320 ist, ist es ab der schrägstehenden Frontscheibe mit der Eleganz weitgehend vorbei.

Vier Türen und – vermutlich – drei Sitzreihen fordern erkennbar ihren Tribut. Zum einen ist hier der Radstand deutlich länger (3,30 m statt 2,88 m). Zum anderen verläuft die Seitenlinie bis über die Hinterachse hinaus annähernd waagerecht.

Langeweile kommt dennoch nicht auf, denn auch hier ist in der Horizontalen kaum eine Linie ganz gerade. Wie in der klassischen Baukunst beherrschten die Gestalter und Handwerker damals die Kunst der kalkulierten Abweichung von der öden Geraden.

Das erklärt, weshalb selbst dieser kolossale Wagen mit einer Gesamtlänge von über fünf Metern immer noch Spannung im Karosseriekörper aufweist.

Gern wüsste man, wer die Insassen dieses eindrucksvollen Mercedes-Benz 320 Cabriolet F waren:

Mercedes_320_Cabriolet_F_Berchtesgaden_Foto_Rudert_Solingen_Ausschnitt

Sie verkörpern für mich allesamt prächtige Individuen – leider wissen wir nicht mehr über sie, als dass sie mit dem Mercedes einst in Berchtesgaden unterwegs waren. Der Abzug stammt vom Fotohaus Rudert in Solingen.

Im übrigen sprechen solche Bilder für sich, wenn man die Gesichter und den Habitus der Menschen studiert, die darauf in einem Moment ihres Daseins festgehalten sind.

Von dem, was wir auf dem Foto sehen, ist jedoch außer den uralten Felsen im Hintergrund bestenfalls noch der Mercedes existent – oder es schmücken zumindest der Kühlergrill oder eine Radkappe die Sammlung eines Enthusiasten, ohne dass er weiß, woher die Teile stammen.

Dank des Internet gibt es einen Weg, zumindest teilweise die Welt von damals wieder auferstehen zu lassen, in der der Mercedes-Benz 320 einst Furore machte.

Treue Leser meines Blogs wissen vermutlich, was nun kommt und werden es wie ich auch beim x-ten Mal genießen – gleich zwei Mercedes 320 Cabrios (und der eine oder andere Wagen) beschwingt unterwegs auf Deutschlandreise:

© Videoquelle YouTube; Urheberrecht des Zusammenschnitts: Deutschlandsender

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Eine Frau will nach oben: Horch 10/50 PS Tourer

Nein, der Titel meines heutigen Blogeintrags ist keine Anspielung auf gewisse Personalverschiebungen in der Brüsseler EU-Bürokratie.

Er hat auch nichts mit der künftigen Kommandantin der Operettenarmee zu tun, für deren offenbar gewollte Inkompetenz der (von Politikern gern bemühten) deutschen Krankenschwester, dem Polizisten oder der Verkäuferin (und weiteren ungenannt bleibenden Untertanen) rund 43,5 Mrd. Euro jährlich abgepresst werden (Stand: 2019).

Um der Gefahr zu entgehen, mich angesichts gegenwärtiger politischer Realsatiren totlachen zu müssen, begebe ich mich lieber auf Zeitreise. Vor 90 Jahren konnte eine Frau tatsächlich nach oben gelangen, wenn sie denn wollte und wenn sie es konnte.

Zugegeben, ganz einfach war das nicht und dann noch gegen so zahlreiche männliche Konkurrenz. Aber sie hat es geschafft, aus eigenen Kräften und zur Freude (fast) aller:

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Horch 10/50 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da thront sie nun, souverän in die Ferne blickend – und kein Zittern ist ihr anzusehen in Anbetracht ihrer herausgehobenen Position.

Die Herren in ihrem Gefolge scheinen sich überwiegend mit ihrer Rolle als Staffage abzufinden, nur einer von ihnen scheint die Situation zu missbilligen. Auch wenn er sich hier im Hintergrund hält, ist er die Schlüsselperson, wie wir gleich sehen werden.

Was aber ist das für ein eindrucksvoller Tourenwagen, der hier das Bühnenbild abgibt? Das wäre schwer zu ermitteln, wenn der Fotograf die Szene nicht aus einem günstigen Blickwinkel aufgenommen hätte:

Horch_10-50_PS_Tourer_Gruppenaufnahme_Frontpartie

Hinter unserer Dame, die es bis „ganz nach oben“ geschafft hat und sich triumphierend gibt, schaut eine erkennbar missgelaunte Person in die Kamera:

„Verdammt, dass die Herrschaften sich hier präsentieren können, ist allein mein Verdienst. Ich halte die Fuhre sieben Tage die Woche am Laufen und was bleibt mir vom Verdienst? Wenigstens die Schirmmütze konnte ich mir noch leisten, aber sonst? Wohne zur Miete, habe kein Vermögen und bekomme eine Mini-Rente, wenn ich Glück habe…“.

Dieses Lamento eines namenlosen Abgabenknechts darf man hierzulande als zeitlos ansehen (die kaiserliche Sektsteuer lässt grüßen…). Doch eines muss man dem guten Mann lassen: Er wusste zumindest noch, wofür es sich lohnte, sich ins Zeug zu legen.

Das verrät das gekrönte „H“ auf seiner Schirmmütze – ein Verweis auf die sächsische Nobelmarke Horch, deren Typ 10/50 PS wir hier vor uns haben. Das Emblem findet sich auf der Kühlereinfassung des Wagens schemenhaft wieder.

Auch die übrigen Details passen vollkommen zum nüchtern gestalteten Horch, der Mitte der 1920er Jahre (Bauzeit: 1924-26) noch mit einem Vierzylindermotor auskommen musste – immerhin moderner Bauart mit kopfgesteuerten Ventilen.

Auch die Stoßdämpfer und Bremsen an allen vier Rädern weisen den Horch 10/50 PS als zeitgemäße Konstruktion aus.

