Exot aus Frankreich: Ein Peugeot 153B

Bei der traditionsreichen Marke Peugeot denkt man nicht unbedingt an „Exoten“ – doch dieser Oldtimerblog ist Vorkriegsautos gewidmet und betrachtet die damalige Autolandschaft aus deutscher Perspektive.

Dabei gewinnt man den Eindruck, dass Fahrzeuge von Peugeot diesseits des Rheins bis zum 2. Weltkrieg nur selten anzutreffen waren. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 sah das schlagartig anders aus, doch das ist eine andere Geschichte…

Bislang haben wir hier jedenfalls kaum Vorkriegsfotos von Peugeots zeigen können. Eine der wenigen Ausnahmen war ein Wagen des Typs 163.

Man fragt sich, wieso das eigentlich der Fall war. Denn Konkurrent Citroen, der erst nach dem 1. Weltkrieg Autos zu bauen begann, war ab 1927 sogar mit einer eigenen Produktion in Deutschland präsent.

So konnten wir schon einige Citroen-Modelle anhand von Fotos vorstellen, die Wagen der Marke im deutschsprachigen Raum zeigen (Beispiel).

Diese kesse junge Dame aus dem Münchner Raum turnt ebenfalls auf einem Citroen herum, einem Typ B10:

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© Citroen B10, aus Sammlung Michael Schlenger

Möglicherweise war es der visionäre Geist von Firmengründer André Citroen, der zur gezielten Erschließung des deutschen Markts führte, auch wenn dieser nach dem Krieg zunächst darniederlag.

Peugeot scheint sich vor dem 2. Weltkrieg nicht mit vergleichbarem Erfolg um den Export seiner Wagen nach Deutschland bemüht zu haben. Immerhin gab es vor dem 1. Weltkrieg bereits in Mühlhausen/Elsass die Firma G. Chatel, die die Peugeot-Vertriebsrechte für Deutschland besaß.

In den 1920er Jahren gab es dann eine General-Vertretung in Berlin und eine Importgesellschaft in Saarbrücken. Doch erkennbar breit durchsetzen konnte sich Peuegot damit noch nicht, was auch am Preis der Wagen gelegen haben mag.

Einige Kenner hierzulande müssen aber die Qualitäten der Peugeot-Automobile gesehen haben und scheinen damit recht zufrieden gewesen sein. Ein schönes Beispiel dafür zeigt folgende Originalaufnahme:

© Peugeot Typ 153B, aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansprache als Peugeot ermöglicht die typische breite und oben geschwungene Kühlermaske, auf der sich das Markenemblem abzeichnet.

Die Größe des Wagens sowie formale Details an Rädern, Schutzblechen und Windschutzscheibe lassen auf einen Typ 153B schließen, der ab 1920 in diversen Ausführungen gebaut wurde.

Im Unterschied zum neukonstruierten Peugeot 163 war der 153B eine Weiterentwicklung des Vorkriegstyps 153A. Dieser war 1913 vorgestellt worden und zeichnete sich durch eine moderne Motorenkonstruktion mit strömungsgünstig im Zylinderkopf hängenden Ventilen aus.

Bei der modernisierten Nachkriegsausführung 153B war auf Wunsch auch eine Vierradbremse erhältlich. Wie es scheint, verfügt der Wagen auf unserem Foto ebenfalls über Bremstrommeln vorne.

Der Tourenwagenaufbau ab der Windschutzscheibe entspricht den Konventionen der Zeit – hier unterschieden sich die Autos bis Ende der 1920er Jahre kaum.

Die jungen Insassen hinten scheinen jedenfalls trotz wenig erbaulichen Wetters glücklich gewesen zu sein:

Eine Fahrt im Automobil war damals ein heute kaum vorstellbares Privileg – erst recht in einer ländlichen Gegend Mitte der 1920er Jahre. Leider ist das Nummernschild teilweise verdeckt, sodass wir über den Aufnahmeort nichts sagen können.

Das Kennzeichen entspricht aber den deutschen Vorschriften, sodass wir sicher sein können, dass wir einen der raren Vorkriegs-Peugeots auf deutschem Boden vor uns haben. So gesehen ist die Überschrift durchaus passend…

Horch 8-Rivale: Mercedes „Nürburg“ von 1933

Exemplare der ersten Achtzylinderwagen der sächsischen Luxusmarke Horch wurden auf diesem Oldtimerblog bereits wiederholt besprochen (Beispiele und 2).

Was die Zwickauer Ingenieure mit dem hochmodernen Triebwerk geschaffen hatten, war in Deutschland Mitte der 1920er Jahre ohne Vergleich. Dies galt erst recht, als der Horch „8“ auch stilistisch zu einem Automobil der Spitzenklasse reifte.

Mercedes-Benz zog 1928 zwar nach, doch der eilig entwickelte Achtzylinder ließ die Raffinesse und Laufkultur des sächsischen Vorbilds vermissen. Kein Wunder, hatte man doch schlicht die konventionellen 6-Zylinder-Reihenaggregate des Typs „Mannheim“ um zwei Zylinder erweitert.

Auch fahrwerksseitig hielt Mercedes mit Starrachse vorn und Holzspeichenrädern bis Produktionsende an überholter Technik fest. Formal bot man anfangs ebenfalls nur Hausmannskost. 

Ein Adler Standard 8 kostete 1928 rund ein Viertel weniger und kam ebenso imposant daher – nur fehlte ihm das Prestige des schwäbischen Konkurrenten. Und das war der Mercedes-Klientel schon immer wichtiger als die greifbaren Qualitäten.

Wie aber sah so ein Mercedes „Nürburg“ 8-Zylinder aus? Nun, hier haben wir ein seltenes Originalfoto einer besonders interessanten Ausführung:

© Mercedes 460 oder 500 „Nürburg“ Cabriolet, aus Sammlung Michael Schlenger

Dass dies ein recht frühes Exemplar des insgesamt weniger als 4.000 mal gebauten Mercedes „Nürburg“ mit 8-Zylindermotor ist, erschließt sich nicht sofort.

Aus dieser Perspektive wirkt der über fünf Meter lange und je nach Karosserie weit über 2 Tonnen wiegende Wagen nicht übermäßig beeindruckend. Und so war dieser zeitgenössische Abzug auch für kleines Geld zu haben.

Dass er tatsächlich einen der kolossal teuren „Nürburg“-Achtzylinder zeigt, erweist sich erst bei näherem Hinsehen:

Doppelstoßstangen in Verbindung mit senkrecht stehendem Kühler und geschwungener Scheinwerferstange – das findet sich so nur beim Achtzylinder-Modell „Nürburg“ ab 1928.

Ob es nun die 4,6 oder 5 Liter-Ausführung war, die zeitweilig parallel gebaut wurden, dürfte sich kaum entscheiden lassen. Mit 80 oder 100 PS war der schwere Wagen aus heutiger Sicht gleichermaßen untermotorisiert.

Doch was damals – im Zeitalter unsynchronisierter Getriebe – zählte, war vielmehr die enorme Elastizität des Motors. Laut Literatur konnte der Nürburg selbst im höchsten Gang bis auf 10km/h abgebremst und ohne Schalten wieder beschleunigt werden.

Während die Straßenlage trotz antiquierten Fahrwerks allgemein gelobt wurde, galt schon damals die Bremsleistung des Nürburg als unterdurchschnittlich. Offenbar halfen weder die auf dem Foto erkennbaren riesigen Trommelbremsen noch deren Druckluftunterstützung.

Formal interessant ist ein anderes Detail: die seitlichen Kotflügelschürzen. Sie tauchten erst 1933 auf und geben einen ersten Datierungshinweis. Gleichzeitig wissen wir, dass ab 1934 ein geneigter Kühler verbaut wurde.

Demnach haben wir es wohl mit einem 1933er Modell zu tun. Auffallend ist aber die schräge Frontscheibe, die bei Serienwagen des Typs erst später eingeführt wurde.

Möglicherweise könnte der Mercedes „Nürburg“ von 1933 auf unserem Foto über einen Aufbau eines unabhängigen Karosseriebauers verfügen. Tatsächlich findet sich in der Literatur ein ähnliches Pullman-Cabriolet von Baur (Stuttgart).

Solche Details mögen die jungen Burschen der „Hitlerjugend“ einst kaum interessiert haben, die diesen Mercedes auf dem Foto „erobert“ haben:

Man sieht ihnen die Begeisterung an und einer von ihnen hat auf der Rückseite des Fotos vermerkt: „Wagen des Berliner Rundfunks – Burg Saaleck“.

Demnach entstand dieses Foto einst vor einem der beiden Bergfriede auf dem Gelände der gleichnamigen Burgruine in Sachsen-Anhalt. Sie war in den 1930er Jahren eine Pilgerstätte für Anhänger des nationalsozialistischen Regimes.

Unsere Aufnahme kündet davon, wie dieser Ort propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Dabei wurde – wie unser Foto belegt – auch die Begeisterungsfähigkeit und Gutgläubigkeit der Jugend ausgenutzt.

Die Jungen auf der Aufnahme bekamen keine zehn Jahre später als Wehrpflichtige die Gelegenheit, im Staatsauftrag ebenfalls Mercedes-Cabriolet zu fahren – nur sahen diese Wagen und das Umfeld meist anders aus:

© Mercedes 170 VK Kübelwagen, aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir einen Mercedes 170 in der für die Wehrmacht gebauten Kübelwagenversion im Dienst einer Nachrichteneinheit an der Ostfront 1941/42.

Das Schicksal der damals in den Krieg geschickten Generation soll uns Mahnung sein, den Machbarkeitsversprechen von Politikern jeder Couleur und Apellen an kollektive Aufgaben und angebliche moralische Verpflichtungen gründlich zu misstrauen…

Winter 1941: Ein Citroen Typ A an der „Heimatfront“

Vor genau 75 Jahren -Anfang Dezember 1941 – kam der deutsche Angriff auf Russland einige Kilometer vor Moskau zum Stillstand.

Bereits zuvor waren massenhaft Fahrzeuge der Wehrmacht ausgefallen, die Truppe war erschöpft und der Nachschub stockte seit Mitte November. „General Winter“ hatte das Regiment übernommen und das bekam der Angreifer nun zu spüren.

Während der Gegner auf die Verhältnisse vorbereitet war, mangelte es den deutschen Soldaten an Winterbekleidung – und das bei Frostgraden im zweistelligen Bereich.

Man ahnt die auch gegenüber den eigenen Männern rücksichtslose Kriegsführung auf diesem Foto:

© Mercedes 260 „Stuttgart“ Kübelwagen an der Ostfront, aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben sich zwei einfache Gefreite in Sommeruniform bei Schneetreiben vor ihrem Fuhrpark ablichten lassen. Was mag das Motiv dieser tristen Aufnahme gewesen sein? Wohl schlicht der Wille, den Verhältnissen zu trotzen.

Der halb zugeschneite Wagen im Vordergrund mit Decke über der Motorhaube ist übrigens ein Mercedes 260 Kübelwagen, der auf dem zivilen Modell Stuttgart 260 basierte, das von 1929-34 mit 50 PS starkem 6-Zylindermotor gebaut wurde.

Die Kübelwagenvariante wurde bis 1935 gefertigt – über 1.500 Exemplare gingen an die damalige Reichswehr und dienten der späteren Wehrmacht noch etliche Jahre.

Im Winter 1941 dürfte für viele dieser Wagen an der Ostfront die letzte Stunde  geschlagen haben. Denn ab dem 5. Dezember begann die russische Armee eine Gegenoffensive, die die überforderten deutschen Truppen weit zurückwarf.

© Zerstörter Horch 830 R Kübelwagen, aus Sammlung Michael Schlenger

Bis Anfang Januar 1942 verlor die Wehrmacht tausende Panzer, Geschütze und PKW. Geschätzt eine halbe Million Tote und Verwundete gab es allein auf deutscher Seite, jeder fünfte Ausfall war auf Erfrierungen zurückzuführen.

