Der Frühling kann kommen: Ansaldo 6B von 1927/28

Eigentlich wollte ich heute das Ende der Skisaison ausrufen – denn ich habe das passende Foto dazu! Doch dann werfe ich einen kurzen Blick nach draußen: Da tanzen doch tatsächlich ein paar Schneeflocken durch die Luft!

Verflixt, jetzt muss ich schnell das Motto wechseln. Denn die Erfahrung zeigt, dass in meiner Heimatregion – der hessischen Wetterau – die Winter zwar meist milde sind, doch kann es bis in den April hinein immer noch Rückschläge mit Frost und Schneefall geben.

Da mir eine Prognose vor dem Hintergrund riskant erscheint, ich aber den Frühling kaum erwarten kann, will ich ihm zumindest auf diesem Wege mitteilen, dass er von mir aus lieber früher als später kommen kann.

Und als passende Geste dazu packen wir nun die Skier wieder ein und machen den Wagen klar für die Heimfahrt in der Hoffnung, dass uns der Frühling mutig auf dem Fuße folgt.

Natürlich sind wir in einem Tourenwagen der Vorkriegszeit unterwegs, es gibt ja kaum eine stilvollere Form der Fortbewegung, und gleich steigen alle in das Auto. Aber wo tut man eigentlich die Skier hin, wenn dieses vollbesetzt und das Dach offen ist?

Nun, da wusste man sich zu helfen, denn statt eines Dachgepäckträgers hatte man einst wohlgeformte Kotflügel, welche geradezu ideal für die Aufgabe geeignet waren:

Ansaldo 6B Tourenwagen; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man sieht: für diese Herrschaften war der Winter definitiv vorbei – kalt war es wohl noch, aber Schnee ist nirgends mehr zu sehen.

Also kann es heimgehen, was in diesem Fall die Fahrt nach Bozen in Südtirol bedeutet, wenn ich das Nummernschild richtig interpretiere.

„Ein eleganter Amerikanerwagen ist das ja!“, mag man jetzt denken. Zugegeben: Auf den ersten Blick ähnelt das Auto einem US-Fabrikat von Mitte/Ende der 1920er Jahre. Vor allem die Gestaltung der Stoßstange würde dazu passen.

Doch dann bemerkt man, wie ungewöhnlich flach dieser Tourenwagen baut. Denkt man sich die aufgesteckten Seitenscheiben – eine leichte Konstruktion aus Zelluloid und Kunstleder auf Holzrahmen – ist die Seitenlinie nur etwa hüfthoch.

Dennoch handelt es sich nicht gerade um einen kleinen Wagen – wie ist das möglich? Tja, dazu bedarf es einer Sache, die man jenseits des Atlantiks, aber auch nördlich der Alpen oft schmerzlich vermisst – italienisches Stilempfinden.

Nicht nur Lancia bekam beim legendären Lambda das Kunststück hin, einen großzügig bemessenen und gut motorisierten Wagen unerhört niedrig zu bauen. Auch der Hersteller unseres heutigen Skitransporters beherrschte diese Kunst.

Dabei handelt es sich um eine Firma, die Automobile eher nebenher baute – den traditionsreichen Waffenhersteller Ansaldo aus Turin. Wagen der Marke werden Sie vereinzelt auch in meinem Blog finden, doch bislang kaum einen dieser Klasse:

Ansaldo 6B Tourenwagen; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wenn ich richtig liege, haben wir hier ein Exemplar des Sechszylindertyps 6B in der Ausführung von 1927/28 vor uns, dessen 2,2 Liter Motor mit obenliegender Nockenwelle über 50 PS leistete, was locker für über 100 km/h Spitze reichte.

Die Italiener hatten im Norden die dafür geeigneten Schnellstraßen dafür, lange bevor in Deutschland großspurig Autobahnen für die Volksgenossen gebaut wurden, die sich in der weit überwiegenden Mehrheit überhaupt kein Auto leisten konnten…

Nun haben wir noch zwei, drei Tage, bevor der Urlaub zuende ist – was läge da näher, noch rasch einen Abstecher an den Comer See zu machen und bei der Gelegenheit besagte „Autostrada dei Laghi“ auszuprobieren, die seit 1925 von dort nach Mailand führt?

Die schnurgeraden Abschnitte nach Mailand nehmen wir mit Dauervollgas – darauf war der Ansaldo ausgelegt. Die Marke genoss auch deshalb einen hervorragenden Ruf.

Wir haben aber noch einen Grund zur Eile, denn abends haben wir Opernkarten für die Mailänder Scala! Vorher wirft man sich im Hotel in Schale, dann geht es im Ansaldo direkt vor’s Opernhaus:

Gerade will unsere Gesellschaft ein Erinnerungsfoto mit dem Wagen vor der prächtigen Fassade machen, da geschieht, was geschehen muss. Ein deutscher Tourist – nach Teutonenart nachlässig gekleidet – stellt sich frech ins Bild und lässt sich dort ablichten.

Dabei steht er so hölzern da, als habe er einen Karabiner geschultert, dabei hält er sich bloß an seinem Kameragurt fest, der Arme.

Man sieht, wie die Umstehenden – nach Mailänder Art stadtfein zurechtgemacht und durchweg „bella figura“ machend – erstaunt bis fassungslos der Szene beiwohnen. Der Herr neben der dunklen Limousine greift sich sogar an den Kopf:

Ansaldo 6B Tourenwagen; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

So ist leider Blick auf den Ansaldo ruiniert, dabei haben wir uns sogar die Mühe gemacht, die Skier abzumontieren, um ja nicht unangenehm aufzufallen.

Die ganz Schlauen unter Ihnen werden natürlich bemerkt haben, dass es sich nicht um exakt dasselbe Auto handelt und ich mir die kleine Story bloß ausgedacht habe. „Se non e vero e almeno ben trovato“, pflegt man in Italien dann zu sagen – wenn die Geschichte schon nicht wahr ist, ist sie doch wenigstens gut erfunden (hoffe ich).

Jetzt kann es sein, dass einer in Sachen Vorkriegsautos keinen Spaß versteht und darauf drängt, für diesen Verstoß gegen die historische Genauigkeit entschädigt zu werden.

Auch solche strengen Gemüter sind bestechlich, meine ich. Auch sie werden schwach, wenn man ihnen nur das richtige Material direkt vor die Nase hält. Und alle übrigen werden es ohnehin genießen, was ich zum Abschluss aus dem Hut zaubere.

Der elegante Stil des Ansaldo 6B der späten 1920er Jahre ließ sich nämlich in unwiderstehliche Weise noch auf die Spitze treiben.

Das unternahm die Karosseriebaufirma Bertone, wie folgendes Foto belegt, das ich auf der Facebook-Präsenz der italienischen Oldtimer-Zeitschrift „Ruote Classiche“ fand:

Ansaldo 6B Tourenwagen (Karosserie Bertone); Quelle: Ruote Classiche

Noch enger auf den Leib schneidern ließ sich das Blechkleid sicher nicht bei diesem Ansaldo 6B von 1928.

Dem stolz daneben posierenden Herrn – wohl der Besitzer – reicht das Auto gerade bis zur Hüfte wie bei dem eingangs präsentierten Exemplar. Doch hat es Bertone geschafft, hier auch den Vorderwagen genauso niedrig zu halten – ein Meisterstück!

Mit so einem Ansaldo jubelnd dem Frühling entgegenzufahren, der sich in den nächsten Wochen von Italien aus nach Norden vorarbeitet – davon wenigstens zu träumen, ist alles, was uns Nachgeborenen vergönnt ist.

Draußen wirbeln immer noch ein paar Flocken – vielleicht sollte ich demnächst auch wieder einen meiner therapeutischen Aufenthalte im gesegneten Land südlich der Berge antreten…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Das Rätsel der Bosch-Villa: Protos Typ G2 Tourer

Heute sind Sie wieder einmal besonders gefragt, liebe Leser.

So willkommen mir auch sonst alle fundierten Kommentare sind (die unterhaltsam geschriebenen mag ich auch), meist habe ich den Anspruch, selbst die Rätsel auf den alten Autofotos zu knacken, die ich hier präsentiere (falls es überhaupt welche sind).

Diesmal brauche ich aber wirklich Verstärkung, denn meine detektivischen Fähigkeiten haben sich bereits mit der Identifikation des folgenden Fahrzeugs erschöpft (für heute):

Protos Typ G2 um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die alten Hasen und Häsinnen (so viel Spaß muss sein) unter meinen Lesern mögen diesen Tourenwagen für einen klaren Fall halten. Ich befasse mich aber überhaupt erst seit 2015 mit Vorkriegsautos und war daher lange ziemlich ratlos.

Natürlich bin ich selbst schuld daran, denn ich kaufe systematisch Fotos der 5 Euro-Klasse, die nicht auf Anhieb erkennen lassen, was darauf zu sehen ist. Wenn man sonst keine Probleme hat, macht man sich halt welche.

Zum Glück habe ich während meiner kurzen Karriere bereits etliche Gleichgesinnte kennen- und schätzengelernt, die schon etwas länger solche Sachen sammeln und studieren. Einer davon konnte mir wieder einmal helfen, ohne es zu wissen.

Aber der Reihe nach: Schauen wir doch erst einmal, was sich im vorliegenden Fall mit „Bordmitteln“ erreichen lässt. Dazu werfen wir einen genaueren Blick auf die bei Vorkriegsautos in der Regel alles entscheidende Vorderpartie:

Frontscheinwerfer und Positionslampen (vor der Windschutzscheibe) sind noch gasbetrieben – ein klarer Hinweis auf eine Entstehung vor dem 1. Weltkrieg, und zwar noch vor 1913/14.

An die fast waagerecht verlaufende Motorhaube schließt sich übergangslos ein stärker nach oben ansteigendes Blech an, der sogenannte Windlauf. Dieser hielt bei Serienautos im deutschen Sprachraum 1910 Einzug auf breiter Front.

Frühe Ausführungen wirken noch wie nachträglich aufgesetzt – das waren sie oft auch – während spätere (1913/14) meist mit der Motorhaube eine harmonische Linie bilden. Die Situation auf meinem Foto entspricht etwa dem Zwischenstand von 1912.

Was lässt sich sonst noch festhalten?

Je drei in zwei Gruppen zusammengefasste Luftschlitze in der Motorhaube, klar erkennbare Nietenreihen entlang der Haubenkanten und der Verstärkung dienende Sicken am vorderen und hinteren Ende der Haube.

Hilft das irgendwie weiter? Nur dann, wenn man ein zweites Foto mit denselben Details findet, bei dem der Hersteller identifizierbar ist. Genau damit konnte mein Dresdener Sammlerkollege Matthias Schmidt aufwarten, der schon etwas länger „im Geschäft“ ist.

Denn vor einiger Zeit „versorgte“ er mich mit der folgenden Aufnahme aus seinem Fundus, die den Hersteller klar erkennen lässt: Protos aus Berlin!

Protos Typ G2 um 1912; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmid (Dresden)

Dieses hervorragende Foto ist eines von unzähligen, die von der Selbstverständlichkeit zeugen, mit der unsere Altvorderen auch im Winter mit ihren damals fahrwerksseitig noch unvollkommenen Wagen unterwegs waren.

Schmale Räder mit großem Durchmesser und mit Schneketten versehen sind bei solchem Untergrund allerdings durchaus geeignet, um für Traktion zu sorgen. Schnell gefahren wurde ohnehin unter diesen Bedingungen nicht und Gegenverkehr gab es kaum.

Für die Schneeflöckchen unserer Tage, die bereits als Knirpse auf dem Laufrad Helm tragen müssen (gerade kürzlich wieder gesehen), wäre freilich bereits die Aussicht auf eine winterliche Ausfahrt ohne Verdeck und ohne Gesichtsmaske das Grauen pur.

Lassen Sie sich nicht vom elektrischen Standlicht dieses Wagens im Windlauf irritieren, so etwas gab es als Option bereits vor elektrischen Frontscheinwerfern, als ab etwa 1912.

Dieses Auto besitzt sogar letztere, das wird aber damit zu tun haben, dass die Aufnahme auf 1928 datiert ist und der Wagen nach dem 1. Weltkrieg eine komplette elektrische Anlage von Bosch erhalten haben muss:

Ansonsten entspricht die Gestaltung des Tourers vollkommen derjenigen des eingangs gezeigten Exemplars. Bloß sehen wir hier die Kühlergestaltung eines „Protos“, die unverwechselbar ist.

Aus meiner Sicht haben wir es hier mit einem Wagen des Vierzylindertyps G2 8/22 PS zu tun, der recht gut dokumentiert ist (siehe auch meine Protos-Galerie).

Den Vergleich der weiter oben aufgezählten Details der Haubenpartie überlasse ich Ihnen. Aus meiner Sicht ergeben sich hinreichende Übereinstimmungen – beide Fotos zeigen offenbar einen Protos dieses G-Typs aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Rätselhaft bleibt aus meiner Sicht bloß dies:

Nachdem uns bei dem Protos auf dem zweiten Foto eine komplette Bosch-Lichtanlage begegnet ist, was hat es mit der „Bosch“-Villa im Hintergrund auf dem ersten Foto auf sich?

Die bekannte Villa der Familie Bosch sieht ganz anders aus und auch die Bosch-Villa in Radolfzell scheint nicht zu passen.

Nachdem ich mit der Identifikation des Protos-Tourers meine Schuldigkeit getan habe, sind nun Sie an der Reihe, dieses Rätsel zu lösen…

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Fund des Monats: Ein Dürkopp von 1913/14…

Ende Februar, noch eine knappe Stunde bis Mitternacht – höchste Zeit für den Fund des Monats.

Beim Anvisieren und Treffen des Ziels hilft mir diesmal Wilhelm Tell – oder besser: eine Arie aus der gleichnamigen Oper von Rossini – „Selva opaca, deserta brughiera“ – vorgetragen anno 1956 in Turin von der hierzulande kaum bekannten Marcella Pobbe mit ihrem wunderbar warmen und ausgewogenen Sopran.

Das Auto, um das es geht, ist zwar nicht von solch‘ edler Abkunft aus Italien, nach dem gestrigen Lancia Lambda wäre es auch kaum möglich, hier noch einen draufzusetzen.

Höchste Exklusivität ist dennoch gesichert. Dafür sorgt schon die Tatsache, dass die Wagen des Bielefelders Dürkopp-Konzerns zu den am schlechtesten dokumentierten frühen deutschen Automobilen von Rang gehören.

Altmeister Heinrich von Fersen lieferte zwar in seinem immer noch nützlichen Standardwerk „Autos in Deutschland 1885-1920“ (1. Aufl. 1965) einen 9(!)-seitigen Artikel zu der Marke ab, konnte aber kein einziges Foto eines Dürkopp-Wagens beisteuern.

Gut 35 Jahre später kam in Halwart Schraders Aufguss „Deutsche Autos 1885-1920“ auch nicht viel mehr aus dem Auspuff in Sachen Dürkopp. Dabei gab es einst eine Vielzahl von Typen aller Klassen und es sind auch etliche Originalfahrzeuge erhalten:

Dürkopp um 1912; aufgenommen 1963 bei einer Veteranenausfahrt in Dresden; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

So muss man sich einen Dürkopp um das Jahr 1912 vorstellen, wobei die Bandbreite der Motorisierungen enorm war. Wohl am verbreitetsten waren die kleinen und mittleren Modelle mit bis zu 30 PS Leistung.

Sie sind auf historischen Aufnahmen schwer auseinanderzuhalten, da sie allenfalls in den äußeren Abmessungen differierten. Speziell die an Opel erinnernde Kühlerform wie auf obiger Aufnahme begegnet einem bei diesen Typen auf Schritt und Tritt.

Da darf man wohl mit einiger Berechtigung elektrisiert sein, wenn man mal wieder elektronische Post aus dem fernen Australien erhält, wo bemerkenswert viele Vorkriegsenthusisasten sehr gut Bescheid über frühe deutsche Fabrikate wissen.

Einer davon ist Jason Palmer und so ist es nicht das erste Mal, dass er den Fund des Monats beisteuern kann. Was er kürzlich an Land gezogen hat, ist in jeder Hinsicht eine Klasse für sich und macht einen erst einmal sprachlos:

Dürkopp von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Man mag gar nicht glauben, dass dieses Foto vor weit über 100 Jahren entstanden ist – man meint, den mächtigen Tourenwagen wirklich vor sich zu haben – zum Greifen nah. Sicher tut der Fahrer seinen Teil dazu, dass diese Aufnahme so frisch und lebendig wirkt.

Der professionelle Fotograf war ein Meister seines Fachs – Platzierung, Perspektive und Belichtung lassen sich kaum besser vorstellen. Und dabei sehen wir hier noch nicht einmal die volle Qualität des originalen Plattenabzugs.

Unsere Bewunderung verdient aber natürlich vor allem der vor dem Hintergrund von Bauten des späten Jugendstils abgebildete Wagen.

Dass es sich um einen Dürkopp handelt, daran lässt das geschwungene „D“ auf dem Kühlergehäuse keine Zweifel. Aber ansonsten habe ich so ein Exemplar noch nirgends gesehen.

Das fängt mit der Birnenform des Kühlers an, die wohl wie bei anderen deutschen Marken ab 1913/14 eingeführt wurde. Dazu passen zeitlich gut die elektrischen Parkleuchten im Windlauf vor der Frontscheibe, während die Hauptscheinwerfer noch gasbetrieben sind.

Vergleichen Sie einmal deren Größe mit dem Haupt des Fahrers – man beginnt zu ahnen, dass man es hier mit etwas Spektakulärem zu tun hat. Bestätigt wird das bei einem Blick auf die Räder: sechs Radbolzen mit einem derartig großen Lochkreis sind außergewöhnlich:

Geradezu modern wirkt die Gestaltung der Räder mit den scheibenartigen Abdeckungen der Holzspeichen.

Was soll man mangels Vergleichsexemplaren davon halten? Nun, eine Sache fand sich doch in meinem Fundus, die einen Hinweis geben könnte.

Dabei handelt es sich um eine Dürkopp-Reklame von Januar 1914, auf der ein ganz ähnlich wirkendes Fahrzeug zu sehen ist.

Was würde man vermuten, wenn ein Hersteller auf einer solchen Werbeanzeige keine Angaben zu einem speziellen Typ macht? Nun, er würde gewiss sein bestes Pferd im Stall zeigen, nicht wahr?