In meiner Horch-Galerie sind inzwischen etliche Fotos dieses in mehr als 2.000 Exemplaren gebauten Wagens vertreten.

Doch zur Veranschaulichung des Aussehens der Tourenwagenausführung ganz ohne Entourage möchte ich eine Aufnahme präsentieren, die mir Leser Matthias Schmidt dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat:

Horch_10-50_PS_Matthias_Schmidt_2_Galerie

Horch 10/50 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Sieht man von den hier fehlenden Positionslichtern auf den Frontschutzblechen ab, stimmen die beiden Wagen in allen Details überein.

Markant ist nicht nur die Kühlersilhouette, sondern auch die mittig unterteilte Windschutzscheibe, die man bei den meisten offenen Versionen des Horch 10/50 PS antrifft.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind die recht weit unten in der Motorhaube angebrachten Luftschlitze – eine ganz ähnliche Anordnung findet man beim zeitgenössischen Fiat 512.

Hier zum Vergleich der Frontpartie eine Ausschnittsvergrößerung aus dem Foto von Matthias Schmidt:

Horch_10-50_PS_Matthias_Schmidt_2_Frontpartiejpg

Am vorderen Ende des Rahmens, wo die Innenseite des Schutzblechs ausläuft, sieht man das runde Gehäuse der vorderen Bandstoßdämpfer, die auf vielen Fotos kaum oder gar nicht erkennbar sind. Ob sie serienmäßig verbaut wurden, mag baujahrabhängig gewesen sein.

Günstig ist bei dieser Aufnahme, dass das Ersatzrad nicht montiert ist, denn so kann man die wie gemeißelt wirkenden Linien des Vorderwagens studieren. Die Ähnlichkeit mit den klassisch klar gezeichneten Fiats jener Zeit ist frappierend.

Solche nüchternen Linien lagen Mitte der 1920er Jahre in der Luft und Horch fand mit seinem blitzsauber gezeichneten – wenn auch äußerlich beliebig wirkenden – Typ 10/50 PS Anklang bei den wenigen Deutschen, die sich damals überhaupt ein solches Auto leisten konnten.

Heute verbinden die meisten Vorkriegsautofreunde mit der Marke Horch Wagen der Luxusklasse – angetrieben von raffinierten Acht- und Zwölzylindermotoren. Umso rarer sind überlebende Exemplare des Vierzylindertyps 10/50 PS:

Hier ist eines, von mir aufgenommen 2018 bei den „Classic Days“ auf Schloss Dyck:

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Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

So unauffällig ein solcher Horch auf diesen Fotos wirkt – in natura ist ein derartiges Automobil für uns Betrachter im 21. Jahrhundert eine Offenbarung.

An diesen großartigen Relikten einer zunehmend fernen Vergangenheit ist beinahe alles anders, als wir es heute bei Autos kennen. Doch für mich macht gerade die Andersartigkeit den besonderen Reiz von Vorkriegsautos aus.

Zudem kann man mit dem Studium dieser Zeugen menschlichen Erfindungsgeistes und handwerklichen Könnens einer Gegenwart entfliehen, in denen man zunehmend den Eindruck hat, dass mittlerweile Nichtskönner (m/w) es ganz nach oben schaffen

Meine aktuelle Empfehlung dafür sind die Classic Days auf Schloss Dyck. Vielleicht sehen wir uns ja dort – ich bin von Freitag bis Sonntag vor Ort!

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Wunderbar: Wanderer W11 „Gläser“-Cabrio von 1931

Im heutigen Blog-Eintrag geht es um einen alten Bekannten – zumindest für Leser, die meiner Dokumentation von Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum schon eine Weile folgen.

Es geht um den von 1928 bis 1932 gebauten Typ W11 von Wanderer, mit dem die bis dato auf brave Vierzylinder spezialisierte sächsische Marke erstmals in die prestigeträchtige Sechszylinderklasse vorstieß.

Nach etwas bieder geratenem Beginn verpasste man dem 50 PS starken, großzügig dimensionierten Wagen ab 1929 ein angemessenes Erscheinungsbild.

Das lässt sich anhand einiger Originalfotos nachvollziehen, die ich bereits besprochen habe, darunter auch solche von Lesern (Dank an: Marcus Bengsch, Martin Möbus und Klaas Dierks):

Schnell zeigt sich, dass kaum einer dieser imposanten Wanderer-Wagen des Typs W11 wie der andere aussah.

Kein Wunder – Wanderer stellte den Karosseriebau beginnend im Jahr 1929 ein, und rund ein Dutzend Karosseriehersteller lieferten von da an Aufbauten für das Modell.

Nur die Frontpartie folgte den gestalterischen Vorgaben des Werks. Und genau dort vollzogen sich Änderungen, die das Erscheinungsbild entscheidend beeinflussten.

In den Modelljahren 1929 und 1930 präsentierte sich die Kühlerpartie des Wanderer W11 wie auf diesem Bildausschnitt:

Wanderer_W11_1929-30_Harzburg_Pfingsten_1932_Sammlung_Bengsch_Frontpartie

Wanderer W11 10/50 PS; Ausschnitt aus Originalfoto von Marcus Bengsch

Man beachte zum einen das traditionelle Wanderer-Emblem im oberen Teil der Kühlereinfassung, deren Unterseite markant geschwungen und stark profiliert ausgeführt war. Typisch ist zum anderen die optisch zweigeteilte Ausführung der Vorderschutzbleche mit ausgeprägten Sicken.

Das Fehlen der damals Wanderer-typischen Fahrtrichtungsleuchten auf den Kotflügeln ist ein Beleg für die oft individuelle Ausführung dieser Wagen (siehe das Porträt dieses Wagens hier) bzw. die spätere Nachrüstung von Winkern.