Im Unterschied zum Stalingrad-Debakel ein Jahr später bekamen die Deutschen an der „Heimatfront“ das volle Ausmaß des Rückschlags noch nicht mit, zumal es 1942 an der Ostfront wieder vorwärts ging.

Was mögen wohl diese im Dezember 1941 aufgenommenen Herren vom Geschehen über 2.000km weiter östlich mitbekommen haben? Ob Sie eine Vorstellung davon hatten, dass die Soldaten dort ohne Wintermäntel kämpfen mussten?

© Citroen Typ A, aufgenommen im Dezember 1941, aus Sammlung Michael Schlenger

Leider wissen wir nicht viel über die Aufnahmesituation des Bildes. Auf der Rückseite ist außer dem Datum nur „Kloster Drakenburg“ vermerkt.

Zwar existiert ein Ort gleichen Namens im niedersächsischen Kreis Nienburg an der Weser. Doch ein Kloster scheint es dort nicht gegeben zu haben. Vielleicht hat ein Leser eine Idee, wo es ein Kloster dieses Namens gibt. Der Hintergrund lässt auch auf eine Guts- oder Schlossanlage schließen.

Uns interessiert an dieser Stelle aber vor allem der Tourenwagen auf dem Foto. Wenn nicht alles täuscht, handelt es sich um einen Citroen Typ A, das erste Auto des französischen Herstellers überhaupt.

Der Erstling von Citroen besaß einen 1,3 Liter messenden Vierzlindermotor, der 18 PS leistete, was für rund 65 km/h Höchstgeschwindigkeit genügte. Trotz der bescheidenen Papierform erwies sich das Auto mit über 24.000 Exemplaren in etwas mehr als zwei Jahren Produktionsdauer für europäische Verhältnisse als Erfolg.

Der Wagen auf dem Foto war zum Aufnahmezeitpunkt mindestens 20 Jahre alt. Offenbar war er noch zivil zugelassen, was zu Kriegszeiten nur möglich war, wenn der Halter ihn für unabweisbare berufliche Zwecke brauchte.

Möglich, dass der alte Citroen einem Landarzt gehörte, der dann vermutlich einer der Herren auf dem Foto war. Drei davon weisen eine ziemliche Ähnlichkeit auf, vielleicht ein Vater und seine Söhne.

Jedenfalls muss unsere Reisegruppe über Benzin für einen winterlichen Ausflug verfügt haben. Vermutlich war noch ein weiteres Fahrzeug mit von der Partie, denn sechs Personen einschließlich des Fotografen waren im Tourer nicht unterzubringen.

Wie der Citroen wohl einst nach Deutschland gelangt ist? Die Autoproduktion der Marke auf deutschem Boden begann jedenfalls erst 1927 mit dem Modell B14, das wir hier schon einmal vorgestellt haben.

Letztlich ist das Foto eines der wenigen Zeugnisse jener Zeit, die noch einen privat genutzten PKW zeigen. Wer in diesen Tagen meint etwas frösteln zu müssen, wird beim Gedanken an die Verhältnisse im Winter vor 75 Jahren vielleicht nachdenklich…

Ungleiche Zwillinge: Zwei Stoewer Tourenwagen

Dieser Oldtimerblog ist ganz der faszinierenden Welt der Vorkriegswagen gewidmet. Faszinierend deshalb, weil Autokäufer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine unerschöpfliche Auswahl an Marken, Typen und Karosserien vorfanden.

Mit einer ähnlich erschlagenden Vielfalt wird man heutzutage allenfalls noch in der Kosmetikabteilung des örtlichen Kaufhauses konfrontiert. In technischer Hinsicht dominieren seit langem ein Dutzend Hersteller, Innovationen sind Mangelware.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Gleichförmigkeit des zeitgenössischen Angebots damit zu tun hat, dass heute alles von Teams entwickelt wird, die eine ähnliche Qualifikation und Erfahrung aufweisen und ähnlich geführt werden.

Die meisten technischen Durchbrüche der letzten 150 Jahre verdanken wir aber Einzelpersonen – begnadeten Erfindern oder brillianten Ideengebern. Aber lassen wir das, nicht nur in automobiler Hinsicht ist die Gegenwart eher uninteressant.

Hier geht es um die Magie alter Fotos, die alte Autos zeigen. Oft sind diese Aufnahmen von hervorragender Qualität, doch manchmal vermitteln sie nur noch eine Ahnung des einstigen Motivs:

© Stoewer D3 der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es bedurfte einiger Anstrengungen, um aus diesem über 90 Jahre alten Abzug das herauszuholen, was hier zu sehen ist. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn das Foto zeigt ein Auto, das nur rund 2.000mal gebaut wurde – einen Stoewer Typ D3.

Die einst in Stettin ansässige Marke Stoewer ist 1945 untergegangen und im Nachhinein mag das gut gewesen sein. Denn so blieb der Nimbus einer der interessantesten deutschen Autofirmen ungetrübt erhalten.

Stoewer fertigte meist in unwirtschaftlich kleinen Stückzahlen, stand wiederholt vor der Insolvenz, konnte sich im Unterschied zu vielen Konkurrenten aber über die 1920er Jahre hinaus halten.

Der Grund dafür dürfte gewesen sein, dass das Unternehmen inhabergeführt war. Natürlich folgten auch die Stoewer-Wagen der Mode, doch hatten sie meist eine eigene Note, die sie für Automobil-Gourmets begehrenswert machte.

Man mag das auf obigem Foto noch nicht so recht erkennen, daher präsentieren hier wir hier eine zweite Aufnahme desselben Typs mit etwas abweichendem Aufbau:

© Stoewer D3 der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist nun eine Aufnahme, wie sie besser kaum sein könnte, kontrastreich und scharf, außerdem dynamisch inszeniert, hier verstand jemand sein Handwerk.

Weit besser zu erkennen ist hier der Spitzkühler mit leichter Schrägneigung, der für die nach dem 1. Weltkrieg gebauten D-Typen von Stoewer so typisch war – ein wichtiger Unterschied zu den ähnlichen C-Typen von NAG (Bildbericht).

Auch die ovale Plakette auf der Oberseite der Kühlermaske ist Stoewer-spezifisch:

Möglicherweise kann jemand etwas zu der runden Plakette vorn auf dem Kühlergrill sagen, die nicht serienmäßig war. Die Aufschrift scheint mit einem geschwungenen „S“ zu beginnen, für „Stoewer“ reicht aber der Platz nicht.

In Frage kommt eine Plakette eines Automobilclubs, Autohauses oder Karosserieherstellers. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Bedeutung der zweiten Plakette auf der unteren Seitenpartie des Stoewer:

Überzeugende Lösungsvorschläge werden in den Artikel aufgenommen, dazu bitte die Kommentarfunktion nutzen.

Gesichert sind die technischen Daten des Stoewer D3. Das von 1920-23 gebaute Vierzylindermodell leistete 24 PS aus 2,1 Liter Hubraum. Konstruktiv war der Seitenventiler solider Standard. Immerhin verfügte er über ein 4-Gang-Getriebe.

Als Höchstgeschwindigkeit wurde 70 km/h genannt, aber ausgefahren wurde selbst dieses Tempo auf den Straßen jener Zeit selten.

Betrachtet man die dick eingepackten Insassen auf dieser in der kalten Jahreshälfte entstandenen Aufnahme, kann man sich gut vorstellen, dass man es im offenen Wagen nicht sonderlich eilig hatte:

Dabei hatte der Fahrer dank der Nähe zur Windschutzscheibe und zum wärmenden Motor die bessere Position -das wussten die Herrschaften auf der Rückbank aber vielleicht nicht.

Dennoch machen sie einen recht vergnügten Eindruck, denn als Automobilbesitzer waren sie sich ihrer herausgehobenen Position bewusst. Heute wäre in derselben Schicht eine solche Situation dagegen schwer vorstellbar.

Eine Spritztour im Cabriolet ohne Heizung und Wetterschutz in der kühlen Jahreszeit zu unternehmen, das bringen allenfalls noch Engländer fertig.

Auch daran sieht man, wie sehr sich die Welt in den letzten 90 Jahren verändert hat. Von den Menschen und dem Auto ist wohl nicht mehr geblieben als unser Foto. Der unmittelbare Blick zurück macht den Reiz solcher Bilder aus.

Stoewer D-Typ oder NAG C4? Das ist die Frage…

Auf diesem Oldtimerblog finden Freunde von Vorkriegsautos beinahe täglich „neue“ historische Originalfotos von Wagen aller möglichen und unmöglichen Marken.

Dabei bemüht sich der Verfasser, möglichst der Jahreszeit entsprechende Aufnahmen herauszusuchen. Im lichtlosen und kalten Dezember mag vermutlich niemand ein Urlaubsbild wie das folgende sehen müssen:

© Tourenwagen der 1920er Jahre ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser hier bislang unterbelichteten Marke aus dem benachbarten Ausland werden wir uns diesen Winter allerdings noch ausführlich widmen.

Wer ahnt, um welches Kaliber es sich dabei handelt, darf sich auf eine ganze Reihe Fotos von Fahrzeugen desselben Herstellers freuen.

Damit die trübe Dezemberstimmung aber nicht in Euphorie umkippt, belassen wir es heute bei der Betrachtung folgender angemessen tristen Aufnahme:

© NAG C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor dem Hintergrund blattloser Bäume und eines grauen Himmels sehen wir einen einschüchternd wirkenden Tourenwagen in Tiefschwarz. Würde der Fährmann über den Styx Auto fahren, könnte es so aussehen…

Uns interessiert natürlich, um was für ein Modell es sich handelt. Der erste Gedanke des Verfassers war: NAG C4. Diesen Anfang der 1920er Jahre verbreiteten Typ der Berliner AEG-Tochter haben wir hier schon öfter vorgestellt (Bildergalerie)

Doch kam bei der näheren Betrachtung eine zweite Vermutung auf. Für einen NAG C4 wirkt der Wagen einfach zu mächtig. Zum Vergleich hier eine Aufnahme dieses 30 PS leistenden Vierzylindertyps von NAG:

© NAG C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ja, die beiden Autos weisen Gemeinsamkeiten auf, speziell um die Kühlerpartie. Doch solche Spitzkühlermodelle gab es nach dem 1. Weltkrieg von etlichen Herstellern.

Die schiere Größe des Wagens auf dem Ausgangsfoto und die raffinierter geschnittene Partie vor der niedrigen Frontscheibe ließ den Verdacht aufkommen, dass es ein D-Typ der renommierten Stettiner Firma Stoewer sein könnte.

Ein weiteres Detail schien diese Annahme zu bestätigen, die Kühlerfigur:

Was dort auf einer Weltkugel thront, ist eindeutig ein Greif – seit altersher das Wappentier der preußischen Provinz Pommern. Die dort ansässige Firma Stoewer montierte solche Kühlerfiguren auf ihre von Kennern geschätzten Automobile.

Nach Rücksprache mit dem Stoewer-Museum machte sich allerdings Ernüchterung breit: Dies sei kein Stoewer D-Typ und der Greif sei in Stettin erst später als Kühlerfigur verbaut worden.

Also zurück zur ersten Vermutung, dass es doch ein NAG C4 ist. Und tatsächlich liefert obige Ausschnittsvergrößerung den Schlüssel zur Identifikation. Denn mittig an der Verbindungsstange zwischen den Frontscheinwerfern erkennt man schemenhaft die sechseckige Plakette, die typisch für die NAGs jener Zeit war.

Man sieht sie auch auf dem weiter oben zumVergleich gezeigten, leider sehr körnigen Abzug eines NAG C4-Tourenwagens:

Damit wäre klar, dass es sich in beiden Fällen um einen NAG des Typs C4 handelt, der von 1920-24 in einigen tausend Exemplaren gebaut wurde.

Für den Verfasser immer wieder erstaunlich ist es, wieviele Fotos es von diesem absolut gesehen eher seltenen Automobil heute noch gibt. Offenbar genossen die eindrucksvollen Wagen mit der markanten Kühlerpartie besondere Wertschätzung.