Dürkopp-Reklame von Januar 1914; Original: Sammlung Michael Schlenger

Und was meinen Sie, was für eine Spezifikation das Dürkopp-Spitzenmodell damals hatte?

War es der Typ DG 25/60 PS mit seinem 6,3 Liter großen Vierzylindermotor? Das 10,2 Liter-Modell 41/85 PS kann es ja nicht gewesen sein, das wurde 1912 eingestellt.

Es bleibt nur ein letzter Versuch kurz vor Mitternacht und so kurz vor dem Ziel muss der Schuss sitzen. Ich gehe volles Risiko, werfe einen letzten Blick auf die Reifendimension, meine dort 935 x 135 zu lesen und setze alles auf den DG 40/100 PS!

Dieser Gigant mit 13 Litern Hubraum war damals tatsächlich Dürkopps Spitzenmodell und spielte in derselben Liga wie die größten Daimler-Typen. Beweisen kann ich es zwar nicht, aber etwas in der Richtung muss es gewesen sein auf dem Foto.

Und so ein Spitzenprodukt eines bedeutenden Herstellers – immerhin seit 1898 am Markt – hat keinerlei weitere Spuren in der deutschen Automobilliteratur hinterlassen?

Da fehlen einem doch die Worte. Ich überlasse mich jetzt wieder Marcella Pobbe mit „Crudele? Ah no, giammai mio ben! Troppo mi spiace…“ aus Mozarts Don Giovanni.

Vielleicht fällt ja jemand anderem noch etwas ein zu diesem Fund des Monats…

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Muss(te) sich nicht verstecken: Stoewer V5 von 1932

Den Frontantrieb in Deutschland etabliert haben einst DKW (ab 1931) und Adler (ab 1932) – das dürfte unstrittig sein. Der ebenfalls in deutschen Landen gebaute Citroen „Traction Avant“, der später bei der Wehrmacht hochbegehrt sein sollte, kam erst 1934 auf den Markt.

Ein Hersteller darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Stoewer aus Stettin.

Die Nischenmarke, die sich immer wieder neu erfand und als einzige ihrer Größe bis in die 1930er Jahre überlebte, brachte nämlich ein Kunststück zustande, das in Oldtimerkreisen gern „vergessen“ wird.

Stoewer tat sich nämlich überhaupt als erster deutscher Automobilbauer mit einem serienreifen Frontantriebswagen hervor und präsentierte diesen gegen Ende 1930, als bei DKW noch unter höchstem Zeitdruck an einem Konkurrenzentwurf gearbeitet wurde.

So beeindruckend und elegant wie die mächtigen 8-Zylinderwagen, die man von Stoewer gewöhnt war, kam der Vorderantriebstyp V5 natürlich nicht daher: Bescheiden und etwas kastig wirkte der Wagen:

Stoewer V5 von 1931; Originalfoto: Sammlung Helmut Kasimirowicz

Doch verstecken musste sich der kleine Stoewer nicht. Sein 1,2 Liter-Viertaktmotor leistete immerhin 25 PS und Spitze 80 km/h waren ohne weiteres möglich. Eine solide Blechkarosserie gab es obendrein.

Davon waren die frontgetriebenen DKW mit ihren anfänglich nur 15 PS leistenden Zweitaktern und dem kunstlederbespannten Aufbau weit entfernt – wenngleich sie ihre Stärken hatten. Sie waren vor allem um rund ein Drittel billiger als der Stoewer!

Der Preis war im Einstiegssegment des damals noch völlig unterentwickelten deutschen Automarkt der entscheidende Faktor. Und deshalb machte DKW letztlich das Rennen.

Stoewer verbesserte zwar den V4-Motor seines Modells V5 anno 1932 und lieferte den Wagen nun auch mit einer gefälligeren Karosserie aus, doch stand die dünne Kapitaldecke des chronisch klammen Herstellers einer Ausweitung der Produktion entgegen.

So wurde die Produktion des Stoewer V5 bereits nach zwei Jahren und rund 2.000 Exemplaren eingestellt. Darunter fanden sich auch einige hervorragend aussehende Wagen mit Spezialkarosserie wie dieses rasant wirkende Sport-Cabriolet:

Stoewer V5 Sport-Cabriolet von 1932; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ausführlich besprochen habe ich diesen schicken Stoewer bereits hier.

Damit musste sich der altehrwürdige Hersteller auch in der unteren Mittelklasse wahrlich nicht verstecken und man trat trotz kleiner Stückzahlen bewusst immer wieder mit solchen Spezialversionen auf, um das Markenimage aufzupolieren.

Natürlich konnte die konventionelle Ausführung damit nicht mithalten, doch auch für deren Besitzer gab es keinen Grund sich mit ihrem Auto zu verstecken – entsprechend selbstbewusst trat man beim unvermeidlichen Fotohalt auf:

Stoewer V5 von 1932; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man sieht sofort: Das waren keine „kleinen Leute“, auch wenn sie nur einen kompakten Stoewer ihr eigen nannten. Tatsächlich besaß in den 1930er Jahren nur ein sehr geringer Prozentanteil der Deutschen überhaupt ein Auto.

Das Auto selbst wirkt hier etwas schüchtern, dabei hat es keinen Grund, sich im Hintergrund zu verstecken. So ein Stoewer war nämlich abseits der großen Städte eine ebensolche Rarität wie jedes andere Auto auch.

Das sollte auch im nach dem 2. Weltkrieg drastisch geschrumpften Deutschland noch einige Jahre so bleiben. Pommern, wo obiger Stoewer einst zugelassen war, war ebenso verloren wie Ostpreußen und Schlesien. Das war das Ergebnis deutschen Größenwahns im Osten.

Nach 1945 wurden in jeder Hinsicht kleinere Brötchen gebacken, und für einige Jahrzehnte war die Arroganz gezähmt – die Kriegsgeneration hatte ihre Lektion gelernt. Nach deren Wegsterben werden in letzter Zeit leider wieder alte Reflexe wach, scheint mir.

Noch im Jahr 1950 sah Deutschland abseits zerbombter Städte praktisch noch genauso aus wie zwanzig Jahre zuvor. Immer noch war ein Auto eine seltene Erscheinung auf dem Lande und für einen Moment schien dort ein Stück heile Welt konserviert:

Stoewer V5 von 1932; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wäre da nicht das Kennzeichen aus dem britisch besetzten Niedersachsen, beinahe nichts deutete dann darauf hin, dass dieser Stoewer V5 im Jahr 1950 aufgenommen wurde.

Allenfalls die wohl von einem DKW stammenden Stoßstangenhälften könnten einen darauf bringen, dass dieser Wagen in der frühen Nachkriegszeit unterwegs war (in Moosheim).

In diesem Umfeld braucht sich so ein Stoewer nicht zu verstecken, er ist sogar ein veritables Schmuckstück.

Nebenbei bin ich der Auffassung, dass nur Vorkriegsautos die Eigenheit haben, in einem über Jahrhunderte gewachsenen historischen Stadtbild nicht zu stören, sondern geradezu dazu zu passen. Warum das so ist, wäre eine eigene Betrachtung wert.

Für heute will ich es bei der Feststellung bewenden lassen, dass sich der frontgetriebene Stoewer V5 nicht verstecken musste und auch heute nicht müsste.

Es gibt aber wohl bloß nur eine handvoll Überlebende, das einst in Pommern aufgenommene Exemplar gehört wohl nicht dazu – oder doch, wer weiß?

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In Würde gereift: Minerva 32 CV von 1929

Das kleine Belgien ist vermutlich das Land mit der höchsten Dichte an historischen Automobilmarken – gemessen an Fläche und Einwohnerzahl. Davon sind beim großen östlichen Nachbarn heute bestenfalls noch zwei bekannt: Metallurgique und Minerva.

Der 1878 von Sylvain de Jong in Anvers gegründeten Firma Minerva gelang ein kometenhafter Aufstieg wie kaum einem anderen belgischen Hersteller. Auf die Fabrikation von Fahrräder und Motorrädern folgte 1900 das erste Automobil.

Nur wenige Jahre später war Minerva in der europäischen Spitzenklasse angelangt, insbesondere mit leistungsfähigen und komfortablen Sechszylindermodellen.

Auch nach dem 1. Weltkrieg blieb man auf Erfolgskurs, das Werk hatte die jahrelange deutsche Besatzung recht intakt überstanden.

1920 stellte Minerva einen neuen Sechszylinderwagen vor, den Typ 30 CV mit 5,4 Litern Hubraum. 1923 wurde das Modell mit Vorderradbremsen ausgestattet und auch sonst laufend modernisiert.

Um 1925 stellte sich ein solcher Minerva 30 CV so imposant dar wie hier zu sehen:

Minerva 30 CV um 1925; Ansichtskarte von September 1926; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst die nochmals wesentlich schwereren geschlossenen Versionen des Minerva 30 CV erreichten damals bei Versuchsfahrten bereits Höchstgeschwindigkeiten von 120 km/h.

Ausfahren ließ sich das zwar kaum, aber man ahnt die kolossale Leistungsfähigkeit der verbauten Motoren – Voraussetzung für eine vollkommen unangestrengte und leise Kraftentfaltung, die außer zum Anfahren selten einen Schaltvorgang erforderte.

1928 wurde das Aggregat auf fast 6 Liter aufgebohrt, was sich in der Modellbezeichnung widerspiegelte, welche den Steuer-PS entsprach, also nunmehr 32 CV. Die effektive Höchstleistung erreichte während der fast zehnjährigen Bauzeit zuletzt 150 PS.

Ein recht frühes Exemplar des Minerva 32CV findet sich auf diesem Foto, das mir Leser Matthias Schmidt in digitaler Form zur Verfügung gestellt hat:

Minerva 32 CV von 1928/29, aufgenommen im März 1929; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Zurecht werden Sie jetzt einiges an dieser Aufnahme auszusetzen haben: die geringe Auflösung etwa, aber auch die kunstlederne Manschette mit verstellbarem Rollo, welche in der kalten Jahreszeit eine Anpassung der Kühlerleistung ermöglichte.

Mangels Thermostat im Kühlkreislauf ließ sich nur durch teilweises Verdecken der Kühleroberfläche erreichen, dass der Motor auch bei kalten Außentemperaturen rasch warm werden konnte. Nebenbei weiß vielleicht ein Leser, bei welchem Serienauto zuerst ein Kühlerthermostat verbaut wurde, ich würde hier auf eine US-Marke tippen.

Zu beanstanden ist hier des weiteren, dass der Wagen ohne Vorderstoßstange merkwürdig unfertig wirkt. Mag sein, dass er gerade erst frisch ausgeliefert worden war und eine Stoßstange wie damals noch teilweise üblich erst nachträglich angebracht wurde.

Bei der Gelegenheit prägen wir uns auch das Kennzeichen (AXVI 18) und die „Scheibenräder“ ein. Aufgenommen wurde das Foto übrigens im März 1929.

Wir halten kurz inne: Gegenüber der Tourenwagenausführung von Mitte der 1920er Jahre ist der Sechszlinder-Minerva inzwischen deutlich gereift – nun strahlt er statt der Offenheit von einst eine auf Distanz bedachte Würde aus.

Die Insassen dieses Wagens wollten nicht mehr zwangsläufig für jedermann sichtbar im Straßenverkehr unterwegs sein, wenngleich die Möglichkeit bestand, das Cabrioletverdeck zu öffnen, und zwar unabhängig vom Fahrerabteil.

Ein Jahr und gut drei Monate später – im Juli 1930 begegnet uns derselbe Minerva 32 CV wieder – doch hier sieht er wie verwandelt aus:

Minerva 32 CV von 1928/29, aufgenommen im Juli 1930; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Das Kennzeichen ist dasselbe – übrigens eines aus Wien.

Neu hinzugekommen ist indessen ein Stoßfänger in einem damals eigentlich längst veralteten Stil, man hätte hier eine elegante Ausführung aus zwei durchgehend parallelen Stangen erwartet – etwas merkwürdig.

Verschwunden ist natürlich die erwähnte Kühlermanschette und nun ist der Minerva-typische Kühler zu erkennen, über dem die namengebende römische Göttin der Weisheit und der Wehrhaftigkeit thront.

Ebenfalls dem Frühjahrsputz zum Opfer gefallen sind die Abdeckscheiben auf den Drahtspeichenrädern. Seinem eigenen Freiheitsdrang hat auch der Fahrer nachgegeben. Er sitzt nun unter offenem Himmel, während die Herrschaften im Heck weiterhin die Privatheit eines Salons auf Rädern genießen können.

In Würde gereift steht der große Minerva-Sechszylinder da – es gab übrigens auch schon früh eine „kleinere“ Ausführung mit der Typbezeichnung 20 CV.

Als hinreißend schön würde man dieses mächtige Automobil zwar sicher nicht bezeichnen, aber in natura sind diese luxuriösen Minervas dennoch äußerst beeindruckend.

Bedrückend ist eher die kaum vorhandene Kenntnis von der einstigen Klasse und Bedeutung dieser Spitzenklasseautomobile – wie überhaupt der enorm reichen belgischen Fahrzeugtradition – in deutschen Landen.

Ja, liebe „Oldtimer“freunde im frühen 21. Jh, es gibt jenseits von Mercedes, Horch und Maybach oder auch Alfa, Bentley und Bugatti eine unermessliche Welt großartiger Vorkriegswagen da draußen, von der man hierzulande leider viel zu wenig sieht.

Der Besuch einer Klassikerveranstaltung bei unseren westlichen Nachbarn ist in der Hinsicht augenöffnend – in Würde gereiftes Vorkriegsblech gibt es dort in atemberaubender Form und Fülle zu entdecken…

Turcat-Méry, aufgenommen 2015 auf Schloss Chantilly bei Paris; Bildrechte: Michael Schlenger

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Jetzt auch als Aufsatz-Limousine: Faun 6/24 PS

Damit wir uns recht verstehen: In meinem automobilen Kosmos haben nicht nur Vorkriegsautos ihren Platz. Gerade für klassische Autos der 1960-80er Wagen konnte ich ich mich schon immer erwärmen, hauptsächlich für Engländer und Italiener. Ein paar Exoten in der Richtung besitze ich auch, wenn auch keine Preziosen.

Deutschen Nachkriegsfabrikaten konnte und kann ich weniger abgewinnen. Porsche-Konstruktionen interessieren mich gar nicht, von meinem einstigen Alltagskäfer abgesehen. Bei BMW lasse ich von jeher nur den 3.0 CS gelten, dem jede teutonische Schwere fehlt, in Sachen Daimler weckte schon zu Schulzeiten nur das W111 Coupé Leidenschaften.

Opel und Ford bauten in den 70ern ganz nette Coupés, aber nichts geht über deren bärenstarke US-Vorbilder, die es nur selten über den großen Teich schafften.

Bei deutschen Vorkriegsfabrikaten sieht die Sache schon anders aus. In meinem geistigen Museum würde es diesbezüglich rasch eng werden: Audi 225 Spezial-Cabrio, BMW 327 Cabriolet, Dürkopp P12 Tourer, Hanomag Sturm Roadster, Hansa 1700 Coupé, Horch 930V Roadster, NAG C4 Monza, Simson Supra, Steiger 12/70 PS, Stoewer D12 Sport-Tourer…

Eine eigene Halle wäre daneben für die echten Exoten vonnöten, die im Deutschland der frühen 1920er Jahre eine Sonderkonjunktur erlebten. Dutzende kurzlebige Fabrikate dürfte es im Kleinwagensektor gegeben haben.

Daneben gab es auch einige Versuche etablierter Maschinen- und Fahrzeugbauer, am Automarkt mitzumischen. Dazu zählten neben den interessanten bis aufregenden Sportwagen von Mannesmann insbesondere die PKWs der Nürnberger Marke Faun.

Ein Exemplar des von 1924-26 gebauten Typs 6/24 PS mit OHC-Ventilsteuerung habe ich hier vor einiger Zeit anhand eines raren Fotos vorgestellt. Dieses Modell hat ansonsten eher in Form von Prospektabbildungen überlebt wie der folgenden:

Faun 6/24 PS Tourenwagen, Prospektabbildung von 1925 (Sammlung Michael Schlenger)

In Sachen „Faun“-Automobile tat sich danach eine ganze Weile nichts in meinem Fundus. Von diesen Wagen sind vermutlich nur wenige hundert Exemplare entstanden, ansonsten hätte mir erfahrungsgemäß irgendwann wieder ein entsprechendes Foto begegnen müssen.

Das Einzige, was ich zwischenzeitlich auftreiben konnte, war die Abbildung des Motors des 6/24 PS Typs im „Handbuch vom Automobil“, verfasst von Joachim Fischer im Jahr 1927. Dort finden sich auffallend viele Abbildungen deutscher Nischenfabrikate, darunter Bilder vom legendären Sportwagen von Vorster & Stolle!

Jedenfalls sehen wir hier den im Faun 6/24 PS verbauten 1,4 Liter-Motor nebst Schaltgetriebe und sonstigen Aggregaten:

Faun 6/24 PS-Motor; Abbildung aus: Handbuch vom Automobil, Joachim Fischer, 1927; Original: Sammlung Michael Schlenger)

Als ich kürzlich darauf stieß, erinnerte ich mich an eine weitere zeitgenössische Prospektabbildung, die einen Faun dieses 6/24 PS-Typs mit sogenannter Aufsatz-Karosserie zeigt.

Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, mit der sich aus einem Tourenwagen eine vollwertige Limousine machen ließ – ein Konzept, das Mitte der 1920er Jahre schon einigermaßen exotisch gewesen sein dürfte.

Jedenfalls tragen solche Sachen – neben der überwältigenden Markenvielfalt – für mich ganz wesentlich zum Reiz von Vorkriegsautos bei, denn so etwas gab es später nie wieder:

Faun 6/24 PS Aufsatz-Limousine, Prospektabbildung von 1925 (Sammlung Michael Schlenger)

Stünde es nicht ausdrücklich dabei, würde man hier kaum auf die Idee kommen, dass sich aus dieser Limousine durch Abheben des Oberteils ein offener Tourenwagen zaubern ließ.

Jaja, mag jetzt einer sagen, in Prospekten gab es alles Mögliche. Oft genug wurde dort abgedruckt, was man gern produziert hätte.

In der Tat weiß man von vielen Fabrikaten nur, weil eine Reklame oder eben eine Verkaufsbroschüre die Zeiten überdauert hat. Jedoch findet sich in der Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ auf S. 160 eine Ausführung des Faun 6/24 PS auch als Aufsatz-Limousine.