1931 kam es beim Wanderer W11 zu einer optischen Überarbeitung, die dem Wagen beinahe ein neues Gesicht gab:

Wanderer_W11_10-50_PS_1930-31_Gläser_Cabriolet_Nachkrieg_Galerie

Wanderer W11 10/50 PS; Originalffoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was hat sich hier getan? Im Wesentlichen zwei Dinge:

  • Die Kühlereinfassung wurde oben schlichter – d.h. „geradliniger“ – gestaltet und das altvertraute Wanderer-Emblem wich einem neuen Logo.
  • Die bis dato markant profilierten Vorderschutzbleche wichen glattflächigen Kotflügeln, die wie aus einem Guss wirken.

Beibehalten wurden die Wanderer-Kühlerfigur, die Doppelstoßstangen und die Scheinwerferstange.

Erstaunlich, welchen Effekt diese überschaubaren Veränderungen bewirkten. Denn der Wanderer W11 auf obigem Foto, das um 1970 bei einer Veteranenveranstaltung in Ostdeutschland entstand, könnte glatt für einen Cadillac durchgehen.

Wer das für übertrieben hält, studiere die folgende Aufnahme, die bei derselben Gelegenheit entstand (Zufälle gibt es…):

Cadillac_1930_DDR_Galerie

Cadillac von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen vom unteren Kühlerabschluss wirkt dieser Wagen dem Wanderer wie aus dem Gesicht geschnitten.

Tatsächlich verhält es sich umgekehrt, denn diese zweite Aufnahme zeigt einen Cadillac von 1930. An dessen Äußerem hatte man bei Wanderer offenbar Maß genommen – ein Hinweis auf das Selbstbewusstsein, das man entwickelt hatte, aber auch auf die Vorbildwirkung von US-Automobilen noch in den frühen 1930er Jahren.

Nebenbei sind diese beiden Aufnahmen Zeugen der schon sehr früh lebendigen Vorkriegsautoszene im sich damals ausdrücklich „demokratisch“ nennenden Teil Deutschlands. Merke: Was besonders betont werden muss, ist meist nicht gegeben.

Was in Ostdeutschland unter den Bedingungen des Sozialismus an Vorkriegsautovielfalt erhalten worden ist, verdient Bewunderung und Dank.

Es mag damit zu tun haben, dass „die Partei“, deren Nachfolgeorganisation heute beschämenderweise im Bundestag sitzt, den „Genossen“ nur Fahrzeuge primitiver Bauart zubilligte (sofern sie verfügbar waren).

Einen Sechs- oder gar Achtzylinderwagen aus der Vorkriegszeit zu besitzen, muss da auf unerschrockene Charaktere magische Anziehungskraft gehabt haben.

Solchen Luxus im „Arbeiter- und Bauernstaat“, der unerlaubt in den kapitalistischen Westen ausreisende Insassen hinterrücks erschießen ließ, am Leben zu halten, mag bei manchem ein Akt der inneren Emigration gewesen sein.

Heute können wir uns so über eine Vielzahl herrlicher Vorkriegswagen freuen, die im Westen weitgehend verschwunden sind. Sicher wird der wunderbare Wanderer W11, den ich hier in der Ausführung als Cabriolet von „Gläser“ zeigen durfte, noch existieren.

Übrigens werde ich dem prächtigen Cadillac von 1930 gelegentlich ebenfalls noch meine Aufwartung machen…

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1909: Ein Lion-Peugeot VC2 im Crashtest beim Barras

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags ist ebensowenig ernst gemeint wie das Foto, das ich darin vorstelle. Wer übrigens mit „Barras“ nichts anzufangen weiß, dem sei gesagt, dass es sich um einen Begriff aus der Soldatensprache handelt.

Dessen Herkunft ist zwar ungeklärt, doch sprach man seit dem späten 19. Jh. im Deutschen Reich vom „Barras“, wenn man das Militär meinte, in dem alle wehrdiensttauglichen Männer zwei bis drei Jahre zu dienen hatten – eine heute unvorstellbare Inanspruchnahme.

Dort hatten die meisten jungen Männer – die ab 17 Jahren eingezogen werden konnten – erstmals Kontakt mit der noch jungen Automobiltechnik. Entsprechend oft finden sich gestellte Aufnahmen, die Soldaten mit den ihnen anvertrauten Wagen zeigen und mit denen man die Angehörigen oder die Verlobte beeindrucken konnte.

Ein sehr frühes Beispiel für eine solche Aufnahme zeigt das folgende Foto aus meiner Sammlung, das handschriftlich auf 1909 datiert ist:

Lion-Peugeot_VC2_Pk_von_1909_nach Zeitz_Galerie

Lion-Peugeot Typ VC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses aufwendig inszenierte Foto wurde als Postkarte in Deutschland versandt (nach Zeitz in Sachsen-Anhalt). Dies lässt zunächst vermuten, dass auch der abgebildete Wagen aus heimischer Produktion stammt, zumal er deutsche Soldaten zeigt.

Doch vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an einen nahezu identischen Wagen, den ich vor einigen Monaten erstmals vorgestellt habe – einen Lion-Peugeot Typ VC2 von 1909/10.

Lion-Peugeot war eine von der Firma Automobiles Peugeot formell unabhängige Marke, die zwischen 1906 und 1916 in Beaulieu eigenständige Kleinwagen fertigte, die unterhalb der in Audincourt und Lille gebauten größeren Peugeots angesiedelt waren.

Hier zum Vergleich der Lion-Peugeot, den ich seinerzeit (hier) vorgestellt habe:

Lion-Peugeot_VC2_frz_Ak_1909_Galerie

Lion-Peugeot Typ VC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der (demontierbaren) Frontscheibe abgesehen stimmen die beiden Fahrzeuge praktisch in allen Details überein.

Den entscheidenden Hinweis auf den Hersteller gibt in beiden Fällen der oben abgerundete Kasten vor dem Hinterrad, hinter dem sich die vordere Aufnahme der Blattfeder befindet. Das dort angebrachte gelochte Blech ist typisch für Lion-Peugeot.