Dass wir uns nach über 90 Jahren über solche Sachen den Kopf zerbrechen, hätte die damaligen Insassen gewiss amüsiert:

„Junger Mann, natürlich liegt uns Pommern am Herzen, daher auch die Kühlerfigur. Doch unser Chauffeur Wilhelm ist ein wenig konservativ und schwört nun einmal auf NAG. Die Wagen haben uns im Weltkrieg nie im Stich gelassen, sagt er.“

Tja, offenbar wusste man einst im fernen Berlin Automobile zu bauen, die den Stettinern Konkurrenz zu machen wussten. Tempi passati…

Lohn für’s Strippenziehen: EK2 und Mercedes 230

Auf einem Oldtimerblog, der sich auf Vorkriegsautos meist deutscher Hersteller konzentriert, wird man zwangsläufig immer wieder mit dem Kriegsgeschehen von 1939-45 konfrontiert.

Seien es nun von der Wehrmacht erbeutete PKW, eingezogene Autos oder auf zivilen Modellen basierende Kübelwagen – Fotos aus dem Krieg gibt es bei manchen Typen mitunter mehr als aus Friedenszeiten.

Solange noch Filmmaterial verfügbar war, waren speziell die im Stabseinsatz verbreiteten Prestigewagen von Horch und Mercedes beliebte Motive bei den Soldaten – von denen die meisten noch nie ein Auto gefahren oder besessen hatten.

Eine Runde im Wagen des Kompaniechefs galt daher als Auszeichnung – und der junge Gefreite auf folgendem Foto scheint sich das verdient zu haben – nach militärischen Maßstäben, versteht sich:

© Mercedes-Benz 230 Cabriolet B; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Bevor wir auf die Situation kommen, in der dieses Foto einst entstand, ein paar Worte zu dem Mercedes, der auch in mattgrauer Heereslackierung noch Eleganz ausstrahlt.

Er lässt sich leicht als Typ 230 Cabriolet B mit zwei Türen und vier versenkbaren Fesntern identifizieren. Die offenen Versionen auf langem Radstand galten zurecht schon damals als gelungenste Ausführung des von 1936 bis 1941 gebauten Wagens.

Die Stoßstangen mit Hörnern und die massiven Halterungen der Frontscheinwerfer verweisen auf eine Entstehung ab Ende 1937.

Technisch basierte der 230er auf dem Modell 200, dessen 40-PS-Sechszylinder sich als unzureichend erwiesen hatte. Speziell die fast 1,5 Tonnen wiegende Limousine mit langem Radstand schaffte kaum mehr als 90km/h.

Mit nunmehr 55 Pferden war der Mercedes 230 nach wie vor kein Sportler, doch ein Dauertempo von über 100 war immerhin möglich. Kein Wunder, dass das Modell mit über 20.000 gebauten Exemplaren deutlich erfolgreicher als der 200er wurde.

Hier kann man noch einmal die Linien des Cabriolets genießen, die kaum unter der feldmäßigen Aufmachung und harten Einsatzbedingungen gelitten haben:

Nun aber zur Aufnahmesituation, die sich erstaunlich gut rekonstruieren lässt. Der junge Mannschaftsdienstgrad ist gerade mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet worden. Nur am Tag der Verleihung durfte diese Tapferkeitsauszeichnung wie auf dem Foto am Band getragen werden.

Wer nun meint, das müsse ein Soldat einer Kampfeinheit gewesen sein, irrt. Denn das taktische Zeichen auf dem in Fahrtrichtung linken Kotflügel verrät eindeutig, dass der Wagen zu einer Nachrichteneinheit gehörte.

Die genaue Bezeichnung ist der Abkürzung unter dem taktischen Kennzeichen zu entnehmen: Es war die 1. Kompanie des Führungs-Nachrichten-Regiments 40, einer dem Oberkommando des Heeres (OKH) unterstellten Verbindungseinheit.

Die dort eingesetzten Soldaten mussten unter oft haarsträubenden Umständen die Kommunikation zwischen den Armeekommandos an der Front und dem OKH sicherstellen. Diese „Strippenzieherei“ war nicht nur eine elementare, sondern auch gefährliche Angelegenheit im Wirkungsbereich gegnerischen Feuers.

Unser junger Soldat scheint sich dabei besonders hervorgetan zu haben, was ihm das Eiserne Kreuz und dieses Foto neben seinem Kompaniechef in dessen Mercedes 230 Cabriolet eintrug.

Das noch zivile Nummernschild des Mercedes (Zulassung: Provinz Schlesien) lässt vermuten, dass die Aufnahme in der Anfangsphase des Kriegs entstand. Aus dieser Zeit ist sogar der Name des Vorgesetzten auf dem Foto bekannt.

So wurde die 1. Kompanie des Führungs-Nachrichten-Regiments 40 bis April 1940 von einem Hauptmann Krueger geführt, danach von einem Hauptmann Hartmann. Solche Detailinformationen erhält man von Experten, die sich aus historischem Interesse mit der Geschichte der Wehrmacht befassen.

So sind wir in der Lage, auf dieser Aufnahme mehr als nur einen Mercedes irgendwo im Krieg zu sehen. Wir erfahren etwas davon, was den meist ohne ihr eigenes Zutun in das Geschehen hineingezogenen Soldaten wichtig war: sich zu bewähren und Anerkennung zu erfahren – leider für die falsche Sache, wie wir heute wissen…

Novemberausflug im Horch 350 Sedan-Cabriolet

Der November des Jahres 2016 neigt sich seinem Ende zu und zeigt sich – zumindest was die Temperaturen angeht – winterlich. In diesen Tagen fegt der Wind die letzten Blätter von den Bäumen – die Natur präsentiert sich leblos und kalt.

Eine ganz ähnliche Situation sehen wir auf folgendem Foto: kahle Bäume, kaltes Licht – aber auch einige Optimisten, die im Cabriolet unterwegs sind:

© Horch 8, Typ 350, Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Dass dies nicht ein x-beliebiger Tourenwagen ist, dessen Besitzer sich bloß keinen geschlossenen Aufbau leisten konnten, verrät schon der großzügige Umgang mit Chrom an den gewaltigen Scheinwerfern und den Radkappen.

Selbst ohne Ausschnittsvergrößerung erkennt man auf der Radkappe vorne links ein „H“, was auf die sächsische Luxuswagenschmiede Horch verweist. Ab 1928 tauchte dieses Detail an den modernen Achtzylindertypen der Marke auf.

Auch die Kühlerfigur – ein geflügelter Pfeil auf nach vorn geneigter Stütze – wurde in dieser Zeit erstmals montiert. Damit kommen die kurzzeitig parallel produzierten Typen Horch 305 (1927-28) und 350 (1928-32) in Frage.

Was zu beiden Typen nicht passt, sind die Positionsleuchten auf den Vorderschutzblechen. Sie sollten ausweislich der Literatur (Kirchberg/Pönisch:  Horch – Typen, Technik, Modelle, 2011) erst beim Nachfolgetyp 375 dort sitzen. Dieser verfügte jedoch über eine dreigeteilte Stoßstange und andere Luftschlitze.

Vermutlich scheinen manche Details je nach Karosserieausführung unterschiedlich ausgefallen zu sein, was übrigens die Abbildungen im genannten Buch selbst belegen.

Eigentümlich ist auch der viertürige Cabriolet-Aufbau. Diese Ausführung wurde seinerzeit als Sedan-Cabriolet bezeichnet und scheint von Firmen wie Baur, Gläser und Kellner für die Modelle Horch 305 und 350 angeboten worden zu sein.

Doch wer genau hat diese opulente Karosserie einst geschaffen? Die Literatur liefert bislang jedenfalls keine Entsprechung.

Vielleicht liefern die Trittschutzbleche am Schweller und die eigenwilligen Zierleisten an der Oberseite der Türen einen Hinweis auf den Hersteller.

Bis auf Weiteres gehen wir davon aus, dass die Basis für diesen mächtigen Wagen ein Horch des Typs 350 lieferte – einfach weil er weit länger als der 305 gebaut wurde.

Dass den Besitzern des Horch irgendwann doch kalt geworden sein muss, belegt folgende Aufnahme desselben Autos, die das Cabriolet geschlossen zeigt:

© Horch 8, Typ 350, Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Lesern dieses Oldtimerblogs sei versichert, dass es sich um denselben Horch handelt. Tatsächlich gibt es noch etliche weitere Aufnahmen dieses eindrucksvollen Achtzylinders, die den Wagen auf Fernreisen zeigen.

Doch diese Bilder müssen noch ein wenig warten. Jetzt folgen erst einmal der Jahreszeit gemäß vorzugsweise winterliche Fotos anderer Vorkriegsautos…

Vier Herren in Adventsstimmung: Peugeot 163

Selbst hartgesottene Verächter der Vorweihnachtszeit können es nicht beanstanden, wenn viele Zeitgenossen nun ihr Heim mit Tannenzweigen und -zapfen ausstaffieren – diese natürlichen Dekoartikel verschärfen wenigstens nicht das Müllproblem.

Was an modernen Autos unvorstellbar scheint, nämlich auch die Benzinkutsche mit allerlei Nadelbaumschmuck zu versehen, wirkt bei „richtig alten“ Wagen gar nicht so schlecht – hier der Beweis:

© Peugeot Typ 163; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zumindest auf diesem Waldweg wirkt der liebevoll geschmückte Tourenwagen stimmig. Das dachten sich wohl auch die vier Herren, sonst hätten sie sich wohl kaum in dieser Situation ablichten lassen.

Interessanter als der Tannenschmuck ist für uns freilich das Auto selbst. Auf den ersten Blick dürfte wohl kaum jemand im deutschen Sprachraum eine Idee haben, um was für ein Fabrikat es sich dabei handelt.

Das ist auch kein Wunder, denn dieses Fahrzeug wurde nur sehr selten in Deutschland verkauft. Schauen wir uns die Frontpartie näher an:

Der Schlüssel zur Identifikation der Marke ist wie so oft bei Autos der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg die Kühlerpartie. Wer genau hinsieht, erkennt auf der Kühlermaske oben schemenhaft ein auf der Unterseite abgerundetes Emblem.

In Kombination mit dem bogenförmigen Schwung des Kühlerausschnitts deutet dies auf Peugeot hin. Die Vermutung bestätigt sich beim Abgleich mit den ab 1919 gebauten Typen des französischen Traditionsherstellers.

Demnach handelt es sich bei dem Auto auf unserem Foto sehr wahrscheinlich um einen Peugeot 163, die erste Neukonstruktion der Marke nach dem Krieg.

Technisch war das Fahrzeug unspektakulär, aber auf der Höhe der Zeit. Sein Vierzylindermotor mit 1,4 (später 1,5) Liter Hubraum und 15 PS ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h.

Immerhin verfügte das Getriebe über vier Gänge und auf Wunsch waren Vierradbremsen erhältlich. Der Wagen auf dem Foto hatte jedoch nur Hinterradbremsen. Ebenfalls optional waren Stoßdämpfer.

Die elektrische Ausstattung umfasste einen Anlasser, womit das Ankurbeln des Motors entfiel. Damit war der Peugeot 163 in der Kleinwagenklasse bis 1924 recht erfolgreich: Fast 12.000 Exemplare wurden davon gebaut.

Viel mehr lässt sich zu dem Auto nicht sagen, Peugeot war damals noch weit davon enfernt, ein wirklich relevanter Massenhersteller zu sein.

Auch über den genauen Ort und Anlass des Fotos wissen wir nichts Näheres. Vermutlich wurde es in einer Grenzregion zu Frankreich aufgenommen, beispielsweise im Elsass, das Deutschland 1918 an den Nachbarn abtreten musste.

Die Kleidung der Herren lässt eine Entstehung um die Mitte der 1920er Jahre vermuten, der Peugeot war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ladenneu.