Mein Ehrgeiz ist es, solche raren Fahrzeuge anhand weiterer zeitgenössischer Fotografien zu dokumentieren. Dabei hat es sich bewährt, im Netz präsent und aktiv zu sein. So verwalte ich neben diesem Blog ein internationales Vorkriegsforum auf der „Facebook“-Plattform, die über 1.000 Mitglieder aus aller Welt umfasst.

Deutsche sind dort übrigens trotz des Schwerpunkts auf heimischen Fabrikaten bei weitem in der Minderzahl; „German Angst“ scheint auch hier ein Hemmnis zu sein, Technologie einfach intelligent zu nutzen, anstatt endlos über Risiken zu lamentieren.

Ich habe dort schon Problemfälle, die ich seit Jahren mit mir herumschleppe, binnen einer Stunde gelöst bekommen. Außerdem gelange ich über die von mir individuell freigeschalteten Mitglieder immer wieder an außergewöhnliche Dokumente.

IIlustrieren kann ich das heute anhand eines Fotos, das mir Jason Palmer aus Australien in digitaler Kopie zur Verfügung gestellt hat. Wie viele seiner Landsleute begeistert er sich für europäische Vorkriegswagen, fährt selbst welche und sammelt zugehörige Materialien.

Dem Kontakt mit ihm habe ich das hier zu verdanken:

Faun 6/24 PS Aufsatz-Limousine; Originalfoto: Sammlung Jason Palmer (Australien)

Die Übereinstimmung mit der Faun 6/24 PS Aufsatz-Limouisine auf der Prospektabbildung ist auf den ersten Blick fast vollkommen, nur die auf dem Foto abgedeckten Drahtspeichenräder weichen ab, oder?

Nun, bei aller Begeisterung setzt sich rasch wieder eine nüchterne Betrachtungsweise durch. Die Ansprache als Faun 6/24 PS mit Aufsatzkarosserie steht für mich außer Frage.

Doch fällt auf, dass der Wagen auf Jason Palmer Fotos eine deutlich größere Bodenfreiheit aufweist und zugleich der Abstand der Kotflügel zu den Reifen kleiner ist. Das könnte auf eine andere Refendimension hindeuten.

Möglich ist aber auch, dass man bei diesem Exemplar die Schwellerpartie zwischen Rahmen und Trittbrett nicht so hoch ausgeführt hat wie bei dem Wagen im Prospekt.

Dies hatte offenbar zur Folge, dass aus dieser Perspektive auch die rahmenartige Struktur zutagetritt, die sich am Unterboden mittig befand, deren Zweck mir nicht ganz klar ist. Ideen dazu sind willkommen (bitte die Kommentarfunktion nutzen).

Der eigentliche Aufbau stimmt hingegen vollkommen mit der Prospektabbildung überein. Besonders schön ist, dass wir hier die Frontpartie im Detail studieren können:

Dieser Ausschnitt eignet sich dazu, sich die Gestaltung des Kühlers einzuprägen, um eventuell weitere solcher Faun-Automobile identifizieren zu können.

Irgendwann während der kurzen Bauzeit scheint ein Flachkühler eingeführt worden zu sein, wobei der genaue Zeitpunkt noch offen ist. Vielleicht findet sich ja eine weitere Aufnahme, welche diesbezüglich Aufschluss gibt.

Ein solcher Flachkühler-Faun muss übrigens in der Nachkriegszeit noch existiert haben, jedenfalls findet sich im Netz diese Aufnahme:

Faun 6/24 PS (oder früher Typ K3 6/30 PS); Quelle: http://www.autopuzzles.com

Hier sehen wir zudem Stahlspeichenräder mit fünf statt vier Radbolzen, allerdings nach wie vor noch keine Vorderradbremsen, die wohl erst 1926 Standard wurden. Demnach hätte der Übergang zum Flachkühler wohl 1925 stattgefunden.

Wer etwas über dieses spezielle Fahrzeug weiß, dass in den 1960er Jahren aufgenommen wurde, möge das bitte über die Kommentarfunktion kundtun. Unterdessen will ich den bislang noch in der Exoten-Kategorie beheimateten Faun-Automobilen eine eigene Galerie gönnen, es scheint da doch noch einiges mehr zu geben…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Mut zur eigenen Linie: Ego 4/14 PS Tourer

Was man so hört, stellen in Grundschulklassen heute die überdurchschnittlich Begabten die absolute Mehrheit. Das Ergebnis gescheiterter oder erst gar nicht versuchter Erziehung gilt sogleich als Ausweis von Genialität und Eignung für alles Mögliche.

Dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein verdanken wir alle möglichen Verheißungen: Elektrische Flugtaxis beispielsweise!

Es sind nur bald 10 Jahre, dass uns smart auftretende Jungunternehmer alles (Un)Mögliche vom Himmel herunterversprechen, es fehlen bloß noch ein paar Millionen Kapital von gutgläubigen Investoren, dann klappt es – versprochen!

Ironie beiseite. In Wahrheit wird im Technologiesektor hierzulande außer heißer Luft kaum noch Nennenswertes produziert, jedenfalls nicht im Vergleich zu den USA, Fernost oder auch – inzwischen genauso fern – dem Deutschland der Vorkriegszeit.

Geradezu atemberaubend war nicht nur die Explosion an Erfindungsreichtum und Schaffenskraft um die Jahrhundertwende; auch nach dem 1. Weltkrieg schien es an Ideen und dem Willen, etwas Neues auf die Beine zu stellen, nicht zu fehlen.

Vermutlich hunderte Firmen standen plötzlich ohne Rüstungsaufträge da, mussten sich neu erfinden und zurechtkommen mit der Härte eines Marktes, an dem es keine Subventionen, verbilligten Kredite oder sonst etwas auf Steuerzahlerkosten gab.

Allein im Sektor Automobilbau versuchten zahllose Firmen ihr Glück, meist mit ähnlichen Konzepten und meist ohne ausreichendes Kapital zum Skalieren der Produktion. Die Geschichte der früher oder später gescheiterten Autobauer im Deutschland der frühen 1920er Jahre will noch geschrieben sein. Material dazu ist zuhauf vorhanden.

Auch wenn ich nicht gezielt danach suche, findet sich ständig Neues und Reizvolles auf diesem Sektor. Kürzlich schickte mir Steffen Rothe aus Berlin – damals das Epizentrum des Kleinwagenbaus in Deutschland – diese hübsche Reklamekarte in digitaler Kopie:

EGO-Reklamepostkarte; Original aus Sammlung Steffen Rothe (Berlin)

Trotz der naiven Darstellung der Landschaft ist der Wagen bis ins Detail präzise getroffen, wie wir gleich sehen werden.

Hersteller des hier beworbenen „Ego“-Wagens war die Mercur Flugzeugbau GmbH, die Anfang der 1920er Jahre einen angeblich komplett selbst entwickelten Vierzylinderwagen im Stil sportlicher Cyclecars auf den Markt brachte.

Wer angesichts der Leistungsangabe 4/14 PS mitleidig lächelt, übersieht dabei, dass auch die französischen Vorbilder in dieser Klasse ähnlich angefangen haben. 1924 wurde die Leistung auf 20 PS angehoben, jedoch wurde kurz zuvor noch diese Reklame publiziert:

EGO 4/14 PS Reklame von 1924; Original: Sammlung Michael Schlenger

Der Vergleich mit obiger Postkarte zeigt, dass der Zeichner dort bei aller kunsthandwerklichen Freiheit die Eigenheiten des Ego 4/14 PS genau wiedergegeben hat.

Dazu zählt die nach hinten abfallende Karosseriekante, die sich vom Kühler bis zum Verdeck hinzieht, außerdem der Schwung der Kotflügel und die Gestaltung des Kastens oberhalb des Trittbretts, unter dem sich die weit vorn angebrachte Auslegerfederung (Cantilever-Prinzip) der Hinterachse verbirgt.

Bei frühen Exemplaren des Ego 4/14 PS gab es diese Abdeckung noch nicht (vgl. W. Oswald, Deutsche Autos 1920-1945. S. 156), auch die Haubenschlitze waren anders gestaltet.

Dass Ego sich überhaupt einige Jahre am Markt halten konnte, ist bei deutschen Wagen dieser Kategorie eher die Ausnahme. Offenbar fand die eigene Linie der Konstruktion wie der Gestaltung ebenso Anklang wie die Qualität der Ausführung.

Neben dem Zweisitzeraufbau gab es übrigens auch eine Tourenwagenversion des Ego 4/14 PS; hier ein Foto, das mir ebenfalls Steffen Rothe (Berlin) zur Verfügung gestellt hat:

EGO 4/14 PS Tourer; Originalfoto: Sammlung Steffen Rothe (Berlin)

Die eigene Linie des Wagens wurde hier geschickt beibehalten. Statt die Karosserieoberkante hinter der Frontscheibe wie bei Tourern üblich höher anzusetzen, ließe man sie niedrig und zog sie einfach weiter nach hinten.

Dabei wurde zwar der Platz für das Reserverad geopfert, es ist aber denkbar, dass dieses auf die linke Fahrzeugseite wanderte, wo am hinteren Ende des Vorderkotflügels Platz genug war. Das Beweisfoto dafür steht allerdings noch aus.

Vielleicht eine Gelegenheit für die Sammler unter meinen Lesern, diesem eigenständig gestalteten Wagen der frühen 1920er Jahre in ihrem Fundus nachzuspüren.

Vielleicht lässt sich ja nun der eine oder andere bisher ungelöste Fall anhand der eigenen Linie des Ego klären. Von so gelungener Individualität kann es schließlich nie genug geben!

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Jetzt mit mehr Sitzkomfort: Presto P 8/25 PS

Kinder, wie die Zeit vergeht! Bald zwei Jahre ist es her, dass ich mich hier den P-Typen der sächsischen Marke Presto gewidmet habe, die ab 1912/13 und im Fall des P8 8/25 PS bis 1919 im Programm blieben.

Über diesen für damalige Verhältnisse recht langen Zeitraum musste sich bei grundsätzlich gleicher Konstruktion im Detail natürlich einiges tun.

Bei Einführung waren noch nicht einmal Reifen verfügbar – vermutlich waren sie ein Extra (kleiner Scherz):

Presto Typ P8 8/25 PS oder P10 10/35 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Weshalb dieser Presto hier auf den Felgen draußen abgestellt war, darüber lässt sich trefflich mutmaßen. Wichtiger ist mir aber etwas anderes:

Zum einen kann man hier besser als in anderen Fällen das Markenemblem studieren, das sich aus der Distanz oder aus spitzem Winkel nur noch als Wappen darbietet, welches horizontal in eine helle obere und eine teilweise dunkle untere Fläche unterteilt war.

Zum anderen sieht man hier gasbetriebene Scheinwerfer, wie sie bis zum 1. Weltkrieg Standard waren (elektrisches Licht war jedoch ab 1913 zunehmend optional verfügbar), außerdem eine durchgehende Sitzbank im Heck.

Warum ich auf auf letztgenannte verweise, wird später noch klar. Daher prägen Sie sich jetzt bitte die schlichte Gestaltung ohne Steppung und mit durchgehendem Kissen am oberen Abschluss ein.

Den Presto-Wagen der P-Reihe sah man die genaue Motorisierung selten an. Die beiden mittleren und wohl häufigsten Varianten 8/25 PS und 10/35 PS besaßen einen nahezu identischen Radstand und unterschieden sich von den Proportionen kaum.

Diese erwachsenen und leistungsfähigen Fahrzeuge absolvierten die übliche „Karriere“ im 1. Weltkrieg – hier haben wir ein Exemplar in Diensten der königlich-bayrischen Armee:

Presto Typ P8 8/25 PS oder P10 10/35 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Erkennen Sie das Presto-Kühleremblem hier wieder? Solche Beispiele helfen den Blick für Situationen schulen, in denen das Markenlogo aus ungünstigem Winkel zu sehen ist. Einen birnenförmigen Kühler verwendeten damals nämlich etliche Hersteller.

An der Front sehen wir abermals Gasscheinwerfer, diese waren nur selten typspezifisch und manchmal fehlen sie sogar ganz. Es gab zahllose Varianten davon – ein ganz eigenes Sammelgebiet für Freunde früher Automobile mit wenig Platz (billig ist’s aber auch nicht).

Ein letzter Blick gilt der Rückbank, diesmal mit aufwendiger Steppung, die aber eher die Norm gewesen zu scheint, so mein Eindruck bei Fahrzeugen bis etwa 1920.

Das nächste, sehr stimmungsvolle Foto transportiert uns in die frühe Nachkriegszeit:

Presto P-Typ; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sicher haben Sie diesen Wagen nun bereits auf Anhieb als Presto der P-Modellreihe erkannt, auch wenn das Markenemblem nur schemenhaft erkennbar ist.

Die Gasscheinwerfer sind ein Hinweis darauf, dass hier ein Vorkriegstyp weitergefahren wurde.

Presto baute zwar bis 1919/20 noch Exemplare der alten P-Reihe, teilweise auch mit stärkeren Motoren, diese dürften aber werksseitig mit elektrischem Licht ausgestattet worden sein.

Ich bin der Ansicht, dass der Presto auf dem folgenden Foto ein solches frühes Nachkriegsmodell vor Einführung des neuentwickelten Einheitstyps D 9/30 PS ab 1921 war:

Presto P-Typ; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese Aufnahme, die mir Matthias Schmidt aus Dresden in digitaler Kopie zur Verfügung gestellt hat, ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich.

Zwar ist am Aufbau nichts zu erkennen, was von den oben gezeigten, vermutlich älteren Exemplaren abwiche.

Doch sehen wir hier erstmals elektrische Scheinwerfer in der einfachsten Ausführung, d.h. schwarz lackiert ohne glänzenden Lampenring und noch ohne die unterhalb angebrachten kleinen Zusatzleuchten zur Ausleuchtung von Kurven, die in den frühen 1920er Jahren gern montiert wurden.

Die noch manuell zu betätigende Balgenhupe war kurz nach dem 1. Weltkrieg nicht mehr der letzte Schrei, aber sie findet sich um 1920 noch vereinzelt. Der Fahrer schaut ernst in die Ferne – er zählt im Geiste die Sekunden, bis die Belichtung abgeschlossen ist:

Was an diesem Exemplar aber wohl am interessantesten ist und für eine Nachkriegsversion dieses Presto (angesichts der Zeiten wohl „nur“ ein Typ P8 8/25 PS) spricht, das ist die Gestaltung der Rückbank.

Diese weist nicht nur eine vertikale Unterteilung auf, sondern auf beiden Seiten auch ausgeprägte, ergonomisch wirkende Seitenpolster – und das ganz ohne Steppung in beinahe modern anmutender Manier:

Auf den Rückbänken amerikanischer Limousinen der 1970er Jahre sah es bisweilen so aus, dort konnte man angesichts des gondelhaften Schaukelns weich gefederter Karosserien Seitenhalt auch gut gebrauchen – aber bei einem solchen Presto um 1920?

Ich muss zugeben, dass ich der Gestaltung der Sitze bei Vorkriegsautos bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, weshalb ich vielleicht bloß nicht auf diese Variante geachtet habe.

Jedenfalls ist sie mir hier erstmals aufgefallen und das will ja etwas heißen und sei es nur etwas in dieser Hinsicht:

Presto P-Typ – Konstruktion auch im Weltkriege bewährt – für die Überlebenden jetzt mit mehr Sitzkomfort!

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Betrübte Schatten, weichet! Brennabor Typ AK/ASK

Der für mich trübste Monat ist vorüber – der Januar! Zwar ist der Februar auch noch ein klassischer Wintermonat und vielleicht kehrt der Frost abermals zurück. Doch das Tageslicht währt länger, und die ersten Frühblüher wagen sich hervor.

So will ich auch mit meinem heutigen Blog-Eintrag der Finsternis und Trübsal adieu sagen, mich stattdessen dem Hellen und Freundlichen zuwenden.

„Betrübte Schatten, weichet“, ist mein Motto, das ich im Folgenden mit geeignetem Bildmaterial illustrieren will und am Ende wieder aufnehme.

Dazu kehren wir zunächst noch einmal in die Welt der Düsternis zurück, wie sie sich auf alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch bei den schönsten Motiven bisweilen darbietet:

Brennabor AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS „Faux Cabriolet“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Trotz der repräsentativen Anmutung dieses Wagens will sich hier noch keine rechte Begeisterung einstellen – kein Wunder, denn dieses Foto entstand an einem trüben Januartag anno 1930. Schnee scheint damals ebenfalls Mangelware gewesen zu sein.

Was ist das überhaupt für ein Wagen? Die Auflösung folgt sogleich, vorher prägen Sie sich bitte noch die Gestaltung der Scheibenräder, die Form und Position der Haubenschlitze sowie den hinteren Dachabschluss ein, wo gerade noch das Ende einer „Sturmstange“ zu sehen ist, die auf ein Cabriolet-Verdeck hinweist.

Sie sehen jetzt denselben Wagentyp, hier bloß aus günstigerer Perspektive und immerhin schon mit einem etwas freundlicher wirkenden Erscheinungsbild, was dem nunmehr hellen Dach geschuldet ist:

Brennabor AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS „Faux Cabriolet“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn die Kühlerpartie im Unschärfebereich liegt, lässt sich dort ein „B“ als Emblem erkennen, das hierzulande typisch für die Wagen der Marken Brennabor aus Brandenburg/Havel war.

Leicht verwackelt sieht man auf dem Kühlergrill den schwungvoll gestalteten Schriftzug „6 Cylinder“. Dies bringt uns zwangsläufig zu den entsprechend motorisierten Brennabor-Typen AK 10/45 PS bzw. ASK 12/55 PS von 1928/29.

Äußerlich sind diese nach meiner Einschätzung nicht sicher zu unterscheiden – wer es besser weiß, möge uns über die Kommentarfunktion erleuchten. Dieses Fahrzeug gab es serienmäßig als Limousine und als sogenanntes „Faux-Cabriolet“.

Ein solches „Fake-Cabrio“, dessen Dach zwar fest war, aber mit einer funktionslosen Sturmstange einen anderen Eindruck erwecken sollte, sehen wir auf den beiden obigen Fotos. Speziell die Variante mit kontrastierender Farbgebung hat ihren Reiz.