So erwachsen das Fahrzeug auf den ersten Blick wirkt, so bescheiden waren die Leistungsdaten. Unter der Motorhaube verbarg sich ein 9 PS-Einzylinder mit 1 Liter Hubraum, der je nach Hinterradübersetzung eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 45 km/h ermöglichte.

Knapp 1.200 Exemplare wurden von diesem Typ VC2 in den Jahren 1909/10 gebaut – für damalige Verhältnisse war das eine ganze Menge. Nun mag man sich fragen, wie ein solcher Lion-Peugeot, für den in Frankreich ein großer Markt vorhanden war, beim deutschen Militär landete.

Gehen wir davon aus, dass die handschriftliche Datierung auf das Jahr 1909 zutrifft – garantiert ist das nicht, wie die Erfahrung zeigt – dann handelt es sich nicht um ein Beutefahrzeug aus der Zeit des 1. Weltkriegs, zumal es dann veraltet gewesen wäre.

Meine Erklärung ist die, dass das Foto im Elsass entstand, das nach dem 1870 von Frankreich angezettelten (und verlorenen) Krieg wieder einmal zu Deutschland gehörte – historisch wechselte das Elsass bekanntlich öfters den „Besitzer“, zum Leidwesen seiner Bevölkerung, die eigentlich einen Autonomiestatus verdient hätte.

Vielleicht kann ein Leser Näheres zu der Infanterieeinheit sagen, die sich anlässlich dieser Aufnahme einen makabren Spaß mit dem Lion-Peugeot VC2 erlaubt hat.

Ich meine, auf den Schulterklappen einiger der Männer eine „108“ zu erkennen – vermutlich die Regiments-Nummer. Dann hätten wir es mit einer Einheit der Königlich-Sächsischen Armee zu tun – und meine schöne Elsass-These wäre hinfällig.

Wie immer bin ich dankbar für sachkundige Hinweise, die dann auch in den Blog-Eintrag einfließen. Jedenfalls interessiert mich brennend, wo und wie dieser Lion-Peugeot einst zum simulierten „Crashtest“ eingesetzt wurde…

Nachtrag:

Leser und Wk1-Kenner Klaas Dierks bestätigte mir, dass die Schulterklappen der Soldaten auf das Schützen-Regiment 108 aus Sachsen verweisen. Bei den Männern handelt es sich um Unteroffiziere, die zum dunklen Waffenrock wahrscheinlich weiße Drillichhosen tragen, wie sie zu Arbeiten in der Kaserne angeordnet werden konnten. Somit hatte es den Lion-Peugeot tatsächlich nach Sachsen verschlagen…

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Exklusive Erscheinung: Packard von 1933 in Ascona

Zum Auftakt des Jahres 2019 habe ich mich zuletzt mit einem Wagen der amerikanischen Luxusmarke Packard befasst – anhand einer Originalaufnahme der späten 1920er Jahre, die einst in der Schweiz entstand (Bildbericht).

Inzwischen haben wir Sommer und diesmal kann ich gleich zwei ausgesprochen interessante Originalfotos zeigen, die einen einige Jahre jüngeren Packard unter südlicher Sonne zeigen – aber ebenfalls noch in der Schweiz.

Der heutige Ausflug führt uns ins Tessin, das kulturell gesehen schon ein Teil Italiens ist. Die beiden Aufnahmen entstanden ausweislich eines handschriftlichen Vermerks auf der Rückseite 1934 in Ascona am oberen Ende des Lago Maggiore.

Wer heute vom Gotthard kommend dort am westlichen Seeufer gen Süden strebt, fährt glatt an dem Ort vorbei – durch einen Straßentunnel, der einen auch Locarno verpassen lässt.

Vor 85 Jahren ging es dort auf ganz andere Welt exklusiv zu – wie dieser offene Zweitürer bezeugt, der 1934 in Ascona Halt machte:

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Packard von 1933; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand des charakteristisch profilierten Kühleroberteils lässt sich der Wagen auf Anhieb als Packard ansprechen. Die seitlich heruntergezogenen Vorderschutzbleche erlauben eine Datierung auf „frühestens 1933“.

Die Scheibenräder waren damals nur auf Wunsch erhältlich – Standard waren Drahtspeichenräder. Da die Literatur für den sehr ähnlichen Packard des Modelljahrs 1934 nur noch Speichenräder erwähnt, dürfte dieser Wagen von 1933 stammen.

Während der Vorderwagen mit den verstellbaren seitlichen Luftklappen in der Motorhaube vollkommen den 17 (!) Werkskarosserien zu entsprechen scheint, scheint mir ab der extrem niedrigen Frontscheibe ein Manufakturaufbau zu folgen.

Die eigenwillige Ausführung als Sedan-Cabriolet – erkennbar an den feststehenden Fenstersäulen – wirkt auf mich europäisch. Leider kann man auf dem Originalabzug nicht erkennen, was auf der Plakette des Karosseriebauers an der Schwellerpartie hinter dem Ersatzrad steht.

Sollte jemand eine Idee zur Herkunft dieses exklusiven Aufbaus haben, freue ich mich über einen Hinweis (Kommentarfunktion). Unterdessen widmen wir uns der zweiten Aufnahme, die zwar keinen weiteren Aufschluss liefert, aber noch reizvoller ist:

Packard_1933_Ascona_1934_2_Galerie

Packard von 1933; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier hat sich dem Fahrer von der ersten Aufnahme, der einen schicken Staubmantel trägt, eine elegant gekleidete Dame zugesellt.

Ob sie ein luftiges langes Kleid oder eine Art Hosenanzug trägt, ist schwer zu erkennen. Jedenfalls macht sie perfekte Figur zu dem exklusiven Wagen, der damals in Europa nur wenige Konkurrenten hatte.