Jedenfalls haben wir es hier mit echten Charakterköpfen zu tun, die erkennbar nicht „von der Stange“ kauften. Mit dem kleinen Peugeot gehörten sie damals zu einer hauchdünnen Schicht, die sich in Europa ein Auto leisten konnte.

Dass sie das Fahrzeug solchermaßen schmückten, aus welchem Grund auch immer, und sich davor fotografieren ließen, verrät viel über den einstigen Stellenwert eines Automobils. Die meisten Landsleute mussten sich damals auch zur Vorweihnachtszeit mit den Tannenzweigen- und -zapfen begnügen…

Magischer Klang: 6-Zylinder von Delaunay-Belleville

Doppelnamen sind nicht immer eine glückliche Kombination. Ein abschreckendes Beispiel ist Kramp-Karrenbauer Daimler-Chrysler. Über den Umweg über einen US-Massenhersteller entsorgte man einst die altehrwürdige Marke „Daimler-Benz“.

Heute heißt der Produzent der Autos mit dem Stern auf der Haube nur noch Daimler. Dabei ist ein Daimler unter Kennern historischer Automobile etwas vollkommen Eigenständiges – ebenso ein Benz.

Geschichtsvergessene Entscheider haben hier ganze Arbeit geleistet. Dennoch genießt „Daimler-Benz“ weltweit immer noch einen Ruf wie Donnerhall und es ist zu hoffen, dass die Firma in ihrem Markenauftritt zu ihren Ursprüngen zurückkehrt.

Heute geht es aber um ein ganz anderes Unternehmen, das mit Daimler-Benz nur die Anfangsbuchstaben gemeinsam hatte: Delaunay-Belleville aus Frankreich.

Unter den über 1.000 Automarken, die es einst in Frankreich gab, war Delaunay-Belleville vor dem 1. Weltkrieg das, was Rolls-Royce in Großbritannien darstellte – ein Hersteller von Autos der absoluten Luxusklasse.

Das folgende, über 100 Jahre alte Originalfoto zeigt eine solche Rarität:

© Delaunay-Belleville HB6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Auto aus dieser Perspektive zu identifizieren, bedarf einiger Anstrengungen. Denn leider ist die Kühlerpartie nicht zu sehen, die bis in die 1920er Jahre meist den einzigen markentypischen Teil an Automobilen darstellte.

Es kommen zwar einige deutsche Hersteller in Frage, die einst Wagen mit ähnlich eigenwilliger Frontpartie bauten. So gab es von Brennabor und Komnick um 1910 Autos, bei denen ebenfalls die Motorhaube stumpf auf eine ansteigende Schottpartie stieß, in der der Benzintank untergebracht war.

Doch im Detail stimmt keines der zeitgenössischen deutschen Autos mit dem abgebildeten Fahrzeug überein:

Allerdings kam dem Verfasser von Anfang einiges an dem Wagen „spanisch“, um nicht zu sagen: „französisch“ vor. Dieses Bauchgefühl bestätigte sich nach einer Umfrage auf der Netzpräsenz von Prewarcar, der Hauptanlaufstelle von Vorkriegsautofreunden auf der ganzen Welt.

Unabhängig voneinander sprachen mehrere Kenner den Wagen als einen Delaunay-Belleville der Vorkriegszeit an, womit hier die Zeit vor 1914 gemeint ist. Altautofreunde hierzulande wissen vielleicht, dass unter dieser Marke Wagen der raren „Rundkühler“-Spezies gebaut wurden.

Im Fall von Delaunay-Belleville war der Rundkühler kein modisches Element, sondern erinnert an die Vorgeschichte der Firma, die seit 1850 Kessel für Dampschiffe baute. Im deutschen, englischen und französischen Wikipedia-Eintrag liest man im Detail Unterschiedliches zur Entstehung von Delaunay-Belleville…

Einigkeit besteht dahingehend, dass ab 1904 unter diesem Namen in St. Denis im Norden von Paris Automobile höchster Qualität gebaut wurden.

Immer wieder hervorgehoben wurden der weiche Gang der 6-Zylindermotoren und die hervorragenden Bremsen. Einige Quellen nennen auch enorme Laufleistungen der Motoren von 200.000 km.

Man glaubt das gern, wenn man erfährt, dass der Delaunay-Belleville auf unserem Foto einst einen 5 Liter-Motor aufwies, der 30 PS lässig aus dem Ärmel schüttelte.

Wer darüber lächelt, hat keine Vorstellung von der besonderen Charakteristik solcher Motoren. Sie ermöglichten es – vom Start abgesehen – fast ohne Schaltaufwand gefahren zu werden und wiesen eine hervorragende Steigfähigkeit auf, was überhaupt erst Fernreisen über Alpen und Pyrenäen ermöglichte.

Dass heute jeder Kleinwagen über 200 km/h erreichen kann, ist dagegen von eher theoretischem Wert. Im Alltag nerven diese kleinvolumigen Gefährte durch Mangel an Elastizität und wollen bei Steigungen ständig geschaltet werden.

Solche Zumutungen wären vor 100 Jahren für Besitzer eines Delaunay-Belleville indiskutabel gewesen. Ein Automobil der Luxusklasse hatte anstrengungslos zu gleiten. Dieser Auffassung waren gewiss auch die beiden Damen in unserem Delaunay-Belleville:

„Wissen Sie, Monsieur, ich fahre eigentlich immer nur im 2. Gang an und lege dann bei Tempo 20 beherzt den dritten ein. Das kracht meist ganz gewaltig, aber für den Rest der Reise ist dann Ruhe…“

Mit dieser Technik war den frühen Wagen von Delaunay-Belleville an sich ein langes Leben beschieden. Doch die Marke selbst hatte wenig Glück. Nach dem 1. Weltkrieg fand man infolge des Weggangs des Konstrukteurs nicht mehr zur alten Form zurück.

Zwar wurden noch bis in die späten 1940er Jahre Autos unter dem klangvollen Namen Delaunay-Belleville gebaut. An die einstigen Qualitäten kam man aber nie mehr heran.

Ich bin (k)ein Berliner: Auburn 6 der 1920er

Betreibt man einen Oldtimerblog, der sich auf Vorkriegsautos beschränkt, hat man hierzulande ein Nischenpublikum.

Englischsprachige Kollegen haben es einfacher: Sie haben eine globale Reichweite und erreichen gezielt die Länder, in denen die Vorkriegsszene weiterhin gedeiht.

Daher ist man im deutschen Sprachraum gut beraten, sich nicht auf eine Marke oder Hersteller aus einer bestimmten Region zu beschränken, sondern sich mit der ganzen Bandbreite an Vorkriegsmobilität zu befassen.

Tut man das ohne persönliche Vorlieben anhand historischer Originalfotos, die meist für kleines Geld zu bekommen sind, entdeckt man fast täglich Überraschendes:

© Auburn Six; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine schöne, detailreiche Aufnahme, die an einem grauen Tag im Spätherbst entstand. Der Wagen wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – so sahen in den frühen 1920er Jahren die Tourenwagen vieler Marken aus. 

Schauen wir, ob sich mehr über das Auto herausfinden lässt. Meistens liefert ein Blick auf die Kühlerpartie die verlässlichsten Informationen, denn der rückwärtige Aufbau war selten markenspezifisch:

Auch wenn man den Markennamen auf dem Kühleremblem nicht lesen kann, gibt uns diese Ansicht einen Hinweis, in welcher Richtung man weiterforschen muss.

Die Doppelstoßstange verriet in den frühen 1920er Jahren, dass man es mit einem amerikanischen Auto zu tun hatte. Speziell in Deutschland sollte es eine ganze Weile dauern, bis die Hersteller überhaupt serienmäßig Stoßstangen anboten.

Geht man nun die Liste der US-Automarken durch, landet man nicht bei einem der großen Namen, sondern bei Auburn aus dem gleichnamigen Ort im Bundesstaat Indiana. Das ist wirklich eine Überraschung, denn das Foto entstand einst in Berlin!

Dass führende US-Autoproduzenten wie Buick, Chevrolet und Ford in den 1920er Jahren ihre Fahrzeuge in großer Zahl nach Deutschland exportierten und dort auch fertigten, ist kein Geheimnis. Ein Wagen der weniger erfolgreichen Marke Auburn in Deutschland wirft dagegen Fragen auf:

Hat diese Firma ebenfalls systematisch den deutschen Markt beliefert, der in den 1920er Jahren unter der Rückständigkeit der einheimischen Hersteller litt? Hat Auburn vielleicht sogar eine Produktion in Berlin unterhalten, wie das etwa bei Overland der Fall war?

Das ließ sich bisher nicht klären. Herausfinden konnte der Verfasser aber, um was für ein Modell es sich bei dem Auburn handelt. Dabei half der Blick in den offenen Motorraum:

Wer meint, hier fehle der Zylinderkopf, irrt. Zu sehen ist ein konventioneller Seitenventiler, der deutlich flacher ausfällt als ein Aggregat mit im Kopf montierten Ventilen. Die Länge des Motors lässt einen 6-Zylinder vermuten.

Tatsächlich verbaute Auburn 1923/24 im Model „Six“ einen solchen Motor, der von Continental zugekauft wurde. 50 PS Leistung waren damals ein Wort; deutsche Tourenwagen boten meist nur 25 bis 30 PS – obendrein bloß aus vier Zylindern.

Doch nicht nur die höhere Leistung machte die preisgünstigen US-Wagen seinerzeit hierzulande so beliebt. Auch Ausstattungsdetails wie serienmäßige Heizung wie im Fall des Auburn Six überzeugten.

Wer das hier gezeigte Foto näher betrachtet, gewinnt jedoch den Eindruck, dass es den beiden stolz vor dem Auburn posierenden Herren nicht um die Heizung ging.

Hier scheinen sich zwei Freunde schlicht einen günstigen Amischlitten zugelegt zu haben und genießen nun ihr Besitzerglück:

Vor dem Fahrvergnügen ist zwar noch etwas Schrauberei angesagt, aber das scheint die beiden nicht zu stören….

Das vorn am Boden liegende Abschleppseil ist in Kombination mit der demontierten Motorhaube vielsagend. Wahrscheinlich haben die zwei den Wagen defekt für kleines Geld gekauft und mit einem anderen Auto nach Hause geschleift.

Dass der Auburn zum Zeitpunkt, an dem er von unseren beiden Altautofreunden an Land „gezogen“ wurde, nicht mehr ganz taufrisch war, verrät der deformierte und übel zurechtgespachtelte Vorderkotflügel.

Sollten unsere zwei Berliner Auburn-Käufer am Ende frühe Opfer des Oldtimer-Bazillus gewesen sein?

Man wünscht sich jedenfalls, dass sie den Wagen wieder in Gang gebracht und damit eine Weile Freude und Glück bei den Frauen hatten – denn diese wollen gar „kein Auto funkelnd und schick“, wie einst diese Dame verriet…

© Videoquelle: Youtube; hochgeladen von: atqui; Copyright: unklar

Nebenbei: der heiße Steptanz (ab 2:10 min) in diesem Film wurde 1939 aufgeführt. Man ahnt, was hierzulande auch ohne amerikanische Nachhilfe möglich war, doch leider kam etwas dazwischen…

In deutschem „Fronteinsatz“: Austin 8AP Tourer

Dieser Oldtimerblog ist Vorkriegsautos aus aller Herren Länder gewidmet, vom Kleinwagen bis zur Luxuskalesche.

Da die Fahrzeuge anhand alter Originalotos besprochen werden, ergibt sich ein Schwerpunkt auf Marken, die in Europa verbreitet waren. US-Wagen sind also weniger vertreten.

Geht man unvoreingenommen an das Angebot an alten Aufnahmen heran, macht man auch Funde in einer besonderen Kategorie – im Krieg beim Gegner erbeutete Wagen.

Das Kriegsgeschehen brachte es mit sich, dass auch auf dem Kontinent zuvor nicht verkaufte Typen auftauchen. Dieser Jaguar Mk IV 1.5 Litre beispielsweise diente bei einer deutschen Marineeinheit an der französischen Atlantikküste:

© Jaguar Mk IV 1.5 litre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Buchstabenkombination „WM“ auf dem Kennzeichen steht für „Wehrmacht Marine“ und die folgende Zahl gehört zum Nummernkreis des „Kommandierenden Admirals Frankreich“.