Es geht aber noch besser und vor allem freundlicher – wieder gilt: „Betrübte Schatten weichet!“ Wie verwandelt stellt sich derselbe Typ dar, wenn man dem großen Wagenkörper eine helle Farbe gibt und nur die Kotflügel und das Dach dunkel davon absetzt:

Brennabor AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS „Faux Cabriolet“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Da kommen doch beinahe schon frühlingshafte Gefühle auf, oder?

Mich jedenfalls stimmt dieses makellos proportionierte Auto – für mich der schönste Brennabor überhaupt – spontan heiter und weckt Vorfreude auf den Frühling.

Betrübte Schatten, weichet!“. Das mag Anfang Februar noch ein wenig wie das Pfeifen im Walde klingen, aber: Es ist auch eine Frage der Einstellung, ob man sich dem Trübsinn hingibt oder sich den schönen Dingen zuwendet, die es doch unzweifelhaft gibt.

In meinem Fall hilft neben der Beschäftigung mit der Traumwelt der Vorkriegsautos zuverlässig eine Musiktherapie. Zu meinen Favoriten gehören dabei die Kantaten von Johann Sebastian Bach.

Wer dabei nur an vermeintlich schwere Kost mit geistlichen Texten denkt und abwinkt, kann heute etwas dazulernen. Denn Meister Bach neigte keineswegs zur Schwerblütigkeit, und mit einem Beispiel, das zum heutigen Thema passt, möchte ich schließen.

Unter der Bach-Werkverzeichnis-Nr. 202 findet sich nämlich die weltliche Kantate „Weichet nur, betrübte Schatten“. Sie ist merkwürdigerweise wenig bekannt, vielleicht ist sie für viele verbiesterte deutsche Protestanten einfach zu schön.

Wie heilsam diese Musik ist, das führt uns hier die englische Sopranistin Emma Kirkby zusammen mit der Academy of Ancient Music unter Leitung von Christoph Hogwood vor (Aufnahme von 1999).

Wer sich speziell von der tänzerischen Leichtigkeit der Arie „Sich üben im Lieben, in Scherzen sich herzen“ (ab 13:30 min) nicht die Schatten über dem Gemüt vertreiben lässt, dem ist wirklich nicht zu helfen…

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Fund des Monats: Ein „Pluto“ Typ 5/30 PS

Ich sollte es nicht sagen, aber beim Fund des Monats Januar geht es heute leider abwärts.

Zwar ist in Sachen Motorleistung das Gegenteil der Fall, aber nach einem Einstieg wie dem folgenden fällt es schwer, das Niveau zu halten:

Amilcar Typ CS; Foto aus Familienbesitz (Thomas von der Bey; Enkel von August Wurring – AWD Motorradfabrik); bereitgestellt via Helmut Kasimirowicz (Düsseldorf)

„Das ist ein Amilcar!“, würde man auch ohne den Schriftzug auf dem Kühler ausrufen.

In der Tat sind der markante Kühler und die schmale hohe Front in Verbindung mit „Cycle Wings“ und Drahtspeichenrädern absolut typisch für frühe Vertreter des legendären französischen Herstellers.

Während sich Dutzende längst vergessene deutsche Fabrikate Anfang der 1920er Jahre in der Hubraumklasse bis 1 Liter mit meist austauschbaren Konzepten vergeblich um die Gunst der Käufer bemühten, waren Amilcar und einige andere französische Hersteller mit leichten und sportlichen Cyclecars und Voituretten ziemlich erfolgreich.

Das galt nicht nur für das Heimatland, sondern auch für den deutschen Markt. So wurde der oben gezeigte Amilcar von August Wurring (Gründer der AWD Motorradfabrik, Düsseldorf) und seiner Frau intensiv im Rheinland bewegt.

Die Begeisterung für die hierzulande konkurrenzlosen Amilcar-Sportwagen war so groß, dass im ersten Schritt eine eigene Vertriebsgesellschaft für Deutschland gegründet wurde. Dazu nutzte man die Reste der in Konkurs gegangenen Ehrhardt-Automobilwerke.

Der neu geschaffene Amilcar-Vertriebsarm firmierte in Berlin unter dem Namen „Pluto“. Wie es scheint, gab es Vertragspartner in weiteren deutschen Großstädten, wie diese Reklame zumindest vermuten lässt:

Pluto-Reklame; Original: Sammlung Michael Schlenger

Jedenfalls findet sich das zähnefletschende Konterfei auch auf den nach Deutschland importierten Amilcar-Wagen, die dort als Pluto verkauft wurden.

Was zu der Namensgebung und dem Emblem geführt hat – Pluto ist mitnichten der Höllenhund der antiken Mythologie, sondern der Herr der Unterwelt – das wüsste ich gern. Vielleicht hat jemand eine Erklärung.

Hier haben wir jedenfalls ein Thüringen zugelassenes Exemplar eines Pluto, das offenbar intensiven Einsatz erlebt hatte:

Pluto 4/16 oder 4/20 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Analog zu den frühen Amilcar-Typen CC, C4 und CS besaßen die ersten Pluto-Wagen Vierzylindermotoren mit rund 1 Liter Hubraum und leisteten 16, 20 oder 24 PS.

Jedenfalls finden sich entsprechende Angaben zu Pluto-Wagen der Kategorie 4 Steuer-PS. Diese vollzogen offenbar die allmähliche Leistungssteigerung der französischen Modelle nach.

Wohl bereits 1925 entschied man sich für eine Lizenzfertigung im ehemaligen Ehrhardt-Werk in Zella-Mehlis (Thüringen), eine genaue Angabe liegt mir nicht vor. Während die Motoren vermutlich weiterhin aus Frankreich kamen, verselbständigte sich allmählich die Gestaltung der Pluto-Wagen.

Neben den sportlichen Zweisitzern waren auch „Dreieinhalb-Sitzer“ erhältlich – einen davon sehen wir wahrscheinlich hier:

Pluto 4/20 oder 4/24 PS; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier ist die sportliche Anmutung schon im Schwinden begriffen, wobei anzumerken ist, dass es einen ähnlichen Aufbau auch beim C4 des französischen Mutterhauses gab. Sogar eine Dreisitzer mit geschlossener Karosserie war erhältlich (vgl. Gilles Fournier, Amilcar, 1997).

Formal eigene Wege ging man bei Pluto jedoch möglicherweise mit dem folgenden Exemplar, bei dem der kastige Scheibenrahmen und das etwas plump erscheinende Heck wohl keinen Schönheitspreis erzielt hätten:

Pluto 4/20 oder 4/24 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier macht sich schon ein wenig Ernüchterung breit – jedenfalls fällt es mir schwer, mich für diesen klobigen Brocken zu entflammen. Auch das gab es also, bleibt hier zu konstatieren, sofern ich nicht ein sensationelles Detail übersehen haben sollte.

Und nein: Auch die sonst kaum sichtbaren Reibungsstoßdämpfer an der Hinterachse verdienen keine besondere Würdigung. Die gab es übrigens schon auf dem ersten Foto an der Vorderachse zu besichtigen, serienmäßig waren sie allerdings noch nicht.

Nachdem ich nun einige Zeilen mit eher Belanglosem gefüllt habe, biegen wir jetzt endlich auf die Zielgerade ein – an dessen Ende der eigentliche Fund des Monats auf uns wartet.

Ein bisschen zwiespältig ist die Sache schon: Auf der einen Seite wird der Schlussakkord ausgerechnet durch einen völlig austauschbar wirkenden Tourenwagen gesetzt. Auf der anderen Seite ist dieser enorm selten und zudem sehr glücklich aufgenommen:

Pluto 5/30 PS; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Da geht dem Freund von Vorkriegsmobilität das Herz auf – erheblichen Anteil daran hat indessen der flotte Motorradfahrer, der perfekt die Freude am Kraftradfahren verkörpert.

Anmerkungen zu der Maschine sind hochwillkommen – ich hatte noch keine Zeit für eine Recherche und bin in der Hinsicht auch nicht ganz sattelfest, wenngleich ich selbst das eine oder andere Vorkriegszweirad besitze.

Dafür habe ich mich eingehender mit dem Tourenwagen befasst. Der ist klar als „Pluto“ gekennzeichnet – aber was hat dieser Wagen noch mit Amilcar zu tun?

Eine Weile lang erwog ich sogar die Möglichkeit, dass hier jemand einem beliebigen Tourer einfach die Kühlerplakette eines verblichenen Pluto verpasst hatte – aus Nostalgie oder um den sonst banal wirkenden Wagen interessanter zu machen.

Dann entnahm ich aber der Literatur zu Pluto – wie üblich bei deutschen Nischenmarken sehr dürftig, angejahrt und teils fragwürdig – dass man von 1925-27 in geringen Zahlen noch einen Pluto mit 1,1 Litern Hubraum baute, der als 5/30 PS-Typ angeboten wurde.

Dieser war ausdrücklich als viersitziger Tourenwagen erhältlich, was zu obigem Foto passen würde. Ich konnte aber bislang keine Abbildung eines solchen Pluto 5/30 PS mit „zivilem“ Aufbau finden (es gab daneben auch Sportvarianten).

Sollte dieses Foto aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks also das erste seiner Art sein, das hier das Licht der Öffentlichkeit erblickt? Dann würde man das Auto mit ganz anderen Augen sehen – und am Ende wäre das wirklich verdientermaßen der „Fund des Monats“.

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Für Leute mit Markentick: Essex Modelljahr 1928

Zu den harmlosen menschlichen Macken gehört für mich der Markentick.

Während meiner Schulzeit stand den Trägern von Lacoste-Hemd und Levis-Jeans die Fraktion derer gegenüber, die sich von solchem Fetischismus frei wähnten – dabei aber nicht bemerkten, dass sie mit ihrem alternativen Look ebenso stereotyp daherkamen.

Die Uniform aus BW-Parka, Palästinensertuch und Doc-Martens-Stiefeln bei den Jungs und Mädels der Nicaragua-Front entlockte mir damals manche spöttische Bemerkung. Bei kontroversen Themen flogen verbal die Fetzen, Klassenkameraden blieben wir dennoch.

Die in den letzten Jahren wiederbelebten mittelalterlichen Kategorien von Verfehlung und Verdammnis gab es damals nicht – überhaupt war die ultraliberale Bundesrepublik der 1980er Jahre für mich in jeder Hinsicht das beste Deutschland, das es je gab.

Zu den Markenprodukten, die ich damals für mich entdeckte, gehörten beispielsweise „Diesel“-Jeans. Die waren nicht so sexy geschnitten wie andere, weckten aber die Assoziation von Werkstattleben und Schrauberei an Zwei- und Vierrädern.

Sie sehen: Ich fühlte mich schon früh zur satanischen Welt der fossilen Kraftstoffe hingezogen, als es nur für eine 50er Vespa, später eine 500er Yamaha (die legendäre SR) und einen 1200er VW reichte.

Als der wackere Käfer bei Kilometerstand 220.000 das Zeitliche segnete, war der Zeitpunkt für eine neue Markenleidenschaft gekommen: ich wurde MG-Fetischist!

Das Kürzel steht für die gut aussehenden/klingenden und bezahlbaren Sportwagen der gleichnamigen englischen Marke – in meinem Fall ein MGB GT.

Das MG-Oktagon ist zudem ein Beispiel für ein Markenemblem, das es an Einfachheit und Wiedererkennungswert mit denen von Mercedes und BMW aufnehmen kann. So abwegig es erscheint, sind wir damit fast schon bei der Vorkriegsmarke, um die es heute geht:

Essex von 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier weist das Markenlogo nur sechs statt acht Ecken auf, ist aber ebenso markant und ein Leitmotiv für jeden Markenfetischisten in Sachen „Essex“!

Dieser Hersteller klingt zwar britisch, war aber eine Tochtergesellschaft der amerikanischen Marke Hudson. Man wollte damit auf den europäischen Markt zugeschnittene Fahrzeuge anbieten.

Dass Essex in Großbritannien nicht gerade den Ruf genießt, zu den reizvollsten Regionen zu zählen (für weniger verwöhnte Festlandsbewohner lohnt dennoch ein Besuch), entging den US-Markenstrategen.

Aber mit dem Auto trafen sie ins Schwarze. Es gibt nur wenige amerikanische Marken, die einem in den 1920er Jahren dermaßen oft auch in deutschen Landen begegnen.

Um das zu erkennen, bedarf es schon eines gewissen Markenfetischismus. Dazu werfen wir nochmals einen Blick auf einen 1928er Essex, wie wir ihn oben schon kennengelernt haben:

Essex von 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Erkennen Sie die marken- und modelljahrtypischen Elemente?

Wieder weist der Kühler senkrechte Lamellen auf und trägt das sechseckige Essex-Logo, wieder besitzt die Doppelstoßstange dasselbe Emblem und wieder sind die Parkleuchten auf einer Zierleiste hinter der Motorhaube angebracht, die sich so nur beim 1928er Essex findet. Bei der Gelegenheit seien auch die optisch zweigeteilten Kotflügel und die von der Wölbung des Wagenkörpers abweichende Krümmung der Frontscheibe erwähnt.

Mit entsprechend geschärftem Markenfokus lässt sich auf einmal selbst ein schlecht wiedergegebener Wagen wie dieser auf Anhieb korrekt ansprechen:

Essex von 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Na, was meinen Sie? Ein 1928er Essex natürlich. Das habe ich aber auch erst dieses Wochenende herausgefunden, als ich mich näher mit dieser Ausführung beschäftigt habe.

Hat man einmal den Bogen heraus, finden sich entsprechende Fahrzeuge allerorten. Gewohnheitsmäßig kaufe ich möglichst billige Fotos von Vorkriegswagen an, die nicht auf den ersten Blick erkennen lassen, was darauf zu sehen ist.

Manches schöne Zeugnis würde sonst im Ausschuss landen, wenn man nicht die Brille des Markenfetischisten auf der Nase hätte. So wäre es doch wirklich ein Verlust, wenn eine so schöne Szene für alle Zeiten in Vergessenheit geräte:

Essex von 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Normalerweise wäre ein Foto wie dieses ein hoffnungsloser Fall, da mag sich die junge Dame noch so intensiv die Lektüre der Wegbeschreibung zum Ziel vertieft geben.

Nur die Gestaltung des Halters der Parkleuchten hinter der Motorhaube verrät, dass auch diese Limousine ein weiterer in Deutschland zugelassener Essex des Modelljahrs 1928 war.

„Ach, diese Ami-Limousinen sehen doch irgendwie alle gleich aus“, mag jetzt ein von meinen langatmigen Ausführungen ermüdeter Leser seufzen. „Bleiben Sie noch einen Moment wach!“, möchte ich ihnen entgegenrufen.

„Speziell die Herren interessieren sich doch bestimmt für Geschäftsangelegenheiten, nicht wahr? Wäre da nicht ein Essex in der Ausführung als Business Coupé reizvoll?“

„Mmh, schon. Aber das war doch auch bloß Massenware“, mögen Sie jetzt denken. Stimmt, doch selbst das schnödeste US-Fabrikat wird durch eine schöne Frau geadelt. Und das will man sich doch wirklich nicht entgehen lassen:

Essex von 1928; Originalfoto: Sammlung HG Becker

Versuchen Sie es ruhig: So oft Sie den Blick auf die Essex-typischen Elemente zu fokussieren versuchen, so oft holt sie der Sex-Appeal dieses Fotomodells wieder ein.

Sie müssen deshalb kein schlechtes Gewissen haben – wir sind schließlich eine Art Selbsthilfegruppe nicht nur in Sachen altes Blech auf antiken Fotos. Wir wollen ja auch unseren Altvorderen begegnen und ihren Stil studieren, der in den besten Fällen solcher wunderbaren Zeugnisse der Symbiose von Mensch und Maschine ermöglicht.

Ich könnte an dieser Stelle abbrechen und ich bin sicher, die meisten von Ihnen wären glücklich damit. Doch ich kann noch einen draufsetzen, nicht nur was das menschliche Element angeht, sondern auch das eigentliche Thema des Markenticks.

Denn ohne Markenfetischismus und den damit einhergehenden Sinn für Symbolik wäre es nicht einfach gewesen herauszufinden, was das für ein Auto war, das auf diesem Foto zu sehen ist, welches mir Andreas Friedmann zur näheren Bestimmung zugesandt hat:

Essex von 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (via Andreas Friedmann)

Natürlich ist das auch ohne Kenntnis des als Staffage dienenden Wagens ein wunderbares Dokument – inszeniert zwar, doch zugleich spontan und hinreißend charmant.

Eine der jungen Damen auf der Stoßstange des Autos war vermutlich die Großmutter der Frau von Andreas Friedmann, ganz sicher ist das nicht.

Auch über den Aufnahmeort gibt es nur Mutmaßungen – vielleicht erkennt ein Leser die Situation mit der Fabrikanlage vor dem Hintergrund eines Hügelrückens. Leider lässt sich zum Kennzeichen nur sagen, dass es auf eine Zulassung im Raum Brandenburg verweist.

Den Wagen konnte ich anhand des mittig auf der Stoßstange angebrachten Essex-Markenemblems als einen weiteren „Super Six“ von 1928 identifizieren.

Rätselhaft bleibt indessen die Kühlerfigur – eventuell besteht laut Andreas Friedmann ein Zusammenhang mit der Baufirma von Heinrich Meyer aus Arzberg. War das vielleicht ein privates Markenzeichen?

Jetzt sind Sie an der Reihe, liebe Leser, das ist ein klarer Fall für Leute mit Markentick! Und noch etwas: Hat vielleicht irgendein Markenfetischist in Deutschland einen dieser einst so verbreiteten 1928er Essex-Wagen in die Gegenwart gerettet?

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Viel heiße Luft unter der Haube: Piccolo von 1907/08

Heiße Luft produzieren – das können nicht nur aufgeblasene Zeitgenossen, denen es zwar aber an Substanz in der Sache, nicht aber am Selbstbewusstsein mangelt.

Im Hessischen spricht man dann gern von Dummschwätzern. Um die geht es aber heute nicht. Heißluftproduzenten gab es es nämlich auch zuhauf bei Vorkriegsautos – und die sind bei manchen Macken meist sympathischer.

Im deutschen Sprachraum denkt man in dem Zusammenhang vor allem an zwei Marken – MAF aus Markranstädt und Piccolo aus Apolda. Nicht zufällig gibt es eine enge Verbindung zwischen den beiden.