Verfügbar war der Packard des Modelljahrs 1933 – übrigens bestätigt die Ausführung der Stoßstange die Datierung – als Basisversion mit 120 PS starkem Achtzylinder. Wahlweise war eine 145 PS leistende Variante erhältlich, außerdem ein 7,5 Liter großer Zwölfzylinder mit 160 PS.

Interessanterweise wurden die luftdruckunterstützten Vierradbremsen mechanisch und nicht hydraulisch betätigt. Da die US-Automobilindustrie Pionier bei Hydraulikbremsen war, muss die selektive Weiterverwendung von mechanischen Bremsen bei einer Luxusmarke wie Packard gute Gründe gehabt haben.

Vielleicht kann auch jemand etwas zu dem Kennzeichen sagen, das weder ein deutsches, schweizerisches oder italienisches ist. Könnte es ein tschechisches sein?

Gern würden wir die beiden Packard-Insassen dazu befragen:

Packard_1933_Ascona_1934_2_Galerie2

Doch wie so oft bei solchen Dokumenten aus der Welt der Vorkriegszeit sind diese Fotos aus Ascona wohl alles, was von der Reise der beiden im Sommer 1934 geblieben ist…

Nachtrag: Laut Leser Robert Rozemann dürfte es sich um ein niederländisches Kennzeichen handeln (HZ für Zuid-Holland).

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Reizvoller Zwischenstopp: Stoewer R-140 von 1932

Der Titel meines heutigen Blogeintrags ist durchaus doppeldeutig angelegt. Denn reizvoll ist nicht nur die Szene eines Zwischenstopps zum Auftanken, um die es geht, sondern auch der Aufbau des Wagens, der darin die Hauptrolle spielt.

Um es vorwegzunehmen, handelt es sich um einen Zwischentyp, der in der mir zugänglichen Literatur Erwähnung findet, aber nicht bildlich dokumentiert ist. So zeigt sich wieder einmal, dass auch im 21. Jh. historische Fotos von Wagen der Vorkriegszeit immer noch für angenehme Überraschungen gut sind.

Wo beginnen? Am besten mit einer kleinen Rückblende zum Vorgänger des Modells, das im Mittelpunkt steht: Anfang 1931 bot die Stettiner Traditionsmarke Stoewer den ersten deutschen Serienwagen mit Frontantrieb an und kam damit DKW zuvor.

Typ V5 nannte man den kompakten Wagen recht prosaisch. Seine Vorzüge, aber auch seine Schwächen, die einem größeren Erfolg entgegenstanden, habe ich hier ausführlich geschildert.

Das seinerzeit verwendete Foto eines solchen Stoewer V5 bringe ich nochmals, da es den Ausgangspunkt der heutigen Reise durch ein kurzes, aber abwechslungsreiches Kapitel Stoewer-Geschichte darstellt:

Stoewer_V5_Limousine_Ausschnitt

Stoewer Typ V5; Originalfoto  aus Sammlug Michael Schlenger

Die Qualität dieses Bildausschnitts ist nicht die beste, aber von einem Kompaktwagen wie diesem, von dem nur etwas mehr als 2.100 Exemplare entstanden, muss man überhaupt erst einmal ein Originalfoto finden.

Sonderlich eindrucksvoll wirkt der Wagen hier nicht gerade, insbesondere wenn man noch die mächtigen 8-Zylinder-Dickschiffe vor Augen hat, auf die sich Stoewer Ende der 1920er Jahre konzentriert hatte.

Doch angesichts der Wirtschaftskrise mussten auch die Stettiner kleinere Brötchen backen – immerhin gelang es ihnen, dem Schicksal vieler damals untergegangener deutscher Marken zu entgehen.

Da sich bei aller Genialität des Entwurfs der 1,2 Liter messende V4-Motor des neuen Fronantriebswagens bald als unausgereift erwies, musste man rasch Abhilfe schaffen.

Die geschah durch Entwicklung eines neuen Reihenvierzylinders mit 1,4 Liter Hubraum und 30 PS Leistung. Die Aufbauten blieben anfangs die gleichen, doch verlängerte man den Radstand um 25 cm.

Dies kam in vollem Umfang dem Vorderwagen zugute und verwandelte den Stoewer mit einem Male in ein fast sportlich wirkendes Automobil, dem man auch einen deutlich hubraumstärkeren Sechszylinder zugetraut hätte:

Stoewer_R-140_2-türige_Limousine_Sommer_1933_Galerie

Stoewer Typ R-140; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Effekt ist frappierend, zumal der Aufbau als zweitürige Limousine vollkommen identisch mit dem des zuvor gezeigten Stoewer Typ V5 ist.

Bei dieser gelungenen Ausführung handelte es sich tatsächlich nur um einen kurzfristig erhältlichen Zwischentyp, der kein halbes Jahr später durch eine 4-türige Limousine abgelöst wurde.

Damit stellt diese Aufnahme nicht nur ein reizvolles Dokument eines Zwischenstopps an einer „B.V. Aral“-Tankstelle im Sommer 1933 dar. Es ist zugleich ein rarer Beleg für das kurze Weiterleben der 2-türigen Karosserie des Vorgängertyp V5.

Kurioserweise ist mir von der ab Februar 1933 gebauten, häufigeren 4-türigen Limousine des Stoewer Typ R-140 bislang noch kein Foto ins Netz gegangen.

Dienen kann ich dafür aber mit einer anderen, weit raffinierteren Ausführung des Stoewer R-140:

Stoewer_R-140_Sportkabriolett_Galerie

Stoewer R-140 Sportcabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser hinreißende offene Zweisitzer, der zum Schönsten gehört, was einst in den Stoewer-Werken in Stettin an der Ostsee entstand, war bereits Gegenstand eines älteren Blogeintrags.