Solche Beute ging der deutschen Wehrmacht im Sommer 1940 ins Netz, nachdem sie innerhalb weniger Wochen die französische Armee und das britische Expeditionskorps geschlagen hatte.

Während die Briten einen Großteil ihrer Truppen in einer gewaltigen Anstrengung zurück über den Kanal bringen konnten, mussten sie praktisch alle schweren Waffen und Fahrzeuge in Dünkirchen am Strand zurücklassen. 

Die deutschen Truppen gliederten damals tausende von Autos französischer, englischer und amerikanischer Hersteller in ihren Bestand ein.

Viele davon haben lange durchgehalten, denn auf US-Filmaufnahmen von Wehrmachtseinheiten, die sich nach der Kapitulation im Mai 1945 aus der Tschechoslowakei zurückzogen, sind zwischen Militärlastern, Halbkettenfahrzeugen und Kübelwagen immer wieder PKW ausländischer Marken zu sehen (ab etwa 1:00 min, auch sonst sehenswert).

© Videoquelle: Youtube; hochgeladen von: Petr Warry, Copyright: unsicher

Im Kriegsverlauf landeten solche Beutefahrzeuge in den unmöglichsten Regionen – in den wegelosen Weiten Russlands, in der Glut der nordafrikanischen Wüste oder hoch oben in den italienischen Apenninen.

Doch einige scheinen ein gemächliches Dasein fernab des Kriegsgeschehens geführt zu haben. Einen „Front“einsatz ganz eigener Art erlebte offenbar das Gefährt auf der folgenden Aufnahme:

Der Architektur nach zu urteilen, ist diese Aufnahme in Nordfrankreich oder Belgien an einer repräsentativen Strandpromenade entstanden.  Für den Einsatz an der „seafront“ war der kleine englische Wagen im Vordergrund ideal, während sein militärischer Wert eher gering war.

Es handelt sich um einen Austin 8AP Tourer, die offene Version des 1939 als Nachfolger des legendären „Seven“ vorgestellten Kleinwagens. Diese Variante wurde bis Mitte 1940 in über 9.000 Exemplaren für die britische Armee gefertigt.

Zivile Ausführungen davon hat es kriegsbedingt kaum gegeben. Die Militärversion wies nur geringe Unterschiede auf. Typisch sind die beiden schrägen Luftschlitze in der Motorhaube, die man auf folgender Ausschnittsvergrößerung sieht:

Was man auf dem Foto weniger gut erkennt, ist das Fehlen von Rücksitzen, ein weitere Unterschied zur Zivilversion. Beibehalten wurde der 0,9 Liter Vierzylinder mit 24 PS, bei einem Gewicht von weniger als 800 kg ausreichend.

Dieses kleine Vehikel war nur als Kurierfahrzeug hinter der Front gedacht. Dennoch gibt es erstaunlich viele Aufnahmen erbeuteter Austin 8AP im Einsatz bei der Wehrmacht noch in späteren Jahren.

Das Fahrzeug auf unserem Foto dagegen hatte es nach Übernahme in den Wehrmachtsfuhrpark wohl leichter. Es scheint vor einem deutschen Schwesternheim oder eventuell einer Erholungseinrichtung für Verwundete zu stehen.

Kurios ist das am Gebäude angebrachte Schild mit der Aufschrift „Ferien vom Du“. War das Ironie, eine Anspielung auf die legendären „Ferien vom Ich“? Vielleicht hat jemand eine zündende Idee dazu.

Was aus dem kleinen Austin 8AP Tourer nach der alliierten Invasion 1944 in Frankreich wurde, wissen wir nicht. Vermutlich ist er dort noch einmal zum Einsatz gekommen, dann weniger als „Front“-  denn als Fluchtfahrzeug.

Heute gilt die Militärversion des Austin 8AP in Großbritannien als Rarität. Die meisten davon müssen 1940 der Wehrmacht in die Hände gefallen und in den folgenden Jahren verheizt worden sein…

Größe ist relativ: Zweimal Adler Standard 6

Auf diesem Oldtimerblog gehört die Bildergalerie, die der einstigen Frankfurter Qualitätsmarke „Adler“ gewidmet ist, zu den am häufigsten besuchten Rubriken.

Dazu trägt nicht nur ein befreundeter Adler-Enthusiast bei, der Gleichgesinnte in der Republik informiert, wenn wieder mal ein „neues“ altes Originalfoto vorgestellt wird.

Auch die internationale Adler-Veteranenszene weiß inzwischen, dass hier eine außerordentliche Sammlung an Fahrzeugfotos speziell aus der Frühzeit der Marke zu bestaunen ist. Die längst verblichene Marke interessiert Freunde von Vorkriegsautos aus Australien, Russland, Skandinavien, England und den USA.

Neben den kaum dokumentierten Adler-Spitzkühlermodellen der Zeit kurz vor und nach dem 1. Weltkrieg werden hier natürlich auch die bekannten Typen der späten 1920er und 1930er Jahre gewürdigt.

Heute ist mal wieder der Adler Standard 6 an der Reihe, der von 1927 bis 1934 als 10/45 PS- bzw. 12/50 PS-Modell gebaut wurde. Technisch war er zwar konventionell, doch machte er mit seiner amerikanisch inspirierten Erscheinung mächtig Eindruck.

Dass Größe relativ sein kann, zeigen die beiden Fotos, die wir heute vorstellen. Nr. 1 zeigt einen Adler Standard 6 vor dem traditionsreichen Hotel Krone in Assmannshausen am Mittelrhein:

© Adler Standard 6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor der spektakulären Architektur kann man auch heute noch den Hut ziehen. Einen so mächtigen Baukörper gefällig und abwechslungsreich zu gestalten, das ist eine Kunst, die im Einerlei der Schuhkartonmoderne verloren gegangen ist.

Das fast vollkommen erhalten gebliebene Gebäude steht für die Fähigkeit der Architekten des 19. Jahrhunderts, auf das historisch gewachsene Umfeld Rücksicht zu nehmen und eine dauerhaft anziehende Form zu finden – eine von der Bauhausideologie komplett zerstörte Tradition.

Vor dem eindrucksvollen Bau wirkt sogar der großzügige Adler Standard 6 keineswegs protzig, beinahe bescheiden. Selbst in der Ausschnittsvergrößerung scheinen die Dimensionen nicht aus dem Rahmen zu fallen:

Das Einzige, was hier auffällt: Der Adler steht offenbar im Parkverbot! Also, gleich das Kennzeichen notieren und den Touristen aus Rheinhessen auf der Wache verpfeifen. „Der hat bestimmt einen Riesling zuviel intus, der Kapitalist!“

Nun, vermutlich hat man bei einem kurzen Fotohalt an der Rheinfront damals ein Auge zugedrückt. Im Übrigen sieht es dort heute noch fast genauso aus wie vor 80 Jahren, zum Glück.

Um nun den Adler Standard 6 wieder ins rechte Bild zu rücken, schauen wir uns Aufnahme Nr. 2 an, die eine spätere Ausführung des Wagens zeigt:

© Adler Standard 6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir die ab etwa 1930 gebaute Version mit senkrechten Luftschlitzen in der Motorhaube. Auch die sachlicher gehaltene Kühlermaske mit dem nach oben gewanderten Adler-Emblem unterscheidet den Wagen von frühen Ausführungen.

Es gibt aber noch ein Detail, das diesen Adler Standard 6 besonders macht:

Beim Blick durch die Frontscheibe sieht man nämlich ein Schild mit der Aufschrift „Frei“ – das Auto muss also ein Taxi sein.

Dem Kennzeichen nach zu urteilen, ließen sich mit diesem Wagen einst Leute im Rheinland ins Theater fahren oder von einer Gesellschaft heimbringen. Dabei bot der Adler im Fond reichlich Platz auch für ausladende Abendgarderobe.

Als Taxi kenntlich gemacht war der Wagen auch am Heck, und zwar in Form des umlaufenden Schwarzweißmusters.

Interessanterweise spiegelt sich in den Seitenscheiben das Heck eines weiteren Taxis und die Front eines anderen Wagens.

Unser Adler-Besitzer scheint mit sich und der Welt zufrieden zu sein, die Zigarre in der linken Hand lässt ein gutes Auskommen vermuten. Ihn bringt auch der vermutlich nagelneue Mercedes 170V hinter seinem Auto nicht aus der Fassung.

„Schauen Sie nur, werte Dame, was Ihnen mein Adler für generöse Platzverhältnisse bietet. Sie wollen sich doch nicht etwa bücken müssen, um im Mercedes der Konkurrenz Platz nehmen zu können.“

Und an den Herrn gerichtet: „Mercedes-Wagen werden überschätzt. Die haben bloß eine rasante Optik mit schrägem Kühler und niedrigem Dach. Machen Sie da mal die Haube auf, und was sieht man? Einen Vierzylinder, keine 40 PS! Auf meinen alten Adler-Sechszylinder mit 50 Pferden lasse ich nichts kommen…“

Tja, dennoch galt Mitte der 1930er Jahre ein Adler Standard 6 als überholt. Schneidige Karosserien waren trotz niedriger Geschwindigkeit im Alltag der letzte Schrei, da konnten die schlichten Formen der 1920er nicht mehr mithalten.

Zum Glück wussten doch einige Leute den Wert eines Adler zu schätzen und hoben einen auf. Heute ist ein Standard 6 eine Rarität, die jeden 170er Mercedes in den Schatten stellt. „Steigen Sie mal hinten ein, meine Dame, Sie bemerken gleich den Unterschied…“

Bilderbuch-Tourenwagen: Ein Dürkopp P8 A

Dieser Oldtimerblog stützt sich bei der Besprechung historischer Originalfotos von Vorkriegsautos auf ein ganzes Arsenal einschlägiger Bücher.

Von den brillianten Werken zu den vier einstigen Auto-Union-Marken abgesehen, spiegelt ein Großteil dieser Literatur aber noch den Kenntnisstand und Bildbestand der 1970/80er Jahre wider.

Es gibt immerhin einige Hoffnungsschimmer: Michael Schick wird 2017 sein vergriffenes Buch zur Edelmarke Steiger wieder auflegen – für den Verfasser in automobiler Hinsicht die Nachricht des Jahres. Dann gibt es da ein Werk zu AGA von Kai-Uwe Merz – mit dieser Marke werden wir uns auch noch beschäftigen.

Düster aus sieht es aber bei einst angesehenen deutschen Herstellern wie Brennabor, Dürkopp und Presto. Völlig ohne markenspezifische Literatur ist man auf die wenigen Fotos im „Oswald“ (Deutsche Autos von 1920-45) aus dem Jahr 1977 angewiesen.

Nehmen wir Dürkopp als Beispiel. Die Fotos im Fundus des Verfassers lassen sich den überlieferten Modellen teils nur mit erheblicher Unsicherheit zuordnen. Immerhin konnten hier mit einiger Sicherheit Wagen der Typen P8 und P 10 identifziert werden.

Heute wollen wir uns einen weiteren Dürkopp vornehmen und eine Hypothese zum mutmaßlichen Typ aufstellen. Weiterführende Hinweise sachkundiger Leser sind natürlich willkommen.

Im Hinblick auf das folgende Foto sind zwei Dinge sicher: Es handelt sich um einen Dürkopp-Tourenwagen der 1920er Jahre und es ist eine Bilderbuch-Aufnahme.

© Dürkopp P8 A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein Foto, an dem man sich kaum satt sehen kann. Ein großzügiger Tourenwagen mit Spitzkühler kontrastreich und gestochen scharf aufgenommen, dazu noch vier Insassen, die aufmerksam und freundlich in die Kamera schauen.