So führten die MAF-Wagen die luftgekühlte Piccolo-Konstruktion fort, die bei Ruppe & Sohn im Jahr 1904 entstanden war und dort bis 1910 im Programm blieb. Einer der drei Ruppe-Söhne namens Hugo gründete 1907 MAF – siehe meinen kürzlichen Blog-Eintrag dazu.

Zurück zu Piccolo: Die ersten unter diesem Namen verkauften Modelle besaßen einen freiliegenden Zweizylinder-V-Motor und hatten optisch nur wenig mit einem Auto gemein:

Piccolo 5 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

In dieser Erscheinungsform blieb der Piccolo bis 1907 im Programm und erfreute sich einiger Beliebtheit – übrigens auch im Ausland (speziell in skandinavischen Ländern).

Doch schon bald war weder die geringe Leistung noch das maschinenhafte Aussehen der Frontpartie der Kundschaft vermittelbar.

So war der Piccolo bei weitgehend gleicher Grundkonstruktion ab 1907 mit nunmehr 7 PS Leistung verfügbar – und vor allem mit einer Motorhaube!

Sogar an eine Kühlerattrappe hatte man gedacht, dabei oblag es zwei Ventilatoren, die viele heiße Luft unter der Haube nach außen zu schaufeln. Unterstützt werden sollte das durch eine nach oben zu öffnende Klappe, welche hier sehr gut zu erkennen ist:

Piccolo 7 PS; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wenn ich es richtig sehe, sind die breiten – kiemenartigen“ Haubenschlitze ein Merkmal früher Piccolos dieses Typs – später wichen sie schmaleren und zahlreicheren.

Jedenfalls fand auch diese überarbeitete Ausführung des Piccolo eine Weile guten Absatz – tatsächlich gab es damals kaum Autos, die preisgünstiger waren und dabei einen gewissen Mindestkomfort in Form von Windschutzscheibe und Verdeck boten.

Man darf nicht vergessen, dass es kurz vorher noch Einsteiger-Automobile ohne jeden Wetterschutz gegeben hatte – das bekannteste war vielleicht das Oldsmobile „Runabout“, das im Original und in Lizenz („Ultramobile“) auch in Deutschland verkauft wurde:

Oldsmobile „Runabout“; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Demgegenüber stellte der Piccolo bereits einen achtbaren Fortschritt dar – jedenfalls im Segment einfacher Zweisitzer, das vor allem von Ärzten bevorzugt wurde.

Gleichwohl musste man auch bei Ruppe & Sohn mit den steigenden Anforderungen des Markts Schritt halten – sowohl in punkto Motorleistung als auch das Platzangebot betreffend.

So nahm man parallel zur Version mit 2-Zylindermotor ab 1907 einen Vierzylinder in das Programm auf. Dieser war ebenfalls luftgekühlt, leistete jetzt aber rund 12 PS.

Das mag einem heute immer noch sehr wenig anmuten, galt aber damals als noch ausreichend auch für größere Aufbauten. So boten die renommierten „Adler“-Werke vollwertige Tourenwagen mit einer Motorisierung von lediglich 8-9 PS an:

Adler 4/8 oder 5/9 PS um 1908; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Daran gemessen war der Piccolo mit dem neu entwickelten Vierzylindermotor zumindest rein leistungsmäßig betrachtet das bessere Angebot in der Einsteigerklasse.

Auch äußerlich konnte sich der Piccolo nun erst recht sehen lassen – mit dem primitiv anmutenden Erstling von 1904 hatte dieser Wagen fast nichts mehr gemeinsam. Eine bemerkenswerte Entwicklung binnen nur drei Jahren.

Dennoch scheint sich der Erfolg in Grenzen gehalten zu haben, vielleicht war einfach zuviel heiße Luft unter der Haube. welche dem Motor nicht zuträglich war.

Denn während sich Fotos der Zweizylinder-Piccolos zuhauf finden, muss man schon viel Glück haben, um irgendwann auf eine Originalaufnahme (nicht nur Prospektabbildung) eines der Vierzylindermodelle zu stoßen.

Doch eines Tages schickte mir Leser und Sammlerkollege Matthias Schmidt dieses Foto zu, das einen ihm bis dato unbekannten Wagen zeigt:

Piccolo 12 PS von 1907/08; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

„Mein erstes Auto“ – so war unter dem Bild vermerkt, das ich oben ausschnitthaft zeige.

Mehr Informationen waren zwar nicht mitüberliefert. Doch brachte mich das Fehlen eines Einfüllstutzens auf dem „Kühler“ und die Ausführung der Luft“kiemen“ darauf, dass dies ein großes Schwestermodell des zweizylindrigen Piccolo sein musste.

Dummerweise konnte ich zunächst keine Vergleichsaufnahme finden, die genau einen solchen Piccolo mit acht breiten Luftschlitzen zeigt, lediglich Prospektabbildungen ähnlicher Fahrzeuge in der Standardliteratur.

Doch dann nahm letztes Jahr Wolfang Spitzbarth Kontakt mit mir auf und wies mich darauf hin, dass ich meine Kenntnisse in Sachen Piccolo (und später Apollo) auf seiner Website zu den Kreationen von Karl Slevogt aufbessern kann.

Slevogt als einer der wichtigsten deutschen Automobilkonstrukteure des frühen 20. Jh. hatte zwar keinen direkten Bezug zu den Piccolo-Wagen, sorgte aber im Rahmen seiner Anstellung bei Ruppe & Sohn in Apolda dafür, dass diese durch moderne und leistungsfähige Konstruktionen abgelöst werden – die bekannten Apollo-Wagen.

Apollo-Reklame von 1912; Original: Sammlung Michael Schlenger

Bei der Dokumentation von Slevogts Wirken, das sich keineswegs auf Apollo beschränkte, arbeitete Wolfgang Spitzbarth nebenbei (aber ebenso akribisch) auch die Historie der Piccolo-Wagen auf.

Ich darf sagen, dass es keine Quelle gibt, die auch nur annähernd an die Breite und Tiefe der Materialien herankommt, die Wolfgang Spitzbarth zu Piccolo (und den mit Slevogt in Verbindung stehenden Automarken) auf seiner Website bietet.

Wenn Ihnen also einmal langweilig sein sollte, dann lassen Sie sich auf die schiere Masse und Qualität der dort verfügbaren Informationen und Abbildungen ein. Man kommt dabei leicht vom „Hölzchen auf’s Stöckchen“, wie man so schön sagt – ich habe Sie gewarnt!

Das war es für heute in Sachen Piccolo – vielleicht weiß Herr Spitzbarth zu dem Vierzylinder-Modell auf dem Foto von Matthias Schmidt noch etwas ergänzen oder korrigierend beizusteuern…

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Genug zum Glücklichsein: „Selve“-Tourenwagen

Meine Erfahrung ist: Nichts gewinnt die Herzen auf Oldtimer-Veranstaltungen so sehr wie ein sympathisch präsentiertes Vorkriegsauto.

Wenn ich mit meinem Peugeot 202 Pickup auftauche, dessen Äußeres von einem langen arbeitsreichen Autoleben erzählt, dann bleiben Frauen aller Altersklassen fasziniert davor stehen, schauen in den Innenraum, schnuppern, lassen sich davor fotografieren.

Man muss überhaupt nichts über diese Wegbereiter unserer modernen Mobilität wissen, um von ihnen angezogen sein. Die Männer begeistern sich meist für die einfache, offen vor Augen liegende Technik, während sich die Damen eher von den Formen verführen lassen.

Die Krönung ist natürlich, selbst einen Veteranen zu besitzen und zu beherrschen. Psychiater und Lebensberater hassen vermutlich Vorkriegsautos, denn die machen sie offensichtlich arbeitslos:

Veteranenausfahrt 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Diese schöne Situation konnte ich anno 2015 bei einer Veteranenausfahrt festhalten, an der ich als Passagier in einem Cadillac von 1912 teilnehmen durfte (Bildbericht hier).

Dennoch bedarf es keineswegs des Besitzes eines wirklich alten Automobils, um festzustellen: „Genug zum Glücklichsein“ – auch wenn Sie mit etwas Geduld für weniger als 10.000 EUR einen fahrbereiten Vorkriegs-Ford oder einen Austin 7 bekommen.

Nein, die Magie dieser Fahrzeuge überträgt sich bereits beim Betrachten, beim Schrauben daran und sogar dann, wenn man nur noch ein paar alte Familienfotos besitzt, auf denen die Altvorderen mit einem Vorkriegswagen zu sehen sind.

Heute kommt alles zusammen und ich kann versprechen: Es gibt für alle Beteiligten „Genug zum Glücklichsein“. Den Anlass dafür, dass Fortuna ihr Horn so großzügig ausschüttet, gab mir Peter Graß, der mich um die Identifizierung des Wagens auf folgendem Foto bat:

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS); Originalfoto aus Familienbesitz (Peter Graß)

Der Erste, der hier „Genug zum Glücklichsein“ fand, war ich selbst, denn ein solches Foto findet sich nicht alle Tage.

Der Spitzkühler mit dem schrägliegenden Emblem auf der „Nase“ verriet mir, dass dieser Tourenwagen ein „Selve“ sein muss – ein erst ab 1919 gebautes Fabrikat des gleichnamigen Konzerns, der vor allem für seine Motorenproduktion in Altena (Westfalen) bekannt war.

Die Automobilfertigung von Selve in Hameln währte nur 10 Jahre und die Zahl der Fahrzeuge hielt sich in Grenzen – jedenfalls sind Fotos davon eine Rarität und entsprechend überschaubar ist bislang meine „Selve“-Fotogalerie (mehr Material gibt es hier).

Anhand einiger Details wie der seitlich hinter der Motorhaube angebrachten elektrischen Parkleuchten und der kantig ausgeführten „Schulter“ der Karosserie entlang des Passagierraums würde ich diesen Selve auf Anfang der 1920er Jahre datieren.

Damals kamen nur zwei Modelle in Betracht, der 1,6 Liter-Typ (6/20 PS, später 6/24 PS) und der 2,1 Liter-Typ (8/30 PS, später 8/32 PS). Ich tendiere im vorliegenden Fall zu dem schwächeren Modell (siehe meine Selve-Galerie).

Ein ähnliches Fahrzeug dieses Typs zeigt das folgende Foto aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks, das für uns Vorkriegsfreunde ebenfalls in die Kategorie „Genug zum Glücklichsein“ fällt – denn wo sonst findet man denn so etwas Schönes?

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Als an hunderten Aufnahmen geschulter Leser meines Blogs werden Sie zwar registrieren, dass die Kühlerpartie, die beiden Griffmulden in der Motorhaube, die Position der Standlichter und die zweigeteilte Frontscheibe übereinstimmen.

Doch die übrige Karosserie ist moderner (will heißen: schlichter) gestaltet. Das gilt vor allem für die erwähnte Schulterpartie, also den oberen Abschluss der Flanke, der hier weniger akzentuiert ausgeführt ist. Der Fahrer kann nun seinen Ellenbogen lässig auflegen.

Mir gefällt der Selve auf dem Foto von Peter Graß aber ebenfalls. Mit seiner Zweifarblackierung wird er in natura markanter gewirkt haben, als es ein Schwarz-Weiß-Foto vermitteln kann.

Hinzu kommt, dass dieser Wagen zum Aufnahmezeitpunkt schon etliche Kilometer auf meist schlechten Landstraßen hinter sich hatte. Das verraten nicht nur einige durch ehrliche Arbeit erworbene Blechverformungen, sondern auch, dass sein Fahrwerk überholt werden musste.

„Woher weiß er das denn jetzt?“, mag sich mancher fragen. Nun, ich bin zwar durchaus für die eine oder andere (mehr oder wenige) plausible Annahme zu haben, aber für eine steile These in Sachen Reparaturbedarf will auch ich Evidenz.

Damit kann ich heute aufwarten, denn Peter Graß hat mir eine zweite Aufnahme des Selve in digitaler Form übermittelt, die nicht nur die gewünschte Beweiskraft hat, sondern vollkommen das Motto „Genug zum Glücklichsein“ zum Ausdruck bringt:

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS); Originalfoto aus Familienbesitz (Peter Graß)

Kann man das Glück besser zum Ausdruck bringen, das ein Vorkriegsauto vermittelt?

Dieser Mann, der hier wohl ausgeschlagene Buchsen der Vorderrradaufhängung repariert (wer es besser weiß, möge das im Kommentarbereich verraten), ist bei seiner Arbeit ganz bei sich – selten habe ich jemanden so zufrieden und freundlich schauen sehen.

Das leichte Lächeln um die Mundwinkel – der klare, selbstbewusste Blick ins Objektiv – wunderbar. Einem so sympathischen Mann hätte ich jedes Auto abgekauft.

Dieses Foto wäre für sich genommen bereits „Genug zum Glücklichsein“ und jeder geplagten Seele als Zielbild zur Meditation zu empfehlen.

Glücklich machen konnten wir jedoch mit der Identifikation des Selve-Tourers vor allem Peter Graß, dem wir diese schönen Dokumente verdanken. Denn jetzt weiß er endlich, an was für einem Auto sein Vater Hans Graß einst arbeitete!

Der ist übrigens auch auf dem ersten Foto des Selve ganz links zu sehen – dort im feinen Anzug mit Krawatte posierend. Dabei war es gar nicht sein Auto, das er einst reparierte – wem es wirklich gehörte, wissen wir leider nicht.

Aber wenn wir heute etwas gelernt haben, dann ist es die Botschaft aus einer längst vergangenen Welt: „Genug zum Glücklichsein“, das liegt vor allem in einem selbst.

Das alte Blech von annodazumal ist dann eine willkommene Zutat, aber in der genüsslichen Betrachtung liegt ebenso tiefe Zufriedenheit wie im Besitz, meine ich.

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Das Bild wird klarer: Brennabor Typ F 10/28 PS

Bei der Beschäftigung mit deutschen Vorkriegswagen – speziell solchen vor dem großen Markensterben ab Mitte der 1920er Jahre – registriert man immer wieder bemerkenswerte Defizite in der Dokumentation.

Während selbst französische, englische und amerikanische Nischenfabrikate in der Literatur oder im Netz eine ausführliche Würdigung erfahren – und es wird laufend Neues publiziert – herrscht im Geburtsland des Automobils weitgehend Funkstille.

Sicher, einige Enthusiasten haben sich einzelner Marken wie AGA, Röhr oder Steiger angenommen, doch in der Breite ist das Bild ernüchternd unvollständig. Das gilt sogar für Hersteller, die einst internationalen Rang hatten – beispielsweise Brennabor.

Die Autos des zuvor für Fahrräder und Kinderwagen bekannten Konzerns aus Brandenburg an der Havel erlangten in kurzer Zeit große Bekanntheit und Verbreitung, wozu auch Sporteinsätze beitrugen:

Brennabor-Wagen (wohl Typ F 10/28 PS) auf der Russischen Kaiserpreisfahrt 1911; aus: „Bilder aus dem, Sportleben 1911“, hrsg. von Continental, 1912, S. 107

An Bild- und Prospektmaterial sowie technischen Angaben zu den einzelnen Brennabor-Typen mangelt es nicht – denn ohne danach zu suchen, stoße ich ständig darauf bzw. bekomme entsprechende Dokumente zugesandt (gerade heute wieder).

Bloß scheint sich keiner der ausgewiesenen Vorkriegsexperten dafür zu interessieren. Immerhin gibt es inzwischen einen Verein, der sich der Marke angenommen hat. Seine Website ist noch im Werden, aber durchaus einen Besuch wert.

Dennoch bleibt es vorerst dabei, dass Sie die mit Abstand umfangreichste Dokumentation von Brennabor-Automobilen in meinem Blog und der zugehörigen Markengalerie finden. Das erfüllt mich allerdings nicht mit Stolz, denn eine besondere Leistung ist das nicht, bloß Fleißarbeit beim Sortieren der Masse an Evidenz.

Mich ärgert das Desinteresse an einer angemessenen Dokumentation in Wort und Bild einer der wichtigsten deutschen Vorkriegsmarken überhaupt. Gibt es denn nach der Blütezeit der 1970/80er Jahre keine schreibkundigen Autohistoriker mehr hierzulande?

Vielleicht ist aber längst etwas in Arbeit in Sachen Brennabor und ich weiß es als Hobby-Blogger bloß nicht. Dann sollten wir ja bald Ergebnisse sehen…

Unterdessen mache ich hier weiter, zumal bei mir auch immer mehr internationale Vorkriegsenthusiasten landen, die andernorts nicht fündig werden.

Genug lamentiert – wo bleibt das Positive, Genosse? Nun, damit kann ich aufwarten, nicht zuletzt aufgrund der großzügigen Bereitstellung von Bildmaterial aus privaten Archiven von Sammlerkollegen.

Einer der Fleißigsten darunter – Matthias Schmidt aus Dresden – hatte mir vor längerer Zeit diese Aufnahme zugesandt, vielleicht erinnern Sie sich an den Blog-Eintrag:

Brennabor Typ F 10/28 PS um 1912; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt

Ich hatte diesen Tourenwagen seinerzeit anhand kleiner Details als Brennabor von ca. 1912 identifiziert und aufgrund der Dimensionen als Spitzenmodell F 10/28 PS angesprochen.

Es klingt absurd, aber schon diese Aufnahme stellt einen Fortschritt in der Dokumentation der Brennabor-Automodelle aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg dar – mehr als Prospektabbildungen findet man nämlich andernorts kaum.

Natürlich ist das kein Zustand, bei dem man es belassen kann. Also hat Matthias Schmidt noch einmal in seinem stetig wachsenden Fundus gestöbert und eine Aufnahme hervorgezaubert, mit der das Bild auf einmal klarer wird – viel klarer.

Halten Sie sich fest, denn so etwas (behaupte ich) haben Sie noch nie gesehen:

Brennabor Typ F 10/28 PS von 1913/14; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt

Besser kann ein Autofoto aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg kaum sein. Hier stimmt alles: die Perspektive, die Detailschärfe und – besonders wichtig – die Situation, welche das repräsentative Fahrzeug in den Kontext stellt, für den es geschaffen wurde.

Beginnen wir wie üblich mit einer Betrachtung der Frontpartie.