Auch dieses Prachtstück sollte sich als kurzlebige Episode in der an Höhen und Tiefen reichen, 45 Jahre umfassenden Geschichte des Automobilbaus bei Stoewer erweisen. Aber wie man sieht, sind solche Momentaufnahmen oft von besonderem Reiz…

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Macht mächtig Eindruck: DKW Sonderklasse 1001

Mit der sächsischen Marke DKW verbinden Freunde von Vorkriegsfahrzeugen in erster Linie die einst weltweit führenden Motorräder und die Frontantriebswagen, die mit ihrem Zweizylindermotor ebenfalls Zweitaktcharme versprühten.

Meist übersehen werden die seltenen Heckantriebsmodelle mit 4-Zylinderaggregat, mit denen DKW ab Frühjahr 1930 erwachsen wirkende Automobile anbot.

Hier einige bereits vorgestellte Fotos dieser als DKW 4=8 800 bzw. 1000 firmierenden Gefährte aus meiner Sammlung sowie von Lesern meines Blogs (Rolf Ackermann und Volker Wissemann):

Diese trotz Holzkarosserie recht solide wirkenden Vierzylinder-DKWs mit 22 bzw. 25 PS (der Leistungsklasse des späteren Volkswagens) erhielten 1933 einen Nachfolger, der bei kaum veränderter Technik beinahe mondän wirkte – die DKW „Sonderklasse“.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an diese schöne Aufnahme eines DKW Sonderklasse 1001 mit Zulassung im Raum Berlin:

DKW_Sonderklasse_1001_Galerie

DKW Sonderklasse 1001; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein ausführliches Porträt einschließlich Würdigung der Passagiere findet sich hier. Da von diesen äußerlich attraktiven, wenngleich nicht billigen Wagen bis 1935 nur etwas mehr als 6.000 Exemplare entstanden, sind Fotos davon eher selten.

Heute habe ich das Vergnügen, gleich zwei „neue“ Aufnahmen dieses raren Vierzylindertyps von DKW präsentieren zu können, die ihren ganz eigenen Reiz haben.

Dabei erwies sich Foto Nr. 1 – aus der Sammlung von Klaas Dierks – zunächst als schwieriger Fall:

DKW_Sonderklasse_1001_Dierks_Galerie2

DKW Sonderklasse 1001; Ausschnitt eines Originalfotos aus Sammlung Klaas Dierks

Die lackierten Drahtspeichenräder und der üppige Einsatz von Chrom – nicht nur an Scheinwerfer und Stoßstangen, sondern auch an der Ersatzradeinfassung – lassen zusammen mit dem stilsicher geschnittenen Aufbau mindestens an einen Wagen der gehobenen Mittelklasse denken.

Dass wir nur einen DKW mit 1-Liter-Zweitaktmotor und selbsttragender Holzkarosserie (kein Witz) vor uns haben, mag man kaum glauben.

Erst der Wimpel mit dem typischen DKW-Emblem auf dem Kühlerverschlussdeckel brachte mich auf die richtige Spur. Überhaupt fällt auf, wie gut es DKW gelang, seine technisch eher simplen Autos nicht wie ordinäre Kleinwagen wirken zu lassen.

Den Vogel ab schießt in dieser Hinsicht das folgende bisher unpublizierte Dokument, das ebenfalls einen DKW Sonderklasse 1001 zeigt:

DKW_Sonderklasse_1001_von den Russen_geklaut_Galerie

DKW Sonderklasse 1001; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese hervorragende Aufnahme aus meiner Sammlung mit ihrer kühnen Perspektive, perfekten Belichtung und gekonnt gelegten Schärfentiefe ist ein Beispiel für Privatfotos, die mit Werksaufnahmen mithalten können oder diese sogar übertreffen.

Der Aufbau entspricht vollkommen der ab Werk lieferbaren zweitürigen Cabrio-Limousine. Die feinen Drahtspeichenräder waren zwar aufpreispflichtig, doch findet man sie auf den meisten mir bekannten Fotos dieses Typs. Sie tragen auch einiges zur eleganten Wirkung des Wagens bei.

Gut zu erkennen ist die unterschiedliche Reflektion des Lacks auf den (stählernen) Schutzblechen und dem (kunstlederbespannten) Seitenteil der Karosserie.

Bei den kleineren 2-Zylinder-Zweitaktern mit Frontantrieb, die DKW parallel dazu ab 1931 anbot, ist derselbe Effekt zu beobachten. Von diesen Wagen haben weit mehr überlebt, da sie bei vergleichbarer Konstruktion weit öfter gebaut wurden.

Ob der hier gezeigte DKW Sonderklasse 1001 mit Berliner Zulassung überlebt hat, darf bezweifelt werden. „Von den Russen geklaut“ steht auf dem Originalabzug handschriftlich vermerkt.

Demnach werden Besatzungssoldaten der Roten Armee in der quasi rechtsfreien Übergangszeit nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht ihn sich angeeignet haben und vermutlich wenig auf die speziellen Kraftstoffbedürfnisse des Zweitaktmotors geachtet haben.

Mangels Ölbeimischung könnte ein Kolbenfresser beim nächsten Auftanken das Ende des Wagens bedeutet haben. Vielleicht kannte sich aber auch jemand „beim Iwan“ aus damit – die russische Armee war ja mit den DKW-Zweitaktmotorrädern der Typen NZ und RT in Wehrmachtsdiensten vertraut.

So oder so haben nur ganz wenige dieser gefälligen Vierzylinder-DKWs mit Heckantrieb die Zeiten überdauert. Mir selbst ist noch niemals einer in natura begegnet – weiß jemand, wo noch einer steht (oder noch besser: fährt)?

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Fund des Monats: Maurer-Union Typ IVc um 1908

Heute reise ich über 110 Jahre zurück in die Vergangenheit – nach Nürnberg, um genau zu sein. Denn dort entstand einst der Union-Wagen, den ich anhand eines raren Fotos aus meiner Sammlung vorstellen darf.