Der mutmaßliche Fahrer des Wagens, der diese Situation einst vor rund 90 Jahren für uns einfing, verstand nicht nur etwas von Autos. Hier beherrschte jemand auch den Umgang mit Tiefenschärfe, Licht und Schatten, was die Schwarzweißfotografie bis heute so faszinierend macht.

Genug des Lobes, schauen wir uns den Wagen systematisch an:

Der Spitzkühler entspricht dem von Benz nach dem 1. Weltkrieg verbauten Typ – wäre da nicht das „D“ in einem dreieckigen Emblem, das auf Dürkopp verweist.

Die Verchromung der Kühlermaske und der scharf geschnittene Bug sind Unterscheidungsmerkmale gegenüber dem hier bereits vorgestellten Dürkopp 8/24 PS Typ 8, wie er von 1919-24 gebaut wurde.

Auch die enger beieinanderliegenden Luftschlitze und die Chromeinfassung der Windschutzscheibe verweisen zumindest auf ein höherwertiges, eventuell weiterentwickeltes Modell.

Denkbar ist, dass wir es hier mit einem Dürkopp Typ P8 A zu tun haben, der bei sonst identischer 4-Zylinder-Motorisierung 32 PS aus 2,1 Liter leistete. Der Wagen wurde von 1924-27 gebaut und war etwas länger als der Vorgänger P8.

Leider sind die Reifendimensionen auf dem Foto nicht zu lesen, denn der Typ P8 wich auch hier vom Typ P8 ab, wenn man der Literatur Glauben schenken darf.

Ob sich die Identifikation des Typs bestätigt oder nicht, wird die Zeit zeigen. Im Unterschied zum gedruckten Buch hat ein Internetblog den Vorteil, dass neue Erkenntnisse sofort verarbeitet werden können.

Dürkopp-Freunde dürfen sich übrigens auf das Foto eines 6-Zylindertyps freuen, der hier demnächst präsentiert wird. Für heute lassen wir es dabei bewenden und schauen uns noch einmal die Insassen des eindrucksvollen Dürkopp-Tourenwagen an:

Man geht wohl nicht fehl, wenn man hier drei Generationen einer Familie sieht. Die Bekleidung ist zünftig – alle tragen Lederjacken oder -mäntel, teilweise mit Pelzkragen. Leder ist auch heute immer noch eine gute Wahl, wenn man guten Kälteschutz mit stilvollem, zu historischen Fahrzeugen passenden Auftritt anstrebt.

Das so freundlich und hoffnungsfroh in die Linse blickende kleine Mädchen auf dem Trittbrett erinnert daran, dass auch Kinder nicht unbedingt wie kunterbunte Knallbonbons gekleidet herumlaufen müssen.

Das Foto dürfte Ende der 1920er entstanden sein, also könnte die Kleine auf dem Trittbrett heute als alte Dame noch unter uns weilen. Der Dürkopp dagegen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit den Weg vielen alten Blechs gegangen, der hierzulande spätestens nach dem 2. Weltkrieg auf den Schrottplatz führte…

Hydraulikbremse und 6 Zylinder: Wanderer W11

Auch wenn im Fundus noch einige Fotoraritäten der Veröffentlichung auf diesem Oldtimerblog harren – unter anderem von Vorkriegsautos der Marken AGA, Brennabor, NAG, Presto und Stoewer – haben auch historische Aufnahmen konventionellerer Modelle ihre Qualitäten.

So hatten wir vor einiger Zeit eine Limousine des Typs Wanderer W11 vorgestellt (Bildbericht). Das Foto bezog seinen Reiz jedoch eher aus den vier hübschen Damen, die auf dem Trittbrett posierten, vom Auto selbst konnte man nicht viel sehen.

Wer damals Zweifel an der Identifikation des Wanderer hegte, bekommt heute ein perfektes Vergleichsexemplar präsentiert:

© Wanderer W11; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Privataufnahme kommt dem Ideal eines Autofotos sehr nahe: Wagen schräg im Bild platziert, ein gekonnt posierendes Fotomodell und beste Belichtung.

Zwar lässt die Schärfe im vorderen Bereich des Wagens etwas zu wünschen übrig; das kann allerdings Absicht sein. Für den Fotografen – und vermutlich Besitzer des Wanderer – war wohl die Dame auf dem Trittbrett das Hauptmotiv:

Wer sich von der charmanten Trittbrettfahrerin losreißen kann, wird bemerken, dass dies ein richtig großer Wagen ist – eine Sechsfenster-Limousine, die hinten einen Platz bot, von dem man heute selbst in Luxuswagen nur träumen kann.

Mit diesem Modell – dem Typ W11 – stellte die bis dato konservativ agierende Marke Wanderer 1928 ein Auto vor, mit der man der starken US-Konkurrenz etwas entgegensetzen konnte.

Der Wagen verfügte erstmals über einen 6-Zylindermotor, der aus 2,5 Liter Hubraum solide 50 PS leistete. Das Aggregat verfügte über im Zylinderkopf hängende Ventile, was den Gaswechsel erleichterte.

Hervorzuheben ist neben der 12-Volt-Elektrik die hydraulische Bremsanlage von ATE. Auch dieses Detail unterstreicht den Anspruch des Wanderer W11 als Qualitätswagen.

Zum Vergleich: Bei den 50 PS-Sechszylindern von Opel gab es Ende der 1920er Jahre nur seitlich stehende Ventile, 6-Volt-Elektrik und Seilzugbremsen. Nicht umsonst verspottete der Volksmund diese technisch primitiven Wagen als Bauern-Buick.

Wanderer dagegen gelang es auch, seinem neuen 6-Zylinder-Wagen ein repräsentatives Äußeres zu geben:

Die ersten, ab Oktober 1928 gebauten Exemplare des Wanderer W11 trugen noch einen schlichten Kühler nach Art des W10-Vierzylinders. Zum Jahresende führte man die üppig verchromte Kühlermaske mit von innen verstellbaren Lamellen ein, wie sie auf unserem Foto zu sehen sind.

Erstmals trug dieses Modell das geflügelte „W“, das der Vertriebsvorstand vorgeschlagen hatte. Heute braucht man für ein dermaßen aufmerksamkeitsstarkes Markenemblem eine externe Agentur, die sich das dann sehr gut bezahlen lässt…

Weitere typische Elemente sind die vollverchromten Scheinwerfer und die Doppelstoßstange. Wanderer-spezifisch sind außerdem die flachen Blinker auf den Schutzblechen.

Die Scheibenräder verraten, dass der Wagen auf dem Foto erst ab Frühjahr 1929 gebaut worden sein kann, vorher gab’s Speichenfelgen. In dieser Form wurde der Wanderer W11 bis Ende 1930 produziert.

Damit können wir das Baujahr des Wagens recht gut eingrenzen. Auch der Aufnahmezeitpunkt dürfte im Jahr 1929/30 gewesen sein. Die Kleidung unseres Fotomodells verweist nämlich noch auf die späten Zwanziger.

Übrigens gab es bei den gewohnt fabelhaften Classic Days auf Schloss Dyck 2016 genau solch einen Wanderer W11 zu bewundern. Der Wagen war dort verdientermaßen in bester Gesellschaft platziert, wie man bemerken wird:

© Wanderer W11 bei den Classic Days 2016 auf Schloss Dyck; Bildrechte: Michael Schlenger

Blick zurück: Hanomag Rekord einmal anders

Oje, nicht schon wieder Hanomag, mag jetzt mancher Leser dieses Oldtimerblogs denken.

Tja, die soliden Vorkriegsautos aus Hannover wurden aber nun einmal sehr geschätzt hierzulande – ungewöhnlich viele Originalfotos sprechen für sich. Dabei wurde der robuste Rekord von 1934-38 gerade einmal in 18.000 Exemplaren gebaut.

Doch kann man dem einstigen „Volumenmodell“ von Hanomag überhaupt neue Perspektiven abgewinnen? „Yes, we can“, um es in den Worten eines überschätzten US-Präsidenten zu sagen, der auch nur für ein fatales „Weiter so“ stand…

Zwar gibt es vor allem konventionelle Aufnahmen des Hanomag Rekord wie diese:

© Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer sich nicht gleich von der charmanten Insassin ablenken lässt, wird die typischen vier Luftklappen in der Motorhaube der Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd registrieren. Auf dem Kühlergitter ahnt man den schrägen „Rekord“-Schriftzug.

Auch das Adler Trumpf Cabriolet im Hintergrund ist keine Überraschung. Solche Fotos gibt es auch 80 Jahre nach ihrer Entstehung reichlich, was ihren Reiz nicht schmälert.

Doch Hand auf’s Herz: Wer weiß, wie die Heckpartie eines Hanomag Rekord aussah? Genau: So etwas ist wirklich selten. Dabei war der Hanomag Rekord auch von hinten sehr ansehnlich.

Um mehr zu erfahren, begeben wir uns 80 Jahre zurück – ins Jahr 1936. Damals entstand im waldreichen Spessart bei tiefstehender Sonne folgendes Foto:

© Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein stimmungsvolles Bild, das jemand mit Sinn für die malerische Situation gemacht hat. Man stelle sich dieselbe Aufnahme mit einem Nissan Qashkai oder Renault Koleos vor – und alles wäre im Eimer (die verunglückten Namen sagen alles)…

Vor 80 Jahren waren die meisten Autos noch so harmonisch gezeichnet, dass sie weder in der Altstadt oder in freier Natur ein Störfaktor waren. Selbst ein braver Hanomag Rekord mit Standardkarosserie machte von hinten „bella figura“.

Auf folgendem Bildausschnitt sieht man das besser:

Trotz des bei dieser Vergrößerung körnigen Bilds erkennt man feine Details: Das Faltdach ist zurückgerollt und hinten am Dach mit einem Band fixiert. Auf dem Nummernschild ist „IT 83173“ zu lesen – ein Wagen aus der einstigen Provinz Hessen-Nassau.

Nun mag jemand sagen: Schön, aber woher wissen wir, dass dies ein Hanomag Rekord ist? Immerhin findet man in der Literatur kein Vergleichsfoto dazu.

Das stimmt und genau das macht diese alte Aufnahme so reizvoll. Dass sie tatsächlich einen Hanomag Rekord in der Rückansicht zeigt, wissen wir indessen genau. Es gibt vom selben Auto nämlich ein weiteres Foto:

Dasselbe Nummernschild, dasselbe Auto mit Rolldach – der Kühler sagt alles über Hersteller und Modell. Nur Ort und Aufnahmezeitpunkt weichen ab. Dieser schöne Schnappschuss entstand an Pfingsten 1937.

Man kann sich natürlich auch heute einen Hanomag Rekord von hinten und vorn anschauen – und das auch noch in Farbe. Aber man muss erst mal einen finden. Auf diesem Blog gibt’s dagegen täglich solche feinen Sachen…

Vor 100 Jahren: Ein Benz mit Schnabelkühler

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos anhand alter Fotos, wie sie auf diesem Oldtimerblog betrieben wird, hat gegenüber anderen Hobbys mehrere Vorteile:

  • Es gibt keinen technischen Fortschritt, der einen von der eigentlichen Sache ablenkt – wie das z.B. bei Fotoamateuren der Fall ist.
  • Es gibt Material ohne Ende, das noch nicht aufgearbeitet ist – die Literatur zum Thema ist oft jahrzehntealt und lückenhaft.
  • Es gibt die Möglichkeit, Autos zu „besitzen,“ die man sich in echt schon deshalb nicht leisten könnte, weil sie nicht verfügbar sind.

Das Originalfoto, das wir uns heute vornehmen, ist ein gutes Beispiel dafür. Es war fast völlig verblasst und ließ sich trotz aller Technik nur in engen Grenzen verbessern. Wir müssen daher wie Archäologen mit dem wenigen arbeiten, das wir vorfinden.

Aber was wir haben, ist grandios und vielleicht einzigartig:

© Benz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Naja, könnte man sagen, irgendein alter Tourenwagen irgendwo vor 100 Jahren aufgenommen, viel erkennt man da nicht.