Dabei registrieren wir nicht nur den Markennamen (sicherheitshalber gleich doppelt), die Zulassung (Raum Berlin) und die m.E. erst 1912 auftauchende neue Form des Kühlers, sondern auch die elektrischen Standlichter im Windlauf vor der Frontscheibe:

Wer genau hinschaut, wird am Ende der Motorhaube dieselben Halter registrieren, die auch auf dem Foto des seitlich aufgenommenen Brennabor-Tourers zu erkennen sind.

Dort konnten bei Bedarf mit Petroleum betriebene Standlichter montiert werden. Dass die Halter trotz der modernen elektrischen Leuchten noch vorhanden sind, ist ungewöhnlich. Offenbar wollte man für den Fall, dass die Batterie leer ist, auf Nummer Sicher gehen.

Davon abgesehen stimmen die Details des Vorderwagens der beiden Autos vollkommen überein, soweit das aus den verschiedenen Blickwinkeln zu beurteilen ist. Die Einführung elektrischer Standlichter scheint mir allgemein ab 1913 erfolgt zu sein, weshalb ich die Chauffeur-Limousine geringfügig später ansetzen würde als den Tourer.

Sicher ist aber auch diese Aufnahme noch kurz vor dem 1. Weltkrieg entstanden – zumindest sprechen die Gasscheinwerfer an der Front dafür. Das Erscheinungsbild des Besitzers und des Fahrers dagegen wäre auch anno 1919 gerade noch aktuell gewesen:

Jedenfalls hielten nicht mehr ganz junge Männer auch nach dem 1. Weltkrieg an modischen Details wie Schnauzbart oder Vatermörderkragen fest. So gesehen könnte diese Szene auch noch später entstanden sein als 1914.

Was das Auto angeht, ist das Bild jedoch klarer – nach dem 1. Weltkrieg war die Zeit solcher repräsentativer Brennabor-Wagen erst einmal vorbei.

Man buk nun kleinere Brötchen – was Leistung und Erscheinungsbild angeht – lief allerdings in anderer Hinsicht zu großer Form auf: Inspiriert von der Massenproduktion in den USA legte Brennnabor die Fertigung ebenfalls auf große Serien aus und wurde so für eine gewisse Zeit zu Deutschlands größtem Autohersteller.

Dass es über die Brennabor-Wagen nicht ansatzweise eine überzeugende und umfassende Dokumentation gibt, ist für mich ein Witz oder eine Schande – je nach Tagesform.

Für mich wird jedenfalls mit jedem dieser Fotodokumente das Bild klarer: Brennabor braucht einen Experten von Rang, der sich der Autos dieser Marke gründlich annimmt…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Polizist müsste man sein: Dürkopp P12 10/45 PS

Hatten Sie schon einmal Besuch von der Polizei? Mir ist das vor einigen Jahren passiert, und ich muss sagen: Es fühlt sich merkwürdig an, wenn ein Polizeiauto direkt vor dem Haus hält und es kurz darauf klingelt.

Zwar „vergesse“ ich es meistens, Parkscheine zu ziehen, und interpretiere Tempolimits außerhalb von Ortschaften gern als Empfehlung, aber ansonsten habe ich nichts auf dem Kerbholz – so dachte ich.

Nun stand eine eindrucksvoll bewaffnete Polizistin in meinem Büro und teilte mir mit, dass auf der Bad Nauheimer Parkstraße mit einem Auto Fahrerflucht begangen worden sei, das eventuell auf mich zugelassen sei – der Zeuge sei sich beim Kennzeichen nicht ganz sicher.

Zum Glück war das fragliche Fahrzeug aus meiner Sammlung – mein heißgeliebter 1974er MGB GT – zu dem Zeitpunkt in einer Scheune im Nachbarort abgestellt und längere Zeit nicht bewegt worden.

Ich war gerade umgezogen und hatte die Fahrzeugpapiere nicht parat – die Ordnungshüterin schenkte meiner Beteuerung, ich könne das nicht gewesen sein, aber Glauben. Offenbar machte ich einen überzeugenden Eindruck auf die Dame in Uniform.

Ich war froh, als sie wieder fort war – auch wenn sie vorbildlich freundlich war. „Polizist müsste man sein“, dachte ich mir, zumindest auf dem Land. Den lieben langen Tag in der Gegend herumfahren und irgendwelchen banalen Blechschäden hinterherforschen…

Mancher wackere Wachtmeister hatte auf dem platten Land aber in den 1920er Jahren noch ganz andere Privilegien – etwa mit einem teuren und raren 6-Zylinder-Auto auszufahren und nach Belieben Weibspersonen in Gewahrsam nehmen.

Wenn Sie jetzt denken: „So ein Unsinn, das denkt er sich nur aus“, dann sind Sie auf dem Holz- oder Radweg. Ich kann das alles belegen!

Für eine wasserdichte Beweisführung hinsichtlich des Tatfahrzeugs ziehe ich erst einmal die zeitgenössische Literatur heran:

Dürkopp P12 12/45 PS; Typentafel aus: Joachim Fischer, Handbuch vom Auto, 1927 (Original: Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den größeren von zwei Automobiltypen, die von Dürkopp anno 1927 gebaut wurden, bevor man diese zunehmend unrentable Nebenlinie im Konzern wieder einstellte.

Neben dem ab und zu anzutreffenden Vierzylindermodell P8 8/32 PS (siehe meine Dürkopp-Galerie), fertigte man in sehr kleinen Stückzahlen auch ein eindrucksvoll dimensioniertes Sechszylinderfahrzeug – den oben illustrierten Typ P12 12/45 PS.

Im Programm war der technisch konventionelle Wagen mit 3,1 Litern Hubraum bereits seit 1923. Daher kann es gut sein, dass die tatsächliche Leistung zuletzt mehr als die meist angegebenen 45 PS betrug. Gut 50 PS sollten standfest möglich gewesen sein.

Gestalterisch entsprach dieses Dürkopp-Spitzenmodell prinzipiell dem Vierzylindertyp P8 – es besaß also einen Spitzkühler und hohe schmale Luftschlitze ohne jede weitere Eigenheit. Nur die Haube war deutlich länger, der Reihensechser brauchte mehr Platz.

Ein Exemplar dieses eindrucksvollen Modells P12 12/45 PS habe ich bereits hier vorstellen können:

Dürkopp Typ 12 12/45 PS, aufgenommen 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Bemerkenswert ist, dass dieses Auto zur Hälfte aus der Motorhaube zu bestehen scheint. Ich meine, dass hier bewusst ein kurzer Radstand gewählt wurde, um eine gewisse sportliche Charakteristik zu kreieren – und sei es nur optisch.

Das Fehlen von Vorderradbremsen ist ein Hinweis auf eine Entstehung vor 1925. Festzuhalten ist außerdem, dass das Dürkopp-Emblem wie bei den Spitzkühlermodellen üblich beiderseitig angebracht war.

Wie es scheint, erhielten ganz späte Dürkopp-Wagen statt des Spitzkühlers der allgemeinen Tendenz folgend einen Flachkühler, vielleicht war dieser aber auch wahlweise verfügbar.

Jedenfalls findet sich in der fallweise noch hilfreichen älteren Literatur (Hans-Heinrich von Fersen: Autos in Deutschland 1920-1939, 4. Aufl. 1975, S. 131) die Abbildung eines Dürkopp P8 mit Flachkühler, datiert auf 1926.

Was mir indessen noch nirgends begegnet ist, ist ein Dürkopp mit Vorderradbremsen, Spitzkühler und dort mittig angebrachtem Markenemblem. Leser Matthias Schmidt konnte aber genau so etwas aus seinem Fundus hervorzaubern:

Dürkopp Typ 12 12/45 PS; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Von den wohl optionalen Trittschutzblechen am Schweller abgesehen, entspricht dieser mächtige Tourer sehr weitgehend dem auf der eingangs gezeigten Typentafel gezeigten Dürkopp P12 12/45 PS.

Allerdings besitzt dieser keine Vorderradbremsen, weshalb die Abbildung in dem 1927 veröffentlichten Buch damals schon veraltet gewesen sein muss. Denn ab 1925 werden die Dürkopp-Wagen wie praktisch alle deutschen Wagen von Rang auch Vorderradbremsen erhalten haben.

Altmeister von Fersen bestätigt das in seinem Opus, während in der unter anderem auch darauf basierenden Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker („Deutsche Autos 1920-1945, 2019) diese Information merkwürdigerweise fehlt.

Und, wie gesagt, ein mittig auf dem Spitzkühler angebrachtes Dürkopp-Emblem findet man andernorts ebenfalls nicht – für mich ein Hinweis auf eine seltene und späte Ausführung:

Leider ist das genaue Reifenformat nicht lesbar, es scheint jedenfalls voluminöser zu sein als beim zuvor gezeigten Dürkopp P12 12/45 PS ohne Vorderradbremsen.

Angesichts dieses Befunds möchte ich nicht ausschließen, dass sich unter der Haube dieses Dürkopps ein noch stärkerer Motor verbarg, als er offiziell zuletzt erhältlich war. Bis 1922 hatte es ja ein 70 PS leistendes weiteres Sechszylindermodell gegeben.

So oder so lässt dieses großartige Automobil die Feststellung zu: „Polizist müsste man sein„, denn wenn ich mich niht irre, waren die beiden lederbejackten Herren Fahrer bei den Ordnungshütern der Weimarer Republik.

Sie waren am Tag dieser Aufnahme ohne den offiziellen Stander unterwegs, der sonst wohl am Vorderkotflügel flatterte. Hatte man sich den Dienstwagen gar für eine Landpartie ausgeliehen und die beiden Damen quasi als Zivilstreife aufgegabelt?

Schwer zu sagen. Die vorne sitzende Beifahrerin schaut mit Pokerface in die Ferne – sie scheint fest entschlossen zu sein, zu schweigen. Ihre Genossin auf der Rückbank hat sich schon gefügt und das Gesicht aufgesetzt, das für das anstehende Polizeifoto gewünscht ist.

Die beiden Ordnungshüter scheinen halbwegs zufrieden zu sein mit dem Ertrag ihrer Fahndungsbemühungen. Ja, so eine Uniform öffnet einem Tür und Tor – einen dicken Dienstwagen darf man fahren, das Benzin blecht der Bürger. Polizist müsste man sein!

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Einer für alle: Zwei „Metallurgique“ um 1911

Die ab 1900 gebauten Automobile der belgischen Firma „Metallurgique“ scheinen in Deutschland heute nur noch Spezialisten zu kennen, obwohl sie bis Anfang der 1920er Jahre hierzulande ähnliche Verbreitung fanden wie in anderen europäischen Ländern.

Es fand ab 1909 sogar eine Lizenzfertigung bei Bergmann in Berlin statt.

Dabei nahm man nicht nur in technischer Hinsicht Maß an den belgischen Wagen – es gab auch einen Berliner Ableger der Karosseriefabrik Van den Plas, welcher ein wichtiger Lieferant von Aufbauten für Metallurgique war.

Mit solch‘ einem in Berlin mit Van den Plas-Karosserie gebauten Bergmann-Metallurgique haben wir es mit dem Wagen auf folgendem Foto sehr wahrscheinlich zu tun:

Bergmann-Metallurgique Tourer um 1911; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Jedenfalls ist diese Aufnahme einst als Postkarte innerhalb Deutschlands gelaufen, nach Vienenburg im Harz, und auf dem Original ist „Van den Plas“ auf der Plakette zu lesen.

Der Aufbau ist ein bemerkenswertes Beispiel für den gestalterischen Umbruch ab 1910, der in Deutschland binnen kürzester Zeit erfolgte, sich in anderen Ländern aber teils bis zum 1. Weltkrieg hinzog.

Das erschwert die genaue Datierung in solchen Fällen ausländischer Aufbauten. So sind hier noch einige recht archaische Elemente zu sehen wie die Unterteilung des Aufbaus in einzelne Bausteine, die noch kein harmonisches Ganzes ergeben.

Man erkennt ansatzweise zwei „Sitzwannen“, die jeweils optisch von der zugehörigen Türpartie abgesetzt sind. Die „Sprünge“ des oberen Karosserieabschlusses weisen Entsprechungen an der Unterseite zum Rahmen hin auf.

Eher an frühen Fahrzeugen findet man außerdem die nur notdürftig kaschierte Lücke zwischen Rahmen und Trittbrett – sie wurde später mit einem durchgehenden Blech verschlossen, hinter dem dann auch die senkrechten Trittbretthalter verschwanden.

In Kombination mit der Gestaltung der Kotflügel würde man einen solchen Aufbau auf etwa 1908 datieren. Ein formales Detail spricht jedoch dagegen:

Auch wenn es nicht ganz leicht zu erkennen ist, besitzt dieser Metallurgique – übrigens am markanten Kühlergehäuse als solcher zu erkennen – bereits eine strömungsgünstige gestaltete Blechpartie vor der Frontscheibe – den sogenannten Windlauf.

Dieses Element findet sich erstmals ab 1910 im Serienbau bei deutschen Fabrikaten – ausländische Hersteller hatten es mit der Modernisierung dagegen nicht so eilig.

Bei Metallugique-Wagen findet sich genau diese Ausführung nach meinem Eindruck erst ab 1911 – wobei ich mir bewusst bin, dass die Datierung vieler Aufnahmen in der Literatur und im Netz oft auch nur geschätzt ist.

Bei der Gelegenheit möchte ich Sie noch bitten, sich die Proportionen der Motorhaube einzuprägen, insbesondere deren Höhe im Vergleich zu Kotflügeln und Windlauf.

Wir sind heute nämlich in der komfortablen Lage, einen zweiten Metallurgique studieren zu können, der einen nahezu identischen Aufbau besaß, sich aber als stärkeres Modell erweist.

Zudem ist diese Aufnahme aus dem Archiv von Klaas Dierks von weit besserer Qualität:

Metallurgique Tourer um 1911; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Ist das nicht ein prächtiges, geradezu herrschaftlich anmutendes Automobil?

In der Tat mischten einige der damals sehr zahlreichen belgischen Autohersteller in der europäischen Oberklasse mit. Dieses Exemplar wurde der Überlieferung nach in London aufgenommen, wo wahrlich kein Mangel an Repräsentationsautomobilen herrschten.

Hier können SIe nun besser erkennen, wie das erwähnte ansteigende Blech vor der Winschutzscheibe den Luftstrom auf diese lenkte und wie man sich die Verstellmechanik der auf meinem eingangs gezeigten Foto nach vorne umgeklappten Scheibe vorstellen muss.

Ich bin sicher, Sie werden beim Aufbau ab der Frontscheibe keine wesentlichen Unterschiede zu dem obigen Wagen feststellen – dennoch wirkt dieser Metallurgique deutlich harmonischer und „erwachsener“. Den Grund dafür sehen wir hier:

Die Motorhaube erscheint nicht nur länger, sie ist vor allem deutlich höher und schließt auf einer Ebene an den Windlauf an – so wirkt die Frontpartie aus einem Guss, obwohl die Gestaltungslemente als solche weitgehend dieselben sind.

Den etwas moderneren Eindruck macht dieses Fahrzeug aber auch aufgrund des gerundeten Querschnitts der Vorderkotflügel – diese weisen bei meinem „Metallurgique noch das kantige Profil auf, das man von früheren Fahrzeugen kennt.

Überbewerten darf man das aber nicht, denn auch hier existierten beide Formen speziell bei ausländischen Fabrikaten noch einige Jahre parallel zueinander.

Von der Motorhaube abgesehen deutet ansonsten nichts darauf hin, dass es sich bei diesem Metallurgique um ein stärkeres Modell gehandelt haben muss.

Wie gesagt, ist der übrige Aufbau vollkommen identisch. Es galt also „Einer für alle“ – vor dem 1. Weltkrieg war die Verwendung gleich gestalteter Karosserien bei unterschiedlicher Motorisierung nämlich eher die Regel statt die Ausnahme.

Nur ein technisches Detail erinnert an der Heckpartie daran, dass der in London beheimatete Metallurgique ein wesentlich leistungsfähigeres Modell gewesen sei muss:

Vergleichen Sie einmal den Durchmesser dieser Bremstrommel mit dem am eingangs gezeigten Wagen – der Unterschied ist ziemlich groß!

Das bringt uns zur letzten Frage, ob sich denn die Motorisierung dieser sonst so gleichgekleideten Schwestermodelle ungefähr angeben lässt.

Ausgangspunkt ist dabei meine These, dass wir es in beiden Fällen mit Metallurgique-Wagen um 1911 zu tun haben – mit maximal einjähriger Abweichung nach oben und unten.

Dann kommen zwei Motorenklassen in Betracht – einmal die kleineren Monoblock-Aggregate mit 12 bzw. 16 französischen Steuer-PS – und einmal die weit größeren Zweiblockmotoren der Kategorien 26 bzw. 40 CV.

Je ein Exemplar aus diesen beiden Leistungsklassen haben wir heute kennengelernt, das ist mein Fazit, welches bei so frühen Automobilen wie immer vorläufig ist.

Bei Van den Plas hatte man anno 1911 einen solchermaßen gestalteten Aufbau für alle diese Typen im Programm – daneben natürlich auch andere Varianten, die aber ebenfalls wieder weitgehend identisch ausgeführt wurden, unabhängig von der Stärke des Wagens.

An sich eine Selbstverständlichkeit zu jener Zeit. Ich meine aber, dass man selten einen so direkten Vergleich zwischen zwei Fahrzeugen mit so eindeutig unterschiedlicher Leistung anstellen kann – noch dazu mit identischer Farbgebung und spiegelbildlicher Perspektive.

Die alten Hasen und die Experten unter den Vorkriegsauto-Enthusiasten wissen das zwar alles schon.

Aber ich muss mir die Dinge quasi einmal selbst erklären – außerdem soll mein Blog eher die ansprechen, die vielleicht erst damit begonnen haben, sich diese geheimnisvoll anmutende Wunderwelt zu erschließen.

„Einer für alle“, das ist letztlich auch das Motto meines Blogs im Sinne einer eher populären und lässigen Aufarbeitung des Themas, auch wenn die Spezialisten sicher das eine oder andere Mal die Stirn runzeln oder heftig den Kopf schütteln.

Aber bitte, meine Damen und Herren: Auch für die mir stets willkommenen Kommentare gilt: „Einer für alle (Leser)“! Diesen Spleen sollte man nicht für sich reservieren, sondern ihn großherzig mit allen teilen, die sich gerne davon anstecken lassen…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Seiner Linie treu: MAF Zweisitzer 1908-1914

Nach (zu) langer Pause ist heute wieder einmal die Marke MAF aus Markranstädt bei Leipzig an der Reihe.