Liebhaber deutscher Vorkriegsautos mögen beim Stichwort „Union“ an die Auto-Union der 1930er Jahre denken, unter der nicht nur die Traditionsmarken Audi, DKW, Horch und Wanderer zusammengefasst waren, sondern auch Rennwagen entstanden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte und deren legendärer Ruf bis heute nachhallt.

Auf Fotos von Auto-Union-Rennwagen müssen die Leser meines Blogs noch ein wenig warten – es ist nicht einfach, auf diesem Sektor etwas „Neues“ hervorzuzaubern – doch einige kaum bekannte Bilder und Dokumente will ich gelegentlich zeigen.

Zu den „zivilen“ Marken der Auto-Union findet sich in meinem Blog natürlich einiges, wie ein Blick auf  die  Schlagwortwolke oder auch in die einschlägigen Galerien beweist.

Nein, die „Auto Union“, von der ich heute erzählen möchte, hat einen ganz anderen Hintergrund – sowohl was ihre Blütezeit als auch die Region angeht, wo sie einst angesiedelt war.

Der eine oder Kenner mag nun an die „Maurer-Union“-Wagen denken, die ab 1901 in Nürnberg entstanden. Mit diesen eigenwilligen Kleinwagen, die über einen wassergekühlten Einzylindemotor und einen Reibradantrieb (statt eines Getriebes) verfügten, kommen wir der Sache schon näher.

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Maurer-Union; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Der Konstrukteur des Gefährts, ein begabter Mechaniker namens Ludwig Maurer, hatte sich im Jahr 1900 mit der Nürnberger Motorfahrzeugefabrik Siebe und der Düsseldorfer Maschinenfabrik Union zusammengetan – die neugegründete Firma hieß nun Nürnberger Motorfahrzeugefabrik Union, System Maurer GmbH“.

Einige Jahre lang produzierte das Unternehmen erfolgreich Automobile nach Maurers Entwürfen, der übrigens zuvor Werkmeister bei der Motorradfirma Hildebrandt & Wolfmüller in München gewesen war, der ersten Motorradfabrik der Welt.

1904 wurde der Maurer-Union-Wagen mit einem Zweizylindermotor ausgestattet und 1905 folgte ein Vierzylinder der Mittelklasse, der Typ IIIc 14 PS.

Bei diesen größeren Modellen experimentierte Maurer mit allen möglichen technischen Lösungen, unter anderem einer Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle mit Königswellenantrieb. 

Wie so oft, wenn der Erfindergeist nicht von kühler kaufmännischer Ratio eingehegt wird, stand Maurers ständiges Experimentieren einer rationellen Serienfertigung der Vierzylindertypen im Weg.

Angesichts fallender Absatzzahlen zogen die Kapitalgeber 1908 die Notbremse und Ludwig Maurer musste das Unternehmen verlassen.

Die bisherige GmbH wurde liquidiert und noch 1908 wurden alle Aktiva in die neugegründete Automobilwerke Union AG mit Sitz in Nürnberg überführt. Könnte die folgende Aufnahme bei diesem Anlass entstanden sein?

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Union-Wagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der Datierung hier könnte das zumindest passen. Der Wagen mit seiner rechtwinklig auf die Armaturentafel treffenden Motorhaube ist mit Sicherheit nicht später als 1908/09 entstanden.

Von den Dimensionen her könnte es sich um einen Vierzylinder des Typs IVc 12-22 PS handeln, denkbar ist auch das Schwestermodell 18-33 PS mit Sechszylindermotor.

Man sieht: Aus der Kleinwagenproduktion der Maurer-Union waren am Ende erwachsene Fahrzeuge geworden, die zumindest äußerlich kaum von der Konkurrenz zu unterscheiden waren.

Zum Glück hatte man „Union Nürnberg“ auf den Kühlergrill gemalt, sonst wäre dieser Wagen wohl auf ewig ein Rätsel geblieben.

Union_Nürnberg_ab_1908_wohl_12-22_PS_Galerie2

Was die hier – überwiegend – in Sektlaune posierenden Herren und Damen zum Aufnahmezeitpunkt nicht wissen konnten, war dies:

Der erhoffte Erfolg ohne den alten Konstrukteur Maurer blieb aus und schon 1909 wurde die Nürnberger Union an einen neuen Investor – die Nürnberger Feuerlöschgeräte- und Maschinenfabrikweitergereicht.

Bis 1911 führte man den Fahrzeugbau dort noch fort, dann fand das Kapitel des Automobilbaus in Nürnberger Geschichte sein Ende. Insofern sehen wir in dem heute vorgestellten Foto den Abgesang einer zeitweilig durchaus bedeutenden Marke.

Was aber wurde aus Ludwig Maurer? Nun, ein Erfinder wie er konnte trotz Konkurrenzverbots von der alten Leidenschaft nicht lassen.

Nur drei Monate nach Ausscheiden aus der Nürnberger Union war er in einem auf den Namen seiner Frau angemeldeten Unternehmen wieder aktiv, zunächst im Autoreparaturgeschäft. Später baute er unter anderem einen Motorschlitten.

Nach Militärdienst im 1. Weltkrieg betätigte sich Maurer zeitweilig als visionärer Konstrukteur im Motorradsegment. In den frühen 1920er jahren entwickelte er die erste Zweitakt-Zweizylinder-Maschine Deutschlands mit 500ccm Hubraum.

Daneben experimentierte er abermals mit einem Kleinwagen, der aber nicht in Serie ging. Maurer starb 1936 und seine Kinder führten das Unternehmen fort. Zwar fielen die beiden Söhne im 2. Weltkrieg, doch die Familie Maurer hielt die Tradition im Fahrzeugbau bis 1971 aufrecht – zuletzt als Vertretung von Magirus-Deutz.