Doch die Situation ist nicht alltäglich: Das zerstörte Backsteingebäude links verweist auf eine Entstehung zu Kriegszeiten. Der Holzverschlag im Hintergrund wirkt improvisiert und ausgerechnet davor steht ein majestätischer Tourenwagen.

Dieses Foto entstand mitten im 1. Weltkrieg, wann und wo genau wissen wir nicht. Die sieben Männer auf der Aufnahme deckt schon lange der kühle Rasen. Doch das grandiose Automobil übt auch nach 100 Jahren seine Faszination aus.

Schauen wir genauer hin, denn es lässt sich mehr zu dem Wagen sagen:

Was neben dem eindrucksvollen Radstand auffällt, ist die Frontpartie mit der langen Motorhaube, den nach hinten versetzten Luftschlitzen und dem markanten Kühler.

Der Verfasser dieses Blogs hat einige Zeit damit zugebracht, diesem Gefährt auf die Schliche zu kommen. Zunächst schien es sich um ein Modell mit Spitzkühler zu handeln, doch so ausgeprägte „Nasen“ kamen erst nach dem 1. Weltkrieg auf. Ob Horch, Opel, Presto oder Stoewer – in Deutschland huldigte man ab 1918 dieser Mode.

Wenn man noch genauer hinschaut, erkennt man jedoch, dass es sich gar nicht um ein Spitzkühlermodell handelt, denn die vorkragende Kühlermaske endet im Nichts.

Wenn nicht alles täuscht, haben wir es hier mit einem der seltenen Vertreter des „Schnabelkühlers“ zu tun. Das bedeutet, dass der Wagen einen flachen Kühlergrill besaß, die Kühlermaske aber oben vorsprang – wie der Schnabel eines Raubvogels.

Ein Schnabelkühler so ausgeprägt wie auf unserem Foto findet sich in der Literatur nur bei einer deutschen Marke: Benz. Bei Hansa und Horch gab es zeitweise ebenfalls Modelle mit Schnabelkühler, doch keines kam so aggressiv daher.

Im Standardwerk „Deutsche Autos – 1885 bis 1920“ von Halwart Schrader findet sich auf Seite 63 solch ein Wagen, ein Benz 16/40 PS mit satten 4-Liter Hubraum von 1914. Kühlerpartie, Motorhaube und Speichenräder stimmen vollkommen überein.

Der übrige Aufbau ist für die Identifikation nicht wesentlich, da er vom Baujahr bzw. vom Lieferanten der Karosserie abhing. Doch die Gesamterscheinung „passt“. Möglicherweise können Leser dieses Blogs hierzu noch Erhellendes beitragen.

Übrigens muss es einst ein kalter Tag gewesen sein, als dieses Foto mitten im 1. Weltkrieg entstand:

Der Soldat im Vordergrund, den die Fahrerbrille als Chauffeur ausweist, hat sich einen gewaltigen Schal umgebunden. Der gehörte bestimmt nicht zur Winterausstattung bei der deutsch-österreichischen Armee und war stattdessen von einer liebevoll besorgten Person in der Heimat gestrickt worden…

Solche das einstige Leben widerspiegelnde Situationen kommen bei heutigen Präsentationen der überlebenden Veteranen-Fahrzeuge hierzulande oft zu kurz.

O.M. 469 Tourer: Raffinesse aus Brescia

Freunde von Opel-Vorkriegsautos werden vielleicht bemerkt haben, dass „ihre Marke“ auf diesem Oldtimerblog bislang nur sporadisch behandelt wurde.

Nicht dass es an schönen Originalfotos von Opels mangeln würde – im Fundus schlummert noch einiges. Aber es gibt so viele andere deutsche Marken, über die sich im Netz kaum etwas findet: Dürkopp, NAG, Protos usw.

Außerdem entpuppt sich mancher vermeintliche Opel als etwas ganz anderes.

Das folgende Foto sollte laut Verkäufer solch ein Produkt aus Rüsselsheim zeigen. Zu dieser Ansicht kam er sicher durch den Anfangsbuchstaben auf dem unvollständig abgebildeten Kühleremblem:

© O.M. 469 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Autohersteller aus Europa, deren Name mit „O“ beginnt, gab es ja nur wenige. Selbst unter den über 1.000 (!) einstigen Marken in Frankreich kamen dafür nur zehn in Frage – und die kennt wirklich keiner mehr. Also bleibt nur ein Opel!?

Der Verfasser hatte einen anderen Verdacht. Für einen Opel wirkt der Wagen – Marken-Enthusiasten mögen es verzeihen – zu raffiniert. Außerdem wurde hier bereits ein Wagen mit ganz ähnlicher Frontpartie behandelt.

Dabei handelt es sich um ein Auto mit eigenwilligem Aufbau der italienischen „Officine Mecchaniche“ – kurz „OM“ (Bildbericht). Zumindest Freunde der Mille Miglia werden mit dieser Marke etwas anfangen können.

Es war nämlich ein „O.M.“ Sportwagen, der bei der ersten Austragung des Rennens 1927 gewann. Bis heute dürfen daher Wagen der zufälligerweise aus Brescia stammenden Marke bei der Mille Miglia ebendort als erste starten!

Nun aber zu den Details des schönen O.M.-Tourenwagens auf unserem Foto:

Ins Auge fällt der Verlauf des unteren Windschutzscheibenrahmens. Er zeichnet die mehrfach „gebrochene“ Form der Motorhaube nach. Bei den zeitgenössischen Fiats der Typen 509 und 503 findet sich ein ähnliches Element, aber schlichter ausgeführt.

Auch der Kühler in Form einer antiken Tempelfassade ist beim O.M. weniger simpel als bei den sonst ebenfalls klassisch gestalteten Fiats (siehe Bildbericht).

Vom Kühler geht der Blick zu den Schutzblechen mit der scharf geschnittenen Sicke – ein stabilisierendes Element, das zugleich extravagant wirkt. Die Seitenpartie der Motorhaube entspricht derjenigen zeitgleicher Fiats. Das Drahtspeichenrad mit Zentralverschluss war dagegen bei den Turiner Großserienautos die Ausnahme.

Bei der Gelegenheit fällt auf, dass gar kein Reifen auf der Felge des Ersatzrads ist. Auch die Gesamtsituation ist rätselhaft. Wir liegen aber wohl kaum falsch, wenn wir den ernst schauenden Herrn am Volant im deutschsprachigen Raum verorten.

Könnte das Bild bei einem Importeur der hierzulande seltenen – aber von Kennern geschätzten – Marke aus Brescia entstanden sein? Vielleicht weiß ein Leser etwas darüber.

Wir können zumindest das Modell identifizieren: Es ist ein O.M. 469, der von 1921 bis 1934 gebaut wurde. Ausgestattet war er mit einem Vierzylinder, der aus 1,5 bzw. später 1,7 Liter Hubraum rund 30 bzw. 40 PS schöpfte.

Das klingt aus heutiger Sicht unspektakulär. Doch ein Vergleich mit den Leistungsdaten deutscher Serientourenwagen der 1920er Jahre lässt den O.M. in anderem Licht erscheinen: Weder Adler oder Opel noch NAG oder Presto quetschten aus so wenig Hubraum soviel standfeste Leistung.

Wie bei Fiat auch zeichnete sich bei O.M. früh eine Spezialisierung auf drehzahlfeste kleine Motoren in Verbindung mit geringem Gewicht ab. So konnte der Siegerwagen bei der 1927er Mille Miglia – ein O.M. 665 „Superba“ mit weniger als 2 Liter Hubraum – nach 21 Stunden Dauervollgas buchstäblich das Rennen machen…

Ein Mercedes 200 Sport Roadster auf Abwegen

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos anhand historischer Fotos, wie sie auf diesem Oldtimerblog betrieben wird, fördert immer wieder Überraschendes zutage. Die Literatur und die überlebenden Fahrzeuge geben nur einen Ausschnitt dessen wieder, was einst unsere Straßen bevölkerte.

Ein augenfälliges Beispiel war die Aufnahme eines Roadsters aus den 1930er Jahren, der vermutlich auf dem Mercedes-Benz 200 (W21) basierte (Bildbericht). Deshalb „vermutlich“, weil in der dem Verfasser zugänglichen Literatur keine Abbildung genau dieser Ausführung entspricht.

Nur das folgende zeitgenössische Sammelbild zeigt präzise die Linien des Zweisitzers mit dem markanten Knick in der Seitenlinie:

© Mercedes-Benz Roadster; Zigarettenbild aus Sammlung Michael Schlenger

Leider hatte bislang kein Leser dieses Blogs eine Idee, was es mit dem Unikum auf sich haben könnte. Eigentlich verwunderlich, da schon zu weit weniger populären Marken wertvolle Hinweise aus der Leserschaft kamen.

Aber das Hobby bringt es mit sich, dass man Geduld haben muss. Und wie im richtigen Leben gilt auch bei der Jagd nach interessanten alten Autofotos die Devise: „Man begegnet sich immer zweimal.“

Erstaunlich schnell aufgetaucht ist nun ein zweites Foto, das denselben Mercedes-Typ mit Roadsteraufbau zeigt wie die erste Aufnahme und das Sammelbild.

Das erschließt sich aber erst auf den zweiten Blick:

Auf der Aufnahme fällt zuerst die Frontpartie ins Auge. Sie ist typisch für den ab Ende 1932 gebauten 200er Mercedes und den ähnlichen Vorgänger Mercedes 170. Letzter ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem späteren Vierzylindermodell 170V.

Die beiden Sechszylindertypen 170 und 200 hatten dasselbe Fahrwerk, das man hier besonders gut studieren kann. So sieht man zwischen den Querblattfedern die Achsschenkel, die eine unabhängige Aufhängung der Vorderräder bewirkten.

Folgt man nun mit dem Auge der seitlichen Zierleiste von der Kühlermaske nach hinten, bleibt der Blick an dem auffallenden Knick am Ende des Türausschnitts hängen, der so bei keiner Serienversion des Mercedes 200 zu finden ist.

Wir hatten im ersten Beitrag zu dem Modell bereits vermutet, dass dieser – auf der Rückseite des Sammelbilds als „Sport-Roadster“ bezeichnete – Wagen eine in kleinen Stückzahlen gebaute Sonderversion des Mercedes 200 für den Geländeeinsatz war.

Tatsächlich sehen die vorderen Rahmenausleger und die Schutzbleche schon recht ramponiert aus, und das Reifenprofil ist stark abgenutzt. Wer nun an eine der populären Geländefahrten vor dem 2. Weltkrieg denkt, liegt dennoch falsch.

Dieser Mercedes 200 Sport-Roadster war auf einer ganz anderen Mission unterwegs, für die er gar nicht vorgesehen war. Das sieht man aber erst, wenn man das ganze Foto betrachtet:

© Mercedes-Benz 200 Sport-Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Hintergrund sieht man zwischen Kiefern weitere Fahrzeuge. Rechts stehen einige große Benzin- und Ölbehälter. Neben dem Mercedes schrubbt ein Soldat mit Schiffchen auf dem Kopf und schweren Stiefeln an den Füßen an Werkzeug herum.

Wer’s nicht glaubt, kann sich auf dieser Ausschnittsvergrößerung selbst vergewissern:

Dass diese Aufnahme nicht bei einer Übung in Friedenszeiten entstand, verraten die „Kampfspuren“ am Mercedes und die Tarnüberzüge an den Scheinwerfern.

Der Kiefernwald, in dem die Fahrzeuge Deckung gesucht haben, deutet auf die Zeit des deutschen Feldzugs gegen Polen 1939 oder Russland 1941 hin.

Wie war ein Exotengefährt wie unser Mercedes 200 Sport-Roadster auf solche Abwege gekommen? Genau wissen wir das nicht. Aber bekanntlich hat die Wehrmacht ihren notorischen Mangel an PKW für Stabszwecke durch Beschlagnahmung der meisten privaten Autos zu stillen versucht.