Sie entstand nach dem Ausscheiden von Hugo Ruppe aus dem väterlichen Betrieb Ruppe & Sohn in Apolda, wo er das Modell „Piccolo“ mit luftgekühltem Motor konstruiert hatte und wo später die bekannten „Apollo“-Wagen nach Entwurf von Karl Slevogt entstanden.

Hugo Ruppe blieb seiner Linie treu und entwarf 1908 für seine neue Automobilfabrik eine Reihe von Kleinwagen mit luftgekühlten Vierzylindermotoren, hauptsächlich in der Hubraumklasse zwischen 1,2 und 1,8 Litern.

Auf die Vielfalt der Motorisierungen, die laufende Leistungssteigungen bei ähnlicher Grundkonstruktion widerspiegelt, will ich mich nicht einlassen. Man sah einem MAF wohl kaum an, was genau sich unter seiner Motorhaube und hinter der Kühlerattrappe verbarg.

Mich interessiert bei diesen frühen MAF-Wagen vor dem 1. Weltkrieg (die Marke existierte bis 1921, als sie von Apollo übernommen wurde) etwas ganz anderes.

Hugo Ruppe blieb nämlich zumindest bei der Zweisitzerversion seiner Automobile auch äußerlich seiner Linie erstaunlich treu, wenngleich das Erscheinungsbild der allgemeinen Tendenz am deutschen Markt folgend behutsam modernisiert wurde.

Dies lässt sich sehr schön anhand der Fotos dokumentieren, die ich nachfolgend zusammengestellt habe. Den Anfang macht dieser ganz frühe Zweisitzer:

MAF Zweisitzer von 1908/09; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dieses Fahrzeug habe ich schon einmal ausführlich besprochen, es handelt sich sehr wahrscheinlich um eines der von Hugo Ruppe neu konstruierten Modelle aus dem ersten Jahr 1908, spätestens aber 1909.

Die Grundform dieses Zweisitzers sollte in den folgenden Jahren bis 1914 im wesentlichen die gleiche bleiben.

Wir halten fest: nach hinten ansteigender Karosseriekörper, vor der Hinterachse endender Innenraum, schwingenartige Vorderkotflügel und damit korrespondierender Aufschwung des Hinterkotflügels, entsprechend kurzes Trittbrett, insgesamt sehr reduzierter Aufbau.

Dieses sportliche Erscheinungsbild findet man ab 1910 wieder, auch wenn nun die damals obligatorisch werdende „Windkappe“ zu sehen ist, welche die Luft ab der Motorhaube nach oben lenkt:

MAF Zweisitzer von 1910; Originalfoto: Sammlung Stefan Rothe (Berlin)

Denkt man sich den noch wie aufgesetzt wirkenden „Windlauf“ weg, hat man es praktisch mit derselben Konstruktion zu tun, nur dass man jetzt auch die damals runde MAF-Kühlerattrappe erkennen kann.

Dieses Foto veranschaulicht wieder einmal die gestalterische Zäsur, welche mit der Übernahme des Windlaufs aus dem Sport (dort ab 1907/08 gebräuchlich) bei Automobilen aus dem deutschen Sprachraum einherging.

Im nächsten Schritt wurde der Windlauf harmonisch an die Haube angepasst – damit war ein großer Schritt weg von der Kutsche mit davorgesetztem Motor hin zum Auto mit eigenständig gestalteter Frontpartie getan.

Mit einem Mal erkennt man etwas, was bis heute prinzipiell unverändert geblieben ist. Schauen Sie einfach einmal bei Ihrem Wagen nach, auch er sollte vor der Frontscheibe noch einen Windlauf haben, wenngleich viel kürzer als hier:

MAF Zweisitzer um 1912; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Erstaunlich, was die überarbeitete Frontpartie ausmacht, nicht wahr? Aber davon abgesehen ist auch dieser MAF-Zweisitzer von ca. 1912 ganz seiner Linie treu geblieben.

Aufmerksame Betrachter werden dennoch einige weitere Nuancen bemerken:

Die Kotflügel sind zwar nach wie vor so elegant geschwungen wie zuvor, doch der vordere schließt jetzt direkt ans das Trittbrett an. Zudem ist der Aufbau jetzt aus einem Guss geformt und die zuvor gerundete Motorhaube ist stärker konturiert.

Der sportlich-leichte Stil als solcher ist aber erhalten geblieben, wenngleich der Rahmen hinten nun etwas massiver ausgeführt zu sein scheint – das mag der gestiegenen Leistung geschuldet sein.

Übrigens ließ sich so ein MAF-Zweisitzer durchaus flott bewegen – je nach Motor waren 70m/h Spitze erreichbar – das machen Sie einmal mit so einem filigranen Auto und dieser hohen Sitzposition, das dürfte Ihnen halsbrecherisch vorkommen!

Der Motorenklang dürfte sein übriges dazu getan haben, dass man sich in solch einem MAF beinahe wie ein Rennfahrer vorkam. Möglicherweise war es die Geräuschentwicklung, welche der adretten Dame im nachfolgend abgebildeten Zweisitzer MISSfiel:

MAF-Zweisitzer von 1913/14; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man meint zu wissen, was die junge Dame mit der feschen Lederkappe gerade dachte: „Eine gute Partie ist er schon, mein August, und liebt mich von Herzen, was will man mehr. Dass er meine Mitgift in ein Automobil investiert hat, war auch ausgemacht – er braucht den Wagen ja als Landarzt. Aber musste es denn so ein lärmiger MAF sein? Ich hätte ihm ja zum Opel-Doktorwagen geraten, aber so sind die Männer…“

Nun, unser Mitleid hält sich mit der Dame aus gutem Hause in Grenzen, denn als Automobilistin gehörte sie auf jeden Fall zu den oberen Zehntausend im Deutschen Reich.

1913 oder 1914 dürfte dieses schöne Dokument entstanden sein, und es ist damit das letzte in der heutigen Reihe.

Erkennen Sie in dieser letzten Variante noch den MAF-Zweisitzer von 1908/09 wieder? Ich meine schon, dass es sich im Kern um dieselbe Konstruktion handelt. Bloß die andersartige Kühlerattrappe irritiert auf den ersten Blick.

Mir scheint es eine Version zu sein, die sich an den kurz vor dem 1. Weltkrieg aufkommenden Spitz- oder Schnabelkühlern orientierte. Ob dies eine von MAF selbst angebotene Variante oder ein Teil aus dem damals bereits blühenden Zubehörhandel war, sei dahingestellt.

Eine Modifikation dürfte auch das am Heck angebrachte Gepäckabteil darstellen. Eine genaue Entsprechung habe ich zwar noch nicht gefunden, dennoch bin ich sicher, dass wir es auch hier mit einem der leichten MAF-Zweisitzer zu tun haben, die etliche Jahre ihrer Linie treu blieben und damit offenbar Erfolg beim Kunden hatten.

Auch ich will im Neuen Jahr meiner Linie im Blog treu bleiben, und bisweilen solche rein formalen Betrachtungen anstellen, wenn es das Material hergibt – gern garniert mit einigen erdachten „Originalzitaten“, sofern mich die Situation dazu inspiriert.

Und wie immer freue ich mich über sachkundige, auch kritische Kommentare, gern gewürzt mit etwas Witz und die eine oder andere Abschweifung enthaltend. Wenn auch sonst alles in Bewegung kommt, wollen wir hier doch unserer Linie treu bleiben…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Jahres 2022: Ein HATAZ-Roadster

In der Rückschau auf das Jahr 2022 gäbe es vieles festzuhalten – zusammenfassen lässt sich das Geschehen mit der Wiederkehr politischer und wirtschaftlicher Großkrisen nach einer 30 Jahre anhaltenden Ära der Stabilität und Prosperität in Europa.

Wie es weitergeht, wird sich weisen – wirklich beeinflussen können wir den Gang der Geschichte ja nicht. Stattdessen sind wir – wie die meiste Zeit in der Historie – Spielball von Machtstreben, Machbarkeitswahn, Massenverführung.

Im großen Gang des Weltgeschehens für sich und die Seinen ein kleines Refugium schaffen, seinen Nächsten gegenüber wohlwollend auftreten – gleichzeitig misstrauisch sein gegenüber Parolen oder Heilsversprechen und der bequemen Einreihung ins Kollektiv zu widerstehen, das können wir jedoch tun, wenn wir mit uns selbst im Reinen bleiben wollen.

An den Phasen totaler Herrschaft, totalen Kriegs und totaler Zertrümmerung der Illusionen kommt man auch in der Automobilgeschichte leider nicht vorbei. Es ließen sich Bände füllen mit solchen Dokumenten, die von den destruktiven Mächten im Menschen künden:

deutscher Militär-PKW nach Granattreffer im 2. Weltkrieg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass die auf Frieden und Verständigung ausgerichteten Kräfte bei den Großmächten im Jahr 2023 wieder die Oberhand gewinnen, das ist aus meiner Sicht das Wichtigste, was man sich derzeit wünschen kann.

Nun aber wenden wir uns ein letztes Mal im alten Jahr einer erfreulicheren Beschäftigung zu – dem neugierigen Sezieren alter Autofotos, diesmal unbelastet vom geschichtlichen Umfeld.

Für einen angemessenen Jahresabschluss entscheidet man sich idealerweise für ein Exemplar, das einem noch nie begegnet ist- allenfalls auf Abbildungen aus jüngerer Zeit:

Hataz 4/12 PS Zweisitzer von 1923; Postkarte der Nachkriegszeit aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser eigenwillige Zweisitzer mit Bootsheckaufbau und damit kontrastierenden kantigen Kotflügeln war auf einer Postkarte abgebildet, die zu DDR-Zeiten in den 1960er Jahren auf Grundlage alter Prospektabbildungen entstand, welche damals oft noch gezeichnet waren.

Auf der nach innen geneigten Oberkante der Tür ist zwar ein Emblem zu erkennen, aber vermutlich wusste der Grafiker selbst nicht so genau, was es darstellen sollte und gab es nur in groben Zügen wieder.

So wären wir hier in Ermangelung anderer Hinweise auf Mutmaßungen angewiesen, was die Marke dieses Kleinwagens angeht.

Von der Machart her würde man ihn in der von den Franzosen so bezeichneten „Voiturette“-Klasse der frühen 1920er Jahre einordnen, also oberhalb der noch minimalistischeren Cyclecars, aber unterhalb vollwertiger familien- und reisetauglicher Automobile.

Zum Glück ist aber auf der Rückseite der Postkarte abgedruckt, was diese zeigt – und zwar einen „HATAZ“-Wagen von 1923 mit 4/12 PS-Motor. Dieser war ein von „Steudel“ zugekauftes Aggregat, wohl das auf folgender Übersicht ganz links oben aufgeführte:

Steudel-Einbaumotoren; Übersicht der ersten Hälfte der 1920er Jahre

Mit solchen Einbaumotoren versuchten in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg Dutzende neuer Firmen mehr oder weniger das Gleiche: Einen technisch einfachen, aber zuverlässigen Kleinwagen in Manufaktur zu fertigen und damit Geld zu verdienen.

In manchen Fällen war die Idee, auf diese Weise eigene Aktivitäten im Rennsport zu finanzieren. Ein Beispiel dafür war ein gewisser Hans Tautenhahn aus Zwickau in Sachsen.

Unter der Marke HATAZ baute er ab 1921 kompakte Autos mit Steudel-Motoren der Hubraumklasse von knapp einem 1 Liter (4 Steuer-PS). Damit war anfangs eine standfeste Leistung von 12 PS, je nach Vergaserbestückung auch 14-15 PS möglich.

Nähere Angaben zu den in Kleinserie gebauten HATAZ-Wagen finden sich nur sehr wenig, einige davon beziehen sich auch nur auf die stärkere Rennsportversion mit (wohl) kopfgesteuertem Motor und 18 PS, von der sich ein Exemplar erhalten hat.

Von den „Serien“wagen scheint es nur noch zeitgenössische Abbildungen zu geben, auf denen kein Fahrzeug aussieht wie das andere. Unter anderem die Kühlerform und die Ausführung der Haubenschlitze variiert, weshalb das einzige zuverlässige Merkmal das HATAZ-Emblem ist.

Ein solches schien mir auf der folgenden, schlecht erhaltenen Aufnahme schemenhaft zu sehen sein, wenngleich der Verkäufer glaubte, dass es sich um einen AGA-Wagen handelt:

Hataz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Foto war lange im Angebot, bis der Verkäufer ihm schließlich ein zweites zur Seite stellte. Dieses ist in weit besserem Zustand und lässt das Markenemblem zumindest so gut erkennen, dass man einen AGA endgültig ausschließen kann.

Die junge Dame, die eben noch allein auf dem Trittbrett saß, hat nun das Lenkrad ergriffen – zeittypisch auf der rechten Seite. Ihr Ledermantel besitzt plötzlich einen Pelzkragen, außerdem hat sie sich einen Beifahrer zugelegt:

Hataz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht hier übrigens gut, dass der Wagen vom Radstand her als Zweisitzer konzipiert war, aber auch mit einem etwas verlängerten Tourenwagenaufbau verfügbar war.

Wie es scheint, war der Beifahrersitz etwas nach hinten versetzt, damit der Fahrer mehr Bewegungsfreiheit beim Lenken hatte – damals eine gängige Lösung in dieser Klasse.

Die Form des Kühlers erinnert stark an die beim Presto 9/30 PS, der ebenfalls ab 1921 gebaut wurde. Vermutlich gab es diesen (zugekauften) Kühler in verschiedenen Größen.

Auf dem obigen Foto sieht man unterhalb des Kühlers zwar eine Anlasserkurbel, doch besaß der HATAZ-Wagen laut Literatur bereits einen elektrischen Anlasser. Auch soll er sich von anderen Konfektionswagen seiner Zeit durch breitere Spur und damit bessere Straßenlage unterschieden haben.

Unserem Paar scheint das jedoch weniger wichtig gewesen zu sein – man interessierte sich offenbar mehr für einander als den HATAZ, der hier nur als Kulisse fungiert.

Hataz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses dritte, besonders charmante Foto konnte ich später noch ergattern, sodass die Aufnahmen nun wieder vereint sind.

Eines der Bilder finden Sie auch in der Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ (Motorbuch-Verlag) – ein weiteres dort abgebildetes wird irrtümlich meiner Sammlung zugeschrieben (nicht der einzige Schnitzer dieser Art in der sonst so verdienstvollen Ausgabe).

Bei weiteren Recherchen in der Literatur und im Netz fällt die Ausbeute indessen sehr spärlich aus, obwohl HATAZ-Wagen bis 1925 gebaut wurden. Eine Zusammenstellung von Dokumenten zu der Marke findet man vor allem hier.

Erst 2022 neu dazugekommen ist mein persönlicher Fund des Jahres, der alle mir bisher von HATAZ-Autos bekannten Aufnahmen in den Schatten stellt.

Dieses Foto zeigt nicht nur eine andere Kühlerausführung, sondern einen völlig eigenständigen Aufbau als sportlichen Roadster mit tiefem seitlichem Ausschnitt.

Das allein wäre schon großartig genug; die gewählte Perspektive und die beiden Insassen machen die Aufnahme dann endgültig perfekt:

Hataz Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was soll man sagen? Mehr Leben auf einem fast 100 Jahre alten Autofoto kann man sich kaum wünschen. Der Fotograf hat auf die freundliche Fahrerin und ihren eindrucksvollen Begleiter scharfgestellt, sie standen für ihn ganz klar im Mittelpunkt.

Doch auch die Kühlerpartie ist noch ausreichend klar wiedergegeben, um dieses Auto eindeutig als einen HATAZ identifizieren zu können.

Was dort noch alles zu sehen ist – außer dem Presto 9/30 PS im Hintergrund – das herauszufinden überlasse gern Lesern, die in der Hinsicht meist mehr wissen als ich:

Meine Vermutung ist, dass wir es hier mit einer auch motorenseitig sportlicheren Variante des HATAZ-Wagens zu tun haben – vielleicht sind dieser Roadster und seine Fahrerin ja sogar aus der damaligen Sportszene bekannt.

Ich könnte mir in dem Zusammenhang vorstellen, dass der Wagen nicht nur einen der frisierten oder von vornherein stärkeren Motoren von Steudel besaß, sondern auch eine besonders leichte Karosserie aus Aluminiumblech.

Jedenfalls sieht für mich die Oberfläche auf dem folgenden Bildausschnitt aus wie gebürstetes Leichtmetall:

Aber eigentlich geht es mir bei diesem Dokument um etwas anderes, nämlich darum, dass wir mit einer verhaltenen Zuversicht und ein wenig Vorfreude in die Zukunft schauen sollten – wie vor knapp 100 Jahren diese Automobilistin.

Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, aber wir sind zu einem gewissen Grad unseres eigenen Glückes Schmied. Dazu muss man bisweilen auch Wege abseits des Konventionellen beschreiten und Vertrauen ins eigene Können an den Tag legen.

Neben all dem Unheil, das der Mensch anrichtet, zeichnet ihn auch die Fähigkeit aus, sich zu besinnen, Krisen zu bewältigen und Probleme zu lösen. Möge uns das im Neuen Jahr im Kleinen wie im Großen gelingen!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Perlentaucher: Frisch an Land gezogene Fotoschätze

Die Welt der Oper hat sich mir erst spät erschlossen. Als Schüler entdeckte ich zunächst die Welt der klassischen Symphonik und tauschte in der Pause einschlägige CDs – Mitte der 1980er Jahre das Nonplusultra der Musikwiedergabe – mit Gleichgesinnten, darunter meinem diesbezüglich bestechlichen Deutschlehrer.

Später lernte ich die Kammermusik lieben – speziell die Streichquartette von Beethoven und Schubert. Irgendwann kamen Werke von Bach sowie die Musik des italienischen Barock hinzu.

Vor fünf Jahren war ich dann reif für die nächste Horizonterweiterung und begann intensiv Operneinspielungen unter Mitwirkung von Maria Callas zu hören. Mit solcher „Begleitmusik“ sind viele meiner seither verfassten Blog-Einträge entstanden.

Auch wenn Sie vielleicht nicht den Zugang zu dieser Kunst gefunden haben, verdanken sie ihr etwas – nämlich einen Gutteil der Energie und Stimmung, die mich erfüllt, wenn ich nächtens meine Improvisationen zu einem so profanen Gegenstand wie Vorkriegsautos niederschreibe.

