Die Gesellschaft derer im deutschsprachigen Raum, die sich im Netz erkennbar systematisch und markenübergreifend für Vorkriegswagen interessieren, hat sich nach über 10 Jahren Bloggerei aus meiner Sicht als überschaubar erwiesen.
Die Besucher- und Zugriffszahlen sind nach anfänglichem Anstieg seit Jahren ziemlich stabil – das ist insofern positiv, als die „Community“ recht stabil zu sein scheint. Doch letztlich gehören wir wohl einer ziemlich exklusiven Gemeinde an.
Die Vorteile einer solchen geschlossenen Gesellschaft liegen unterdessen auf der Hand: Man kennt sich und tauscht sich aus – dabei verfestigt und weitert sich das Wissen, Einschätzungen bestätigen sich oder entwickeln sich weiter.
Aus meiner Sicht könnte das gern noch mehr Marken betreffen als bisher schon, doch in einigen Fällen sind die Gesellschaften noch hermetischer geschlossen als hier.
Gemessen an der minimalen Resonanz zu bedeutenden deutschen Vorkriegsmarken wie Adler, Hanomag, NAG, Presto und Protos stellt sich das Bild beispielsweise bei Apollo, Dixi, DKW, Horch und Stoewer ganz anders dar.
Besonders gut gefällt mir daneben, dass meine Arbeit in punkto österreichische Hersteller geschätzt und sachkundig kommentiert wird. Die in Deutschland fast vergessenen hochwertigen Autos aus der Alpenrepublik verdienen es, breit besprochen zu werden.
Speziell im Hinblick auf die Marke Steyr habe ich über die Jahre einiges gelernt, was sich weder in der Literatur findet noch sich ohne weiteres durch eigene Betrachtung erschließt.
So weiß ich nun, dass der ab 1920 gebaute 6-Zylindertyp Steyr-Typ II sich in der Seitenansicht vom sonst fast identischen Nachfolgemodell V dadurch unterscheiden lässt, dass sein Spitzkühler deutlich weiter nach vorne reicht:

In der Seitenansicht beginnt hier die Kühlerpartie auf Höhe der Scheinwerfer annähernd an der Mitte der Kotflügel und die Vorderkante des Kühlers reicht bis fast an das Ende der Kotflügel heran. Das war typisch für den Typ II.
Beim Nachfolgertyp V mit identischer Motorisierung war der Radstand deutlich länger und so rückte die Kühlerpartie optisch gesehen weiter nach hinten:
In der Frontansicht ist ein weiterer Unterschied zu erkennen, soweit es die Qualität der historischen Fotos erlaubt.
So wies der Steyr Typ II bei identischer Form des Kühlergehäuses ein wabenförmiges Gittter auf, während sich beim Typ V horizontale Lamellen finden, ergänzt um waagerecht durchlaufende Streifen.
Hier zur Illustration zunächst ein Tourer des Typs II – praktisch immer mit vertikal unterteilter Windschutzscheibe, wie mir aufgefallen ist:
Beim behutsam weiterentwickelten Typ V ab 1924 dagegen sind am Kühler klar horizontale Strukturen zu erkennen.
Diese Wagen besaßen in der offenen Ausführung zudem fast immer eine durchgehende Frontscheibe wie auch an diesem Exemplar:
Und da wir uns heute mehr denn je in einer geschlossenen Gesellschaft bewegen, schauen wir uns das nun auch am Beispiel der deutlich selteneren (weil viel teureren) Limousinen-Ausführungen an.
Da geschlossene Ausführungen beim Typ II praktisch kaum zu finden sind, jedenfalls auf den mir vorliegenden Fotos, halten wir uns damit nicht weiter auf und gehen gleich zum Typ V über, vom dem öfters Limousinen überliefert sind:
Auf dieser Aufnahme aus dem Fundus von Leser Matthias Schmidt (Dresden) erahnt man die horizontale Gliederung des Kühlernetzes, die sich nur am späteren Steyr Typ V fand.
Außerdem ist hier wieder gut nachzuvollziehen, dass der Kühler gegenüber dem Typ II optisch weiter nach hinten gerückt ist.
Besagte horizontale Struktur der Kühlerlamellen sehen wir deutlicher auf einem weiteren Foto, das mir Matthias Schmidt in digitaler Form zur Verfügung gestellt hat:
Interessant sind hier zudem die zahlreichen feinen Luftschlitze in der Motorhaube, die ich so noch an keinem Steyr dieses Typs gesehen habe. Vielleicht eine Anpassung an die Tendenzen der Zeit aus der Spätphase der Produktion anno 1925?
Dass wir es noch nicht mit dem Nachfolgetyp VII zu tun haben, verrät das Fehlen von Vorderradbremsen – auch diese Ausführung will ich bei Gelegenheit noch vorstellen.
Für heute schließen möchte ich mit einem Foto aus meiner eigenen Sammlung, das ich erst kürzlich erworben habe. Es ist technisch von sehr hoher Qualität und zeigt eine beeindruckend dimensionierte Limousine mitsamt Insassen:
Vorne ist ein Spitzkühler zu erahnen und ich dachte zunächst an einen Daimler oder Benz der frühen 1920er Jahre. Doch dann fiel mein Blick auf die hintere Radnabe, auf der in wünschenswerter Deutlichkeit „Steyr“ zu lesen ist.
Aufgrund der beachtlichen Größe des Wagens und des Fehlens von Vorderradbremsen bin ich geneigt, hier einen Steyr des Typs V von 1924/25 zu sehen.
Das Foto scheint an einer Art Kasematte entstanden zu sein – leider liefert das Foto auch umseitig keinen Hinweis auf die Örtlichkeit. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass wir es mit einem Steyr deutscher Besitzer zu tun haben.
Die verklemmten Blicke, das unelegante Unterhaken und der Umstand, dass die Herren überwiegend nicht wissen, wohin mit ihren Händen – das ist mir von Aufnahmen meiner Landsleute nur zu vertraut.
Diese Herrschaften (m/w/d) gehörten Mitte der 1920er Jahre mit ihrem repräsentativen und enorm teuren Steyr zu den oberen Hunderttausend in Deutschland – sie waren Teil einer geschlossenen Gesellschaft – doch wie so oft in diesen Kreisen wirken sie unentspannt, fast genervt von der Situation.
Ich habe ja so meine Theorien von den Neurosen der Teutonen, aber keine Sorge, die behalte ich heute für mich, so aktuell sie mir zu sein scheinen…
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