Überliefert sind auch Fälle, in denen Fahrzeugbesitzer gemeinsam mit ihren Gefährten (Auto oder Motorrad) zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Wer an die Front musste -und das war nahezu die gesamte männliche Bevölkerung – hatte keine andere Wahl, was von heutigen „Schreibtischwiderständlern“ vergessen wird.

Die hochwertigen Wagen von Mercedes, Horch und Co. genossen besonderes Prestige und wurden von Offizieren gefahren. Für einfachere Dienstgrade blieben die zahlreichen Kübelwagentypen, womit man im Einsatz besser bedient war.

Wie weit mag der Mercedes 200 Sport-Roadster im 2. Weltkrieg wohl gekommen sein? Grundsätzlich standen die Chancen angesichts der materialmordenden Verhältnisse speziell an der Ostfront schlecht.

Mit hervorragendem Fahrwerk, robustem Kastenrahmen und niedrigem Gewicht könnte der Mercedes Roadster aber länger durchgehalten haben, als man denkt, wenn er nicht einem gegnerischen Flieger- oder Artillerieangriff zum Opfer fiel.

Sollte er irgendwo in den Weiten Russlands zurückgeblieben sein – vielleicht mit bei extremem Frost geborstenem Motor – musste selbst das noch nicht das Ende bedeuten. Nach Kriegsende lag das ganze Land voller Wracks, aus denen findige Einheimische die abenteuerlichsten Gefährte zusammenbastelten.

So mancher deutsche Luxuswagen aus einstigem Wehrmachtsbestand hat – oft mit einem Fremdmotor – auf irgendeinem Bauernhof bis in unsere Tage überlebt und steht heute restauriert in einstigem Glanz da, als hätte es keinen Krieg gegeben.

Sollte es am Ende auch noch ein Exemplar dieses schönen Mercedes 200 Sport-Roadster geben? Wer etwas in dieser Richtung beitragen möchte, kann dazu gern die Kommentarfunktion nutzen.

Lichtblick im Novembergrau: DKW F1 in Meißen

Der November macht auch 2016 seinem saumäßigen Ruf alle Ehre: Kalt und regnerisch ist es, die Tage werden kürzer und kürzer. Für Liebhaber des alten Blechs eine schwere Zeit – wenn man mal von den Briten absieht, die mit ihren Klassikern zu jeder Jahreszeit durchs Gelände toben:

© Videoquelle: YouTube

Den Schwarzsehern hierzulande sei diese kurze Filmsequenz ans Herz gelegt, die keine graumelierten Herren beim Speichenputzen und Nietenzählen zeigt. Denn in England hat die Vorkriegsszene jede Menge Zulauf von jungen Leuten.

Auch die holde Weiblichkeit hat dort kein Problem, sich mitten im November in einem ungeheizten Vauxhall richtig durchschütteln zu lassen. Aber die Engländerinnen sind auch aus einem speziellen Holz geschnitzt.

Anlass zu Depressionen gibt schon eher, dass im Heimatort des Verfassers junge Männer bei deutlichen Plusgraden bereits mit Skimützen und dicken Handschuhen herumlaufen und selbst dann noch verfroren wirken.

Erschwerend kommt hinzu, dass man auf der Straße nur noch langweiliges Gegenwartsblechplastik fahren sieht. Der obligate SUV-Stau vor der örtlichen Schule mag ja bei schönem Wetter noch erträglich sein, weil einem zum Ausgleich öfters im Alltag betriebene Fiat 500, BMW 02 und VW-Käfer begegnen.

Doch im November stehen die Chancen bei uns schlecht, überhaupt einen Klassiker auf der Straße zu Gesicht zu bekommen.

Vor 80 Jahren sah das ganz anders aus. Die heute oft zu Tode gepflegten Vehikel von einst mussten damals ganzjährig ihren Dienst verrichten. So auch dieser DKW F1, der an einem trüben Regentag in der Altstadt von Meißen unterwegs war:

© DKW F1 in Meißen, Mitte der 1930er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich haben im Westen der Republik schon mehr Leute einen DKW-Fronttriebler der 1930er Jahre gesehen als diese grandiose Stadtansicht.

Klar: Von einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern kurz vor der polnischen Grenze muss man ja auch nichts wissen. Umso ausführlicher wurde Insasse hessischer „weiterführender Schulen“ in den 1980er Jahren mit den vorbildlichen Verhältnissen unter totalitären Regimen auf Kuba und in Nicaragua vertraut gemacht…

Dabei ist Meißen eines der städtebaulichen Kleinode, an denen der Osten unseres Landes so reich ist. Die spektakulär über der Elbe gelegene Anlage mit Dom und Schloss sowie die angrenzende Altstadt lag wie Görlitz außerhalb der Reichweite der angloamerikanischen Bomberflotten und blieb so glücklicherweise erhalten.

Nach diesem Aufruf, zur Erbauung die Schönheit der östlichen Teile unseres Landes zu erkunden, kehren wir zum eigentlichen Objekt des Interesses zurück:

Wer nun diesen kleinen DKW mit gerade einmal 18 PS belächelt – der Zweisitzer hatte sogar nur 15 PS – muss sich in die Situation in Deutschland Anfang der 1930er Jahre versetzen.

Wirtschaftlich lag das Land am Boden. Weltwirtschaftkrise und die erdrosselnden Auflagen des Versailler Vertrags sorgten für Massenarbeitslosigkeit und Armut.

Bereits der Besitz eines motorgetriebenen Zweirads war ein Privileg. Wer ein Fahrrad besaß, konnte sich ebenfalls glücklich schätzen. Ansonsten gab es für den Weg zur Arbeit oder zur Schule nur die Möglichkeiten: Bus, (Straßen-)Bahn, zu Fuß.

Als DKW auf der Internationalen Automobilausstellung in Berlin 1931 den DKW F1 vorstellte, war das der günstigste Wagen, der dort zu sehen war. Für alle, die zuvor die zuverlässigen Zweitaktmotorräder von DKW gefahren waren, verhieß dieses Auto mit der vertrauten Technik den ersehnten Aufstieg.

Wer zuvor bei Wind und Wetter auf zwei Rädern unterwegs war, scherte sich nicht um den filigranen Aufbau aus Sperrholz und Kunstleder, der bei einem Unfall kaum Schutz bot. Entscheidend war das Dach über dem Kopf und das Prestige, endlich zu den Autofahrern zu gehören.

Denn der DKW F1 sah trotz bescheidener Dimensionen wie ein richtiges Auto aus. Die mäßig motorisierten Zweitaktwagen aus Zwickau wären wohl nicht so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht von Anbeginn so gefällig gestaltet gewesen wären.

Wer sich in die formalen Feinheiten der DKW-Vorkriegsautos vertiefen will, hat auf diesem Blog reichlich Gelegenheit dazu.

Beim Stöbern in der DKW-Bildergalerie, die alle PKW-Modelle bis zum 2. Weltkrieg zeigt, und in den Blogeinträgen zu DKW wird auch der graueste Novembertag in der Gegenwart zum Vergnügen…

Wer dann immer noch Lust auf altes Blech an einem Novembertag hat, sollte sich Zeit für folgende ausführlichere Exkursion nehmen. Man lernt dabei zu schätzen, dass die Briten sich einen Eigensinn bewahrt haben, der hierzulande als verdächtig gilt:

© Videoquelle: YouTube; Urheberrecht: Lookin Video Ltd.

Das Puppchen ist erwachsen: Wanderer 5/20 PS

Bei manchen Vorkriegsautos macht die Dokumentation in historischen Originalfotos auf diesem Oldtimerblog nur mühsam Fortschritte. Von manchen Exotenfahrzeugen der Zwischenkriegszeit findet man leichter Bilder als von der Marke Wanderer.

Dabei waren die Wagen der vierten im Jahr 1932 in der Auto-Union zusammengefassten sächsischen Marke schon in den 1920er Jahren recht populär. Den Beginn der Autoproduktion von Wanderer hatte 1913 der Kleinwagen 5/12 PS markiert, der vom Volksmund den Spitznamen „Puppchen“ erhielt.

Mehr zu diesem PKW-Erstling des Maschinenbaukonzerns aus Chemnitz-Schönau findet sich im Blogeintrag zum Wanderer W8 der frühen Nachkriegszeit.

Die Automobilentwicklung bei Wanderer wurde stets nur behutsam vorangetrieben. Jedenfalls steht die Marke für keine irgendwie geartete Innovation. Das mag erklären, weshalb sie weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Doch was Wanderer auf dem PKW-Sektor fabrizierte, war qualitativ stets über jeden Zweifel erhaben. Man fühlt sich an Hanomag erinnert, wo man bei der Autoproduktion ebenfalls dem Bewährten und Robusten den Vorzug gab.

Mitte der 1920er Jahre sah man auch bei Wanderer, dass man selbst im Kleinwagensegment mit den zuletzt verbauten 15 PS-Motoren nicht mehr konkurrenzfähig war. Während das „Puppchen“ anfänglich mit zwei Sitzplätzen auskam, waren inzwischen vier Sitze Standard und das bedeutete: mehr Gewicht.

Mehr Leistung war daher die Devise für die ab 1925 vorgestellte Ausführung des Wanderer W8, die wir hier sehen:

© Wanderer W8, Baujahr: 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Durch klassisches „Frisieren“ – also höhere Verdichtung und geänderten Vergaser – erreichte man bei unverändert 1,3 Liter Hubraum eine Leistung von 20 PS.

Die schon 1921 eingeführte Motorenkonstruktion mit hängenden Ventilen bedurfte keiner weiteren Anpassungen. Das Aggregat quittierte den leistungssteigernden Eingriff nicht nur mit einer auf 80 km/h erhöhten Spitzengeschwindigkeit, sondern auch mit einem Rückgang des Benzinverbrauchs von 9 auf 8 Liter.

Geschaltet wurde über ein 3-Gang-Getriebe und auch das Fahrwerk barg mit Starrachsen keine Überraschungen. Bis 1926 wurden standardmäßig Speichenräder verbaut, wie sie auf unserem Foto zu sehen sind.

Formal bot die 5/20 PS-Version des Wanderer W 8 allerdings einige Neuerungen:

Erstmals besaß die Kühlermaske einen glänzenden Nickelüberzug, außerdem machte sie nicht mehr einen so exaltierten Bogen um das Wanderer-Emblem herum. Leider kann man diese Partie auf dem obigen Ausschnitt nur erahnen.

Besser zu sehen sind die neun breiten Luftschlitze in der Motorhaube, die vom Vorgänger übernommen wurden. Neu war die fixe, nicht mehr umlegbare Windschutzscheibe, die zum erwachseneren Erscheinungsbild des Wagens beitrug.

Der außenliegende Handbremshebel erinnert allerdings noch an die bescheidenen Anfänge des „Puppchens“ als schmales Vehikel für zwei Personen. Mehr getan hatte sich bei der letzten Ausbaustufe des Modells im Heckbereich:

Deutlich zu erkennen ist das geräumige Gepäckabteil hinter der Rückbank, das von innen zugänglich war. Bei unverändertem Radstand erhöhte sich die Länge des späten Wanderer W8 hierdurch auf knapp 3,90 m.

Die beiden Reserveräder wurden kurzerhand an der Rückwand des Kofferraums befestigt, was den Wagen in der Seitenansicht etwas hecklastig wirken ließ.

Ab Mai 1926 erhielten die hier gut zu sehenden hinteren Trommelbremsen ein Pendant an der Vorderachse. Außerdem wurden zeitgleich Gußspeichenräder verbaut. Demnach muss der Wanderer W8 auf dem Foto vorher entstanden sein.

Den Besitzer unseres Wanderer macht dennoch einen zufriedenen Eindruck. Vermutlich war der kleine Qualitätswagen sein erstes Auto. Was das damals bedeutete, können wir heute nicht annähernd ermessen.

Übrigens verabschiedete sich Wanderer mit der letzten Ausbaustufe des „Puppchens“ aus dem Kleinwagensegment und baute fortan Mittelklasseautos. 1942 endete die Produktion ziviler Automobile bei Wanderer für immer.