Soviel Geschichte kann in einem einzigen alten Autofoto stecken. Wer sich nun fragt, woher ich mein Wissen zu Maurer und seinen Konstruktionen beziehe, sei auf diese Quelle im Netz verwiesen – denn die gedruckte Literatur bleibt hier an der Oberfläche.

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Cooles Sommerauto: Hanomag 3/16 und 4/20 PS

Über den Sommerbeginn hierzulande kann man sich dieses Jahr (2019) kaum beklagen – wolkenloser Himmel und Sonne satt bis spät in den Abend.

Aus den angesagten 32 Grad in meinem Wohnort wurden zwar gestern „nur“ 28 Grad, doch scheint die Wärme uns noch eine Weile treu zu bleiben – ähnlich wie in anderen „Jahrhundertsommern“, von denen immer wieder die Rede ist und die jedes Mal „alles Dagewesene übertreffen“…

An einen dieser wirklich heißen Sommer kann ich mich erinnern – das war 1976. In weiten Teilen Europas herrschte damals ungewöhnliche Trockenheit, die Felder waren verdorrt, die Flusspegel sehr niedrig.

Regional wurden damals Verbote ausgesprochen, private Gärten zu wässern, so ging auch unser liebevoll gepflegter Rasen vor die Hunde. Temperaturen um 38° Grad wurden damals in unserer Region gemessen.

1983 stieg das Quecksilber in Deutschland dann örtlich sogar auf über 40 Grad – davon weiß ich allerdings nichts mehr – vermutlich weil das noch nicht so hochgejazzt wurde, wie das beim Wetter neuerdings der Fall ist.

Nun aber zurück in die Vorkriegszeit – in der es bisweilen auch sensationell zuging: 1934 etwa kam es wieder einmal zu einer „beispiellosen“ Hitzewelle an der Ostküste der USA, am 5. Juli wurden in New York über 50°C gemessen!

Man war schon früher gut beraten, cool zu bleiben, auch wenn der Sensationsjournalismus heißläuft. Dabei hilft zuverlässig ein klassisches Automobil mit „smartem“ Belüftungskonzept:

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Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der junge Mann, der hier bei offensichtlich hochsommerlicher Temperatur in cooler Pose eine Zigarettenpause einlegt, fuhr einen braven Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS – das erste vollwertige Automobil, das die Maschinenbauer aus Hannover ab 1929 bauten.

Leser meines Blogs sind schon dem einen oder anderen Exemplar dieses recht erfolgreichen Vierzylindermodells konventioneller Bauart begegnet.

Neben dem markentypischen springenden Pferd als Kühlerfigur, das das niedersächsische Wappentier zitiert, sind folgende Elemente typisch:

  • Scheibenräder mit vier Radbolzen, Nabenkappe nicht verchromt,
  • auf zwei Felder verteilte vertikale Luftschlitze in der Motorhaube
  • lackierte trommelförmige Frontscheinwerfer
  • doppelte, bis zum Heck durchlaufende Zierleiste

Gut zu sehen ist hier außerdem die nach vorne ausgestellte Windschutzscheibe, die bei sommerlichen Temperaturen in Verbindung mit heruntergekurbelten Seitenscheiben für ordentlich Durchzug sorgte.

Weniger durchzugsstark war das Motörchen mit 800 bzw. 1100ccm Hubraum, das 16 bzw. 20 PS leistete. Ganze 75 bis 80 km/h Spitzengeschwindigkeit waren damit drin. Doch die Käufer dieses wohlgestalteten Wagens hatten zuvor meist gar kein Auto besessen – für sie war so ein Hanomag 3/16 oder 4/20 PS eine Offenbarung.

Übrigens boten die Hannoveraner für sommerliche Temperaturen bei vergleichbarer Leistung einen noch „cooleren“ Aufbau an, und zwar diesen hier:

Hanomag_3-16_oder_4-20_PS_Cabrio-Limousine_Galerie

Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich bin nicht sicher, ob es sich um eine Version des Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS mit besserer Ausstattung oder um den Nachfolger 3/17 bzw. 3/18 PS (ab 1931) handelt.

Letzterer sollte am längeren Radstand und schüssselförmigen Scheinwerfern erkennbar sein. Vielleicht haben wir ein Auto vor uns, das Elemente beider Modelle vereint.

Der Aufbau als Cabrio-Limousine – also eines oben offenen Aufbaus mit feststehenden Seitenteilen und komplett niederlegbarem Verdeck – war für beide Typen verfügbar.

Diese Aufnahme ist ein gutes Beispiel für die Lücken in der Dokumentation der frühen Hanomag-Automobile, denn mir ist keine Abbildung eines vergleichbaren Wagens mit Chromradkappen und linierten Scheibenrädern bekannt.

In Sachen „Coolness“ schießt ohnehin die folgende Ausführung den Vogel ab, die wir der schier unerschöpflichen Sammlung von Leser Klaas Dierks verdanken:

Hanomag_3-16_PS_1931_Dierks_Galerie

Hanomag 3/16 PS, 2-sitzige Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier war nicht nur für maximale Belüftung bei sommerlichen Temperaturen gesorgt, sondern auch für hohen Aufmerksamkeitswert, da die Karosserie in der Regel beige lackiert war und laut Literatur mit einem roten Verdeck kontrastierte.

Fiat bietet heute beim trefflichen Retro-Modell 500 etwas ganz Ähnliches und man kann sich vorstellen, dass die Besitzer dieses luftigen Hanomag mit diesem Farbkonzept vor rund 90 Jahren ebenfalls „bella figura“ machten.

Fazit: In Sachen Coolness hatten die Hanomags vor dem Krieg einiges zu bieten, während sie unter der Haube nicht gerade über die heißesten Eisen verfügten.

Entspannnt und unaufgeregt durch den Sommer zu kommen, das ermöglicht ein Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS auch heute noch für relativ kleines Geld – vorausgesetzt man findet einen Überlebenden von ehemals gut 9.000 Exemplaren

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