Wenn ich mich zu einer Art Perlentaucher in dieser Hinsicht entwickelt habe, möchte ich aber auch das inspirierende Wirken etlicher Mitstreiter würdigen, die aus den Tiefen der Vergangenheit beständig Schätze an die Oberfläche unserer Tage bringen.

Einigen von ihnen ist der heutige Blog-Eintrag gewidmet. Da es sich um Zeitgenossen handelt, die kein großes Aufsehen um ihre Person nötig haben, finden sie nur in den Bildunterschriften der Fotofunde Erwähnung, die ich heute präsentieren will.

Diese Aufnahmen haben zwei Dinge gemeinsam: Zum einen sind sie von erlesener Qualität, zum anderen ist nach wie vor rätselhaft, was für Automobile darauf abgebildet sind. Vielleicht lässt sich mit Ihrer Hilfe, werte Leser, ja das eine oder andere Mysterium auflösen.

Den Anfang macht dieses Foto:

unidentifizierter Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Bart Buts (Belgien)

Hier haben wir einen typischen Tourenwagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, wie die gasbetriebenen Scheinwerfer verraten – der zugehörige Karbidentwickler ist auf dem Trittbrett montiert.

Der steil aufragende Windlauf vor der Frontscheibe spricht gegen eine Entstehung um 1913/14, man findet ihn meist an Fahrzeugen bis 1912, jedenfalls im deutschen Sprachraum, wo diese Aufnahme entstand.

Solche schrägstehenden Luftschlitze finden sich damals bei Marken wie Horch und Opel, waren dort aber anders ausgeführt, außerdem passt die Kühlergestaltung nicht dazu.

Die Zahl von 12 Radspeichen spricht für eine relativ starke Motorisierung, meist finden sich nur deren zehn. Auch das Platzangebot mit drei Sitzreihen spricht für ein gehobenes Modell.

Da im Einzelfall eine Spezialkarosserie verbaut worden sein kann, ist letztlich nur der Kühler ein verlässlicher Lieferant von Hinweisen auf die Marke – wer hat eine Idee?

Wir wenden uns unterdessen dem nächsten Fotofang zu, diesmal einem, der laut dem dafür verantwortlichen Perlentaucher aus England stammen dürfte:

unidentifizierter Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Bei britischen (und französischen) Fahrzeugen aus der Zeit vor 1920 gelten die im deutschsprachigen Raum bewährten Regeln nicht, was die Datierung anhand der Gestaltung der Frontpartie angeht.

Dort findet man solche traditionellen Aufbauten, bei denen die Motoraube unvermittelt im rechten Winkel auf die Windschutzscheibe trifft, nämlich noch bis Kriegsaubruch, teilweise darüber hinaus.

Die Kleidung der Damen im Heck spricht für die Zeit bis 1914, während der Fahrer in dieser Montur auch ohne weiteres noch in den 20er Jahren hätte unterwegs sein können.

Der Zustand des Wagens spricht aus meiner Sicht aber dafür, dass das Foto entstand, als das Auto noch fabrikneu war – ich tippe auf 1910 bis 1914.

Während Sie vielleicht sinnieren und recherchieren oder sich schlicht über die arrogante Pose des Hundes amüsieren, schreiten wir fort mit der Sichtung dessen, was unsere Perlentaucher in letzter Zeit zutagegefördert haben:

unidentifizierter Tourenwagen um 1920; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Wer sich in diesen Dingen auskennt oder schon eine Weile meinen Blog verfolgt, wird dieses Fahrzeug vermutlich auf Anhieb als deutschen Tourenwagen aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg ansprechen.

Damals war die ausgeprägte „Schulter“ entlang der Flanke des Wagens hierzulande ebenso Mode wie die Verwendung schnittiger Kühler nach Vorbild von Daimler und Benz. Dummerweise gab es diese auch als Nachrüstteil im Zubehör, und meist findet sich dann kein Markenemblem darauf.

Auch die keilförmig ausgestellten Luftschlitze in der Haube sollte man nicht überbewerten. In seltenen Fällen (hier) sind sie markenspezifisch, doch meist sind sie bloß modischer Akzent.

Obiger Wagen, der wieder einmal einen der mittig angebrachten monumentalen Suchscheinwerfer trägt, die allen möglichen Zwecken einschließlich schnöder Angeberei gedient haben können, mag also am Ende irgendein 0815-Fabrikat gewesen sein.

Das Gegenteil möchte man spontan von dem folgenden Fahrzeug annehmen:

unidentifizierter Zweisitzer ab 1910; Originalfoto aus Sammlung Jörg Pielmann

Bei der an eine umgedrehte Schaufel erinnernden Motorhaube und dem dahinterliegenden Kühler möchte man spontan an einen Renault denken.

Sicher, diese Marke ist am bekanntesten für diese ikonische Konstellation, aber sie lieferte damit zugleich das Vorbild für zahllose Kopien und Lizenznachbauten – übrigens auch in Deutschland, wo der abgebildete Wagen zugelassen war.

Zwar neigt mancher hierzulande auf dem Automobilsektor (und nicht nur dort) sich für die Krone der Schöpfung zu halten, aber vergessen wir folgendes nicht:

Nachdem deutsche Hersteller das Auto aus der Wiege gehoben haben, waren es französische Marken, die es alltagstauglich gemacht und über den Rang eines Kuriosums oder Spielzeug für Superreiche oder Sportsmänner hinaus entwickelt haben.

Eine derartige Masse von Autobauern um die Jahrhundertwende wie in Frankreich hat es in dieser entscheidenden Phase in Deutschland nicht annähernd gegeben und die meisten hiesigen Hersteller mussten zuerst französisch Modelle studieren oder nachbauen, bevor sie den Anschluss an die internationale Entwicklung fanden.

Mit so einem Fall könnten wir es hier zu tun haben, es könnte sich aber auch um eines der in die hunderten gehenden französischen (und belgischen!) Fabrikate jener Zeit handeln.

Dabei liefert die ans Skulpturenhafte grenzende Karosserie keinerlei Hinweis – solche meisterhaft von Hand geformten Aufbauten als Sportzweisitzer waren gang und gebe.

So viel zum Ertrag einiger unserer eifrigsten Perlenfischer aus der jüngeren Zeit. Was aber habe ich selbst zu dieser Kategorie unbekannter Schätze beizutragen?

Nun, normalerweise halte ich mich so lange zurück, bis ich einen solchen Fund zumindest einigermaßen genau ansprechen kann. Doch umfasst mein Fotobestand dermaßen viele unidentifizierte Fahrzeuge, dass ich heute gern die Schatulle öffne und eines davon zeige:

unidentifizierter Roadster um 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Schön, nicht wahr? Während die heitere Gesellschaft auf diesem Foto ein Orientierungsproblem bloß simuliert, haben wir indessen ein echtes.

Was soll das für ein Zweisitzer mit Roadsteraufbau sein? Gehen wir systematisch heran: Linkslenkung, ein Indiz für eine Entstehung ab 1925. Winzige Bremstrommeln (wie es scheint auch vorne), Cycle-Wings mit angesetzten Innenkotflügeln und schmale Drahtspeichenräder, das deutet auf einen Wagen der Klasse unter 1 Liter-Hubraum mit weniger als 20 PS hin.

So viele Autos in dieser Machart gab es in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre aber nicht mehr. Könnte das im Raum Baden zugelassene Auto ein Eigenbau gewesen sein? Die kantigen Formen ab der Frontscheibe bis zum Heck würden dazu passen.

Jedenfalls ein Dokument von großem Reiz, selbst wenn sich wohl nicht mehr zuverlässig ermitteln lässt, was für ein Fahrzeug darauf zu sehen ist.

Man soll aber nie aufgeben in dieser Hinsicht, manche verlorengeglaubte Perle findet doch eines Tages noch zurück ans Licht. Damit komme ich am Ende zum eingangs angerissenen Thema Oper zurück – denn dort gibt es ebenfalls das Phänomen der Perlentaucher.

Eine bedeutende Vertreterin dieser Profession war die erwähnte Maria Callas, die etliche in Vergessenheit geratene Werke zurück auf die Bühne brachte und ihnen mit ihrer atemberaubenden Präsenz und Hingabe neues Leben schenkte.

Für die Opernfreunde unter meinen Lesern möchte ich den heutigen Blog-Eintrag mit einer eigenen Trouvaille abrunden. Wie es der Zufall will, trägt das Werk den passenden Namen: „Les pêcheurs de perles“ – „Die Perlenfischer“, geschrieben von George Bizet 1863.

Das Werk war wohl aufgrund seines indischen Sujets kein großer Erfolg und ist heute kaum noch bekannt, während Bizets Gassenhauer-Oper „Carmen“ fast jeder kennt.

Erst dieser Tage, stieß ich auf ein Duett aus den Bizetschen „Perlenfischern“, noch dazu in deutscher Fassung – gesungen von Hermann Prey und dem einzigartigen Fritz Wunderlich.

Ja, zwar gibt es solche Stimmen längst nicht mehr, doch sie sind nur scheinbar verstummt und sprechen zu uns Perlenliebhabern so lebendig wie die Automobilfotos von einst…

Videoquelle: YouTube.com; hochgeladen von Addiobelpassato

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Mittendrin, statt nur dabei: Ein Bellanger Frères

Heute war ich wie jede Woche in Bad Nauheim auf der Post – ein Bau von erlesener 70er Jahre-Grausamkeit – und warf einen Blick in mein geschäftliches Postfach.

Wie üblich fand ich dort auch den Großteil der an meine Privatadresse gerichteten Sendungen vor – man ist bei dieser Behörde trotz mehrfacher Intervention nicht imstande, nur entsprechend Adressiertes ins Postfach einzulegen – und alles andere direkt zuzustellen.

Aber gut, man gewöhnt sich auch hier an den Verfall des Niveaus und so fahre ich einmal pro Woche „in die Stadt“ – im Sommer mit der E-Vespa, ansonsten mit dem bösen Verbrenner.

Zu meiner Freude fand heute ich im Postfach bereits die Januar-Ausgabe von „The Automobile“ vor, meinem in Großbritannien produzierten Lieblings-Altauto-Magazin.

In die Runde gefragt: Liest das außer mir eigentlich jemand hierzulande? Immerhin geht es in der aktuellen Ausgabe um Schätze wie einen französischen Stromlinienwagen von Dubonnet, Sonderkarosserien von Sodomka aus Tschechien und einen britischen Invicta.

Gibt es eine vergleichbare Publikation auf dem Kontinent? Rhetorische Frage, Antwort: nein. Unter anderem deshalb habe ich 2015 diesen Blog begonnen, weil es ein Witz ist, was im Mutterland des Autos zu Vorkriegswagen gedruckt (und online) publiziert wird.

Hier bekommen die alten Kisten und die tausenden von Marken, die an der Erfolgsgeschichte des Automobils mitgewirkt haben, zumindest annähernd die Bühne, die sie verdienen.

Das ist aber nur virtuell in so einem Blog mit alten Bildern und ein bisserl Text, mag jetzt einer sagen. Warten Sie’s ab, heute sind sie mitten drin im Geschehen, statt nur im Netz dabei!

Um ans Ziel zu gelangen, lassen wir uns zunächst von diesen feinen Damen zu einer Fahrt zurück in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg entführen: „Aimeriez-vous nous accompagner? – Mögen Sie uns begleiten?“ fragen sie:

Delaunay-Belleville um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer würde da „Non merci, mesdames, nous préférons le train“ – „Nein danke, die Damen, wir nehmen lieber die Bahn“ antworten?

Also vertrauen wir uns den beiden an und lassen uns in ihrem Delaunay-Belleville kutschieren, so einen Wagen nennen sie ihr eigen.

Das soll uns aber nur ganz am Rande interessieren, und schon beim nächsten Händler dieser Marke lassen wir uns unter dem Vorwand, selbst so ein leistungsfähiges 6-Zylinder-Gefährt mit seidenweichem Gang erwerben zu wollen, absetzen.

Dort empfängt uns der Leiter der örtlichen Niederlassung, Robert Bellanger. Mit ihm haben wir nämlich heute eine Verabredung. Monsieur Bellanger hat in seinem Unternehmerdasein schon einige Firmen vertreten, darunter Westinghouse aus den USA.

1912, vor 110 Jahren, beschließt er, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Mit seinen Brüdern gründet er die Société Automobiles Bellanger Frères mit Sitz in Neuilly sur Seine bei Paris.

Dort lässt er hochwertige Automobile mit Daimler-Motoren nach Knight-Patent fertigen. Diese ventillosen, hülsengesteuerten Aggregate galten als Nonplusultra des geräuschlosen Laufs, waren allerdings auch anspruchsvoll, was Wartung und Ölverbrauch betrifft.

Ein noch vor dem 1. Weltkrieg entstandenes Exemplar konnte ich vor einigen Jahren meiner Sammlung einverleiben – in Form dieses im Original stark mitgenommenen Abzugs:

Bellanger Frères Tourenwagen um 1913; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Gasscheinwerfer und die Gestaltung der Vorderkotflügel deuten auf ein Vorkriegsmodell hin – wobei die Motorisierung offenbleiben muss. Die frühen Bellanger-Wagen waren mit Hubräumen von 2 bis über 6 LItern Hubraum erhältlich und scheinen sich – von den Dimensionen abgesehen – äußerlich kaum unterschieden zu haben.

Aus irgendwelchen Gründen – entweder weil sie sonst nicht absetzbar waren oder weil sie als besonders zuverlässig galten – kamen vor allem die kleinvolumigen Wagen der Marke in Paris als Taxis zum Einsatz.

Wir stürzen uns furchtlos in Getümmel der Großstadt – auf den Boulevard des Poissonières mitten in Paris – und schauen, ob wir eines Exemplars davon ansichtig werden. Tatsächlich, ganz vorne links fährt doch tatsächlich ein Bellanger Landaluet durchs Bild:

Bellanger Frères Taxi in Paris um 1913; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das komplette Foto mit eingehender Besprechung der atemberaubenden Szenerie finden Sie übrigens in meinem Blog hier.

Nun mag man das alles unbefriedigend ansehen, denn wer – außer mir – sagt denn, dass diese Mobile mit ihrem auffallend abgerundetem Kühler wirklich Wagen der Marke Bellanger waren – schließlich ist der Schriftzug auf dem rautenförmigen Emblem nicht lesbar.

Auch zeitgenössische Reklamen sind diesbezüglich nicht immer aussagefähig. Die folgende beispielsweise zeigt einen Bellanger des ab 1919 gebauten Typs 15/17 HP nur aus der Seitenansicht wieder, noch dazu reichlich stilisiert:

Bellanger Frères Reklame ab 1919; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Bellanger ging nach dem 1. Weltkrieg dazu über, statt der Hülsenschiebermotoren nach „Knight“-Patent zugekaufte Aggregate konventioneller Bauart (Seitenventiler) von Briscoe zu verbauen.

Dieses US-Unternehmen verfügte damals in direkter Nachbarschaft zu Bellanger über eine Fabrikation in Paris, so mag die Kooperation zustandegekommen sein.

Wie es scheint, stellten die 17 HP-Motoren mit vier Zylindern und 3,2 Litern Hubraum damals den Standardantrieb der Bellanger-Wagen dar. Nicht ganz klar ist, ob Briscoe auch die parallel erhältlichen Motoren mit Spezifikation 24/30 PS (4,2 Liter) und 35/50 PS (6,3 Liter) zulieferte, manche Quellen sprechen hier von Eigenentwicklungen.

Jedenfalls dominieren die zeitgenössischen Reklamen für das 17 PS-Modell A1, hier eine aus dem Jahr 1920:

Bellanger Frères Reklame aus der Zeitschrift L’Illustration, 1920; Sammlung Michael Schlenger

Alles, was in dieser Annonce an Meriten des Wagens aufgezählt wurde, war kurz nach dem 1. Weltkrieg vollkommen konventionell, zumindest ab der Mittelklasse.

Der auffallende Akzent auf der gehobenen Ausstattung im Innenraum mag widerspiegeln, dass man wusste, dass das Auto im Wettbewerb sonst keinerlei Vorteile aufwies.

Wohl gelang es der Marke noch eine Zeitlang vom alten Nimbus als luxuriöser Hersteller zu zehren, doch im Lauf der 1920er Jahre war der Stern klar am Sinken, zumal man keine Anstrengungen unternahm, mit den zeitgenössischen Entwicklungen mitzuhalten.

Um 1925 scheint Bellanger keine Rolle mehr gespielt zu haben, wenngleich man 1928 einen kurzen und erfolglosen Versuch unternahm, Wagen der ebenfalls in die Jahre gekommenen Marke DeDion als Bellanger zu vermarkten.

Spätestens Anfang der 1930er Jahre hört man nichts mehr von Bellanger, das Werk in Neuilly-sur-Seine war inzwischen von Peugeot gekauft und dann von Rosengart übernommen worden.

Und wir? Wollten wir nicht mittendrin in dieser Geschichte sein, statt nur dabei? Richtig, und genau dieses Erlebnis kann ich Ihnen zum Schluss bieten.

Denn hier geht es mitten in die 1920er Jahre, direkt ins Publikum bei einer sonst nicht näher bekannten Veranstaltung – und was kommt uns da entgegen?

Bellanger Frères um 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Das ist ein Bellanger!“ wird jetzt auch der ausrufen, der vor einer halben Stunde noch nie von dieser französischen Marke gehört hat.

Genau so ist es, hier lernt man quasi in Echtzeit dazu – ich übrigens auch – während man diese alten Fotos Revue passieren lässt, gemeinsam mit Gleichgesinnten recherchiert und sich mehr oder weniger fundierte Gedanken dazu macht.

Und so gelangt man am Ende auch zu einem klaren Bild, was das Markenemblem von Bellanger Frères angeht. Mitten drin sein im Geschehen, statt nur als Zaungast dabei, das ist die Voraussetzung für solche Einblicke!

Bei der Gelegenheit erlaube ich mir ein persönliches Gedenken an den britischen Automobilhistoriker Michael Worthington-Williams, der mir 2016 anhand meines weiter oben gezeigten Fotos eines Bellanger-Tourenwagens um 1913 die Augen für diese Marke öffnete.

Er ist 2022 von uns gegangen und hinterlässt nicht nur bei mir eine schmerzhafte Lücke – RIP.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.